Amy Webb im Interview
„Königin des digitalen Zeitalters? Das wollte ich schon immer mal sein!“
Von digitaler Kompetenz im Kindergarten bis zum Computer aus Gehirnzellen: Amy Webb denkt Zukunft radikal. Im Gespräch mit brand eins verrät die Trendforscherin, wie sich die IT-Branche wandeln wird und warum es für Deutschland allerhöchste Zeit ist, sich darauf vorzubereiten.
Dieser Artikel erschien in der Ausgabe brandeins /thema IT-Dienstleister 2025.
„Es könnte sein, dass auch Sie und ich Software entwickeln. Verrückt, oder?“
Frau Webb, wenn Sie nicht nur die bekannteste Futuristin der Welt, sondern auch die Königin des digitalen Zeitalters wären, welches Gesetz würden Sie sofort erlassen?
Amy Webb: Oh, Königin des digitalen Zeitalters? Das wollte ich schon immer mal sein! Ich würde … Ich würde einen Pflichtkurs ein-führen, in dem jede und jeder digitale Kompetenz lernt. Der Kurs sollte im Kindergarten beginnen und sich durch die gesamte Schulzeit ziehen. Kursinhalt: technisches Wissen und kritische Auseinandersetzung mit digitalen Inhalten. Ich will ja nicht so klingen, als möchte ich mich gleich zur Diktatorin aufschwingen, aber es sollte wirklich verpflichtend sein. Für jedes Kind. Und ein Programm „Digitale Kompetenz für Erwachsene“ würde ich auch gleich noch mit auflegen. Das ist auch bitter nötig.
Vorbereitung ist alles. Sie sagen oft: „Es geht nicht darum, mit Prognosen richtigzuliegen. Es geht darum, auf die Zukunft vorbereitet zu sein.“ Worauf muss die IT-Branche in Deutschland vorbereitet sein?
Informationstechnologie verändert sich gerade rasant – von einer Gegenwart mit vielen manuellen Aufgaben hin zu einer Zukunft, in der diese Aufgaben viel stärker automatisiert sein werden. In dieser Zukunft werden wir Menschen nicht mehr für die einfachen, sondern für die anspruchsvollen Denkaufgaben gebraucht.
Beispiel künstliche Intelligenz: Bei KI müssen Unternehmen viele Entscheidungen treffen. Man kann ein KI-System von der Stange nehmen und in die Organisation implementieren. Oder man spielt auf der großen Klaviatur, die es sonst noch gibt – inklusive Agentensystemen, die deutlich automatisierter arbeiten. Jede Lösung hat ihre Vor- und Nachteile in Bezug auf Kosten und Sicherheit, da gibt es viel abzuwägen.
Das zeigt: Die IT-Branche muss in Zukunft noch mehr beraten als bisher. Chief Information Security Officers, Chief Technology Officers oder Chief Information Officers werden noch wichtiger, weil diese Fachleute zunehmend auch strategische Entscheidungen für ihre Unternehmen treffen müssen.
Was ist mit Programmierern? Brauchen wir sie noch?
Wissen Sie, früher war es so: Man kaufte Software in einer Schachtel. Dann lud man sie aus der Cloud herunter. Jetzt bewegen wir uns in eine Situation, in der Software deutlich ephemerer wird. Das bedeutet, meine KI erstellt mir genau die richtige Software genau in dem Moment, in dem ich sie brauche.
Software muss künftig nicht mehr skalierbar sein. Sie bedient nur noch ein Publikum von einer Person: nämlich Sie oder mich. Es wird sehr individuelle Software für sehr kleine Anwendungsfälle geben. Ich denke, das ist ziemlich klar die Richtung, in die sich die Dinge entwickeln. Die No-Code- und Low-Code-Systeme, die wir heute haben, werden sich wahrscheinlich zu Co-Writing-Tools mit natürlicher Sprache weiterentwickeln.
Der Computerwissenschaftler Andrej Karpathy hat zu Recht gesagt: „Englisch ist die heißeste neue Programmiersprache.“ Es könnte sein, dass auch Sie und ich Software-Entwicklerinnen werden. Verrückt, oder?
Ja, es ist so einiges in Bewegung. Experten sprechen von einem Tech-Supercycle – einer Periode, in der mehrere bahnbrechende Technologien gleichzeitig reif für den Massenmarkt werden und alles umkrempeln. Welche Auswirkungen erwarten Sie?
