Nasa-Hackathon

Wie werden Menschen kreativ? Ein Besuch beim Nasa-Hackathon in Berlin. Mit Bauanleitung für ein Innovationslab.




• Ein Dinosaurier hoppelt an einem Samstagnachmittag im späten Oktober einige Minuten durch die riesige Halle des MotionLab.Berlin. Genau genommen ist es eine Frau in einem unförmigen, albernen Dinosaurierkostüm. Und eigentlich ist es nur ein kurzer Moment. Aber das wird eines der Dinge sein, die übrig bleiben werden von dem Nasa- Hackathon, der an diesem Wochenende in dem auf Mobilität spezialisierten Makerspace stattfindet: ein Video mit einem Dinosaurier, der auch mal auf einem kleinen Elektromobil unterwegs ist. Wer das sieht, denkt vielleicht, das sei eine dieser Berliner Veranstaltungen, bei denen sich Hipster, Nerds, Freaks und Start-up-Gründer auf eine Art amüsieren, die manche Leute befremdlich finden. Und das ist nicht falsch.

Die Nasa initiiert mit ihrem Wettbewerb „Space Apps Challenge“ jedes Jahr Hackathons rund um die Welt. 2017 war das bis dahin erfolgreichste Jahr: An einem Wochenende fanden 187 Veranstaltungen statt, auf denen um die 25.000 Menschen an Ideen und Prototypen arbeiteten, die, wie es die Raumfahrtbehörde formuliert, „unser Verständnis für unseren Planeten und den Weltraum vergrößern“. 2018 waren es knapp 18.000 Teilnehmer auf 200 Veranstaltungen in 75 Ländern. Die Frage, warum eine Institution, für die einige der klügsten Menschen der Welt arbeiten, Ideen von letztlich jedem annimmt, der sich dazu berufen fühlt, ist einfach zu beantworten: 

Es gibt keinen Menschen und keine Organisation, die sämtliche gute Ideen, die sie braucht, aus sich selbst heraus generieren kann. Das weiß man bei der Nasa, gerade weil dort schlaue Menschen arbeiten.

Wie klug die sind, erkennt man auch an den sechs Aufgabenstellungen, an denen sich die Teilnehmer der Space Apps Challenge versuchen sollen. Sie lauten unter anderem:

Was die Welt jetzt braucht, ist …
Vulkane, Eisberge und Asteroiden (meine Güte!)
Ein Universum der Schönheit und Wunder.

Wie diese Themen zu verstehen oder anzugehen sind, bleibt jedem selbst überlassen. Bauen wir eine App? Ein Programm, um bestimmte Daten auf eine bestimmte Art zu analysieren? Visualisieren wir sie, lassen sich Geo-Daten in Van-Gogh-Plagiate umwandeln? Oder basteln wir einen Raumanzug, der auf einem neuen Prinzip beruht? Die Offenheit ist wichtig, denn es geht um neue Impulse – jede Einschränkung ist da hinderlich. Außerdem sollen sich die besten und kreativsten Leute angesprochen fühlen, und die sind umso produktiver, je mehr Raum sie haben. Wie sehr diese Zielgruppe im Fokus steht, ist auch an den Preisen erkennbar, die auf die globalen Sieger warten: Es gibt kein Geld, keine Medaillen, nicht mal Gutscheine.

„Die beiden Gewinner dürfen bei einem Raketenstart dabei sein“, erklärt Ansgar Schmidt strahlend. „Die Reise, die Unterbringung, das musst du alles selbst bezahlen. Aber dann! Beim Start gibt es vier Zuschauerblöcke: Ganz vorn sind die Techniker, die alles durchführen. Dahinter die Ingenieure, die alles entwickelt haben. Hinter ihnen befinden sich die Angehörigen und Familien der Astronauten. Und dahinter kommen die Gäste, also Leute wie der US-Präsident. Und wenn du gewinnst, stehst du vorn bei den Ingenieuren, vorm Präsidenten. Und du kannst dich mit ihnen über alles unterhalten.“

