Wo bleibt der Mensch in einer digitalisierten Welt?

Noch ist alles offen

Wird die Welt durch mehr Technologie zum Paradies? Oder zur Hölle? Szenarien gibt es für beides.




/ Es ist egal, ob Darren tatsächlich existiert oder ob ihn sich Zukunftsforscher ausgedacht haben. Entscheidend ist, dass Menschen wie er im Jahr 2019 allen Grund haben, sich Sorgen um ihre berufliche Zukunft zu machen. Darren, 35 Jahre alt und als Lastwagenfahrer im Mittleren Westen der USA unterwegs, weiß, dass es für seinen Beruf düster aussieht. Wenn erst mal fahrerlose, von Algorithmen gesteuerte Trucks übers Land rollen, wird niemand mehr Lkw- Fahrer wie ihn benötigen.

Was Darren gegenwärtig aber noch nicht weiß: In zehn Jahren wird er Anteile an Technologiefirmen kaufen, die das autonome Fahren vorantreiben und damit selbst dazu beitragen, dass sein Arbeitsplatz noch schneller verschwinden wird. Seine Gewerkschaft, die bis jetzt die Jobs der Trucker zäh verteidigt, wird kräftig Reklame machen für das „Invest in your replacement“-Programm und ihre Mitglieder aufrufen, in Robo- Lastwagen zu investieren.

Weitere 20 Jahre später, im Jahr 2050, ist Darren froh, dass er schon lange nicht mehr auf dem Bock eines Trucks sitzen muss, sondern seinen Tag nach Lust und Laune gestalten kann. Der Mittsechziger, eine Mischung aus Rentner und Entrepreneur, managt daheim die Routen seiner Robo-Trucks und bietet daneben Virtual-Reality-Trips für Touristen an – sein Avatar sucht das Cyberspace pausenlos nach Ideen für reale und virtuelle Freizeitaktivitäten ab, die sich zu Geld machen lassen. Auch Darrens Kinder haben es zu etwas gebracht: Der Sohn entwickelt in einer Farm ohne Tiere neue Geschmacks- varianten für synthetisches Fleisch, die Tochter züchtet im Labor Mikroben, die für die geistige Fitness der Altersgruppe 100plus sorgen, indem sie den Kalk in deren Gehirnen wegfressen.

So oder ähnlich könnte sie aussehen, die Arbeitswelt in 30 Jahren. Das zumindest legt das von der Bertelsmann-Stiftung präsentierte Zukunftsbild „Arbeit 2050“ nahe. Basierend auf Befragungen von mehreren Hundert internationalen Experten aus Technologie Wirtschaft, Politik und Gesellschaft sowie etwa 30 Workshops in 20 Ländern, haben die Zukunftsforscher Cornelia Daheim und Ole Wintermann die langfristigen Auswirkungen von Digitalisierung und Automatisierung auf Arbeit und Gesellschaft untersucht und in drei Szenarien gefasst: ein hoffnungsvolles (Selbstaktualisierungs-Ökonomie), ein mühseliges (Es ist kompliziert) und ein apokalyptisches (Zukunft der Verzweiflung). Die Szenarien sollen nicht „darstellen, was sein wird“, stellen die Autoren klar, „stattdessen zeichnen sie drei alternative Bilder, wie es werden könnte“. Der Diskurs um die Zukunft der Arbeit „braucht den langfristigen Blick in die Zukunft“, begründen sie den kühnen Vorausgriff, „der Blick auf die nächsten zehn Jahre reicht nicht aus.“

Zum Nachschauen:Wie man sich selbstfahrende Trucks eher nicht wünscht, ist in dem Actionfilm „Logan – The Wolverine“ zu sehen. Einen Ausschnitt gibt es ‚auf Youtube unter „loganTrim“.

