Auticon

Besondere Kompetenzen in einem Bereich gehen nicht selten mit Einschränkungen in anderen einher. Das gilt gerade für Menschen mit Asperger-Syndrom. Dirk Müller-Remus hat aus dem Handicap eine Stärke gemacht – und die IT-Unternehmensberatung Auticon gegründet.





Ich solle ihm nicht von mir aus die Hand reichen, hatte mich der Pressesprecher gewarnt. Viele Autisten hätten Schwierigkeiten mit körperlicher Nähe. Martin Drucks, 47 (siehe Foto vorige Seite), sitzt im Büro am Schreibtisch und zeigt sich zugewandt. Zwar hält er die Hände permanent unter der Tischplatte, aber die Augen hinter der runden Brille schauen nicht zur Seite oder auf den Boden. Auch lässt er ein Wechselspiel von Frage und Antwort zu. Schwere Autisten dagegen sagen entweder nichts oder gleich so viel, dass man nur schwer dazwischenkommt. Und sollte es gelingen, empfinden sie dies leicht als unangemessene Unterbrechung und reagieren mitunter recht unwirsch darauf.

Martin Drucks ist einer von geschätzt knapp 250 000 Menschen in Deutschland, die unter dem Asperger-Syndrom leiden, einer angeborenen Wahrnehmungs- und Informationsverarbeitungsstörung, die oft mit hoher Intelligenz und Spezialbegabungen einhergeht. Meist denkt er lange über eine Frage nach, manchmal wiederholt er einen Teil davon, als wolle er Zeit gewinnen, um die Dinge in seinem Kopf zu ordnen und zu sprechen, wie er es von sich selbst erwartet: „dokumentenreif“. Wie die meisten Autisten schreibt er lieber, als dass er spricht, weil sich dann nicht nur das Augenblickliche nach vorn schiebt und die Dinge, wie er findet, an Tiefe gewinnen. Hin und wieder, wenn er etwas sagt, von dem er weiß, dass sein Gegenüber es nicht erwartet (oder wenn er eine Frage für allzu klischeehaft hält) sieht es aus, als schmunzelte er – obwohl Ironie im Allgemeinen nicht die Sache von Autisten ist.

Auf die Frage, ob er in der Nähe wohne, antwortet Drucks: „Nachdem, was so alles möglich ist, kann man schon sagen: Ja.“ Ob er noch ein zweites Spezialinteresse hat? „Internet-Schach. Ist eigentlich wie Ballerspiele, nur denkt man noch dabei.“ Gibt es einen Punkt, von dem er glaubt, dass man ihn im Text unbedingt erwähnen sollte? „Also Nichtwissen ist natürlich auch Bestandteil des Lebens …“ Ein Vorurteil über Autisten, dem er entgegentreten möchte? „Also, Sie wissen es eigentlich schon, aber ich soll trotzdem sagen, es wäre wichtig, dass man das noch mal sagt?“ Wieder ein angedeutetes Schmunzeln.

Martin Drucks ist hochintelligent, überaus analytisch, konsequent logisch – und hat es trotzdem nie leicht gehabt. Auf einem C64 schrieb er seine ersten Programme. Lernte Datenverarbeitungskaufmann und studierte Informatik. Trotz guter Abschlüsse fand er lange keinen Job und musste sich sechs Jahre als Nachhilfelehrer für Mathematik und BWL durchschlagen. Schrieb zehn Bewerbungen im Monat und wurde auch eingeladen. Aber spätestens bei den Vorstellungs- gesprächen fiel er durchs Raster. Weil Personalchefs natürlich darauf achten, wie ein Mensch kommuniziert. Und er deren Erwartungen eben nie ganz erfüllte. „Man kann es vielleicht so erklären“, beginnt Drucks. „Es ist, wie wenn Sie einen Film im Fernsehen sehen oder gestreamt im Computer. Man kann so tun, als ob das ein richtiger Fernseher wäre, aber wenn ab und zu das Bild zuckt, sieht man im entscheidenden Moment eben doch, dass es nur eine Emulation ist. Dass es nicht das Eigentliche ist, das erwartet wird.“

