Sind Finanzexperten systemrelevant?

Hotline zum Steuer­seelsorger

Die Pandemie schafft das Undenkbare: Sie macht aus Steuerberatern heiß begehrte Helfer. Seit März 2020 arbeiten sie bis zur Erschöpfung, manchmal auch als Therapeuten ihrer Mandanten – und immer wieder als Retter in der Not.





Zahl der zu beachtenden Verordnungen, Richtlinien und Verfahrensregeln mit Konsequenzen für Mandanten, über die der Deutsche Steuerberaterverband seine Mitglieder zwischen 18. März und 25. November 2020 informiert hat.

/ Es gibt diesen wiederverwendbaren Witz aus der Wirtschaftswunderzeit, der geht in etwa so: Sitzt ein Mann an der Bar und sagt zur schönen Fremden neben sich: „Ich bin Vertreter für Schrauben. Aber unter uns gesagt, es hört sich aufregender an, als es ist.“

An die Stelle des Schraubenvertreters kann man allerlei Berufe setzen, solange sie als ausreichend dröge gelten. Und auch wenn Branchenvertreter es längst besser wissen – der Steuerberater ließ sich da bis März 2020 ganz prächtig einfügen.

Doch wenn das Virus zur Abwechslung auch mal ein Klischee erledigt hat, dann das vom pingeligen Zahlendreher, der gefangen zwischen Daten und Datev, zwischen Gesetzen und Gebühren, zwischen Voraus- und Nachzahlung in einer Welt aus Abschreibung und Freibetrag lebt und nur dazu bestimmt ist, unkompliziert und korrekt wie irgend möglich den unerlässlichen Teil von Umsatz und Gewinn in die Staats- und Sozialkassen zu expedieren – oder eben von diesen optimal fernzuhalten, natürlich gesetzestreu.

Aber nun? Isabel Klocke, Abteilungsleiterin Steuerrecht beim Bund der Steuerzahler, sagt: „Die Berater leisten in diesen Zeiten enorm viel zusätzliche Arbeit. Sie übernehmen Aufgaben, für die sie nie ausgebildet worden sind.“ Beruhigen, Vermitteln, Trösten zählt dazu, das aber mit Expertise. Seit die Seuche grassiert, befinden sich Steuerberater im steten Ablasshandel mit dem Fiskus, der großzügig Gnade walten lässt. Sie helfen, staatliche Förderangebote zu finden, zu filtern, zu erklären. Sie müssen auch das Gros der Anträge dafür stellen – um im Zweifel dafür zu haften.

Es ist paradox: Nur ein Bruchteil der Selbstständigen und Unternehmen kann derzeit überhaupt Steuern in gewohnter Höhe überweisen, doch die Steuerberater und Steuerberaterinnen, ihre Gehilfen und Lohnbuchhalter ächzen unter der Last der Aufgaben. Sie sind in der durch die Pandemie verursachten Krise für die Selbstständigen, Mittelständler und Konzerne zum Navigator durch den Notbetrieb geworden, in den die soziale Marktwirtschaft versetzt worden ist. Zusätzlich hat sie der Staat als Scharnier eingeschraubt zwischen seine Hilfen und die Hilfsbedürftigen – und manchmal auch: zwischen Hiob und Botschaft, siehe Senkung der Mehrwertsteuer und was sie bedeutet.

Stellvertretend für die gut 88 000 Steuerberater und -bevollmächtigten bundesweit haben wir Berater aus ganz unterschiedlichen Kanzleien in Bonn, Hamburg und Dresden gebeten, ihre Arbeit zu reflektieren. Wie viele ihres Berufsstandes zeichnet sie aus, dass ihre Firmen schon Mitte März 2020, eine Woche vor dem Lockdown, Corona-Informationssysteme für ihre Mandanten eingerichtet haben, ob als Blog, Podcast oder Newsletter
per E-Mail.

Als Zeitleiste sollen hier Schlagwörter eines dieser Blogs dienen, dem der bundesweit aktiven Steuer- und Rechtsberatung Flick
Gocke Schaumburg mit Hauptsitz Bonn. 64 Posts füllen ihn, Stand November. Ergänzt werden sie um Headlines der Bundesministerien und Stichworte aus der Matrix des Software-Anbieters Datev zum Konjunkturpaket.