Im Best-Case-Szenario, dem die Geschichte des Lastwagenfahrers Darren entspringt, ist ein geschichtlich einmaliger Wandel fast abgeschlossen: weg von menschlicher Arbeit und menschlichem Wissen hin zu Maschinenarbeit und -wissen. „So wie die industrielle Revolution Muskeln ersetzt hat, wird die Revolution der künstlichen Intelligenz das Gehirn ersetzen“, heißt es in der Detailanalyse der Studie. Der Mensch befindet sich im Jahr 2050 „in einem so intensiven und vielschichtigen Austausch mit künstlichen Intelligenzen, dass es kaum noch eine Rolle spielt, wer was ist – Zivilisation wird zum Kontinuum aus Bewusstsein und Technologie“.

Der alte Menschheitstraum von einem Leben ohne Mühe und Not scheint verwirklicht. In den Städten verkehren kostenlose Robo-Busse und -Bahnen; Wohn-, Büro- und Fabrikgebäude kommen aus dem 3-D-Drucker, Roboter erledigen die Lebensmittelproduktion. Obwohl sich niemand mehr mit quälender Maloche schinden muss, ist für den Lebensunterhalt aller gesorgt – dank einer Automatisierung mit Hochleistungs-KI und einem Grundeinkommen für alle, das an keine Arbeitspflicht geknüpft ist.

Arbeit 2050Das von der Bertelsmann- Stiftung präsentierte Zukunftsbild mit seinen drei Szenarien basiert auf der mehrjährigen globalen Studie „Zukunft von Arbeit und Technik 2050“ des Millennium Projects. Zu den Mitgliedern des internationalen Thinktanks, in dem Wissenschaftler aus aller Welt ehrenamtlich zusammenarbeiten, gehören neben der Bertelsmann- Stiftung unter anderem auch das Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung, die FU Berlin und die Volkswagen AG.

Arbeitslosigkeit, bis in die 2030er- Jahre in vielen Ländern die Geißel der Gesellschaft, ist – zumindest statistisch – so gut wie ausgerottet. Die digitalen Technologien „haben mehr neue Arten von Arbeit geschaffen als alte vernichtet“. Von den weltweit sechs Milliarden Menschen im erwerbsfähigen Alter ist eine Milliarde fest angestellt, drei Milliarden sind selbstständig, eine Milliarde schlägt sich in der Schattenwirtschaft durch, und eine Milliarde befindet sich „im Übergang zur Selbstständigkeit“.

Dieses Szenario gibt, wie auch die beiden anderen Zukunftsvisionen aus der Bertelsmann-Studie, mögliche Antworten auf eine Frage, die sich immer wieder stellt, seit englische Textilarbeiter Anfang des 19. Jahrhunderts Woll- und Baumwollspinnereien zerstörten, weil sie sich durch die neuen maschinellen Webstühle bedroht sahen: Was macht der technologische Fortschritt mit der menschlichen Arbeit? Sorgt er dafür, dass uns irgendwann die Jobs ausgehen? Oder schafft er mehr Arbeitsplätze, als er vernichtet? Für wen bedeutet der Fortschritt Fluch, für wen Segen? Und was macht er mit den Menschen? Sorgt er für sozialen Frieden? Oder schürt er den Klassenkampf?

Beim Siegeszug der digitalen Technologien, der nicht nur einzelne Berufe, Unternehmen, Branchen oder Volkswirtschaften erfasst, sondern wie ein globaler Sturm fast die gesamte altvertraute Arbeitswelt hinwegzufegen droht, stellen sich diese Frage drängender als je zuvor. Schließlich sind schon heute „Computer und ihre verbundenen Robotergehilfen die besseren Arbeiter am Fließband und an der Produktionsstraße“, konstatiert der Trendforscher Sven Gábor Jánszky, Gründer von 2b Ahead, einem Thinktank aus Berlin.

