10EQS Onlineberatung

10EQS ist eine Plattform für Onlineberatung: anonym, schnell, effektiv. Ein Konzept für die kleinen Probleme im Unternehmen – und den kleinen Nebenverdienst für Experten.




Willkommen in der Welt von morgen, willkommen in der Gig Economy! Hier sind Geschäftsbeziehungen schnell geschlossen und genauso schnell wieder vorbei. Hier heuern Unternehmen ihre Mitarbeiter für überschaubare Aufträge kurzfristig an, hier finden adhoc zusammengestellte Teams virtuell zusammen und gehen am Ende eines Projektes allesamt wieder ihrer Wege. Es ist der Himmel für freiheitsliebende, gefragte Experten – und könnte zumindest ein Teil des Consultings der Zukunft sein.

Drei Entwicklungen von heute sprechen dafür: profes­sionelle Netzwerke wie LinkedIn funktionieren wie interna­tionale Talentbörsen; globale Kommunikationsmittel sind so gut wie kostenlos; und mit Cloud Computing lassen sich Daten problemlos austauschen. Außerdem könnte diese neue Art von Beratung ein Problem lösen, das Bill Joy, der Mitbe­gründer von Sun Microsystems, einst so formulierte: „Egal, wer du bist – die meisten klugen Leute arbeiten schon für jemand anders.“

Die Frage, wie man das Wissen der besten Fachleute effizient anzapft, ergänzt und weiterverkauft, treibt auch den ehemaligen McKinsey­Berater Eberhard von Löhneysen um. Deshalb gründete er mit einem Kollegen die Firma 10EQS.

„Unternehmen wie McKinsey oder BCG verfolgen das klas­sische Modell: Sie suchen sich gute Leute und bilden sie aus“, sagt von Löhneysen, der das Unternehmen seit Anfang des Jahres als alleiniger Geschäftsführer leitet. „In meiner Zeit bei McKinsey war es trotzdem intern wie extern schwierig, für jedes Thema die richtigen Experten zu finden. Heute haben wir dafür Talent-Netzwerke wie LinkedIn oder Xing. Dort finde ich im Handumdrehen zum Beispiel einen Fachmann für Zusätze in der petrochemischen Industrie.“

Wer heute Fachwissen kaufen oder mieten wolle, erklärt von Löhneysen, habe also die Wahl zwischen einem weltwei­ten Beratungshaus mit Tausenden von Mitarbeitern – oder einer virtuellen Adresskartei mit mehr als 300 Millionen Experten. Beide Varianten haben Schwächen: Die eine ist teuer und im Zweifel langwierig, die andere ein Glücksspiel – wie gut ein selbst ernannter Fachmann ist, weiß man erst nach dem Projekt. Deshalb hat von Löhneysen 10EQS auf den Weg gebracht, ausgesprochen: Ten X. Der Name soll signalisieren, dass die Firma zehnmal schneller, besser und preiswerter arbeitet als ein großer Consulter.

Bestellen, beraten, bezahlen – alles elektronisch

Die Grundidee von 10EQS ist simpel: Über eine Plattform werden freiberufliche Rechercheure und Projektmanager sowie ausgewählte Experten vernetzt, um möglichst viele Kleinstprojekte so schnell abzuwickeln, wie Onlinehändler Bestellungen verschicken. Kunden und Berater begegnen sich dabei nur virtuell, was den Beziehungen aber offenbar nicht abträglich ist: 10EQS verfolgt seine Idee des Expertennetzwerks, das Beratung ohne teure Infrastruktur verspricht, seit rund fünf Jahren. Inzwischen wird der Service gut gebucht, auch von Großkunden wie GE, Philips oder der Weltbank.