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16. März –

Coronavirus: Was gilt bei Verdachtsfällen, Betriebseinschränkungen und Kita-Schließung? /

17. März –
Corona-Pandemie: Wirtschaftliche Auswirkungen des Coronavirus - Insolvenzantragspflicht soll ausgesetzt werden
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Mitte März will sich Petra Ackmann belohnen. Wie immer haben die Abschlüsse des Vorjahres sie und ihre zwölf Kolleginnen den ganzen Januar und Februar über bis in die Abendstunden im Büro festgehalten, auch an den Wochenenden haben sie gearbeitet. Die Steuerberaterinnen und Buchhalterinnen betreuen in der Hamburger Kanzlei Flachs 12 insgesamt rund 400 Mandanten. Eher „Wald, Flur, Wiese“ machen sie hier nach Ackmanns Meinung, betreuen alles von der alleinstehenden Rentnerin bis hin zu Firmen mit 60 Mitarbeitern. Für 40 Firmen machen sie auch die Lohnabrechnung.

Überarbeitet, wie sie ist, will Ackmann mit ein paar Kolleginnen in ein Wellnesswochenende nach Mecklenburg-Vorpommern aufbrechen. Aber sie hat kein gutes Gefühl, die ersten Schulen sind geschlossen, die Ministerpräsidenten der Bundesländer tagen mit der Kanzlerin. Sie bläst den Ausflug ab. „Ich habe ja noch den Kindergarten“, sagt sie. Sie hatte ihn mit gegründet, als ihre Tochter noch klein war, mittlerweile ist sie 16.

Statt an die Ostsee fährt Ackmann zur Kita. Zum Glück haben sie sich dort schon auf das Unvorstellbare eingestellt, die Schließung, und einen Plan für eine Notfallbetreuung erstellt. „Dann“, sagt Ackmann, „bin ich ins Büro gefahren – und dort seitdem eigentlich nicht mehr herausgekommen.“ Sie lacht, herzlich. Aber lustig ist ab jenem Tag im März 2020 nicht mehr viel. Ein Flut an Mails und Telefongesprächen überschwemmt die Kanzlei wie Tausende andere Steuerberater im Land. Ackmann sagt ihrem Team: „Ab jetzt mache ich nur noch Corona.“ Sie verfasst den ersten Newsletter.

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19. März
Kurzarbeit in der Corona-Krise?
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Wie in Hamburg überlegen in Dresden Isabel Franzka und ihre Kollegen, wie sie den Mandanten helfen können, schnell. So rasant wie das Virus greift die Angst um die wirtschaftliche Existenz um sich: geschlossene Läden, untersagte Gewerbe, unterbrochene Lieferketten, leere Arztpraxen, während die Kosten und Abgaben laufen und laufen, einzugsermächtigt, wie sie sind. „Da musste man auch Psychologe sein“, sagt Isabel Franzka. Jedes Telefonat ist ein bisschen Seelsorge.

Kurzarbeit
Mit 6 Millionen erreichte die Zahl der Arbeitnehmer, die Kurzarbeitergeld erhielten, im April 2020 den ­Höhepunkt. Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit sank die Zahl bis August auf 2,6 Millionen. Den Pandemie-Effekt zeigt der Vorjahresvergleich:  Im August 2019 bezogen nur 51.000 Menschen Kurzarbeitergeld. 

Die Betriebswirtin und Steuerberaterin Franzka ist eine Geschäftsführerin der Allgemeinen Beratungs- und Treuhandgesellschaft (ABG). ABG berät in Dresden, München und Bayreuth Selbstständige, Handwerksbetriebe und Mittelständler. Als bekannt wird, dass die Kurzarbeit kommt, aber noch keine genauen Bestimmungen vorliegen, macht es Franzka wie häufig in den Wochen und Monaten, die folgen werden: Sie greift auf das zurück, was sie hat.

Anders als später im Jahr kann die Kurzarbeit zunächst nicht online bei der Arbeitsagentur beantragt werden. Also nehmen sie bei ABG die Bestimmungen für Unternehmen jener Branchen her, die saisonbedingt immer mal wieder Kurzarbeit anmelden müssen, etwa in der Landwirtschaft. Ein Arbeitsrechtler brieft Franzkas Team, sie stellen erste Handreichungen online: Betriebs- oder Einzelvereinbarungen seien zu treffen, Beispielrechnungen werden aufgemacht, Musteranträge hochgeladen. „Tatsächlich“, sagt Franzka, „war die Regelung, die dann kam, nahezu gleich.“

Dank der Vorbereitung hatte einer ihrer Mandanten, ein Friseursalon mit sieben Mitarbeitern und fünf Azubis, alles schon fix und fertig, als von der Regierung aus Berlin das Go kam, dass Unternehmen rückwirkend zum 1. März Kurzarbeit beantragen können. „Darauf warten mussten sie trotzdem bis zu zwei Monate“, sagt Franzka.