Und das ist erst der Anfang. Was wird geschehen, wenn Computer lernen zu lernen und Maschinen besser werden, ohne dass Menschen ihnen etwas beibringen? Jánszky sieht die Zeit fast gekommen. Maschinen würden in den kommenden zehn Jahren auch die besseren Wissensarbeiter, die besseren Ärzte, Unternehmensberater, Makler, Reiseführer, Dolmetscher, Steuerberater, Lehrer oder Verkäufer werden. Schon heute sind KI-Systeme in der Lage, Krebserkrankungen per Auswertung von Röntgenbildern genauso schnell zu erkennen wie ein Radiologe. Und Herzrhythmusstörungen diagnostizieren Algorithmen mittlerweile zuverlässiger und schneller als jeder Kardiologe.

Im Durchschnitt aller Prognosen, meint Jánszky, sei es das Jahr 2045, ab dem die menschliche Rasse nicht mehr die intelligenteste Spezies auf der Welt ist. Das klingt heftig, aber fast alle Studien sagen gewaltige Umbrüche voraus. Auch etwa Erik Brynjolfsson und Andrew McAfee, Wissenschaftler am Center for Digital Business des Massachusetts Institute of Technology (MIT), die in ihrem Bestseller „The Second Machine Age“ schreiben: „Wir können nie da gewesene Fülle und Freiheit gewinnen oder Katastrophen herbeiführen, wie sie die Menschheit noch nie gesehen hat.“

Auch das Bertelsmann-Papier „Arbeit 2050“ hält mit „Zukunft der Verzweiflung“ ein Endzeit-Szenario bereit: Die Politik wurde vom Tempo, mit dem die künstliche Intelligenz in den späten 2020ern und frühen 2030ern Arbeitsplätze und Unternehmen zerstörte, völlig überrascht. Ein Drittel der weltweit sechs Milliarden Erwerbsfähigen ist im Jahr 2050 ohne Job; genauso viele fristen ein prekäres Dasein in Schattenwirtschaft oder enden in der Kriminalität.

Die Welt ist aus den Fugen geraten. „Blanke Gewalt ist vielerorts zum einzigen sozialen Band geworden“, heißt es in den Detailanalysen der Szenarien. Technisch hochgerüstete kriminelle Banden „kaufen und verkaufen Entscheidungen von Regierungen und Großkonzernen wie früher Drogen“. Die großen Konzerne müssen ihre Zentralen durch schwer bewaffnete Milizen schützen. Angesichts von Arbeitslosigkeit und Elend feiert die Maschinenstürmerei garstig Urständ: „Der gewalttätige Mob brennt Roboterfabriken und Forschungslabors für künstliche Intelligenz nieder.“ Niemand ist mehr sicher, wem er vertrauen oder glauben kann. Kostenlose seichte Social-Media-Berieselung rund um die Uhr, „Cyber-Heroin“, soll die Deprivierten einlullen und revolutionäre Ansinnen im Keim ersticken. Immer wieder erschüttern terroristische Cyber-Angriffe die Welt. Auch die künstliche Intelligenz ist völlig außer Kontrolle geraten: Autonom agierende Roboter-Waffensysteme haben weltweit Tausende demonstrierende Arbeitslose niedergemäht.

Das klingt, als stünde Armageddon vor der Tür, doch Technik-Optimisten wie Sven Gábor Jánszky wähnen die Welt „nach wie vor auf dem Weg in die Vollbeschäftigung“. Auch Erik Brynjolfsson und Andrew McAfee vom MIT sehen „eine Wende in die richtige Richtung – hin zur Fülle anstelle des Mangels, zur Freiheit anstelle der Einschränkung“. Allerdings nur, wenn die Weichen in die Zukunft rechtzeitig richtig gestellt werden. Während die Apokalypse-Szenarien fast von selbst eintreten, durch Zögern, Zaudern und Verhindern, benötigt der Best Case beherzte Entscheidungen.

Wichtig sei vor allem eine grund- legende Reform des Bildungssystems – weg von der Vermittlung von Wissen mit kurzer Halbwertszeit, hin zur Vermittlung von Kompetenzen für Kooperation, Kreativität und Problemlösung. Bleibt in Kita, Schule, Hochschule und Ausbildungswerkstatt alles beim Alten, kippt ein hoffnungsvolles Szenario – bei ansonsten gleichen Bedingungen – schnell in Richtung Desaster.

