Einfach smart
In der Digitalisierung sind Deutschlands Kommunen notorische Nachzügler. Ein Förderprogramm hat jetzt zumindest in sechs Dutzend Städten smarte Projekte angeschoben. Einige könnten unsere Art, zu planen und zu leben, spürbar verändern.
/ Es könnte so einfach sein.
Wo warten heute Morgen auf meinem Arbeitsweg Baustellen, welcher Bus bringt mich wann stattdessen schneller ans Ziel, wie kriege ich meine Stromverbrauchsdaten zu den Stadtwerken, und musste ich heute nicht die Mülltonne an die Straße stellen? Oder war’s der Gelbe Sack?
Antworten auf Fragen jener Art, wie sie sich Stadtbewohnerinnen und -bewohner alltäglich stellen, finden die Einwohner Lübecks in ihren Hosentaschen. Genauer: durch einen Griff zum Smartphone und einen Blick in „Mein Luebeck“. Über die App, die von den Stadtwerken Lübeck betrieben wird, können die Lübeckerinnen und Lübecker unter anderem im Handumdrehen Teil-Autos buchen, Veranstaltungen einsehen, Schlaglöcher in den Straßen im Rathaus melden oder Ampeln, die nicht funktionieren. Alles auf einen Klick. Man könnte auch sagen: ziemlich smart.
Bemühungen sind bisweilen für die Tonne. Dabei lässt sich fast alles digitalisieren
820 Millionen Euro für smarte Projekte
„Mein Luebeck“ ist Teil des „Social Smart City“-Konzeptes der norddeutschen Hansestadt, die sich seit 2018 bemüht, genau das zu werden. Das Lübecker Digitalprojekt wiederum gehört zu einem Modellvorhaben, für das das Bundesbauministerium vor fünf Jahren 820 Millionen Euro lockergemacht hat, um die sich Städte mit Digitalisierungs-Initiativen bewerben konnten. Berlin und Bamberg, Solingen und Jena, Osnabrück, München und Hamburg sowie 66 weitere kleinere und größere Gemeinden: Sie alle wollen so bald es geht rundum digital bespielte Kommunen werden.
Es ist der Versuch, aufzuholen zu smarten Vorbildern wie Estland, das, als es sich 1991 von der Sowjetunion lossagte, seine gesamte Verwaltung neu aufstellte – und zwar konsequent digital. Ein Haus kaufen, ein Haustier anmelden, bei Wahlen seine Stimme abgeben: 99,9 Prozent aller staatlichen Dienstleistungen können die Esten heute online erledigen.
Oder Kopenhagen, das 2035 den Status der ersten klimaneutralen Hauptstadt erreichen will und Verkehr und Infrastruktur intelligent steuert: Allein 76 Prozent der Energie für Straßenbeleuchtung spart die Stadt, indem Leuchten sensorgesteuert nur dann anspringen, wenn sich ein Radfahrer oder Fußgänger nähert. Oder Barcelona, dessen Einwohner nicht nur Stadtentwicklungsprojekte über die Partizipationsplattform Decidim diskutieren, sondern gleichzeitig entscheiden können, wie viel Geld ihre Stadt für einen Quartiersumbau oder einen neuen Parkplatz ausgeben soll.
Die wohl ambitionierteste europäische Smart-Kommune aber wächst seit 2009 am Rande Wiens mit der Seestadt Aspern heran. Der neue Stadtteil, in dem in den 2030er-Jahren 25.000 Menschen zu Hause sein sollen, wird unter anderem durch eine Kooperation von Siemens und den Stadtwerken mit mehr als 250.000 Sensoren bestückt, die zum Beispiel die Energieerzeugung der Photovoltaikflächen auf den Dächern mit dem Energieverbrauch in Einklang bringen sollen. In einem Smart Grid werden das Stromnetz und die Gebäude als Energieabnehmer permanent miteinander im Datenaustausch stehen. So wird beispielsweise Ladestrom für E-Fahrzeuge bevorzugt dann zur Verfügung gestellt, wenn die Sonne ihn gerade üppig produziert.
Deutschlands Städte hingegen verharren weitgehend im Analogmodus, und das liegt auch an einem föderalen Geburtsfehler: Für den Kontakt zum Bürger sind weder Bund noch Länder, sondern in erster Linie die Kommunen zuständig. Und die sind klamm.