Für Petra Ackmanns Buchhalterinnen in Hamburg beginnt um diese Zeit eine Art Tröpfchenfolter, denn bei den 40 Firmen, für die Flachs 12 nicht nur die Steuern, sondern Monat für Monat auch die Löhne rechnet, fällt für sie auf einmal massiv Mehrarbeit an. Als wäre es nicht schon kompliziert genug. Seit einer Gesetzesänderung vor vielen Jahren muss die Abrechnung fünf bis sechs Tage vor Ende des laufenden Monats geschehen, weil seitdem die Sozialabgaben so früh abzuführen sind, die auf der Höhe der Löhne fußen.

„Wir gucken schon ohne Corona jeden Monat in die Glaskugel“, sagt Ackmann. Dank der diversen Sofortmaßnahmen müssen in den ersten Monaten der Pandemie die Löhne bis zu dreimal je Monat neu gerechnet und gebucht werden, einmal sogar fünfmal. „Im Juni krochen unsere Buchhalterinnen auf dem Zahnfleisch. Die mussten wir erst mal in Urlaub schicken“, sagt Ackmann. Dann kam die Mehrwertsteuersenkung. „Im Juli flossen bei einer Kollegin Tränen der Verzweiflung.“

Ackmann fällt auf: Das Kurzarbeitergeld benachteiligt Frauen. Weil es vom Nettogehalt gezahlt wird. Sind ihre Mandantinnen verheiratete Mütter in Steuerklasse V, haben sie kaum mehr als ein Taschengeld zu erwarten, gerade in Niedriglohnsektoren wie dem Friseurhandwerk oder dem Handel.

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3. April
Liquiditätshilfe vom Finanzamt in der Corona-Krise / Altmaier: „Gewährung zinsgünstiger Darlehen jetzt in noch größerem Umfang möglich!“
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 „Liquidität!“, ruft Sven-Eric-Bärsch. „Wie kommen wir an Liquidität? Das war es, was unsere Mandanten in den ersten Wochen umtrieb. Steuern sind da natürlich wesentliche Stellschrauben.“ Bärsch, ein promovierter Wirtschaftswissenschaftler, ist bei Flick Gocke Schaumburg (FGS) am Standort Frankfurt Experte für Konzernbesteuerung. Noch ehe die Finanzverwaltung „Angebote“ wie das obige macht, die Rückerstattung der Sondervorauszahlung der Mehrwertsteuer (ein Elftel aller im Vorjahr abgeführten Umsatzsteuern), müssen solche Möglichkeiten für jeden Mandanten mit dem jeweils zuständigen Finanzamt einzeln verhandelt werden. Es gibt 535 Finanzämter in Deutschland. Ob für die Körperschaft, das Gewerbe oder den Ertrag, sagt Bärsch: „Es ging zunächst vor allem darum, bereits gezahlte Steuern zurückzuholen.“

Flick Gocke Schaumburg ist eine international agierende Sozietät mit Fokus auf das Steuerrecht. 156 Partner und mehr als 350 Mitarbeiter kümmern sich um Mandanten aus vielen Branchen. Kleine Krauter sind eher nicht dabei, dafür viele Firmen aus den Sektoren, die die Pandemie erwischt: Luftfahrt, Kreuzfahrt, Automotive. Nicht in jedem Fall aber ist den Finanzbeamten gleich einsichtig, warum um Stundung und Erstattung gebeten wird – wieso etwa bei einem Medizintechnikhersteller?

Fragen über Fragen
Am 20. Oktober 2020 veröffentlicht die Bundessteuerberaterkammer eine Sammlung häufig ­gestellter Fragen zu den Überbrückungshilfen. Sie ist 57 Seiten lang und umfasst 117 Fragen.  Frage 43 lautet: Wer trägt die Kosten für den ­Steuerberater? Die Antwort: der Antragsteller. Bei ­Bewilligung von Hilfen kann er die Kosten aber anteilig geltend machen.