Oft geht es dabei nur um Zehntelsekunden, Blickkontakte, die der andere anders kennt. Antworten, bei denen man zu schnell oder zu langsam spricht. Drucks kann sich nicht verkaufen. Weil er wie die meisten Autisten einen sehr hohen Maßstab an sich selbst anlegt („eigentlich müsste ich besser sein“) und deshalb eher behaupten wird, er könne dies oder jenes nicht so gut, auch wenn er es eigentlich beherrscht. Unsicher wird er, wenn es nicht um ein konkretes Thema geht. Wenn „irgendwelche Gespräche“ laufen, bei denen er nicht weiß, wie er sich am besten verhält. „Man weiß nicht, wann man was sagen soll und wann man dran ist. Und dann hat sich das Thema schon weitergedreht, und ich habe noch nicht dazu gesagt, was ich sagen wollte. Vielleicht kann ich es noch reinschmeißen, aber dann gucken alle ganz doof. Oder ich lasse es bleiben, und dann denken sie, gut, der sagt ja eh nichts. Anders getaktet würde man es beim Computer nennen.“

Reinfuchsen und perfekt sein wollen

Irgendwann, als Martin Drucks wieder einmal frustriert von den vielen Absagen war, googelte er eigentlich mehr zum Spaß die Begriffe „Job“ und „Asperger“, weil er dachte, vielleicht könne er seinen Leidensgenossen ja Nachhilfe geben. Aber dann entdeckte er jene Firma, die sein Leben verändern sollte: Auticon hatte gerade in Berlin eröffnet und kein Problem damit, dass er ein bisschen anders war. Die IT-Beratungsfirma interessierte sich stattdessen für seine Stärken: „Detailsachen, sich in was reinfuchsen, bis es halt klappt“, wie er selbst es formuliert. Ein Kunde wollte ihn einmal testen und hatte gezielt einige Fehler in einer Excel-Liste versteckt. „Ich habe dann etwas mehr gefunden, als er glaubte versteckt zu haben.“

Auticon-Gründer Dirk Müller-Remus, 58, spricht von der besonderen Fähigkeit zur Mustererkennung, die Autisten auszeichnet: „In der IT geht es um Quellcodes, die voll von Mustern stecken. Autisten können solche komplexen Systeme relativ schnell durchschauen. Sie müssen Fehler nicht suchen, sie sehen sie.“ Diese Fähigkeit in Kombination mit ihrem Qualitätsbewusstsein, einer besonderen Konzentrationsfähigkeit, Detailbesessenheit und absoluter Ehrlichkeit ergibt laut Müller-Remus „einen Typus Consultant, den es eigentlich nur bei uns gibt“.

Passendes Umfeld und klare Ansagen ohne emotionales Gedöns: Dann klappt’s in der Beratung auch mit Autisten richtig gut.

Müller-Remus sitzt im Auticon-Konferenzraum im fünften Stock eines Altbaus in der Charlottenburger Hardenbergstraße, die den Bahnhof Zoo mit dem Ernst-Reuter-Platz verbindet. Die Idee, eine IT-Firma zu gründen, die mit autistischen Beratern arbeitet, geht auf eines seiner vier Kinder zurück, das selbst autistisch ist. Zunächst hatte man bei seinem Sohn eine Hochbegabung festgestellt, oft verlaufen die Grenzen fließend. In der Schule flog ihm der Lehrstoff zu, zwar schaute das Kind viel aus dem Fenster, aber schon früh verfügte es über einen sehr erwachsenen Wortschatz. Mit nicht einmal zehn Jahren machte sich Ricardo philosophische Gedanken über die Welt. Aber immer offensichtlicher wurden auch seine Defizite im sozialen Miteinander. Er interessierte sich nicht für Sportvereine, hatte keine Freunde. Kontakte ja, aber dabei ging es nur um Themen. Persönliches konnte er nicht teilen.

Verstehen und verstanden werden

Einmal liegt seine Mutter mit Grippe auf dem Sofa, der Tisch übersät mit den Insignien der Krankheit: Taschentücher, Fieber- thermometer, Medikamente. Als Ricardo nach Hause kommt, bittet ihn die Mutter, mit dem Hund nach draußen zu gehen. Er antwortet mitleidslos: „Ich komme gerade von der Schule, und du liegst hier faul auf dem Sofa, also bitte, geh doch selbst.“ Eine kleine Szene, die viel über Autismus aussagt. Über seine negativen Seiten: die fehlende Verknüpfung eines Wunsches, der als Zumutung betrachtet wird, mit der Krankheit der Mutter. Mangelndes Einfühlungsvermögen und eine unangemessene Reaktion auf eine Situation, mit der der Autist nicht rechnet. Eine Störung seiner Routine, die er nicht will. Sie bringt ihn aus dem Konzept.