Rick Trojahn ist Smart-City-Experte bei der IT-Beratung Adesso und hat dadurch den Vergleich mit anderen europäischen Städten. Er schätzt den aktuellen Rückstand Deutschlands gegenüber Ländern wie Estland oder Dänemark „auf circa 20 Jahre“. Dass dieses Hinterherhinken geduldet wird, ist umso erstaunlicher, als dass es für Bundesbürger im Privat- und Berufsleben völlig normal ist, online zu shoppen, Tickets zu buchen, persönliche Daten zu aktualisieren, berufliche Großprojekte zu managen und per App und Mausklick ihr Leben zu organisieren.
Bei ihrer Stadtverwaltung hingegen brauchen sie dafür Geduld, eine Wartenummer und durchschnittlich zwei Stunden und einundzwanzig Minuten Zeit. So viel Zeit kostet nach Erhebungen des Digitalverbandes Bitkom jeder Behördengang den Bundesbürger im Durchschnitt.
Kurioserweise erwarten die Deutschen von ihren Verwaltungen nicht einmal mehr Services von jener Qualität, die bei kommerziellen Anbietern selbstverständlich ist. Wer beispielsweise wissen will, wo auf den Straßen seiner Stadt gerade Baustellen sind, „fragt natürlich nicht das Tiefbauamt seiner Stadt, sondern eine Suchmaschine wie Google“, sagt Michael Pfefferle. „Dabei weiß das Tiefbauamt es ganz genau, und das sogar im Voraus.“
Pfefferle ist Bereichsleiter Smart City beim Digitalverband Bitkom und erstellt alljährlich den „Smart City Index“, eine Art Digitalisierungsgradmesser der 81 bevölkerungsreichsten Städte. Dabei landen München, Hamburg und Köln in der aktuellen Gesamtwertung auf den vorderen drei, Remscheid, Magdeburg und Bremerhaven auf den letzten drei Plätzen.
Aus seinen Daten kann der Politologe ablesen, wie viele Coworking-Spaces die Städte anbieten (durchschnittlich 11,9) und wie viele immer noch keine digitale Führerscheinanmeldung haben (90 Prozent). Er sieht, dass Breitbandanschlüsse mittlerweile in 83 Prozent, Glasfaseranschlüsse jedoch nur in 17 Prozent der Großstädte verfügbar sind, wie viele Städte ihre Daten in Open-Data-Portalen (79 Prozent) und wie viele ihre ÖPNV-Fahrtzeiten in Echtzeit (100 Prozent) teilen. Er weiß, dass aktuell 75 Prozent der Großstädte smarte Straßenbeleuchtung, jedoch erst 40 Prozent durchgängig elektronische Akten einsetzen. Und während Eltern in Osnabrück den Kita-Platz einfach online buchen, führen die Hauptstädter mühsam Excel-Listen mit den Kindergartenplätzen und Anmeldefristen der Millionenmetropole.
Was aber heißt überhaupt „smart“ für eine Stadt? In den Augen des Bitkom-Experten Pfefferle zeigt sich Smartness in drei Dimensionen, wobei jede Stadt ihre eigenen Schwerpunkte setzt:
Aktueller Rückstand Deutschlands gegenüber Ländern wie Estland oder Dänemark? Geschätzte 20 Jahre!
– Digitale Dienstleistungen:
Gemeinden, die als moderne Dienstleister mit ihren Bürgern interagieren und ihnen die Anmeldung eines Handwerks, Kindergeldanträge oder Bezahlung von Bußgeldern digital ermöglichen
– Vernetzte Rathäuser:
Kommunen, die intern digital arbeiten und planen, etwa mithilfe von Digitalen Zwillingen, elektronischen Akten oder tagesaktuellem Straßenzustandsmonitoring
– Smarte Steuerung:
Städte, die smarte Technologien für die Echtzeit-Steuerung ihres Stadtlebens nutzen – beispielsweise durch Smart Metering städtischer Gebäude, digitalem Monitoring ihrer Luft-, Wasser- und Bodenqualität oder Ampelschaltungen, die sich der Verkehrslage anpassen.