Das zeigt auch eine Simulation der globalen Verschiebungen und Verwerfungen auf dem Arbeitsmarkt bis 2030, die das World Economic Forum mit der Unternehmensberatung Boston Consulting durchgeführt hat: Eine Welt im Gleichgewicht, geprägt von wirtschaftlicher Dynamik, Wachstum und einem Ethos lebenslangen Lernens, mutiert zu einem bedrückenden Szenario mit Massenarbeitslosigkeit und unkontrollierbaren Migrationsbewegungen zu den weltweit verstreuten „Super Economies“, wo die Opfer der Automatisierung um die wenigen überhaupt noch verbliebenen Jobs kämpfen.

Dazu scheinen auch die kurzfristigen Berechnungen zu passen, welche Jobs die Digitalisierung in den nächsten fünf oder zehn Jahren hinwegfegen wird. Der schwedische Ökonom Carl Frey und der britische Informatiker Michael Osborne haben 2013 erste belastbare Zahlen vorgelegt. Sie kamen zu dem Ergebnis, dass in den USA knapp die Hälfte der Beschäftigten in Berufen arbeitet, die in den nächsten 10 bis 20 Jahren mit einer Wahrscheinlichkeit von 70 Prozent und mehr automatisiert werden können. Ähnliche Berechnungen gibt es mittlerweile auch für Deutschland, etwa vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung in Mannheim. 42 Prozent der Beschäftigten in Deutschland arbeiten demnach in Berufen mit einer hohen Automatisierungswahrscheinlichkeit.

Allerdings sind solche Analysen mit Vorsicht zu genießen, denn oft werden sie, trotz solider Datenbasis, von der Realität überholt. So war es auch bei „The End of Work“, einem Wirtschaftsbestseller des US-Ökonomen Jeremy Rifkin aus dem Jahr 1995. Das exzellent recherchierte Buch sorgte damals für viel Aufsehen: Angesichts einer Arbeitslosigkeit, die in vielen Industrieländern so hoch war wie seit der Weltwirtschaftskrise der Dreißigerjahre nicht mehr, prognostizierte Rifkin, dass wir „dank immer leistungsfähigerer Computerprogramme schon bald in einer Welt ohne Arbeit leben“. Er zitierte Jacques Attali, seinerzeit Berater des französischen Präsidenten Francois Mitterrand: „Die Maschinen sind das neue Proletariat, die Arbeiterklasse kann sich ihre Entlassungspapiere holen.“

Doch die Welt ohne Arbeit ist nicht Wirklichkeit geworden. Im Gegenteil: Viele Industrieländer, darunter die USA und Deutschland, erleben gegenwärtig einen vor wenigen Jahren noch für unvorstellbar gehaltenen BeschäftigungsBoom. In den Vereinigten Staaten ist die Arbeitslosenquote so niedrig wie seit 50 Jahren nicht mehr – obwohl sich das Tempo des technologischen Fortschritts seit Erscheinen von „The End of Work“ dramatisch beschleunigt hat.

Und so wird es auch erst einmal bleiben, sagt das gewerkschaftsnahe Institut für Geschichte und Zukunft der Arbeit (IGZA). Seine Wissenschaftler haben ausgerechnet, dass den Deutschen zumindest in den nächsten 20 Jahren die Arbeit nicht ausgeht. Die Digitalisierung geht in Deutschland nämlich mit einem demografischen Sondertrend einher: Weil die Generation der Babyboomer bis 2035 in Rente geht, droht die Zahl der Erwerbspersonen von gegenwärtig 40 auf 30 Millionen im Jahr 2040 zu schrumpfen – und so viele Jobs könne die Digitalisierung in den wenigen Jahren nicht ersetzen. Die besondere Situation Deutschlands, so das IGZA, ermögliche „einen verhältnismäßig hohen Automatisierungsgrad ohne steigende Arbeitslosigkeit“. Auch Sven Gábor Jánszky rechnet für Deutschland mit einer „Vollbeschäftigung, die etwa bis zum Jahr 2035 anhalten wird“.

