Hype und Hoffnung
/ Kann Deutschland KI? Die Frage ist nicht trivial, schließlich tobt weltweit ein heftiger Wettbewerb um immer neue Anwendungen und Entwicklungen auf dem Weg ins Zeitalter der künstlichen Intelligenz. Vor allem die USA und China treiben den größten technologischen Umbruch seit dem Internet massiv und lautstark voran. Europa hingegen ist leise, Deutschland mehr oder weniger still.
Das ist erstaunlich, schließlich hat der KI-Boom seine Wurzeln eigentlich bei uns. Das bahnbrechende Transformer-Modell – das „T“ in ChatGPT – geht auf die Arbeit des deutschen Forschers Jakob Uszkoreit zurück. Der Bildgenerator Stable Diffusion wurde an der LMU in München entwickelt. Mit DeepL kommt das wohl beste Übersetzungs-Tool der Welt aus Köln. Und Einrichtungen wie das Fraunhofer-Institut, das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz und die Technische Universität München gehören weltweit zur Spitze.
Susanne Risch – Chefredakteurin
Foto: Michael Hudler
Und doch sehen sich laut einer Befragung des Branchenverbands Bitkom hierzulande vier von zehn Unternehmen beim Thema KI abgehängt. Auf Konferenzen fällt nicht selten der Begriff „KI-Entwicklungsland“, wenn es um Deutschland geht. Wie kann das sein? Und muss das so bleiben? Diesen Fragen ist Gregor Schmalzried für uns nachgegangen. Seine Analyse ist vielschichtig und am Ende vorsichtig optimistisch – jedenfalls wenn wir uns entschließen, dem globalen KI-Spiel nicht länger nur von der Seitenlinie aus zuzuschauen (Seite 6).
Mittendrin im Thema waren Lea-Marie Kenzler und Dirk Böttcher, die auf der Suche nach klugen KI-Anwendungen das Land bereisten. Fündig wurden sie unter anderem bei Otto, Strabag und bei ZF Friedrichshafen. Allerdings mussten die beiden Autoren eine ganze Weile suchen. Denn während Start-ups hierzulande schon ziemlich häufig mit KI experimentieren, tun sich Konzerne in Deutschland damit noch schwer. Nur 13 Prozent nutzen künstliche Intelligenz laut einer aktuellen Bitkom-Umfrage tatsächlich schon planvoll (Seite 16).
Auch Digitale Zwillinge werden wohl noch einige Zeit brauchen, bis sie in der Realität den Nutzen stiften, von dem ihre Erschaffer weltweit träumen. Dann aber sollen diese virtuellen Kopien eines realen Originals Effizienz, Flexibilität und Produktivität steigern, Pannen vorbeugen, Zeit und Ressourcen sparen. Im Verbund mit KI sollen Digital Twins Fiktion erschaffen – für den Einsatz im richtigen Leben. Experten aus Wissenschaft und Praxis feiern die Technologie bereits als „neue industrielle Revolution“. Berater von McKinsey halten es für möglich, dass Digital Twins im Zusammenspiel mit KI „Billionen an wirtschaftlichem Wert freisetzen könnten“ (Seite 60).
Dieser Hype wird eigentlich nur noch getoppt von den Fantasien, die sich derzeit um AGI ranken, also um Artificial General Intelligence, künstliche Intelligenz, schlauer als der Mensch, die selbstständig lernen, komplexe Dinge planen und die Welt verstehen kann. So eine Super-KI wäre vielleicht das größte oder gar letzte Big Thing aller Zeiten. Elon Musk wirbt bereits Milliarden dafür ein und hält sie schon 2025 oder 2026 für möglich. Sam Altman, Chef von OpenAI, gibt sich ähnlich selbstbewusst: „Es ist mir egal, ob wir 5 Milliarden oder 50 pro Jahr verbrennen“, verkündete er auf einer Veranstaltung der Universität Stanford. „Aber wir bauen AGI“ (Seite 40).
Dass es neben den Optimisten auch Mah-ner gibt, ist in diesem Fall eher beruhigend. Die Zeit rennt, die technologischen Sprünge sind enorm – wir brauchen mehr Transparenz bei der Entwicklung der Modelle und ihrer Erforschung. Und wir brauchen dringend Antworten auf die Fragen: Wie wollen wir mit künstlicher Intelligenz umgehen – und wo ziehen wir die Grenzen? //
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