Bärsch schildert ein Beispiel aus seiner Praxis: Während die Krankenhäuser sich seit Ende Februar hochrüsten müssen und Intensivbetten wie Fachkräfte freihalten, werden geplante Operationen abgesagt, in großem Stil, im ganzen Land. Sein Mandant, ein Hersteller künstlicher Gelenke, erzählt Bärsch, hat von einem auf den anderen Tag „null Nachfrage, gleichzeitig aber werden ihm Steuer-
vorauszahlungen auf zu erwartende Gewinne abverlangt.“ Und weil das Jahr davor ein -besonders gutes war für den Mandanten, sind die Forderungen besonders hoch. Auch hat er teures Material geordert, um noch mehr Gelenke herstellen zu können, die nun keiner will – wieder eine Verbindlichkeit mehr.

Für solche Fälle erarbeiten sie sich bei FGS eine Roadmap, wie Bärsch das nennt: in Arbeitsgruppen nach Steuerarten und Rechtsfragen geteilt alle Posten abklappern, Verlustprognosen stellen – und dem Finanzamt vorschlagen, danach zu besteuern. Er lobt den Fiskus: „Plötzlich ging, was vorher niemals gegangen war – und das schnell.“ Stundungen, Erlasse und Erstattungen folgen prompt.

Auch Isabel Franzka dreht in Dresden sofort an diesen Schrauben, formuliert Anträge auf Aussetzung, Minderung, Rückzahlung am Stück. Kleinvieh macht auch Mist: Für den Friseur wird sie eine Sondervorauszahlung auf die Mehrwertsteuer zurückholen, knapp 700 Euro nur – aber das ist fast eine Kaltmiete für den Salon. Während adidas und H&M laut tönen, sie zahlten fortan keine Mieten mehr für ihre Läden in den Innenstädten, ermutigt sie ihre Mandanten, die Vermieter um Stundung oder Aussetzung der Gewerbemieten zu bitten. „Es ist ein Geben
und Nehmen. Man muss miteinander reden.“ Manchmal hat das Erfolg, oft nicht. Die
„Bazooka“ des Finanzministers muss feuern.

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29. März
Weg für Gewährung der Corona-Bundes-Soforthilfen ist frei, Umsetzung durch die Länder steht: Bund und Länder haben sehr zügig gearbeitet, um die Corona-Soforthilfe jetzt scharf stellen zu können
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Steuerberater, die einen Ruf zu verlieren haben, reagieren auf den Wunsch nach mehr Fantasie bei der Steuergestaltung allergisch. Auf der Homepage von FGS wird zwar mit der kreativen Suche nach passenden Lösungen geworben, aber auch unmissverständlich klargemacht: „Gratwanderungen vermeiden wir.“ Als aber die mit Staatsschulden beladene Bazooka der Bundesregierung ab Ende März 50 Milliarden Euro an Soforthilfen in Form abrufbarer Förderungen, Kredite und Bundesbeteiligungen vorschießt, ist genau das gefragt: Fantasie – oder zumindest ein gewisses Talent zum Interpretieren all der neuen Sofortmaßnahmen, die sich bis Ende des Jahres auf etwa 70 summieren werden. Wem nützen welche Hilfen wie – und wovon lässt ein Mandant besser die Finger?

Sven-Eric Bärschs Team vergleicht für eine internationale Unternehmensgruppe, die ihren Sitz in Frankreich hat, welche Bedingungen an die in Deutschland aufgelegten KfW-Kredite geknüpft sind. Eine ist, entdecken sie, dass Gewinnausschüttungen limitiert werden könnten. Sie wägen die Faktoren gegeneinander ab: Geldflüsse innerhalb des Konzerns, allgemeine Fragen und Steuerrechtsfragen, Konditionen der Corona-Fonds der jeweiligen EU-Staaten. „In dem Fall rieten wir dem Mandanten, besser Hilfe im Ausland zu beantragen“, sagt er.

