Welche Möglichkeiten bieten sich dem Handwerk?

Analog arbeiten, digital denken

Viele Handwerksbetriebe sind klein, überlastet und eher traditionsbewusst. Anders gesagt: wendig, kreativ und pragmatisch. Und damit gut gerüstet, sich neu zu erfinden.





/ Wer sich als Handwerker fragt, ob Digitalisierung etwas für kleine Firmen ist, sollte mit Monja Weber sprechen. Die junge Betriebswirtin ist verheiratet, ihr Mann Sebastian Alt führt in Rhens ein Familienunternehmen in siebter Generation, das schon seit 1789 existiert. Zusammen startete das Paar 2015 parallel dazu die Website Kolorat. Dabei handelt es sich auf den ersten Blick um eine Farbberatung im Internet – tatsächlich ist es viel mehr.

147 Gewerbe zählt das Handwerk zurzeit. Für 41 braucht es Zulassung und Meisterbrief, 52 sind zulassungsfrei und 54 gelten nur als „handwerksähnlich“.

Wer Anregung sucht, findet bei Kolorat Tipps, wie er einen Raum oder ein Haus gestalten kann. Wer will, kann ein paar Fragen beantworten, Fotos und Grundrisse einschicken, 25 Euro zahlen – und erhält drei Konzepte mit Farbmustern. Wem die Ideen gefallen, der kann direkt bestellen, und zwar Farben der Hauslinie, denn 18 Monate nach dem Start begann das Ehepaar, selbst Farben herzustellen. Deshalb kann es für Kunden auch individuelle Farben mischen, etwa wenn es just der Ton eines Teppichs sein soll. Kolorat ist heute Dienstleister, Lieferant von Farben und Zubehör, Produzent, Marke, Problemlöser. „Wir waren von der Entwicklung überrascht“, sagt Weber. Vereinzelt fragten Kunden bereits: „Gibt es euch auch vor Ort?“

Eine Million Handwerksbetriebe waren 2018 in Deutschland registriert, sie erzielten 612 Milliarden Euro Umsatz, doch nur wenige haben bislang wie Monja Weber und Sebastian Alt den Aufbruch ins digitale Zeitalter gewagt. Das liegt zum einen an der Größe: Schätzungsweise 80 Prozent der Firmen beschäftigen weniger als zehn Mitarbeiter. „In der Industrie haben Unternehmen meist eigene Abteilungen, die sich mit Digitalisierung befassen.

Ein Handwerker hat es da schwerer“, weiß Stephan Blank vom Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) in Berlin. Zum anderen kann sich das Gros der Betriebe zurzeit vor Aufträgen kaum retten – das ist erfreulich, lässt sie aber, wie Branchenkenner berichten, alles andere vernachlässigen. Drittens, und nicht zu unterschätzen, sind Stolz und Traditionsbewusstsein – und damit auch eine tief verwurzelte Skepsis gegenüber Firlefanz.

Monja Weber ist Betriebswirtin, ihr Mann Sebastian Alt führt einen traditionsreichen Malerbetrieb. Seit 2015 betreiben sie Kolorat, eine Farbberatung im Internet, die auch eigene Farben verkauft.

Blank soll das ändern. Er ist beim ZDH für das „Kompetenzzentrum digitales Handwerk“ verantwortlich, eines von 26 regional oder thematisch organisierten Zentren, die die Bundesregierung im Rahmen ihrer Initiative „Mittelstand 4.0“ gebildet hat. „Wir sagen den Betrieben: Ihr müsst nicht alles digitalisieren und nicht alles auf einmal“, erklärt er. Für den Anfang kann schon die Automatisierung der Terminvergabe reichen. Oder ein digitaler Stundenzettel, der vom Kunden bestätigt wird, direkt an die Buchhaltung geht und rasch zu einer Rechnung führt, statt erst nach Wochen, wie bei manueller Abwicklung üblich. „Der Betrieb spart viel Zeit und kriegt sein Geld eher“, sagt Blank.

LoRaWansteht für Long Range Wide Area Network, ein offenes, in mehr als 140 Ländern verwendetes Protokoll für die regionale Übertragung von Daten und das Internet der Dinge.