Ende 2007 hat Müller-Remus, der als Software-Entwickler bei Siemens begann und später leitende Positionen in Kommunikations- und Medizintechnik-Unternehmen bekleidete, „eine Art Initialerlebnis“ für seine künftige Firma: Er besucht mit seiner Frau eine Selbsthilfegruppe „Autismus und Arbeit“, zu der 25- bis 40-jährige Autisten eingeladen worden sind, die aus ihrem Berufsleben erzählen. Alle motiviert, mit guten Fachkenntnissen, alle arbeitslos. Müller-Remus ist zutiefst deprimiert. Und beschließt, etwas dagegen zu tun.

Er will der Wirtschaft Dienstleistungen in einem autistengerechten Umfeld anbieten. Aber noch wird es vier Jahre dauern, bis er die Idee umsetzen kann. Jahre, in denen er viel mit Autisten spricht, um ihr Denken besser zu verstehen. Und umgekehrt: Er will sicher verstanden werden. Dabei lernt er, wie wichtig Eindeutigkeit und Klarheit in der Formulierung sind. Dass man im Umgang mit Autisten alles weglassen sollte, was über die bloße Information hinausgeht. Emotionales, Füllsätze, Rhetorik, „Sozialblümchen“, wie er es nennt, irritieren Autisten. Sie brauchen rein Faktisches: „Dann haben Sie eine sehr gute Kommunikationsbasis.“ Mit dem Social Venture Fund findet Dirk Müller-Remus einen Risikokapitalgeber, der ausschließlich in soziale Projekte investiert, die sich selbst tragen: „Ich wollte ja kein klassisches Sozialunternehmen aufbauen, sondern beweisen, dass man mit Autisten in Konkurrenz zu herkömmlichen IT-Unternehmen bestehen kann.“

In Dänemark gibt es Specialisterne, eine IT-Firma, deren Anspruch es ist, weltweit möglichst viele Arbeitsplätze für Autisten zu schaffen. Sie sucht Kooperationspartner, große Firmen, und hilft ihnen dabei, selbst autistische Mitarbeiter einzustellen. Der Ansatz von Auticon ist ein anderer: „Wir sind aufgestellt wie ein normales IT-Consulting-Unternehmen, wir stellen die Leute bei uns an und entsenden sie dann in die Kundenprojekte.“

Natürlich macht Müller-Remus am Anfang auch Fehler, die er korrigieren muss. So denkt er ursprünglich, dass Offenheit und analytisch-logische Tiefe aufseiten der Autisten ausreichen und dass er ihnen die IT-Kompetenz beibringen kann. Schon sehr bald muss er einsehen, dass er nur auf Leute bauen darf, deren Spezialinteresse der Informationstechnologie gilt. Mittlerweile beschäftigt Auticon, das im vergangenen Jahr mit dem Sonderpreis des Deutschen Gründerpreises ausgezeichnet wurde, an sieben Standorten in Deutschland 52 Consultants und sieben Job-Coaches – Integrationshelfer, die sozusagen die Brücke zum Kunden bilden.

Martin Drucks beschreibt das Verhältnis zu seinem Job-Coach so: „Sie kennen das vom Zirkus, mit einer Stange über dem Seil, der wichtigste Teil, wenn man das lernen will, dürfte eigentlich nicht die Stange sein oder das Seil: Es ist das Netz. Und wenn man dann einmal erfahren hat, ich kann fallen, es tut nicht weh, und ich kann da wieder rauskrabbeln, dann übt man das eben so lange, bis es klappt.“ Der Coach ist sein Sicherheitsnetz. Ohne ihn würde er keinen Schritt auf jenem Seil wagen, das die Berufswelt für ihn nun einmal ist.

