Ein Zwilling kommt selten allein
In den Hype um künstliche Intelligenz mischt sich das Comeback des digitalen Doppelgängers. Dank neuer Hochleistungs-Chips soll sich künftig alles perfekt simulieren lassen: Produkte und Fabriken, Kundinnen und Patienten – vielleicht sogar die Biosphäre der Erde.
Leuchtendes Beispiel: KI soll digitale Charaktere so lebensecht wie Menschen agieren lassen / Foto: Nvidia ACE
/ Jen-Hsun Huang ist immer noch kein „Household Name“, den jedes Kind kennt. Keine schillernde Celebrity wie Elon Musk. Keine IT-Ikone wie Bill Gates oder Hasso Plattner. Schon gar kein Pop-Idol wie einst Steve Jobs. Selbst das kalifornische Unternehmen Nvidia, das der gebürtige Taiwaner 1993 mitgründete und seitdem führt, war lange nur einer der vielen unaussprechlichen Zulieferer des Innenlebens von Computern und Autos. Wer die Marke kannte, war entweder Kunde, Tech-Investor oder Nerd.
Das ist im März 2024 weit weg. Huang, der seinen chinesischen Vornamen längst zu „Jensen“ amerikanisiert hat, genießt seinen Auftritt auf der größten Bühne des Silicon Valley. In schwarzer Lederjacke steht er scheinbar lässig da und bombardiert das wie bestellt applaudierende Publikum im San José McEnery Convention Center mit technischen Superlativen samt Namedropping: Amazon, Dell, Mercedes, Siemens. Der Unternehmer weiß: Er ist jetzt interessanter als die CEOs von Apple, Microsoft, Google, Intel oder Meta. Jedenfalls aus Sicht der Wall Street. Dort steht Nvidia so hoch im Kurs, dass der Börsenwert des oft irrtümlich als Chiphersteller titulierten Technologie-Trendsetters 2023 die Marke von einer Billion Dollar überstieg – deutsche Billion wohlgemerkt, amerikanisch „trillion“, eine Zahl mit zwölf Nullen: 1.000.000.000.000. Auf dem Kursgipfel im Juni 2024 sollten es gar 3,3 Billionen sein, mehr als Microsoft oder Apple.
Und wie kommt es zu dieser irrwitzigen Blase? Wegen des Know-hows, Halbleiter zu designen, die dafür sorgen, dass künstlich-intelligente Sprachsynthesizer wie ChatGPT in Sekundenschnelle einen grammatikalisch und orthografisch perfekten Text ausspucken. Oder Chips, die bald die Erde mit Massen von „digitalen Zwillingen“ bevölkern sollen, sprich: mit komplexen Ebenbildern beliebiger physischer Objekte in einem imaginären Paralleluniversum, das Meta-Chef Mark Zuckerberg „Metaverse“ nannte und Huang „Omniverse“.
Das erinnert nicht von ungefähr an „Matrix“ und das Holodeck von Captain Picards Enterprise. Die Digital Twins sind Science-Fiction, und zwar wörtlich genommen: Was die Fantasie der Großanleger beflügelt, ist die Kunst, mittels Wissenschaft und Technik Fiktion zu erschaffen – aber eben nicht mehr nur für Computerspiele oder Animationsfilme, sondern für den Einsatz im richtigen Leben. Immer lebensnähere Simulationen werden uns bald ständig begegnen, live und in Farbe. Twins sollen uns im Privaten helfen und könnten uns im Beruf herausfordern, mal mit 3D-Brille, mal ohne.
Es gibt kaum etwas, für das digitale Geschwister nicht angedacht wären. Sie sollen Fabriken repräsentieren, Organe, ja sogar die Erde.
Von der Fiktion zur Funktion
Es gibt kaum etwas, für das digitale Geschwister nicht wenigstens angedacht wären. Sie sollen Gebäude repräsentieren, Fertigungsstraßen, Autos, Flugzeuge, das Verhalten oder den Organismus eines Menschen, ein tumorbefallenes Organ, ein Ökosystem wie die Nordsee, Wirbelstürme, angeblich sogar die Erde – wenn auch noch nicht alles gleich gut und präzise. Und zu jedem Zwilling wird der Computer stante pede Antworten auf mehr „Was wäre, wenn“-Fragen ausspucken, als ein Mensch sie sich je ausdenken könnte. Die Trial-and-Error-Methode wird digitalisiert, Simulieren geht über Probieren. Das spart im Idealfall viel Zeit, Energie, Material und Geld.