Schön für Deutschland, doch was wird aus jenen Ländern, die bisher auf niedrige Arbeitskosten und einfache Fabrikjobs gesetzt haben? Wenn menschliche Arbeit automatisiert wird, ist der Wettbewerbsvorteil niedriger Löhne dahin. „Welche Entwicklungswege bleiben dann Ländern wie Bangladesch, die außer Lohnarbeit für Exportindustrien kaum eine Einkommensquelle haben?“, sorgt sich der Wirtschaftsgeograf Tilman Altenburg vom Deutschen Institut für Entwicklungspolitik.

Das Beispiel Foxconn macht das Problem klar: Der taiwanesische Konzern, Fabrikant von Teilen für Smartphones von Apple und Samsung, hat bereits mit Zehntausenden Industrierobotern viele menschliche Mitarbeiter ersetzt. Künftig sollen fast nur noch Maschinen die Arbeit verrichten. Und was wird dann aus den knapp eine Million Arbeitern in den Foxconn-Fabriken, die überwiegend in China stehen?

Die Optimisten behaupten, es würden zugleich völlig neue Berufsbilder entstehen. Zum Beispiel der Machine- Relations-Manager, ein Personalchef des Maschinenzeitalters, der regelmäßig Leistungsbeurteilungen erstellt, nur mit dem Unterschied, so Paul R. Daugherty und H. James Wilson von der Unternehmensberatung Accenture, „dass nicht menschliche Arbeitskräfte, sondern KI- Systeme beaufsichtigt werden“.

Sven Gábor Jánszky sieht sogar „massenhaft neue Jobs“: Ärzte werden zu Gesundheits-Coaches, Versicherungsmakler zu Risiko-Coaches, Lehrer zu Karriere-Coaches, Lebensmittelhändler zu Ernährungs-Coaches. Es soll aber auch Tätigkeiten geben, für die wir neu definieren müssen, was wir unter Arbeit verstehen – vieles, was an Ideen kursiert, klingt aus heutiger Sicht absurd. „Können Sie sich vorstellen, als ‚Smiley‘ zu arbeiten?“, fragt Jánszky. Die Jobbeschreibung: „Sie gehen durch die Stadt und bringen Menschen zum Lächeln. Bei einfachem Lächeln bekommen Sie automatisch ein paar Euro aufs Konto, bei herzhaftem Lachen sind es 20. Und wenn Sie einen Menschen wirklich glücklich gemacht haben, landen 200 Euro auf Ihrem Konto.“

Am Beispiel des selbstfahrenden Autos lässt sich das Verblühen alter und das Entstehen neuer Tätigkeiten gut erkennen. Seit Jahren kursieren Berechnungen, wie viele Arbeitsplätze autonom fahrende Automobile kosten werden – Taxi- und Lastwagenfahrer stehen längst auf der Roten Liste der aussterbenden Berufe. Und die Rede ist nicht vom Jahr 2050, sondern von 2025 oder 2030.

Zugleich sorgt es aber schon heute für zahllose neue Arbeitsplätze – für Clickworker. „Damit aus selbstlernenden Algorithmen selbstlenkende Fahrzeuge werden, braucht es zunächst viel Handarbeit“, schreibt Florian Alexander Schmidt, Professor für Designkonzeption und Medientheorie an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Dresden in einer Studie über Clickworker. Digital-Arbeiter auf der ganzen Welt „bringen den lernenden Maschinen das Hören, Sehen und das umsichtige Fahren bei“. Basis ihrer Arbeit sind Millionen von Straßenfotos, bei denen „jedes Pixel semantisch einem Objekt zugeordnet“ wird – bis die Maschine in neuen, unbeschrifteten Bildern selbstständig Autos, Hindernisse oder Verkehrszeichen erkennen kann.

Clickworkersind Selbstständige, die über das Internet Teile großer Projekte bearbeiten, die zuvor in kleine Aufträge zerlegt wurden. Clickwork ist hoch umstritten, weil es schlecht bezahlt wird und keine sozialen Absicherungen bietet.