Franziska Winkler zählt bei Auticon zu diesem Sicherheitspersonal und betreut in der Frankfurter Dependance zurzeit neun Berater. Das heißt, dass sie jeden Schützling zusammen mit einem nicht autistischen Projektmanager zu jedem neuen Kunden begleitet und ihn vorstellt. Sie ist für alle sozialen Aspekte, der Projektleiter für fachliche Fragen zuständig. Wenn das Okay für das Projekt erfolgt, hat sie mit dem Berater alles Wesentliche schon geklärt: Wer sein Ansprechpartner ist, wo er sitzen wird, ob es eventuell einen Dress-Code gibt und wie er seine Aufgaben strukturieren kann. Umgekehrt klärt sie den Kunden und das Team über die Besonderheiten des Kollegen auf Zeit auf: Wo liegen seine Stärken? Was sollte man im Umgang beachten? Worauf muss man gefasst sein?

Berater Martin Drucks (links) schreibt eigentlich lieber, als dass er spricht. Mit Auticon-Gründer Dirk Müller-Remus ist das Gespräch jedoch leicht, denn der hat über die Jahre gelernt, wie wichtig Eindeutigkeit und Klarheit in der Formulierung im Umgang mit einem Autisten sind.

Denn das ist jedes Mal die Herausforderung: den Berater so in das neue Umfeld zu integrieren, dass er seine Fähigkeiten optimal einsetzen kann. „Das ist immer dann der Fall, wenn auf seine Besonderheiten möglichst gut eingegangen wird“, sagt Franziska Winkler. Und die sind individuell sehr verschieden. Einige Consultants fühlen sich von zu hellen Lampen gestört, andere sind sehr geräuschempfindlich und brauchen einen möglichst abgeschirmten Arbeitsplatz – manchmal reichen schon eine Stellwand oder auch Kopfhörer. Wieder andere haben vor allem Probleme in der Kommunikation. „Schriftlich ist nie ein Problem“, sagt Winkler, „aber einem einstündigen Meeting zu folgen kann einen Autisten sehr erschöpfen. Außerdem sollte der Kunde den Consultant nicht mal eben in eine Besprechung mitnehmen, sondern ihn möglichst schon einen Tag vorher über ein anstehendes Treffen informieren.“ Autisten sind Perfektionisten, sie wollen immer bestmöglich vorbereitet sein.

Wenn es gut läuft, ist der Berater bald allein im Kundenunternehmen, hält aber Kontakt zu seinem Coach. Dabei haben die Consultants ganz unterschiedlichen Unterstützungsbedarf: Für manche ist es völlig ausreichend, wenn sich Franziska Winkler alle drei Wochen meldet; im Schnitt liegt der Rhythmus bei einer Besprechung pro Woche. Coach und Projektleiter stehen auch mit dem Kunden direkt in Kontakt und führen regelmäßige Feedbackgespräche, vor Ort in Erscheinung treten sie aber nur, wenn unbedingt nötig.

Auticon versteht sich als „normales Unternehmen mit besonderen Mitarbeitern“. Deshalb entsprechen die Beraterhonorare dem Marktniveau und die Gehälter der Consultants sind an diejenigen der Branche angelehnt. Auticon stellt je nach Projekt Tagessätze oder Pauschalen in Rechnung und finanziert die Job-Coaches aus einem besonderen Topf: Zehn Prozent der Unternehmenseinnahmen sind Fördergelder – Eingliederungszuschüsse und Unterstützungsleistungen zur Inklusion schwerbehinderter Menschen.

Prüfen und kontrollieren mit Hingabe

Inhaltlich gibt es keine Unterschiede zu anderen Beratungsunternehmen. Auticon wird von den IT-Abteilungen in Banken und der Finanzindustrie angefragt, von Telekommunikations-, Technik- und Technologieunternehmen, von Vertretern in Maschinenbau und Einzelhandel. Üblicherweise geht es dabei um Themen wie IT-Qualitätssicherung und Management, vor allem um Data Analytics, Testing und IT-Security.