In Deutschland scheitern sehr viele dieser Vorhaben an mangelndem Geld, was sich sogar an dem Modellvorhaben selbst zeigt. Dessen Fördergelder sind auch fünf Jahre nach Projektbeginn immer noch nicht vollständig abgerufen. Denn das Bundesministerium für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen (BMWSB) übernimmt in der Regel nur 65 Prozent der Kosten eines Smart-City-Projektes. Die verbleibenden 35 Prozent müssen die Kommunen selbst tragen – und das, so Adesso-Berater Rick Trojahn, „ist angesichts der aktuellen Haushaltslage für den Großteil einfach zu viel“.
Wie unterschiedlich die Schwerpunkte und vielfältig die Probleme der Städte sind, zeigt sich bei Stippvisiten in Solingen, Lübeck und Hamburg – drei Städten, die sich auf den Weg gemacht, aber noch eine lange Strecke vor sich haben.
Eine Smart City ohne Smart Citizens – also Bürgern, die möglichst viele Dinge digital erledigen können – ergibt wenig Sinn.
Solingen stellt sich in den Weg
Nils Gerken ist Solingens Chief Digital Officer, er arbeitet bereits seit 2004 in der Verwaltung der Stadt, die man von früher als Klingenstadt kennt – und heute als offiziell überschuldet. Gerken hat ein verheerendes Hochwasser, die Flüchtlingskrise 2015 und die Corona-Ausnahmesituation fünf Jahre später hautnah miterlebt. Er weiß daher noch genau, wie lange es nach Ausbruch der Corona-Pandemie dauerte, bis sie in der Stadtverwaltung die Plakate mit der Aufforderung, Masken zu tragen, getextet, gesetzt, abgestimmt, gedruckt und verteilt hatten. „In solchen Notsituationen müssen wir schneller werden.“
Dafür entwickelten Gerken und seine Kollegen mit Unterstützung durch die TU Braunschweig und die Bundesregierung „Smartkris“, ein Informationssystem, mit dem sie künftig möglichst schnell möglichst viele der 165.000 Solingerinnen und Solinger erreichen wollen: Welche Parkplätze werden bei Hochwasser geräumt, welche Oberleitungen müssen abgeschaltet werden, in welchen Stadtvierteln steht die Flut gerade wie hoch? Diese Informationen kann die Stadtverwaltung künftig auf Knopfdruck zeitgleich auf ihrer Homepage, ihrer „Solingen App“ mit bislang mehr als 20.000 Downloads und 20 Stelen mit Digital-Displays im Stadtgebiet ausspielen.
Diese Stelen sind Ergebnis einer Erkenntnis, die vielen Städten auf dem Weg zur Smartness kommt: Es langt nicht, wenn sich eine Stadtverwaltung digitalisiert – damit sie Wirkung erzielen kann, müssen es ihre Einwohner gleichzeitig tun. Wie aber erreicht und qualifiziert man jene, die analog aufgewachsen sind, denen das Geld für Laptop oder Smartphone fehlt oder die aufgrund von Sprach- oder intellektuellen Barrieren mit deren Bedienung überfordert sind? Solingens Antwort sind die Stelen. Mit ihnen, sagt Gerken, „wollen wir uns möglichst vielen Bürgern buchstäblich in den Weg stellen.“
Smarte Projekte sind manchmal abgehoben, aber immer ein Fingerzeig in die Zukunft
Lübeck setzt alles auf eine Karte
390 Kilometer weiter nördlich versucht sich Lübeck den selbst verliehenen Titel „Social Smart City“ unter anderem durch das Projekt „Nachtschicht“ zu verdienen, in dem IT-Experten in ihrer Freizeit Websites für Sozialträger erstellen. Ein anderes heißt „Digital für alle“ und sammelt gespendete Laptops ein, die fit gemacht und an jene Lübecker Bürger verteilt werden, die keinen eigenen besitzen.
„Eine Smart City ohne Smart Citizens – also Bürger, die möglichst viele Dinge digital erledigen können – ergibt nun einmal wenig Sinn“, sagt Stefan Ivens, Chief Digital Officer der Hansestadt, „Wir müssen auch gleichzeitig den Digital Divide in der Bevölkerung verringern.“ Also das sozial spaltende Element der Digitalisierung.