Das Training der Algorithmen übernehmen Menschen in Ländern, in denen Arbeit extrem billig ist – derzeit vor allem in Kenia, Nepal, Indien, Venezuela und den Philippinen. Die Löhne für qualifizierte Vollarbeitskräfte liegen im Schnitt bei ein bis zwei US-Dollar die Stunde. Schmidt nennt die globale Clickworkerschaft ein „Heer von digitalen Wanderarbeitern, die wie Erntehelfer mit den Schwankungen der Auftragslage zwischen den Plattformen hin und her ziehen“.

Denn es gibt nicht immer Arbeit. Die Nachfrage schwankt enorm, weil die Kunden der Plattformen – Autohersteller und IT-Konzerne wie Google, Nvidia oder MobilEye – „sehr kurzfristig riesige Datenmengen und damit Arbeitsstunden brauchen“, so Schmidt. Weil der Bedarf nur schubweise auftritt, könnten die Klickarbeiter „sich nie sicher sein, ob sie zu einem gegebenen Zeitpunkt genug Arbeit finden“. Wenn es etwas gebe, das die Millionen digitaler Tagelöhner auf der ganzen Welt vereinte, meint Schmidt, dann sei es der bange Blick am Morgen, wenn sie auf dem Rechner ihren Arbeits-Account öffnen: Gibt es heute Arbeit? Oder steht da nur „No task – kein Auftrag“?

Die Situation der Clickworker lasse sich, so Schmidt, „als eine Vorahnung einer möglichen künftigen Arbeitswelt sehen, in der Menschen gerade nicht – wie häufig behauptet – durch Algorithmen ersetzt werden, sondern in einem komplexen und zugleich prekären Wechselverhältnis mit ihnen zusammenarbeiten“. Zwar trainieren sie „genau die Maschinen, die sie früher oder später ersetzen werden“, aber sie werden nicht überflüssig, „sondern lediglich Aufgabe für Aufgabe ersetzt, während sie zugleich für immer neue Tasks benötigt werden, um dort wieder der Maschine auf die Sprünge zu helfen“.

Schmidt nennt das ein „Amalgam aus menschlicher und maschineller kognitiver Leistung“. Die Maschine lernt – aber stets unter menschlicher Aufsicht. „Hinter dem Vorhang der scheinbar magischen Prozesse versteckt sich eine Maschinerie, in der letztlich Menschen die Strippen ziehen“ – allerdings wiederum koordiniert und kontrolliert von Algorithmen. Solch eine „wachsende Symbiose zwischen Mensch und Maschine“ sehen auch Paul R. Daugherty und H. James Wilson von Accenture heraufziehen. Ihrer Ansicht nach sind Menschen und Maschinen keine Feinde, sondern „symbiotische Partner, von denen jeder den anderen zu einem immer höheren Leistungsniveau treibt“.

Wenn immer mehr Tätigkeiten von immer intelligenteren, lernfähigen Maschinen übernommen werden und nicht das Milch-und-Honig-Szenario eintritt; wenn es zu Verwerfungen kommt, weil Politiker und Unternehmensbosse nicht rechtzeitig die richtigen Entscheidungen getroffen haben; wenn die Automatisierung schneller voranschreitet als neue Arbeit entsteht – dann wird für viele Menschen nicht mehr genug Arbeit da sein, für manche vielleicht gar keine.

Zwar sind einige der heutigen Jobs kein Quell der Freude, sondern mit Mühsal verbunden – Ökonomen haben dafür den Begriff vom „Grenzleid der Arbeit“ geprägt. Trotzdem beziehen viele Menschen aus ihrer Arbeit Selbstwertge-fühl, Gemeinschaftsgefühl, Engagement, Stolz, Struktur und Würde. Wie wird es sein, wenn all das wegfällt? Wie organisieren wir sinnstiftende gesellschaftliche Teilhabe, wenn Lohnarbeit knapp wird?