Wir sitzen in einem Kabuff über der Halle, in dem auch ein paar Feldbetten stehen und man kalt duschen kann – bei Hackathons schlafen viele vor Ort. Ansgar Schmidt hat die Veranstaltung in Berlin bei der Nasa angemeldet. Er sagt, für ihn liege die Zukunft im Weltall. Bis zum Sommer hat der Informatiker als Developer bei IBM gearbeitet. Er hat gekündigt, weil er ein freies Jahr wollte, um selbst einen Roboter zu bauen. „Aber ich möchte das von der Pike auf tun. Das macht heute keiner mehr. Wer wirtschaftlich Roboter entwickelt, kauft dafür eine fertige Basis. Doch ich will wirklich verstehen, wie das funktioniert – und begreifen heißt nun mal auch, etwas zu greifen.“ IBM, sagt er, sei eine großartige Firma, aber das ginge dort nicht. Und das sei auch völlig in Ordnung. „Ein Ingenieur, der 100k verdient, kann nicht ein halbes Jahr freigestellt werden, um Spaß zu haben.“ Deshalb ist er jetzt im MotionLab. „Andere Leute machen in ihrem Sabbatical eine Weltreise, ich mache eine Wissensreise.“

Mit Ernsthaftigkeit in Bewegung

Das MotionLab ist ein spezieller Ort. Es bietet den typischen Maschinenpark eines Fab Labs inklusive Laser-Cutter, 3-D-Drucker oder CNC-Maschinen, richtet sich aber vor allem an professionelle Kunden: Start-ups und Freiberufler, die hier Prototypen entwickeln und bauen können. Damit, sagt Christoph Iwasjuta, sei es weltweit einmalig. Iwasjuta gehört zu den Gründern des MotionLab. Er kommt aus der IT, hat für Flughäfen und Banken gearbeitet, doch ihm fehlte immer das Praktische. Er hat deshalb nebenbei Möbel restauriert, sich irgendwann für Elektronik und Mechanik interessiert, Fab Labs in aller Welt besucht und wurde schließlich der Geschäftsführer des Fab Lab Berlin. Jetzt ist er hier.

Das MotionLab, sagt er, sei entstanden, weil es einen Bedarf gab. „Es gab viele Orte für Bastler, aber keinen für Unternehmen mit professioneller Perspektive.“ Das sei ein Problem, denn in vielen Labs mangele es an Ernsthaftigkeit. Manchmal sei die Idee, mit seiner Arbeit Geld verdienen zu wollen, sogar ein Ausschlusskriterium. Die Hightech-Werkstatt wurde im Dezember 2017 gegründet. Zielgruppe waren vor allem kleine Firmen, aber auch einzelne Maker, die mehr als Freizeitprojekte verfolgen. Der Businessplan sah eine Erweiterung nach drei Jahren vor, doch die drei Gründer mussten bereits im April 2018 eine weitere Halle anmieten. „Das Geschäftsmodell“, sagt Christoph Iwasjuta, „funktioniert.“

Möglicherweise liegt das auch an der Spezialisierung: Von Anfang an lag der Fokus auf Unternehmen aus dem Bereich Mobilität, die sich, so die Hoffnung, vielleicht gegenseitig befruchten könnten. Die Halle steht voll mit Prototypen: winzige Elektroautos von Citkar, E-Bikes von Urban Drivestyle, eine erste Version einer Verleihstation für Elektrofahrräder, die aus einem Ikea-Regal entstand. Es wird auch an Elektrolastfahrzeugen gebastelt, an Minitransportern und Ladestationen für E-Autos. Es gibt Zulieferer der Autoindustrie, die hinter verschlossenen Türen arbeiten, während andere in der Halle bauen. „Und die kriegen direktes Feedback“, erklärt Iwasjuta. „Da kommt schon mal ein Maschinenbauingenieur vorbei und sagt etwa, euer Modell kann aus dem und dem Grund nicht funktionieren, da braucht ihr dieses oder jenes Teil. Zwei Leute haben erst zusammen geraucht, jetzt kaufen sie zusammen Material ein. Wir haben auch schon Anfragen von Logistikfirmen, die auf den Produkten von Firmen aufsetzen wollen, die bei uns sind. Das MotionLab entwickelt sich von selber weiter, es funktioniert wie ein Ökosystem.“

Menschen unterstützen und inspirieren einander, wenn sie nebeneinander arbeiten. Das ist ein bekanntes Phänomen, das auch bei Hackathons funktioniert. Am deutlichsten wird das in den Pausen. Wenn jemand Flammkuchen gemacht hat oder Chili con Carne, stehen viele im Küchenbereich und kommen ins Gespräch, schon weil klar ist, dass sie ein Interesse am Weltall teilen und eine gewisse Passion, die sie antreibt. Und doch ist ein Makerspace kein typischer Ort für solche Veranstaltungen, denn meist hocken die Teilnehmer bei E-Marathons vor Computern – und dafür braucht es nicht mehr als einen Raum mit genügend Steckdosen.