Petra Ackmann informiert die Soloselbstständigen und Kleinbetriebe über ihren Newsletter zur Soforthilfe. Sie versteht ihre Arbeit so, dass Steuerberater „den Menschen das abnehmen, was sie nicht gern machen, den ganzen Finanzkram. Aber in dem Fall lag die Verantwortung bei den Mandanten selbst. Sie waren die Antragsteller.“

Sie warnt ihre Kunden davor, zu hohe – oder manchmal überhaupt – Zuschüsse zu beantragen. Sie sieht Haken, die überall anders aussehen. Ihre Klientel ist über die gesamte Metropolregion Hamburg verteilt: „Im Klartext heißt das, wir haben es mit vier Bundesländern und vier verschiedenen Arten von Anträgen auf Soforthilfe zu tun.“ Oft seien Konditionen für Finanzspritzen noch mal geändert worden, sagt die Hamburgerin, die einmal Steuerinspektorin war. Werde die Vergabe von den Ämtern in Zukunft geprüft, „weiß ich bis heute nicht, auf welcher Grundlage man da entscheiden will. Ich habe die buntesten Anträge gesehen. Und wer macht schon einen Screenshot von seinem Online-Formular?“

So erfreulich schnell der Geldregen auf die Selbstständigen herabzuregnen scheint – die Berater schauen, wo er überhaupt herunterkommen darf.


Der Aufwand war riesig, aber wir sehen keine Effekte. Danke für nichts.

Da ist die Spielwarenhändlerin aus Schleswig-Holstein, „eine sehr akkurat und vorsichtig wirtschaftende Kauffrau“, erzählt Petra Ackmann. Sie sei stets darauf bedacht, ihre Liquidität zu erhalten, um den Durststrecken zwischen den Stoßzeiten ihres Handels zu Ostern und vor Weihnachten trotzen zu können. „Alles richtig zu machen gereichte ihr in der Not zum Nachteil“, sagt Ackmann. Denn um die bis zu 9000 Euro Soforthilfe des Bundes erhalten zu können, hätte die Mandantin ihrer Landesbank nachweisen müssen, nicht mehr flüssig zu sein oder dass Betriebskosten in entsprechender Höhe anfallen.

Kurzarbeit kann die Händlerin für zwei ihrer Verkäuferinnen nicht anmelden, da die beiden auf Minijob-Basis bei ihr arbeiten. „Da hat sie die Löhne aus eigener Tasche bezahlt“, erzählt Ackmann, dazu Ladenmiete, Versicherungen und die für das Ostergeschäft gelieferten Waren. Die Mittel der Händlerin schmolzen dahin.

Ein anderer Mandant, der seine Steuern
in Nordrhein-Westfalen zahlt, muss dagegen keinen Liquiditätsengpass nachweisen, um die Soforthilfe in voller Höhe über die Landesbank dort abzurufen. In Nordrhein-Westfalen reicht es, den Umsatzeinbußen die Höhe der Betriebskosten und Verbindlichkeiten gegenüberzustellen. „Diese Ungerechtigkeit wird nachwirken. Das frisst sich in die Gesellschaft“, sagt Ackmann. 

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29. Mai
Neue EU-Steuern infolge der COVID-19-Pandemie? / „Das Eckpunktepapier vom 3. Juni zum Konjunkturpaket 2020 enthält nicht nur 57 Punkte, die teilweise mehrere Einzelmaßnahmen beinhalten. Jede Einzelregelung wird zudem in unterschiedlicher Form diskutiert und in geltendes Recht umgesetzt.“ /

4. Juni – 
Regierung plant Senkung der Mehrwertsteuersätze
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 „Das kam völlig überraschend. Keiner hat hier damit gerechnet.“ (Rainald Vobbe, FGS)

„Der Aufwand war riesig, aber wir sehen keine Effekte. Danke für nichts.“ (Petra Ackmann, Flachs 12)

„Weil es in der Software der Mandanten Umstellungspannen gab, hatten wir es mit Teilstornos und Rechnungskorrekturen in drei- bis vierstelliger Höhe zu tun. Es war der Horror.“ (Isabel Franzka, ABG)

Der Diplom-Finanzwirt Rainald Vobbe ist bei Flick Gocke Schaumburg Experte für Verbrauchssteuern. Dass die Steuer gesenkt wird, erfährt er am 4. Juni morgens aus der Presse wie jeder Laie auch. Weil nicht klar ist, wie genau die Blitz-Senkung in die Tat umgesetzt werden soll, und das in nur vier Wochen, greift er sich die Akten aus den Jahren 2006 und 2007. Damals wurde die Mehrwertsteuer um drei Prozentpunkte erhöht. In der Hoffnung, dass nur die Zahlen getauscht würden und ansonsten alles ähnlich liefe, bringen sie die Umstellung auf den Weg. „Tja, und dann kommen ein Tage später 26 Seiten vom
Finanzministerium“, sagt Vobbe. Und natürlich war nicht alles genauso wie damals, vor dreizehn Jahren.