Letztlich kann das heute keiner sagen. Sicher ist nur: Die Frage nach dem Stellenwert von Arbeit in einem erfüllten, glücklichen Leben wird sich völlig neu stellen. Der Science-Fiction-Schriftsteller und Physiker Arthur C. Clarke schrieb: „Das Ziel für die Zukunft ist Vollarbeitslosigkeit, damit wir machen können, was wir wollen.“ Aber was heißt das? Verschafft uns das Flügel? Oder lastet es bleiern auf uns? Was tun mit der vielen freien Zeit? Und vor allem: Woher kommt das Geld für den Lebensunterhalt?

Zumindest bei der letzten Frage scheinen sich die Zukunftsforscher einig zu sein: Fast alle Szenarien über die Arbeitswelt von übermorgen ziehen ein bedingungsloses Grundeinkommen für alle, das für das Nötigste reicht, zumindest in Erwägung. Ein bedingungsloses Weltbürgergeld könnte als „Opium für alle“ den sozialen Aufruhr der Modernisierungsverlierer im Keim ersticken. Wer genug zu essen hat, stürmt wahrscheinlich keine Roboterfabriken. „Die finanziellen Risiken eines Grundeinkommens dürften geringer sein als das soziale Risiko von Millionen Habenichtsen, die herumlungern und durch die Straßen streunen“, schreiben die Autoren der Detailanalysen für die große Zukunftsstudie „Arbeit 2050“.

Bei der Finanzierung eines weltweiten Grundeinkommens bringen die Zukunftsarchitekten allerdings weitgehend ungedeckte Schecks in Umlauf. Es kursieren viele Vorschläge, wie das zu finanzieren sei: Robotersteuer, Abgaben auf CO2 oder den Einsatz künstlicher Intelligenz, eine Steuer auf internationale Finanztransaktionen, Stopfen von Steuerschlupflöchern, effektive Besteuerung der Internet-Giganten. Was sich als praxistauglich erweisen wird, lässt sich jedoch nicht einmal erahnen.

Arthur C. Clarke(1917 – 2008) war der wichtigste britische Autor der Hard Science Fiction, die sich mit fundierten technischen und wissenschaftlichen Spekulationen beschäftigt. In seinem bekanntesten Werk „2001: Odyssee im Weltraum“ spielt eine künstliche Intelligenz eine zentrale Rolle.

Im Best-Case-Szenario zeigt „Arbeit 2050“, wie ein Grundeinkommen als soziales und ökonomisches Investment den Weg vom Müssen zum Wollen weist, wie es Kreativität, Engagement und Unternehmergeist bei den von der Sorge um die nackte Existenz befreiten Menschen befeuern könnte: In den 2030er-Jahren, als die Arbeitslosigkeit zwischenzeitlich stark anstieg, haben viele Staaten ein solches „Basic Income“ eingeführt. Anders als viele befürchtet hatten, erzog es die Menschen nicht zu Trägheit und Arbeitsscheu. „Die Leute verwendeten das Einkommen, um mehr Geld zu verdienen, sie waren gesünder, es gab weniger Kriminalität, Bildungsniveau und Selbstständigkeit stiegen“, heißt es in der Studie.

Der Philosoph Herbert Marcuse schrieb vor mehr als 60 Jahren: „Da die Dauer des Arbeitstages einer der entscheidenden Faktoren für die Unterdrückung des Lustprinzips durch das Realitätsprinzip darstellt, ist die Verkürzung der Arbeitszeit die erste Vorbedingung der Freiheit.“ Für die Erfüllung dieser Vorbedingung werden die Maschinen ganz bestimmt sorgen. Die Freiheit aber, die wird der Mensch sich selbst erkämpfen müssen. //

brandeins /thema ist das Heft, das Branchen und Trends auf den Grund geht, Märkte und Dienstleistungen transparent macht – und Unternehmern hilft, besser zu wirtschaften.

Zur interaktiven Karte und Bestenliste

Einzelausgabe kaufen
Abonnement kaufen