Ob seine Berater schneller sind als gewöhnliche Consultants? Müller-Remus will die Diskussion nach Möglichkeit vermeiden. Sie seien jedenfalls nicht langsamer. Und wenn die Bedingungen – also Umgebung und Aufgabe – stimmten, seien die Ergebnisse oft verblüffend: Einmal habe ein Kunde einem Berater ein Projekt für zwei Wochen gegeben – er war in zwei Tagen fertig. „Wenn Tageshonorare nach tatsächlich erbrachtem Aufwand vereinbart wurden, kann uns das finanziell schon wehtun. Aber wir sehen das eher als Investition in die Zukunft. Denn wenn ein Kunde sehr gute Erfahrungen mit einem Berater gemacht hat, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass er ihn auch mit dem nächsten Job beauftragen wird.“

Marten Schönherr, als Vizepräsident von T-Labs für den Innovationsbereich IT & Cloud verantwortlich, zählt seit Langem zu den zufriedenen Kunden. Schon bei Lite Elements, einer früheren T-Labs-Ausgründung, hat er beste Erfahrungen mit Auticon-Consultants gemacht, als es darum ging, ein Produkt zu schaffen, mit dem man Lizenzen und Office-Pakete in eine Cloud legen kann, statt sie auf lokalen Rechnern zu installieren. „Unsere normalen Entwickler tun sich in der Regel schwer, wenn es um Quality Assurance, also die Software-Testung geht. Die Arbeit wird von ihnen oft als belastend, eintönig und langweilig empfunden“, sagt Schönherr. Auticon-Mitarbeiter mit ihren Spezialinteressen hingegen decken genau dieses Feld mit Leidenschaft und Hingabe ab. „Mit ihrer Stärke für das Erkennen von Mustern und das Identifizieren von Unregelmäßigkeiten können sie schneller und effizienter arbeiten als Kollegen, die sich sozusagen manuell durch den Code arbeiten müssen“, hat Schönherr gelernt. Deshalb sind bei T-Labs inzwischen seit fast einem Jahr drei Auticon-Berater im Einsatz: „Wir haben sie behutsam in die Projektprozesse integriert, haben ihnen im Großraum, dessen Stress-Level ja für alle Mitarbeiter höher ist, nach Möglichkeit Plätze am Rand gegeben, damit sie die Sicherheit einer Wand hinter sich haben.“ Die Kommunikation verlaufe reibungslos, was laut Schönherr auch damit zusammenhängt, dass man es nicht mit Quereinsteigern, sondern mit gelernten Programmierern zu tun hat. Man habe den Beratern förmlich dabei zuschauen können, wie sie auch als Persönlichkeiten gewachsen seien. „Inzwischen stellen sie sich vor die versammelte Mannschaft, immerhin 60 Kollegen, und präsentieren ihre Arbeitsergebnisse.“

Ein erfreulicher Nebeneffekt, denn T-Labs betrachtet die Beauftragung von Auticon keineswegs als soziales Engagement. Die Berater-Spezialisten sind ihr Geld wert – auch über die konkreten Projektaufträge hinweg. „Wir haben zum Beispiel bestimmte Softwareabschnitte, sogenannte Release-Container“, sagt Schönherr, „bei denen wir davon ausgingen, dass sie in Ordnung sind. Die Auticon-Leute haben festgestellt, dass darin noch Fehler versteckt waren.“

Ein typisches Beratungsprojekt dauert drei Monate bis ein Jahr. Geschäftsführer Dirk Müller-Remus kann sich aber auch gut vorstellen, irgendwann selbst Lösungsanbieter zu werden – also nicht nur in bestehende Projekte einzugreifen, sondern sie selbst anzustoßen. Über kurz oder lang ließe sich die Firma zu einem größeren erfolgreichen IT-Unternehmen machen. Jetzt sollen aber erst einmal Tochtergesellschaften gegründet werden – zunächst in London und Paris.

Das wird kompliziert genug, wobei es nicht an Aufträgen mangelt: Die Nachfrage auf Kundenseite ist groß. Der limitierende Faktor sind die Mitarbeiter. Auticon stellt ja nur Berater ein, deren Spezialinteresse – und Ausbildung – im IT-Bereich liegt. Und das sind nicht so rasend viele, Müller-Remus schätzt ihre Zahl hierzulande auf etwa 150 bis 200, „und das kann man rechnerisch gut aufs Ausland übertragen“. 90 Prozent der Asperger-Autisten seien damit allerdings gar nicht erfasst. Ihre Begabungen liegen ganz woanders – und sollen, wenn es nach dem Auticon-Gründer geht, künftig auch zum Einsatz kommen. Müller-Remus arbeitet bereits an einem neuen Firmenkonzept für Beratungsdienstleistungen außerhalb der IT. „Ich glaube, wir können noch deutlich mehr Spezialisten in Arbeit bringen.“ //