Herzstück des Lübecker Smart-Umbaus ist das Geoportal „Smart City Plattform“, eine interaktive, für jedermann einsehbare Lübeck-Karte. Auf ihr können Bürger unter anderem alle Anliegen zur Stadtinfrastruktur einsehen, die sie gemeldet haben, und zwar mit dem Datum ihrer Meldung und dem aktuellen Status ihrer Bearbeitung. Ein Klick auf eines der Icons, und man stößt beispielsweise auf:
– Meldung Nr. 15260:
„Das Klettergerüst wurde beschmiert mit einem Hakenkreuz etc.“ Status: Anliegen in Bearbeitung
oder
– Meldung Nr. 15326:
„Die Laternen im Borstelweg und die Laterne Ecke Forstweg sind wieder ausgefallen.“ Status: Anliegen abgeschlossen.
Man merkt, die Hansestadt will ihren Bürgern das Leben digital ernsthaft erleichtern. Das Problem: Viele wissen gar nichts davon. Schuld ist laut Digitalchef Ivens der Datenschutz. Der verbiete es Kommunen wie Lübeck, eigene Social-Media-Kanäle zu bespielen. Wer dies dennoch tue, verstoße gegen geltendes Recht. „Wir Städte kommunizieren noch wie in den Neunzigern, um unsere Angebote für die Zwanziger zu vermarkten“, sagt Ivens seufzend. Immerhin: Seine „Mein Luebeck“-App wurde bereits rund 80.000-mal heruntergeladen. Rein rechnerisch trägt fast jeder dritte Lübecker sie mit seinem Smartphone herum.
Hamburg klont sich digital
Die Lösung hingegen, an der Nora Reinecke und ihre Kollegen seit drei Jahren arbeiten, hat noch kein einziger Bürger genutzt. Dabei ist ihr Projekt mit einem Budget von 32 Millionen Euro und 70 Mitarbeitenden in drei Metropolen das mit Abstand teuerste und ambitionierteste der Smart-City-Modellprojekte. Und wenn nur die Hälfte der Versprechungen eintrifft, die mit ihm verbunden werden, könnten sie das Antlitz deutscher Städte tatsächlich über Jahrzehnte hinweg verändern.
Reinecke und ihr Team haben sich nicht weniger vorgenommen, als drei komplette Städte digital nachzubauen: Hamburg, Leipzig und München formen sie in ihrem Gemeinschaftsprojekt als virtuelle Abbilder nach, die – anders als die filigranen Stadt-Modelle, die man in Rathäusern unter Plexiglashauben bestaunen kann – mit der Entwicklung der Metropolen Schritt halten, genauer: sie vorwegnehmen. Als vernetzte Digitale Zwillinge sollen Behörden und Bürger mit ihnen unterschiedliche Entwürfe der Zukunft ihrer Stadt durchspielen, visualisieren, diskutieren, verwerfen oder umsetzen können. „Mit urbanen Digitalen Zwillingen können Städte unterschiedlichste Szenarien ausprobieren oder Fehler erkennen, bevor man sie gemacht hat“, sagt Projektleiterin Reinecke und hofft: „Fundierte Entscheidungsgrundlagen führen zu besseren Ergeb-nissen, größerer Offenheit, Verantwortung und Veränderungsbereitschaft.“
Die Digitalen Zwillinge ihrer Stadt können Planer mit Echtzeitdaten füttern und die Konsequenzen prüfen. Sie können simulieren, wo in einem Neubauviertel im Sommer Hitze-Inseln entstehen könnten oder welchen Schatten geplante Hochhäuser wann wo würfen. Sie können testweise an der Mietenspiegelschraube drehen und prüfen, welche Auswirkungen höhere Mieten haben: Was bedeutet das für die Verkehrssituation, die Bevölkerungsstruktur, die Kita- und Schulplätze und für die allgemeine Entwicklung des Quartiers? Was, wenn wir den Anteil der mietpreisgebundenen Sozialwohnungen erhöhen?
„Mit urbanen Digitalen Zwillingen können Planer beliebig viele Optionen ausprobieren, ohne Programmierer sein zu müssen“, sagt die Geografin Reinecke, die vor drei Jahren von einem Privatunternehmen in die Hamburger Senatskanzlei gewechselt ist. Im besten Fall, sagt sie, bewirke das einen Mentalitätswandel in der Stadtentwicklung: mehr Mut, mehr Partizipation, schlussendlich auch zufriedenere Bürger.