General-Purpose-Technologien wie Elektrizität oder das Internet haben immer schon einen gewaltigen Einfluss auf die Geschichte der Menschheit gehabt. Was wir nun beobachten, ist nicht nur eine solche umwälzende Allzwecktechnologie, sondern gleich drei, die sich zu einem Supercycle verbinden: künstliche Intelligenz, Biotech und das aufstrebende Ökosystem der Wearables – kleiner, vernetzter Computer, die am Körper getragen werden. Stellen Sie sich vor: KI-gesteuerte Diagnosen über Ihre Smartwatch; maßgeschneiderte Medikamente, basierend auf Ihrer DNA; oder Banken, die Finanzen anhand Ihrer Körperdaten optimieren. Das klingt wie Science-Fiction, könnte aber bald Realität werden. Dieser Superzyklus wird unsere Beziehung zu allem neu definieren. Und er wird unterschiedliche Regionen zu unterschiedlichen Zeiten erfassen.
In Deutschland hat er bereits begonnen. Wenn ich bei Ihnen etwas zu sagen hätte, würde ich mich ganz schnell fragen: Wie kommen wir rasch in Vorwärtsbewegung? Damit wir nicht abgehängt werden. Ohne Veränderung wird es nicht gehen.
Was genau könnten wir tun?
Wenn wir wissen, dass dieser Superzyklus da ist und Deutschland in seinen Schlüsseltechnologien über besonderes Know-how verfügt, dann scheint mir das eine Chance zu sein. Deutschland könnte zum Beispiel das globale Zentrum für die Erforschung und Anwendung neuer Materialien werden.
Stellen Sie sich vor, eine Ihrer Autofirmen würde einen Lack herstellen, der nicht zerkratzt. Wirklich nie, egal was man tut. Stellen Sie sich vor, Ihr Auto würde nicht beschädigt, wie schlecht Sie auch einparken! Und wenn man so etwas herstellen kann, dann frage ich mich, warum Deutschland nicht das Land wird, das eine Farbe erfindet, die man garantiert nicht übersprühen kann? Ich weiß, wovon ich rede, denn da, wo ich wohne, gibt es viel Graffiti. Eine solche Farbe wäre mir also viel wert. Genau in dieser Denkweise sehe ich die Chance.
Ein globales Zentrum wird man nicht per Beschluss. Was sind Ihrer Erfahrung nach die häufigsten Fallstricke, die Unternehmen daran hindern, innovativer zu sein?
Der Durchschnittsmensch ändert sich nicht gern, das ist die individuelle Ebene, mit der wir uns auseinandersetzen müssen. Selbst in unserem eigenen Unternehmen war es nicht einfach, ein neues Zeiterfassungssystem für Projekte einzuführen. Meine Güte, das war ein Hühnerhaufen!
Auf der Organisationsebene muss dann das Belohnungs- und Entlohnungssystem stimmen. In Unternehmen, in denen Innovation einen hohen Stellenwert hat, endet die Verantwortung dafür nicht in der Vorstandsetage. Sie ist der Maßstab, an dem alle gemessen werden.
Und es muss ein Change Management geben. Es reicht nicht zu sagen, hier ist KI, das wird die Welt verändern, und wir werden alle tolle Sachen machen. Nur eine starke Führung plus der richtige organisatorische Rahmen plus gezielte Anreize führen zum Ziel. Es ist wichtig, eine Atmosphäre zu schaffen, in der Veränderung Spaß macht. Ich glaube, das ist der Punkt, den alle missverstehen: Veränderung ist ein ganzheitlicher Ansatz.
„Die Frage, die ich mir stellen würde, ist: Wo soll Deutschland in zehn Jahren stehen?“
In deutschen Unternehmen ist ja viel in Bewegung.
Das mag sein, aber es bewegt sich nicht genug. Das Merkwürdige für mich ist: Wenn man sich künstliche Intelligenz anschaut und die Branchen, die am engsten mit ihr verbunden sind – Maschinenbau, Automobilindustrie, Logistik, Pharma – dann sind das alles deutsche Kernindustrien. Das Rückgrat der deutschen Wirtschaft.
Und trotzdem sehe ich nicht viel Transformation. Zumindest nicht so viel, wie ich erwarten würde. Bei diesen Ausgangsbedingungen sollte Deutschland weltweit führend sein. Aber ich glaube, dass es in deutschen Unternehmen etwas gibt, das die Dinge verlangsamt. In Deutschland geht es mehr um Iteration als um Innovation.
Welche Länder können das besser?