Die Projektaufträge der Kunden sind in der Regel klar umrissen. Eine weltweit agierende Bank möchte innerhalb eines Monats den Markt für Direkt-Banking in europäischen Ländern untersuchen, um bestehende Angebote und Wachstumsfelder zu identifizieren. Ein amerikanisches Petrochemie-Unternehmen lässt sich in zwei Wochen die Preiselastizität eines seiner Produkte im Vergleich zur Konkurrenz analysieren, um seine Kostenstruktur und die Bedeutung verschiedener Inputs besser zu verstehen. Ein internationaler Telefonkonzern will innerhalb von nur einer Woche die Marktchancen unter Kunden zwischen 13 und 30 in einem mitteleuropäischen Land überblicken, inklusive der wichtigsten Finanz- und Netzkennziffern sowie der Preise für Handys und Tarifpläne.

Alle Aufträge werden über die Plattform erteilt, wo auch der Zeitrahmen und das Budget festgelegt werden. Die Ergebnisse erhalten die Kunden elektronisch, genau wie die Rechnung. Ihren Projektmanager treffen sie niemals persönlich. Wer für sie recherchiert hat, ist ihnen unbekannt.

Konkrete Fragen – von Experten beantwortet

Das klingt effizient und auch ein wenig befremdlich, weshalb leicht nachvollziehbar ist, was Sugath Warnakulasuriya erzählt, der 10EQS bis Ende vergangenen Jahres leitete: Es dauert eine Weile, bis die Kunden diesem neuen, gesichtslosen Onlinemodell der Beratung vertrauen. Aber weshalb sollte die anfängliche Skepsis nicht überwindbar sein? „Bis vor ein paar Jahrzehnten hat ein Unternehmen seine vertraulichen Dokumente einem einzelnen Kurier gegeben. Dann hat FedEx bewiesen, dass man einem Netzwerk genauso vertrauen kann.“ Ein ähnlicher Wandel wird sich seiner Meinung nach auch beim Geschäft mit der Informationsbeschaffung vollziehen.

„Der Grad der Spezialisierung ist so gestiegen, dass sich ein großer Berater zunehmend schwer damit tut, seinen Kunden wirklich einzigartige Einsichten zu liefern“, glaubt Warnakulasuriya, der – wie von Löhneysen – einst für McKinsey gearbeitet hat. „Gleichzeitig sind die Klienten schlauer und anspruchsvoller geworden. Sie sind nicht mehr damit zufrieden, nach einem sechs Monate langen Engagement eine Präsentation vorgelegt zu bekommen.“ Im Zweifel sind sie selbst ehemalige Berater. „Die gehen nur für ganz gezielte Fragen nach draußen.“

Genau hier setzt 10EQS an: als ein weitgehend unsichtbarer Makler zwischen Experten und Firmenkunden. „Viele Angebote im alten Consulting-Geschäft basieren auf dem Vertrauen, dass das Team, das in mein Büro kommt, wirklich Bescheid weiß. Ich kann dabei zwar den Menschen in die Augen sehen – aber unterm Strich tausche ich Vertrauen gegen Antworten ein.“ Ein teurer Luxus, wenn man das Geld – bei gleich gutem Ergebnis – auch für Recherchen ausgeben könnte. Und einer, den sich längst nicht jeder leisten kann.

Denn in den Ebenen unter den Topentscheidern tummeln sich zahllose Führungskräfte, die gern auf größeres Wissen zugreifen würden, das aufgrund der Kosten aber bislang nicht konnten. „Dieser Markt in der Mitte ist völlig unterversorgt.“

Das Geschäftsmodell von 10EQS basiert auf vielen freien Mitarbeitern und einer kleinen festen Mannschaft, die zurzeit aus 33 Personen besteht. Sie kümmern sich um Marketing, Verwaltung sowie den reibungslosen Ablauf der Projektvergabe und Abwicklung. Sie sind über 20 Städte verteilt, von Washington über Moskau bis Singapur. Dreimal die Woche setzt sich die Belegschaft per Videokonferenz zusammen.

In den vergangenen drei Jahren hat das Unternehmen über seine Plattform mehr als 300 Projekte abgewickelt, mit deutlich steigender Tendenz. Dafür ist in dieser Zeit die durchschnittliche Länge der Engagements gesunken – von drei bis vier Wochen auf gegenwärtig nur noch zwei.