Hamburg will nicht nur mit seiner Elbphilharmonie ein Zeichen setzen
Jeder entwickelt für sich allein
Allerdings sind die Vorarbeiten enorm aufwendig. Die Basis der Digitalen Zwillinge sind Daten, über die Städte, wie Reinecke weiß, in Unmengen verfügen. Das Problem: Die meisten ruhen in analogen Aktenfriedhöfen, getrennt nach Ämtern und Zuständigkeiten, unzugänglich und häufig unauffindbar. Reinecke und ihre Teams heben daher zunächst einmal Datenschätze, führen sie in Datenplattformen zusammen und testen sie an konkreten städtischen Fragestellungen. Ihr Team hat sogar eine DIN-Spezifikation für Digitale Zwillinge initiiert. „Klingt langweilig“, sagt Nora Reinecke, „heißt aber, dass nicht jede Stadt wieder eigene Standards entwickeln muss.“
Denn das ist die Idee des bundesdeutschen Modellvorhabens: Was einige erfolgreich vormachen, werden viele nachmachen. So weit die Theorie.
Praktisch gibt es Bedenken. Lübecks Digitalchef Stefan Ivens bedauert, dass die Datenplattform bisher nur von Lübeck eingesetzt werde, obwohl sie bereits jetzt nachgenutzt werden könnte. „Wir haben sie extra so entwickelt, dass viele Kommunen sie nutzen, um dann gemeinsam mit allen an der Weiterentwicklung zu arbeiten. Stattdessen entstehen neue Entwicklungen, die unserer ziemlich ähnlich sehen. Letztlich wird man sehen müssen, welche Lösung sich durchsetzt oder wie die unterschiedlichen Plattformen miteinander interagieren können.“
Genau darin sieht Bitkom-Experte Pfefferle einen Konstruktionsfehler des Modellprogramms: Die Bundesregierung habe sich in der Hoffnung auf Breiteneffekte entschieden, die Kommunen allein werkeln zu lassen. „Kleinstädte, die eine Halbtagsstelle für Digitalisierung haben, sind aber schon mit dem Ausfüllen der Förderantrage überfordert.“ Gravierender ist, dass mit Auslaufen der Förderung im kommenden Jahr viele Projekte zu scheitern drohten, bevor sie richtig begonnen haben. Vielen Kommunen fehle schlicht das Geld, um Smart-City-Lösungen auf eigene Kappe weiterzuentwickeln.
Früher war für Städte ein naher Autobahnanschluss ein Standortfaktor. Heute sind es Glasfaseranschluss und smarte Dienste.
Es führt kein Weg an der Smart City vorbei
Kurioserweise herrscht unter Experten dennoch Zuversicht, dass die deutschen Städte smart werden. Denn, so der Tenor, die Kommunen haben gar keine andere Wahl. Ein Grund dafür ist ein wirtschaftlicher. „Früher war für Städte ein naher Autobahnanschluss ein Standortfaktor“, sagt Pfefferle, „heute sind es Glasfaseranschluss und smarte Dienste. Wer Fachkräften keine attraktiven Lebensbedingungen bietet, fällt im Wettbewerb um sie zurück. Und damit verliert eine Kommune auch bei Betrieben, die sich in ihrer Region ansiedeln – oder eben nicht.“
Der zweite Treiber für den smarten Stadtumbau ist ein weltumspannender. „Unsere Stadt will wie andere auch bis 2040 klimaneutral werden, das ist für uns ohne smarte Technologien gar nicht zu schaffen“, sagt Nils Gerken, Solingens Chief Digital Officer. Parallel zur anstehenden Dekarbonisierung rollt noch eine dritte Welle auf die Städte zu: Bis 2030 wird sich ein Viertel der städtischen Belegschaften aus den Rathäusern und Ämtern in den Ruhestand verabschieden. Die Kommunen haben gar keine andere Chance, als ihre Arbeit digitaler, smarter und damit effizienter zu gestalten.
Und je früher ihnen das gelingt, desto vorteilhafter für sie. Zwar „tun wir uns noch selbst bei einfachsten digitalen Lösungen schwer“, sagt Michael Pfefferle. Sehr bald aber würden smarte Dienstleistungen genauso zur Infrastruktur deutscher Städte gehören, wie es heute Müllabfuhr, Kindergarten und Kanalisation tun. //
