Unternehmensberater 2016

Die Nachteile von Spezialisierung





Im Haushaltsbereich

Avocadoschäler, Kümmelrieselhilfen aus Edelstahl, glutenfreie Gabeln für Stremellachs, zweigriffige Abschupper (Bio und Non-Bio) oder Mandarinen-Entkerner für Diabetiker mit Steinallergie sind längst auf dem Markt. Und die Besteckschubladen-Zulieferer? Noch längst nicht so weit! Alles quillt ständig und zuungunsten der Küchenharmonie über.

In der Landwirtschaft

Für jede Jahreszeit ein neues Agrarkonzept? Melkpläne als Hörbuch auf 180g-Vinyl? Apfelzüchtungen nur aus dem Original-Gen-Pool des Garten Eden? Klingt verrückt und ist es auch. Aber leider wahr und nur der EU-Krankheit Spezialisierung geschuldet.

In der Sprache

Irgendwann versteht der einfache Youtuber nicht mal mehr den Klappentext vom neuen Goethe. Zu wenig Worte, redundante Wiederholungen, ewig vom selben Ich – und alles auf abgeholztem Material Papier. Sicher auch nicht Sinn einer Menschen verbindenden Sache wie Sprache.

In der Medizin

Früher heilte man alles mit Petersilie, Geduld oder Aderlass. Heute gibt es an den Salatbars der Kantinen der medizinischen Hochleistungszentren ungeduldig auf glatte statt krause Petersilie wartende Doktoranden aus verarmtem Adel. Sinnfälliger kann man die Verirrung einer aufs Feinste spezialisierten Welt wohl kaum beschreiben.

Im Sport

Hallo? Die Nazis sind schuld am Niedergang der Multidisziplinen Fünf- und Zehnkampf, da „sie bei den Olympischen Spielen viele Medaillen gewinnen wollten, und das ging nicht ohne Spezialisierung“ (Wikipedia). Also.

In Sachen Mode

Mode für Mollige von Molligen. Mode für Gentlemen von Gentlemen. Designed by Designern for Designer. Der übel grassierende Trend „Mode für welche von den gleichen“ grenzt zu viele Menschen aus. Eine Spaltung der Gesellschaft droht. Und dann bricht die Erde durch.

Beim Sex

Okay, ist schon geil das neue Ding „Sex mit jahrelangem Partner nachts“. Aber wie oft passt das schon in unser aller Lebensentwürfe zwischen Outdoor-Arbeit, Geschlechter-Fracking und Schleimhaut-Piercing? Eher selten, seien wir ehrlich. Wirklich zu speziell.

Im Zeitschriftenbereich

Die Special-Interest-Magazine sind zu stark abhängig von ihren Werbekunden. Was, wenn die Industrien für wirbellose Aquarienbewohner, Tränensäcke im Alter, Abnehmen durch Schuhekaufen, Urban Picknicking, Rauchverzehrer-Lackierungen, Sexwippen-Kugellager, Rebstockwachsschulen in weinanbaunahen Gebieten und Marmor-Imitate für heterosexuelle Badezimmer wegbrechen – ja, was dann?

Bei Tieren

Gott hat gewollt, dass alle Tiere eine Chance haben. Auch dumme, mit breit gefächerten Vorlieben und leicht angreifbaren Interessen. Sonst hätte Er sie gar nicht gemacht. In Seinem Sinne ist der momentane Trend zur Spezialisierung, die zur Auslese vieler Spezies führt, also sicher nicht.

Gereon Klug arbeitet als Tourmanager, Plattenhändler und Werbetexter. Eine Sammlung seiner preisgekrönten Newsletter ist unter dem Titel „Low Fidelity“ auch als Buch erhältlich.