Dass es hier anders ist, liegt auch an Katharina Larisch, die mit ihrem Mann Volker Wittpahl die Veranstaltung organisiert hat. „Wir treffen uns immer samstags mit Ansgar im Café zum Frühstück“, erzählt sie. „Einmal war er euphorisch, weil er gerade erfahren hatte, dass er die Nasa-Challenge durchführen kann. Aber er meinte, wir müssten das organisieren, er könne das nicht.“ Tagelang hat das Paar dafür gearbeitet, ein Wochenende ging allein für die Website drauf. Natürlich ohne Geld und neben dem Alltagsjob: Larisch, die früher bei Accenture war und das Gesundheitsportal NetDoktor mitgegründet hat, arbeitet im Bereich Betriebsmedizin, Wittpahl ist einer der Leiter des Berliner Instituts für Innovation und Technik (IIT). Ihr Motiv? „Volker und ich sind politikmüde. Wir dachten, wir zeigen einfach mal, dass Menschen etwas Sinnvolles schaffen können, wenn sie zusammenarbeiten.“ Es gab nur ein Bedenken: „Ein klassischer Hackathon ist langweilig. Wenn wir schon im MotionLab sind, dann soll bitte auch gebaut werden. Und wir brauchen Kultur. Dafür haben wir Ronit geholt.“

Okay, Zeit für einen Einschub. Denn die Frage ist doch: Wie schafft man Innovationen? Wie werden Menschen kreativ? Das wollen Sie wissen, oder? Aber die Antwort ist nicht so leicht.

Denn Kreativität ist, pardon, eine Bitch. Sie ist nicht effizient, hält sich nicht an Termine, Pläne und Budgets. Wochenlang quatscht sie dich ununterbrochen voll, aber wenn du sie brauchst, ist sie nicht da. Und ob sie wiederkommt, weiß man nicht. Im Ernst: Wer auf Kreativität verzichten kann, sollte das tun. Das Problem ist bloß: Sie ist enorm attraktiv. Und es ist ganz leicht, ihr zu verfallen. Zumal sie das Blaue vom Himmel verspricht: Ich mach’ dich reich, ich mach’ dich berühmt, ich mach’ dich erfolgreich. Deshalb wollen nun auch Firmen kreativ und innovativ sein, die ihr Geschäftsfeld bisher im Rhythmus der Jahreszeiten sauber verwaltet haben. Und wie kriegen die das hin?

Mit dem Bällebad in die Sackgasse

Ansgar Schmidt kennt das Dilemma. „Für eine Firma ist so etwas unendlich schwer. Das Riesenproblem ist, dass die sich meist nicht so schnell bewegen können, aber auch nicht das Mindset haben zu begreifen, was hier überhaupt passiert. Die sehen die Halle, die Maschinen, jemanden im Dinokostüm. Und dann kommen sie zurück in ihre Firma und sagen: ‚Chef, ich habe die Lösung, wir machen so ein Innovations-Lab wie das in Berlin.‘ Das erklärt, warum eine alteingesessene Firma plötzlich ein Bällebad hat. Aber das Bällebad macht sie nicht innovativ! Das ist bloß eine Form von Cargo-Kult.“

Cargo-Kulte sind spektakulär bizarre Beispiele für inhalts- lose Nachahmungen. Einige der bekanntesten entwickelten sich nach dem Zweiten Weltkrieg im Pazifik. Die Amerikaner hatten nicht nur ihre Soldaten, sondern auch die Eingeborenen der Inseln, auf denen sie Stützpunkte für den Krieg gegen Japan bauten, lange insbesondere durch Frachtflugzeuge mit Kleidung, Werkzeug und Essen versorgt – mit Cargo. Als nach Ende des Krieges die Lieferungen versiegten, begannen Einheimische Dinge nachzubauen, von denen sie wussten, dass sie mit dem Material zu tun haben: Sie rodeten Urwald für Landebahnen, bauten Gerüste, die Funktürmen ähnelten, und Kopfhörer aus Holz. Kurz: Sie machten nach, was sie gesehen hatten. Das alles brachte natürlich nichts. Aber die Kulte waren trotzdem ein Erfolg.