Wir leben in einer schwierigen Zeit. Ich würde deshalb nicht in andere Länder schauen und dort nach Lösungen für meine Probleme suchen. Die Frage, die ich mir stellen würde, ist vielmehr: Wo soll Deutschland in zehn Jahren stehen? Das sehe ich nirgendwo artikuliert. Was ich sehe, ist eine verzagte Selbstbespiegelung.
Ich sage das, weil es viele andere Länder auf dieser Welt gibt, die eine glasklare Vorstellung davon haben, was sie wollen. Deutschland braucht auch eine glasklare Vision, sonst ziehen die anderen vorbei.
Eine Vision braucht jedes Unternehmen, sagen Sie. Vor allem in Bezug auf künstliche Intelligenz.
KI ist derzeit ein heißes Thema, aber ich glaube nicht, dass viele Unternehmen eine Strategie haben. Sie haben eine Art Plan, was sie wahrscheinlich in den nächsten ein, zwei Jahren ausprobieren wollen. Aber das ist keine Strategie. Eine Strategie sollte mehr als ein paar Jahre in die Zukunft schauen, besonders wenn es um KI geht. Aber ich sehe nicht viele Unternehmen, die überhaupt eine längerfristige Strategie entwickelt haben.
Wie soll man in derart unruhigen Zeiten denn langfristig planen? Sind nicht im Moment viel eher Resilienz, schnelle Wendungen und agiles Management gefragt?
Gerade jetzt sollte man sich Zeit nehmen, um über die Schlagzeilen hinauszugehen, weg vom Hype. Künstliche Intelligenz ist ein sehr komplexes Bündel von Technologien. Sie ist nicht eine Sache, sondern viele. Und sie hat eine sehr lange Geschichte, die Jahrzehnte vor ChatGPT beginnt.
Einige der klügsten CEOs, die ich kenne, verbringen gerade viel Zeit damit, sich mit allen möglichen Leuten zu treffen, um mehr über KI in all ihren Facetten zu erfahren. Sie sprechen nicht nur mit den Vertriebsabteilungen der großen Anbieter, sondern auch mit Professoren und anderen Experten. Sie versuchen zu lernen. Ich glaube, das ist wahrscheinlich das Wichtigste: sich eine intensive Lernphase zu gönnen. Um zu einer Strategie zu kommen, die wirklich tragfähig ist. Und dann die richtigen Leute ins Team zu holen, die wissen, wie man an dieser Strategie arbeitet und sie umsetzt.
Das nächste große Ziel ist AGI, Artificial General Intelligence, eine Allzweck-KI, die alles so gut können soll wie ein Mensch. Man spricht aber auch schon von ASI, der künstlichen Superintelligenz, die den Menschen in jeder Hinsicht überflügelt. Was wäre ein optimistisches Szenario, und wie kommen wir dahin?
Oh, ich denke, ASI ist von Natur aus katastrophal, weil es bedeutet, dass kein Mensch mehr eingebunden ist, da eine Zusammenarbeit von Mensch und Maschine unsere Fähigkeiten übersteigen würde. Und ich kann mir keine Zukunft vorstellen, in der die völlige Abwesenheit des Menschen ein gutes Ergebnis wäre.
Was AGI betrifft – auch sie könnte katastrophal enden, wenn wir nicht eingreifen. Das sehe ich ganz klar. Aber es geht nie um die Technologie an sich. Es geht darum, WIE wir die Technologie einsetzen. Das heißt: Wir haben einen Handlungsspielraum, den wir rechtzeitig nutzen müssen. Rechtzeitig heißt: jetzt. Denn ich würde argumentieren, dass AGI bereits existiert und in vielen verschiedenen Formen aufgetaucht ist.
GNoME von DeepMind zum Beispiel, ein multimodales System zur Materialgenerierung, hat in kürzester Zeit mehr neue Materialien entdeckt als Forscherinnen und Forscher in 800 Jahren. Das ist für mich AGI, wenn man eine Standard-Definition zugrunde legt. Und es macht deutlich, mit AGI können wir Erstaunliches schaffen. Aber nur, wenn wir es richtig machen.
Wo wir gerade bei den wilderen Themen sind: In Ihrem »Tech Trends Report« beschreiben Sie ein Szenario, in dem wir Computer aus menschlichen Gehirnzellen züchten. Nicht auf der Erde, sondern im Weltraum, jenseits rechtlicher und ethischer Grenzen. Neben AGI, ASI wird es also auch OI geben: organoide Intelligenz?