Wie sich das umsetzen lässt, weiß Christoph Krause von der Handwerkskammer Koblenz. Er ist im Kompetenzzentrum, das fünf Themenschwerpunkte setzt, die in regionalen Schaufenstern dem Handwerk zum Lernen und Testen angeboten werden, der Experte für die Digitalisierung von Prozessen – und ein umtriebiger Netzwerker. Krause ist einer, der um 21.48 Uhr ein Telefonat für den nächsten Morgen bestätigt und um 7.06 Uhr noch Links zur „Vor- und Nachbereitung unseres Gesprächs“ schickt, dann am Hörer rasend schnell spricht, als wüsste er nicht, wohin mit all den Ideen, und später, als feststeht, dass es am Tag darauf bei einem Barcamp zu einem persönlichen Kennenlernen kommen wird, schon beim Du ist. Er lebt, was er sagt: „Wir müssen in Deutschland vom Denken ins Machen kommen.“

Krause kann vom IT-Irrsinn erzählen, zum Beispiel vom Metallbauer, der neun Mitarbeiter hatte – und 15 Bürosysteme. Wie viel leichter doch alles ginge, wenn Telefon, Adressdatenbank, Zeiterfassung und Buchhaltung auf einer Plattform liefen, ohne Schnittstellen. Für Krause sind Praktiker aber auch „Ideenschleudern“. Er nennt #lustaufhandwerk, eine Kampagne auf Instagram, bei der Handwerker begeistert von ihren Jobs erzählen und neue Zielgruppen erreichen. Oder Materialrest24, eine preisgekrönte Plattform, die ein Dachdecker hochgezogen hat, damit Handwerker Baureste handeln können. „Jeder kann etwas tun“, sagt Krause.

Handwerker, findet er, könnten den Amazons, Ciscos oder Telekoms dieser Welt selbstbewusst gegenübertreten. Unwissenheit existiert auf beiden Seiten, so Krauses Erfahrung. „Die IT-Dienstleister haben zum Teil keine Vorstellung, was das Handwerk braucht“, sagt er. Und viele ihrer Tools seien für kleine Betriebe zu teuer. Daher müsse man tüfteln und Alternativen nutzen. Krause selbst hat in Koblenz einfach zwei Router installiert, die nach dem Standard des LoRaWAN funktionieren und es ermöglichen, dass Geräte auch über mehrere Kilometer hinweg drahtlos kommunizieren können. „Das hat vielleicht 800 Euro gekostet, zwei Stunden gedauert – und deckt 25 Quadratkilometer ab, in denen 107 000 Menschen leben“, sagt Krause. „Wir müssen nicht auf 5G warten.“

Digitalisierung verändert die Kommunikation mit Kunden und Kollegen, die Arbeitsweise, das Geschäftsmodell. Wer eine Website startet, wandelt sich auf einen Schlag vom lokalen Betrieb zur Adresse für Kunden aus ganz Deutschland. Und wer etwas verkauft, muss auch liefern können, am besten binnen 48 Stunden und kostenfrei, denn das sind die Menschen heute so gewöhnt. Deshalb braucht es die nötigen Kapazitäten – es ist keine Option mehr, wie bisher zu sagen: „Ich bin auf acht Wochen ausgebucht.“ Hinter der schönen Oberfläche, hinter der Technik liegen immer Prozesse, und die müssen möglichst reibungslos laufen. Christoph Krause weiß: „Digitalisierung ist Kulturwandel. Das dauert. Das ist anstrengend.“

Was das bedeutet, davon kann Julia Kasper berichten. Sie baute „Holzgespür“ auf, einen Konfigurator für individuell nach Maß gefertigte Holztische. Als die Idee aufkam, die Plattform mit dem Tischlerbetrieb ihres Vaters zu koppeln, und alle Mitarbeiter diskutierten, was künftig digital und was weiter analog gemacht werden solle, „da wurde es auch schon mal laut“, sagt Kasper. Im Handwerk sei man nicht zimperlich, schiebt sie hinterher. Am Ende hätte man sich geeinigt, zum Beispiel die Zeiterfassung oder die Koordination von Terminen künftig digital zu erledigen.