Erinnert Sie das an irgendetwas? Ja, das ist in vielen Unternehmen der aktuelle Stand der Dinge. Und nein, keine Sorge, das müssen Sie nicht so machen.

Das Problem ist, dass fast alles, was Unternehmen in ihren Innovations-Labs imitieren, auch sinnvoll ist. Aber das reicht nicht. Eine große Halle mit viel Platz, wo man irgendwo zu schrauben anfangen kann und Leuten begegnet, die einem etwas dazu sagen können? Super! Ein moderner Maschinenpark vor Ort, mit dem man alles ausprobieren kann, erklärt von Leuten, die sich auskennen? Essenziell! Ein 16-Jähriger, der das macht? Da wird es schon schwierig. Im MotionLab hängt tagaus, tagein Sami herum, ein Schüler, der alle Maschinen kennt, bei Problemen hilft und zudem beim angeschlossenen 3-D-Drucker-Dienstleister 3dklab einen 450-Euro-Job hat. Kann man das kopieren? Nein. Ist es wichtig? Vermutlich ja.

In der Halle steht auch ein Doppeldeckerbus, der ehemalige Bibi-&-Tina-Tourbus, in den man sich zurückziehen kann, wenn man seine Ruhe will. Der sieht gut aus und ist ein perfektes Symbol für Unkonventionalität, weshalb Ähnliches in Innovations-Labs rund um die Welt zu finden ist – aber er ist total überflüssig. Ganz im Gegensatz übrigens zu dem russischen Künstlerpaar, das zum Hackathon einen Computer brachte, der per Gesichtserkennung Menschen beobachtete, die auf ihm Videos guckten, um dann aus den von ihm erkannten Gefühlen Gemälde zu generieren. Das klingt merkwürdig? Ist aber hilfreich!

Womit wir beim letzten Baustein sind: der Kunst. Dafür ist beim Hackathon Ronit Wolf zuständig, Künstlerin und Kommunikationsdesignerin aus München, die auch über persönliche Kontakte bei der Veranstaltung gelandet ist: Organisator Volker Wittpahl ist Schirmherr des „Münchner Science & Fiction Festival – Art and Science“, das sie seit 2014 in der Bayernmetropole veranstaltet. Einmal im Jahr treffen an einem Wochenende Wissenschaftler und Künstler aufeinander, etwa im Science-Fiction-Slam, wo Forscher gegen Menschen antreten, die fiktive Charaktere aus der Zukunft spielen. „Wissenschaftler und Künstler haben sich viel zu sagen“, erklärt Wolf. „In beiden Gruppen gibt es sehr leidenschaftliche Menschen, die kreativ sind, im Sinne des lateinischen creare – schaffen. Da sind sie sich sehr ähnlich, in diesem ‚Ich will was schaffen‘.“

Beim Science & Fiction Festival, erzählt sie, hat sich der Schrott-Roboter-Wettbewerb Hebocon zu einem echten Publikumsmagneten entwickelt. Da geht es darum, „shitty robots“ zu bauen, also Roboter, die gerade noch funktionieren. Wenn die gegeneinander antreten, Konfettiroboter versus Bananenroboter zum Beispiel, wollen alle dabei sein, auch Familien mit Kindern. „Die Leute haben dazu sofort eine emotionale Verbindung.“ Wolf baute ihren ersten eigenen Schrottroboter aus einem Mixer und Schwämmen. „Der sieht so erbärmlich aus“, sagt sie grinsend, „er heißt Wolkenpferdchen.“ Ihr Lachen könnte wohl die meisten Maschinen in der Halle übertönen.