Vobbe muss Fragen klären: „Wie geht zum Beispiel ein Möbelhaus mit Bestellungen um, die vor Juli aufgegeben wurden, aber erst nach dem 1. Juli 2020 geliefert werden? Fallen 16 oder 19 Prozent Mehrwertsteuer an, und erhält der Kunde die Ware nun günstiger? Wie geht ein Touristikunternehmen mit Regressforderungen um, unter welchen Umständen kann es sich vom Fiskus Umsatzsteuer für nicht erbrachte Leistungen zurückholen? Und immer wieder die Frage in Dresden, Hamburg, Bonn: Wie legt man den „Leistungszeitpunkt“ fest – beim Hausbau, bei Wartungsverträgen, bei Abschlagszahlungen? Einmal müssen von ABG Tausende Abrechnungen eines Energieversorgers teils storniert, neu gestellt und gebucht werden. „Das sind alles enorme Kosten“, so Franzka.

Den erhofften Schub für den Konsum beobachten die Experten bei ihren Mandanten kaum. Bei FGS laufen viele Geschäfte ihrer Klientel zwischen großen Unternehmen, Business to Business. Ob die Umsatzsteuer da drei Prozent höher oder niedriger ausfällt, macht nur diesen einen Unterschied: Darauf umzustellen kostet Geld, Zeit und Nerven – aber sie bringt, als quasi durchlaufender Posten, keinen Vorteil.

Selbst Händlern, die doch davon profitieren sollen, fällt die Regelung erst einmal auf die Füße: Eine Möbelhauskette sieht sich im Juni mit einer Reihe von Widerrufen kürzlich geschlossener Kaufverträge konfrontiert. Die Kunden wollen bis Juli warten, dann ihre Sofas oder Küchen noch mal bestellen, nur eben drei Prozent günstiger. Allerdings hat der Händler die Ware beim Hersteller längst geordert – zum alten Preis.

Ohnehin, sagen Bärsch und Vobbe, die beide auch Lehrbeauftragte an Hochschulen sind, könnten viele Mandanten keine Effekte der Maßnahme mitnehmen. „Eine Umsatzsteuer setzt Umsatz voraus“, sagt Vobbe. „Ein Reiseveranstalter, der keine Reise verkaufen kann, hat keinen.“

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08. Juli
Corona-Überbrückungs-hilfe des Bundes startet/

21. Oktober
Altmaier: „Wir lassen unsere Unternehmen
in der Krise nicht allein.“ –Überbrückungshilfe II kann ab heute beantragt werden
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Um sich vor Betrug zu schützen, wie es ihn im Frühjahr bei der Soforthilfe gab, hat die Bundesregierung vor die neue „Überbrückungshilfe I“ einen „prüfenden Dritten“ geschaltet – die Steuerberater. Nur sie sollen für ihre Mandanten aus dem mit 25 Milliarden Euro gefüllten Fördertopf schöpfen können, der für Juni, Juli und August für kleine, mittelgroße Unternehmen, für Freiberufler und Selbstständige aufgesetzt wird.

Die Berater müssen sich dafür erst registrieren – über ein mehrstufiges Verfahren. Das, erzählt Isabel Franzka, dauere Stunden. Erst dann können ihre Mandanten – kostenpflichtig – die Hilfe über die Beraterinnen beantragen. Der Sinn dahinter? „Wir haften“, sagt Franzka. Wenn das Finanzamt in den kommenden Jahren prüft und Fehler findet, „hängen wir im Turm“, sagt Petra Ackmann in ihrem beherztem Hafenarbeiter-Slang.

Sowohl Franzka als auch Ackmann grübeln elbaufwärts und -abwärts, wie es wohl um die Leasing-Raten für Autos steht: In welchem Fall sind das „Finanzierungskosten“, die man ansetzen darf? Und was fällt alles unter „weitere feste Ausgaben“, ein Begriff wie ein Joker? Ist er einsetzbar für die Wohnungsmiete des selbstständigen Profimusikers, der sonst keine Betriebsausgaben hat?

