Virtual Reality zum Anfassen
Auf dem jährlichen Techfestival South by Southwest (SXSW) geht es um die Welt von morgen. Ein Report über Trends, Streits und Visionen, die sich halten – mindestens bis die Massen wieder zur Neuauflage 2025 strömen.
/ Es ist der Morgen des fünften Konferenztages, und der Ballroom D des Austin Convention Centers ist mit 2.400 Personen voll besetzt. Alle schauen auf die großen Leinwände neben der Bühne. Von dort winken zwei Frauen in Overalls in die Kamera: die Astronautinnen Jeanette Epps und Loral O’Hara von der Internationalen Raumstation ISS. Als Epps grinsend das Mikrofon, das sie in der Hand hält, mit einem lässigen Handgelenksschwung in der Schwerelosigkeit rotieren lässt, weicht die gespannte Stille im Publikum lautem Applaus.
Auf der Bühne sitzen drei weitere Frauen von der NASA. Wissenschaftlerinnen, die im Johnson Space Center im nahe gelegenen Houston verschiedene Weltraummissionen begleiten. Epps und O’Hara beantworten über rund 400 Kilometer Distanz Fragen, die das Publikum live per App stellen kann. Man erfährt Menschlich-Kurioses: Der größte Wunsch der Crew wären private Toiletten; gegen den Muskelschwund wird angeleint auf Laufbändern trainiert; und wer unordentlich ist, muss in der Schwerelosigkeit permanent Stifte und anderen Kleinkram suchen, der durch die Raumstation driftet.
Es geht aber auch um das große Ganze. Die Experimente im All dienen schließlich dazu, Probleme auf der Erde zu lösen: neue Medikamente zu entwickeln, das Pflanzenwachstum besser zu verstehen, Veränderungen als Folgen der Klimakrise zu analysieren.
Diese Mischung aus gut gelauntem Entertainment, Feelgood-Optimismus und technischer Wissensvermittlung ist typisch für die SXSW. Die neuntägige Tausendsassa-Konferenz findet jedes Jahr im März in Austin, Texas statt. Gestartet war sie einst als Musikfestival (siehe „Das große Rauschen“ in brand eins /thema 2023). Heute ist die „South-by“ eine Musikmesse, ein Filmfestival und ein internationales Treffen der Digitalbranche.
Während es bei vielen anderen Digitalkonferenzen eher um Investoren-Deals und Selbstvermarktung geht, scheint bei der SXSW ein anderes Anliegen wichtiger zu sein: Unterschiedliche Wirtschaftszweige sollen zusammenfinden, kreative Grenzüberschreitungen möglich werden. So lernen Filmemacherinnen hier etwas über Nachhaltigkeit in der Reisebranche, und App-Entwickler verstehen, in welcher Situation sich derzeit Musik-Labels befinden. Die „Tracks“ genannten Unterbereiche der Konferenz reichen von Energiewirtschaft oder Transportwesen über Werbung oder Design bis zu MedTech und psychedelischen Drogen. Und trotz aller Nischen-Interessen und nerdiger Kleinteiligkeit gibt es natürlich die großen Themen, die vieles überstrahlen.
Das ist der Versuch, einen Überblick über das Unüberschaubare zu geben.
Wir freuen uns, dass Ihnen dieser Artikel gefällt.
Er ist Teil unserer Ausgabe IT-Dienstleister 2025