Mit Kunst zu neuen Ideen

„Der Anspruch“, meint Wolf, „ist nicht, etwas Perfektes zu machen, sondern die Leute in einen Flow zu bringen. Es gibt überall kreative Menschen. Aber die kriegt man nur, wenn man nicht sofort etwas rausziehen will, sondern sie erst mal machen lässt.“ Das sieht Ansgar Schmidt genauso. Aber er versteht auch, warum die meisten Unternehmen damit ein Problem haben. „Das Agile steht einfach im Gegensatz zum wirtschaftlichen Druck. Und das liegt daran, dass wir als Gesellschaft noch nicht verstanden haben, dass die Menschen jetzt 80, 90 Jahre alt werden und es sich leisten können, immer wieder etwas zu lernen, auch lange. Unsere Grundidee ist immer noch, am besten ab 16 Profit zu generieren, und das ununterbrochen bis zur Rente. Erst recht als Mitarbeiter in einem Unternehmen. Wir begreifen noch nicht, dass es auch darum geht, Wissen anzuhäufen. Wir denken immer nur: Geld verdienen, Geld verdienen, Geld verdienen.“

Schon deshalb sind Künstler in einem wirtschaftlichen Umfeld hilfreich – sie haben ganz andere Ziele. Aber das ist nicht der einzige Grund. Christoph Neye, ein weiterer Gründer des MotionLab, sagt, es sollen auch Kunstprojekte in die Halle, „weil Künstler ganz anders an Probleme und Materialien rangehen als Unternehmen.“ Ansgar Schmidt weiß: „Der interessante Maker kommt her, weil es mal eine Hula-Hoop-Session mit Live-Musik gibt oder hier Künstler rumspringen, die irre Ideen haben. Denn er lebt auch von diesem Input, davon, dass er daraus Ideen ziehen kann. Deshalb sind hier so viele Start-ups, die natürlich woanders hingehen könnten. Aber das hier bringt sie voran. Hier haben sie ein mentales Umfeld, in dem sie besser arbeiten können.“

Von Kreativen, Erfindern, Bastlern und anderen Verrückten heißt es gern: Die wollen nur spielen. Aber das ist nicht ganz richtig. Das Spiel steht am Anfang, da geht es um Ideen, doch die meisten wollen ihre Ideen auch umsetzen. Die Leute wollen, dass was passiert. Wenn beides zusammenkommt, ein Raum zum Spielen und zum Umsetzen, ist das unschlagbar. Will man, dass bei einem Hackathon oder in einem Unternehmen etwas passiert, ist so ein Lab perfekt.

Will man allerdings nur, dass exakt das passiert, was man sich vorstellt, ist es der schlechteste Ort der Welt. Dann ist man aber vermutlich ohnehin falsch beim Hackathon oder auf dem Chefsessel. Denn schließlich geht es hier um den Fortschritt, die Zukunft, also das Unvorstellbare. Und das kann man sich eben nicht vorstellen. Das muss man machen.

Und wie war nun der Hackathon? Was wurde gebaut? Wer hat gewonnen? Nun, er war toll. Es wurde etwas gebaut. Wer gewonnen hat, wer einen Nasa-Raketenstart besuchen darf, wird allerdings erst lange nach Redaktionsschluss entschieden. Aber das ist vielleicht auch viel weniger wichtig als die Frage, wie Sie sich eine so kreative Zone einrichten können. Denn darum geht es doch eigentlich, oder? Wir wollen doch alle besser werden. Also willkommen zum zweiten Teil dieses Textes. Betrachten Sie ihn als eine Ansammlung von Schlussfolgerungen Teil 1.

Stellen Sie sich Ihr Versuchsfeld, Ihr Innovationslabor, Ihre Zukunftswerkstatt als einen Garten vor. Dafür brauchen Sie zuerst einmal ein fruchtbares Feld: Das kann eine Halle sein, aber auch ein anderer Ort, wo Menschen leicht zusammenfinden, sich aber auch ebenso leicht zurückziehen können. Der Ort sollte alle nötigen Werkzeuge bieten, die in Ihrem Fachgebiet gebraucht werden. Andererseits ist es hilfreich, wenn er nicht zu sehr nach einem Arbeitsplatz aussieht, auf dem man Arbeitszeit absitzen muss – das führt bei manchen Leuten zu Ideenfreiheit.