Dem Unternehmensgründer ist diese Entwicklung durchaus recht. „Wenn man bei drei bis vier Wochen anlangt, setzt eine gewisse Trägheit im Denken ein. Das ist fast schon Consulting der alten Schule“, sagt von Löhneysen. „Wir beantworten lieber konkrete, eng umgrenzte Fragen und stoßen dann gleich das nächste Projekt an. Am liebsten wären uns viele ein bis zwei Tage lange Engagements.“

Bislang hat 10EQS erst eine Handvoll solcher Kurzprojekte gestemmt, doch nach dem Willen seiner Gründer sollen sie in naher Zukunft das Kerngeschäft werden. Das Ziel, erklärt von Löhneysen, sei der Manager, der eine Frage hochlädt, zum Mittagessen geht und die Antwort nach der Pause auf seinem Rechner vorfindet.

Ist eine Frage online gestellt, setzt sich das Netzwerk hinter der Plattform in Bewegung. Die Anfrage wird per Software kategorisiert und dann an die Mitarbeiter weitergeleitet. Da gibt es zunächst einen Pool von 2000 Rechercheuren und Analysten, die den Junioren in einem Beratungsunternehmen entsprechen. Sie tragen das Rohmaterial wie Fakten und Statistiken aus Datenbanken und anderen Quellen zusammen. Parallel bearbeiten Experten mit ihrem wertvollen Fachwissen die Frage analytisch. Von ihnen hat 10EQS bislang mehr als 12 000 in seine Kartei eingepflegt, von Spezialisten für Rohstoffmärkte und Chemie bis zu Gesundheitswesen und Finanzdienstleistungen.

Während die Mitglieder dieser beiden Gruppen nur Teile eines Projektes zu sehen bekommen und bearbeiten, kümmern sich die „Engagement Manager“ um das Gesamtbild. Ähnlich einem Projektleiter im traditionellen Consulting bilden sie die Schnittstelle zum Auftraggeber: Sie leiten das Projekt virtuell, vergeben Rechercheaufträge an das Ad-hoc-Team und fügen die eingehenden Informationen, Datensätze und Bewertungen zu einem Endprodukt zusammen, das meist aus Texten, Tabellen und Grafiken besteht. Der Kunde bekommt alles elektronisch geliefert, bei Bedarf sind auch Telefonate oder Videokonferenzen möglich.

Michel Mol will keine Zahlen nennen. Er sagt nur: „Das Einkommen kann sich sehen lassen. Insbesondere, weil ich viel effizienter bin und nicht ständig im Flieger sitzen muss, um mit einem Team irgendwo in der Welt bei meinem Klienten zu arbeiten.“

Der Einstellungsprozess ist für alle Mitarbeiter gleich. Einen Teil werben Recruiter von 10EQS gezielt im Web als Fachleute an, um ein möglichst breites Themenspektrum abzudecken. Hinzu kommen Experten, die sich auf Empfehlung von Kollegen bei der Plattform melden – meist, um ein Zubrot zu verdienen. Bei allen wird mit Fragebögen der berufliche Hintergrund sowie das Fachwissen geprüft, es folgt ein Einstellungsgespräch per Videokonferenz. Zu einem durchschnittlichen Projektteam gehören ein bis zwei Recruiter, die bei der Zusammenstellung der Experten helfen, 10 bis 20 Experten, ein halbes Dutzend Rechercheure sowie ein Projektleiter.

Die letzte Gruppe, die der Engagement Manager, ist mit rund 200 Mitgliedern die tragende Säule der Plattform. In ihr finden sich viele ehemalige Berater, die sich selbstständig gemacht haben, wie etwa Michel Mol aus Amsterdam. Der 48-jährige Niederländer war schon Berater bei McKinsey, Innovations-Chef beim niederländischen Staats-Sender NPO und Managing Director bei der Werbeagentur Grey Interactive. Seit 2010 arbeitet er mit den Fachgebieten Innovationen und Entwicklung digitaler Geschäftsmodelle als Einzelkämpfer im Beratungsgeschäft. Mol bewarb sich 2012 auf Empfehlung von Kollegen bei 10EQS – er hoffte, sich weniger um die Kundenakquise kümmern zu müssen.

