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Kann Deutschland künstliche Intelligenz?

Das muss sich noch entwickeln!

Im globalen KI-Wettlauf hat Deutschland eine ideale Startposition verstolpert. Jetzt sind Unternehmen mit dem KI-Boom überfordert, Bürokratie und Analogkultur erledigen den Rest. Wie schaffen wir trotzdem den Weg ins künstlich intelligente Zeitalter?



Dieser Artikel erschien in der Ausgabe brandeins /thema IT-Dienstleister 2025.

Grafik: Ein stilisierter menschlicher Kopf, dargestellt als Roboter mit metallischer Oberfläche, ist von einem dichten Netz aus gelben Kabeln umschlungen. Die Kabel scheinen ihn zu fesseln und zu erdrücken. Unterhalb des Kopfes sind stilisierte, dunkle Formen erkennbar, die an Krabbenklauen erinnern. Die Darstellung vermittelt ein Gefühl von Gefangenschaft und Abhängigkeit von Technologie.

/ Es gibt Menschen, die halten künstliche Intelligenz für wichtig, weil sie damit rechnen, dass sie die Welt bald völlig verändert.

Mit einem von ihnen, einem KI-Forscher im Silicon Valley, konnte ich jüngst ausgiebig diskutieren: über Szenarien von exponentiellem Wachstum, die Chancen und Risiken einer künstlichen Superintelligenz. Irgendwann fragte ich den Forscher nach seiner Meinung zum „AI Act“, also der großen KI-Regulierung der Europäischen Union. Der Mann, übrigens Deutscher, überlegte kurz und meinte dann: „Um ehrlich zu sein, ich denke nie über Europa nach.“ Und über Deutschland erst recht nicht.

Das sollte uns eigentlich absurd vorkommen. Denn der KI-Boom hat seine Wurzeln genau hier: in Europa und insbesondere in Deutschland. Das bahnbrechende Transformer-Modell – das „T“ in ChatGPT – geht auf die Arbeit des deutschen KI-Forschers Jakob Uszkoreit zurück. Der bekannte Bildgenerator Stable Diffusion wurde an der LMU in München entwickelt. Mit DeepL kommt das wohl weltweit beste Übersetzungstool aus Köln. Bildungseinrichtungen wie das Fraunhofer-Institut, das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz und die Technische Universität München gehören weltweit zur Spitze.

Nur gebracht hat das irgendwie wenig. Während Länder wie die USA und China den größten technologischen Umbruch seit dem Internet massiv vorantreiben, schaut Deutschland staunend zu. Einer Bitkom-Befragung zufolge sehen sich vier von zehn Unternehmen hierzulande beim Thema KI „abgehängt“. Große deutsche Start-up-Hoffnungen wie Aleph Alpha und Nyonic bleiben hinter den Erwartungen zurück oder brechen auseinander. Auf Konferenzen fällt gern der Begriff „KI-Entwicklungsland“, wenn es um Deutschland geht.

Wenn der KI-Boom ein Wettrennen ist, dann hat Deutschland sich erst mal dynamisch gedehnt, die perfekte Startposition eingenommen, tief durchgeatmet … und ist dann nach dem Startschuss über die eigenen Füße gestolpert.

Und trotzdem gibt es Menschen, die es noch wissen wollen. Einer davon ist Lennard Schmidt, Gründer des Berliner Start-ups Langdock. Es bietet eine Software-Plattform, mit der Unternehmen verschiedene KI-Modelle personalisieren und mit eigenen Daten verbinden können. Lennard Schmidt berichtet gern über die Geschichte des Start-ups mit all ihren typischen Phasen und auch über das Timing ihrer Idee („Zu der Zeit wusste niemand, was gerade passiert“).

Transatlantische Verlockung

Heikler wird es bei der Frage, warum sein Start-up eigentlich in Berlin beheimatet ist und nicht in den USA. Hier windet sich Schmidt ein wenig und nennt persönliche Gründe: die Atmosphäre, Berlin als Stadt, persönliche Kontakte. Schließlich meint er: „Es wäre wahrscheinlich intellektuell nicht ehrlich, wenn ich sagen würde, dass wir glauben, das sei wirklich die allerbeste Entscheidung für die Firma.“

Es hätte wohl andere Möglichkeiten gegeben. Im Sommer 2023 wurde Langdock in das Programm von „Y Combinator“ aufgenommen – dem legendären amerikanischen Accelerator hinter Start-ups wie Airbnb und Dropbox, den Sam Altman, heute CEO von OpenAI, lange leitete. Dort gibt es für jedes Start-up etwa eine halbe Million Dollar, ein intensives Mentoring-Programm im Silicon Valley und ein lebenslanges Netzwerk. Und dennoch: „Wir sind wieder in Deutschland“, sagt Lennard Schmidt. „Ich glaube, wenn wir auf Y Combinator gehört hätten, wären wir drüben. Viele Deutsche bleiben drüben.“

Das stimmt: Deutschland ist „Netto-Exporteur“ von KI-Talenten – es gehen mehr als kommen. Dazu gehören bekannte KI-Sicherheitsforscher wie Jan Leike und Leopold Aschenbrenner, aber auch Gründer wie der you.com-Chef Richard Socher oder Ex-Google-Forscher und Transformer-Architekt Jakob Uszkoreit. Insgesamt bleiben 37 Prozent der KI-Nachwuchsforscher nach ihrer Promotion nicht in Deutschland – die meisten zieht es in die USA.

„Viele US-Amerikaner in San Francisco sehen Europa als Museum“, meint Lennard Schmidt. „Da ist natürlich ein bisschen Überheblichkeit mit dabei. Aber eben auch ein Funken Wahrheit.“

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