Weil ab Juni bis zu 80 Prozent der Fixkosten der Unternehmer erstattet werden können, setzt ein Run auf die Steuerberatungen ein. „Wir konnten aber einfach keine Mandate mehr annehmen“, sagt Ackmann. Deshalb berechtigt die Regierung schnell noch Rechtsanwälte, Wirtschaftsprüfer und vereidigte Buchprüfer dazu, Anträge zu stellen.

Isabel Franzkas Team hat Mitte Oktober gerade die letzten Anträge zur Überbrückungshilfe I übermittelt – da wird schon Nummer II aufgelegt für September, Oktober, November und Dezember. Nun können sogar bis zu 90 Prozent der Fixkosten erstattet werden. Das ist gut für die Mandanten. Für ihre Berater heißt das: Alles muss neu -berechnet werden. „Und kann man nicht einfach mal sagen, ob die Mehrwertsteuersenkung, wie gemunkelt wird, nun länger beibehalten wird oder nicht?“, fragt Petra Ackmann sechs Wochen vor Jahresende. „Wir möchten planen können.“

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29. Oktober
Neue Corona-Hilfe: Stark durch die Krise. „Die außerordentliche Wirtschaftshilfe wird ein Finanzvolumen von bis zu 10 Milliarden Euro haben und kann aus den bestehenden Mitteln, die für Corona-Hilfsprogramme vorgesehen sind, finanziert werden.“
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Der nächste Lockdown wird angekündigt – und auch, wie man im totgesagten November die Wirtschaft beatmen will. Bis zu 75 Prozent des Umsatzes vom Vorjahresmonat sollen den Unternehmern und Selbstständigen ersetzt werden. Ackmann wundert die Weltfremdheit des Gesetzgebers, die darin zunächst aufscheint. Eine ihrer Mandantinnen vermittelt Schauspieler. Sie bekommt ihr Honorar erst dann, wenn der Film gedreht wird. Der November ist traditionell ihr schwächster Monat. Das Bundesfinanzministerium bessert nach, nun darf wahlweise auch ein Zwölftel vom Umsatzes des Vorjahres beantragt werden.

Den Steuerberatern verlangt die „außerordentliche Wirtschaftshilfe“ wieder außerordentliche Wachsamkeit ab: Denn bevor sie die beantragen können, müssen sie sie mit den Überbrückungshilfen und dem Kurzarbeitergeld verrechnen.

Mitte November werden weitere Regelungen bekannt: Die Überbrückungshilfe III soll kommen, mit einer Laufzeit von Januar bis Juni 2021, höherer Förderhöchstsumme und mehr Ausgaben, die sich ansetzen lassen. Auch eine Neustarthilfe für Soloselbstständige ist geplant.

Für Petra Ackmann geht eines der aufreibendsten Jahre ihres Berufslebens zu Ende. Doch finanziell wird 2020 für Flachs 12 ein bescheidenes Jahr. Denn mit ihren beiden Partnerinnen hat sie den Mandanten ein Angebot gemacht: Sie dürfen noch im laufenden Jahr ihre Vergütung den geschrumpften Umsätzen der Unternehmen anpassen. „Wir gehen mit unseren Mandanten durch dick und dünn. Jetzt ist nach viel ,dick‘ eben ,dünn‘ dran.“ Was anderes, findet sie, „kann man doch in diesen Zeiten gar nicht bringen.“ //

Zwischenbilanz
Von 50 Milliarden Euro Soforthilfen für Selbstständige, kleine Firmen und Freiberufler werden zwischen Frühjahr und Herbst 2020 nur 13,6 Milliarden Euro abgerufen. Bis zum 30. September sind rund 2,2 Millionen Anträge gestellt – davon werden 16 Prozent abgelehnt.

Aus der Ausgabe:

Diese Ausgabe stellt ganz unterschiedliche Experten und Entwicklungen vor, vom Einzelkämpfer bis zum Spezialisten, vom Nachlassverwalter bis zum Insolvenzberater, von der Plattform bis zum Netzwerk. Außerdem im Heft: die Listen der Besten, die Statista wieder für uns ermittelt hat. Mehr als 3600 Branchenvertreter und Geschäftskunden haben bei der Umfrage mitgemacht und ihre Empfehlungen abgegeben.

Wer hilft? Das große Ranking von statista. Die besten Steuerberater & Wirtschaftsprüfer in Deutschland 2021.

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