Im ersten Jahr hat er vier Projekte zu je drei Wochen geleitet. „Meist geht es um den schnellen Überblick über eine Industrie und die detaillierte Ermittlung, welche digitalen Störfaktoren ihr ins Haus stehen.“

Bisher können nur wenige Experten und Rechercheure von der Plattform allein leben. Anders sieht es nach Auskunft des CEO bei den Managern aus. Die verdienten pro Tag mehr, als wenn sie fest angestellt wären. Michel Mol will keine Zahlen nennen. Er sagt nur: „Das Einkommen kann sich sehen lassen. Insbesondere, weil ich viel effizienter bin und nicht ständig im Flieger sitzen muss, um mit einem Team irgendwo in der Welt bei meinem Klienten zu arbeiten.“

Fabiana Fantinel hatte ein anderes Motiv für ihren Einstieg bei 10EQS. Die promovierte Chemikerin aus Ferrara begann ihre Laufbahn bei BASF und arbeitet seit Juni 2012 als gelegentliche Managerin für die Amerikaner. Sie hat in anderthalb Jahren zwölf Projekte geleitet, in denen es um strategische Beratung in der Chemie- und Life-Sciences-Branche ging. „Ich wollte Erfahrung im internationalen Management-Consulting sammeln, und ein ehemaliger Arbeitskollege empfahl mir 10EQS“, sagt die 40-jährige Italienerin. Fantinel arbeitet auch weiterhin im Beratungsgeschäft ihrer Familie, ist aber mit jedem 10EQS-Auftrag zwischen einer Woche und zwei Monaten beschäftigt. „Das Einkommen ist niedrig, wenn man außer 10EQS gar nichts anderes macht“, gesteht sie. „Aber man bewahrt sich seine Flexibilität und kann mehrere Projekte betreuen. Das lohnt sich. Außerdem erhöht die Arbeit für solche Plattformen meine Chance, an spannenden Projekten beteiligt zu sein, von denen ich sonst nichts mitbekäme.“

Inzwischen interessieren sich auch etablierte Beratungsfirmen für 10EQS – für Eberhard von Löhneysen nur zu verständlich. Die klassischen Unternehmensberater stecken heute oft genug in einer Zwickmühle, weiß er. Einerseits sollen sie alle Felder mit teuren Spezialisten abdecken, dabei aber gleichzeitig immer weniger kosten. Um das Dilemma zu lösen, kaufen zum Beispiel Deloitte oder Accenture Dienstleistungen seiner Plattform als „10EQS Inside“ hinzu, die sie dann als Teil ihres eigenen Portfolios anbieten. Aus Kooperationen wie diesen speisen sich inzwischen 40 Prozent des Umsatzes von 10EQS, doppelt so viel wie noch vor zwei Jahren. Ein Teil dieser Kunden sind kleinere Firmen oder sogar Einzelkämpfer, die sich tageweise den Zugang zu einer weltweiten Gruppe von Fachleuten einkaufen.

Die Zukunftsaussichten sind also nicht schlecht, zumal die Konkurrenz bislang überschaubar ist. „Noch gibt es keinen Wettbewerber, der genau das macht, was wir tun“, sagt von Löhneysen. „Aber wir sind ein junges Pflänzchen, das zertreten werden kann oder vielleicht verdorrt.“

Bei seinen Gesprächen mit potenziellen Kunden von Asien bis Europa erfährt er das immer wieder: Es sei einfach schwierig, den Klienten zu erklären, wie das Unternehmen 10EQS arbeite. Am kompliziertesten allerdings seien seine einstigen Landsleute. „Ich bin ja nicht zufällig in den USA. Hier stehen die Menschen dieser neuen Art der Beratung deutlich aufgeschlossener gegenüber. Klienten in Deutschland erwarten, wenn es um Consulting geht, noch immer persönliche Treffen, den direkten Kontakt.“ //

Sugath Warnakulasuriya, der die Beratungsplattform 10EQS mitgegründet hat, sieht in FedEx ein Vorbild.