Bei manchem blieb dennoch eine gewisse Skepsis. So fiel Kasper zum Beispiel Wochen später auf, dass ein Mitarbeiter parallel schriftlich Buch führte, aus Misstrauen dem modernen Tool gegenüber. Oder dass einer das Handy, das er eigens für Terminabsprachen bekommen hatte, noch Wochen später in der Schublade liegen hatte, im Originalkarton, eingeschweißt. Die Chefin versteht das: „Wir haben Leute, die stehen seit 40 Jahren an der Werkbank.“

Inzwischen, sagt Julia Kasper, mache Holzgespür etwa ein Drittel des Umsatzes aus. Viele Mitarbeiter machten – auch angespornt von der neuen Wertschätzung, die ihre Arbeit dadurch erfahre – bei wichtigen Arbeitsschritten fast schon automatisch Fotos, die sie dann den Kunden schicke. Durch die Digitalisierung wird manches persönlicher, vieles schneller, und alte Probleme finden neue Lösungen.

Kasper, die auch in einem Beirat des Bundeswirtschaftsministeriums sitzt und die Landesregierung Rheinland-Pfalz in Digitalisierungsfragen berät, sagt: „Es geht darum, dass ich digital denke.“ Und verweist auf ihren Vater, der – obgleich ein Skeptiker – jüngst vorgeschlagen habe, sie könnten doch auch ein Speech-to-Text-Tool verwenden, um Texte direkt beim Sprechen zu generieren und mit Hashtags zu versehen. „Das hat nichts mit dem Alter zu tun oder damit, ob ich programmieren kann“, sagt die Tochter.

Meister Hermann Kasper (links) – hier im Gespräch mit einem Mitarbeiter – führt eine Tischlerei in Rhens. Seine Tochter Julia entwickelte Holzgespür, einen Online-Konfigurator für Massivholztische nach Maß.

Natürlich geht es bei all dem auch um Vorwärtsverteidigung. Das Handwerk mit seinen 5,5 Millionen Beschäftigten muss verhindern, dass es von neuen Anbietern aus der Beziehung zum Endkunden herausgedrängt wird. Das könnten Amazon oder Facebook sein, aber auch Industriefirmen, für deren Produkte das Handwerk bisher ein Vertriebskanal ist – aber einer, der durch die Überlastung und wegen mangelnder Digitalisierung zunehmend zum Engpass wird. Es könnten auch Händler sein: Was, wenn ein Badausstatter mit 200 Filialen zum ersten Ansprechpartner der Käufer wird – und der Installateur nur noch der Ausführende ist? „Womöglich entstehen Konkurrenten, die gar nicht aus dem Handwerk kommen, aber auf einmal versuchen, unsere Kunden direkt anzugehen und Geld abzuschöpfen“, warnt Stephan Blank vom ZDH.

Erschwerend hinzu kommt der Trend zum Internet of Things und damit zu „predictive maintenance“. „Die Geräte werden intelligent. Die Heizung bestellt den Monteur, das Dach den Dachdecker. Das geschieht gerade“, sagt Christoph Krause. Diese Entwicklung dürften die Betriebe nicht verschlafen: „Wenn das Gerät sagt, wer kommen soll, muss ich den Zugang zu den Plattformen besetzen.“ Gelinge dies, könne ein Installateur zum Beispiel auch aktiv eine Wartung anbieten, wenn zu sehen sei, dass sie bald fällig werde. „Ein Handwerker muss begreifen, dass Daten zu seinem Geschäftsmodell gehören – und daraus Dienstleistungen ableiten“, sagt Krause. Ignorierten Betriebe das, bekämen sie in fünf Jahren Probleme, fürchtet er. „Das Thema brennt.“

Monja Weber hat den Sommer über schon an der nächsten Neuerung getüftelt: einer automatisierten Stilberatung, bei der Kunden ein paar Fragen beantworten – und der Computer Farbtöne vorschlägt, die zu den persönlichen Vorlieben passen könnten. In diesen Wochen soll das neue Tool auf der Website freigeschaltet werden. Denn eines hat Weber gelernt, als sie einst Kolorat entwickelt hat: Man darf am Anfang nicht zu perfektionistisch sein, man muss einfach mal schauen, was passiert. „Am meisten lernt man, indem man macht.“ //

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