Die gibt es bereits. Es klingt wie aus einem Science-Fiction-Film – ein „Biocomputer“, der von menschlichen Gehirnzellen angetrieben wird. Tatsächlich arbeiten Forscherinnen und Forscher längst in diese Richtung. Das Verrückte daran: Einerseits kann ein menschliches Gehirn nicht einmal mit einem Taschenrechner mithalten, andererseits denken wir so komplex, dass die benötigte Rechenleistung etwa einem Exaflop entspräche. Der beste Supercomputer schafft das gerade, aber der steht auf 680 Quadratmetern und verschlingt Unmengen an Energie.
Unser Gehirn erledigt Erstaunliches auf viel kleinerem Raum und braucht nicht mehr als die Energie aus drei Mahlzeiten pro Tag. Sehr faszinierend.
Da setzt organoide Intelligenz an?
Ja, der Kern des Konzeptes sind Organoide: aus menschlichen Zellen hergestellte Gebilde, die mit ihren komplexen Verschaltungen einem Mini-Gehirn ähneln. Es ist schon gelungen, einen solchen „Computer“ so lange mit verschiedenen Stimmen zu trainieren, bis er sie erkennen konnte. Das ist bemerkenswert. Wir stehen noch ganz am Anfang der Forschung. Aber es gibt viele Gründe, diese Arbeit voranzutreiben. Die Nachfrage nach Rechenleistung explodiert. Irgendwann werden wir eine andere Art von Computer brauchen. Vielleicht ist es ein Quantencomputer, vielleicht ein hybrider Quantensupercomputer. Oder vielleicht ist es ein Computer aus menschlichen Gehirnzellen.
Das wirft komplexe ethische Fragen auf. Ob Hirnorganoide Schmerzen empfinden können etwa oder ob sie gar ein Bewusstsein entwickeln. Auch welche Rechte die Spender der Zellen hätten … Würden Sie einen Computer aus Ihren Zellen züchten wollen?
Wahrscheinlich nicht. Erstens: Wie kommen Sie an meine Zellen? Vielleicht sogar Gehirnzellen! Ich habe viele Haare. Man müsste meinen Schädel aufbohren. Also … nein! Das würde ich wahrscheinlich aus ganz praktischen Gründen nicht wollen. Und ich mag den Gedanken nicht, dass es da draußen eine Version von mir gibt, die die Welt mit falschen Prognosen beglückt.
Stellen Sie sich vor, Sie könnten jetzt sofort in diese ferne Zukunft reisen. Was würden Sie tun?
Oh, ich würde wie eine Touristin essen – das heißt, ich würde alles probieren wollen, was beliebt und typisch ist. Wenn ich in ferner Zukunft in Deutschland wäre, fragte ich mich, wie sich Kartoffelpuffer wohl entwickelt haben werden. Werden Kartoffeln dann überhaupt noch auf Feldern im Freien angebaut? Oder in vertikalen Farmen in Innenräumen? Oder werden sie gar in Bioproduktionsanlagen hergestellt?
Und in der Zukunft würde ich mir jedes Reality-Fernsehen ansehen, das es zu diesem Zeitpunkt gibt. Es wird kein lineares Fernsehen sein, aber was immer es an Reality-Unterhaltung auf welchem Gerät auch immer gibt, ich würde es mir ansehen. Manche Dinge ändern sich eben nie. //
„Wir haben einen Handlungsspielraum, den wir rechtzeitig nutzen müssen. Rechtzeitig heißt: jetzt.“
Zur Person
Die Amerikanerin Amy Webb ist eine der bekanntesten Futuristinnen unserer Zeit. Als Gründerin und Chefin des Future Today Institute sowie Professorin an der New York University blickt sie seit zwei Jahrzehnten passioniert in die Welt von morgen. Heute suchen Regierungen und die CEOs der größten Unternehmen ihren strategischen Rat. Sie hat sich einen Namen gemacht als scharfsinnige Analystin mit einem Gespür für die großen Zusammenhänge. Ihr jährlicher »Tech Trends Report« gilt als Bibel der Zukunftsforschung.
»Tech Trends Report«
In ihrem aktuellen »Tech Trends Report«, dem 17. ihres Future Today Institute, beschreibt Amy Webb nicht nur den von ihr beobachteten „Tech-Supercycle“, in dem sich mit KI, Biotechnologie und Wearables drei Technologien vereinen, die unser Leben grundlegend verändern könnten. Auf 979 Seiten geht es auch um fast 700 weitere Trends, die Webb und ihr Team identifiziert haben. Zum vollständigen Bericht: futuretodayinstitute.com