Neu ist das Grundprinzip nicht. Schon 1970, als die meisten „Elektronengehirne“ noch mit Lochkarten gefüttert wurden, konnten sich die Astronauten der Apollo-13-Mission aus ihrer lebensgefährlichen Notlage nur retten, weil das NASA-Kontrollzentrum in der Lage war, die Handlungsoptionen der Crew anhand eines Computermodells vorher durchzuspielen. Noch 20 Jahre später erforderten komplexe Simulationen extrem teure Supercomputer wie die von Cray Research, und sie dauerten lange. Dann gelang es Forschern, große Rechenaufgaben (wie dynamische dreidimensionale Vorgänge) automatisiert in viele kleine zu zerlegen und diese mittels preisgünstiger Großserien-Chips gleichzeitig statt nacheinander zu lösen. Diese Parallelverarbeitung adaptierte Nvidia zunächst für schnelle Grafikkarten, mittlerweile für Multicore-Prozessoren, in denen die zum Training von KI-Systemen benötigten Massendaten auf immer mehr Kerne verteilt werden.
Diese „beschleunigte“ Hardware („accelerated computing“) wirkte in den vergangenen Jahren wie ein Turbobooster auf die Entwicklung von KI-Software – einschließlich Virtual und Augmented Reality (VR/AR, also 3D-Projektionen ohne oder mit Durchblick in die dahinter liegende reale Umgebung). Gleichzeitig wurden in vielen Ländern die Glasfaser- und Funknetze massiv ausgebaut. Cloud-Rechenzentren wie AWS (Amazon) und Azure (Microsoft) konnten nun die für solche Anwendungen nötige Computerleistung auch Nutzern anbieten, denen derlei High-end-Hardware ein paar Nummern zu groß gewesen wäre.
Die erhofften Synergieeffekte dieser sich ergänzenden Fortschritte beflügeln nun den Hype um die „neue industrielle Revolution“, als deren treibende Kraft sich Jensen Huang in San José selbstbewusst in Szene setzte. Ein Analyst fühlte sich laut »Wall Street Journal« gar von Nvidias Firmen-Hausmesse an Woodstock erinnert (die Aufbruchstimmung, nicht den Matsch). Ein Tech-Analysten-Blog hatte es nicht kleiner als „the single most important event in the history of the technology industry“. Die Berater von McKinsey verkündeten unlängst vorsichtig-euphorisch, das Zusammenspiel von KI mit Digital Twins „könnte Billionen an wirtschaftlichem Wert freisetzen“. Der direkte Umsatz mit den Zwillingen werde jedoch weitaus zurückhaltender eingeschätzt. Er soll sich bis 2027 gegenüber 2022 auf mehr als 70 Milliarden Dollar verzehnfachen – also nichts, das zur Börsen-Bubble um Nvidia und seine renditestarken Chip-Bestseller in nachvollziehbarer Relation stünde.
Um viel mehr als computergenerierte Fiktion kann es sich bei solchen Hochrechnungen ohnehin noch nicht handeln, denn die Zahl der Unbekannten ist groß und die Ausgangsbasis klein. Zu heterogen sind die potenziellen Einsatzgebiete digitaler Zwillinge, die Ziele ihrer Nutzer – und manchmal auch deren Realitätssinn. Wie in jeder Hysterie der IT-Branche grassiert am Anfang die FOMO, die Fear of missing out. Aus Angst, beim Schaulaufen seinen Auftritt zu verpassen, gibt jeder, der in der Szene Rang und Namen hat, sein Wunschdenken zum Besten. Die bisher wildeste Idee steuerte Yuán Zhēng bei, besser bekannt als Eric Yuan: Der Gründer und CEO von Zoom würde in öde, langatmige Videokonferenzen eines mittelfernen Tages gern seinen Deep-Fake-Doppelgänger aus der Generative-KI-Retorte schicken, der aufmerksames Zuhören simuliert, ein paar schlaue Sätze sagt und die Substanz einer Stunde Meeting-Gelaber auf eine halbe Seite Protokoll-PDF eindampft.
Das Szenario mag utopisch sein, technisch undenkbar ist es nicht mehr. Doch ein System, in dessen imaginärem Konferenzraum sich statt echter Menschen irgendwann nur noch lauter 3D-Projektionen wie das „medizinische Programm“ des Star-Trek-Raumschiffs Voyager träfen, um wortreich gestikulierend an Stelle ihrer leibhaftigen Vorbilder miteinander zu verhandeln, wäre nicht nur Realsatire, die das Meeting-Gewese (und damit die Geschäftsgrundlage von Zoom) ad absurdum führte. Es wäre auch Vergeudung von Rechenzeit.
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