Auf symbolische Installationen wie Surfbretter, Kuscheltiere oder eine Spielzeugecke können Sie verzichten – wer lieber mit Lego spielt als mit einem Laser-Cutter, ist in dem Lab ohnehin nicht richtig. Am besten ist, die Leute, die dort tätig sein sollen, richten es selber ein.

Wenn es vor Ort etwas zu essen gibt, ist das nett und bringt, Sie wissen schon, eine stärkere Unternehmensbindung. Aber wenn nicht, gehen die Leute raus, wenn sie Hunger haben, was Bewegung bringt, möglicherweise sogar neuen Input, und das schadet auch nicht. Das Ziel ist nicht, alle die ganze Zeit auf dem Betriebsgelände zu halten.

Dann brauchen Sie für den Anbau etwas, das Ertrag verspricht. Da nehmen Sie natürlich nicht Kartoffeln, die seit zehn Jahren im Keller liegen, oder vertrocknete Zwiebeln. Sie haben kreative Leute in Ihrem Betrieb, davon können Sie ausgehen. Die guten werden sich für das Lab selbst bewerben, die besten allerdings eventuell nicht, weil sie denken, dass sie nicht gut genug sind. Da müssen Sie genau hinschauen, wer aufgefallen ist, auch negativ: Wer sich nicht in Strukturen einfügt, kann außerhalb der Strukturen großartig sein.

Allen Beteiligten sollte klar sein, dass irgendwann Ernte sein muss, weil sich der Garten sonst nicht rechnet. Kurzfristig schadet es nicht, wenn Projekte, an denen in Ihrem Unternehmen schon lange erfolglos getüftelt wird, in Ihr neues Lab gehen. Vielleicht gibt es auch einige Leichen im Projektekeller, deren Wiedervorlage nicht ganz abwegig wäre. Natürlich sollten sich außerdem Mitarbeiter aus anderen Abteilungen, die feststecken, an die Kollegen in der Halle wenden können. Und schließlich sind Ziele hilfreich. Aber nicht nur naheliegende. Stellen Sie sich vor, Sie sind Tesa. Da kann ein Ziel ein neues Klebeband sein. Schön ist aber auch: Der Klebstoff der Zukunft ist nicht … Oder: Das hat im Kinderzimmer noch gefehlt! Oder: Zusammenhalt bedeutet …

Wenn Sie Platz haben und sehr gute Nerven, können Sie Räume an Start-ups vermieten oder an Künstler, die immer für billige Ateliers zu haben sind. Haben Sie Glück, kommt es zu einer gegenseitigen Befruchtung. Im schlechtesten Fall fördern Sie den Nachwuchs und tun damit automatisch etwas für Ihre Reputation.

Und nun? Lassen Sie die Leute machen. Sie gehen ja auch nicht jeden Tag in den Garten und ziehen an den Möhren, damit die schneller wachsen. Oder nageln um jeden Strauch einen Lattenzaun, damit der auch wirklich nach oben treibt – nur dass er so leider keine Sonne mehr bekommt. Es reicht, wenn Sie ab und zu mit dem Leiter Ihres Labs reden, sich die Ergebnisse ansehen und mit der Zeit enorm erfolgreich werden. Sie können auch mal bei Ihrer neuen Abteilung reinschauen, dann werden erst alle denken, dass Sie nur kontrollieren wollen, aber wenn Sie ein paar Stunden mitmachen, haben Sie Spaß, und für die Stimmung ist das weitaus besser als ein gefüllter Kühlschrank.

Jetzt fehlt noch eine Kleinigkeit. Na gut, eigentlich das Gegenteil. Sie brauchen eine Vision. Insbesondere kreative Menschen arbeiten lieber und besser, wenn es um etwas Großes geht, um mehr als den Profit oder die Zukunft Ihrer Firma. Fragen Sie sich: Was braucht die Welt, das wir ihr geben können? Denken Sie nicht zu klein – Klebeband ist nicht die richtige Antwort. Denken Sie an Klimawandel, Neonazis, Trump. Oder die Eisbären, die bald alle verschwunden sind.

Und dann denken Sie an Ihre Kinder. Denn Sie müssen das ernst meinen, Sie müssen das wirklich wollen. Wenn nicht, merkt das jeder, und das kann der größte Kühlschrank der Welt nicht ausgleichen. Oder schauen Sie mal in den Himmel. Ich glaube, Sie kriegen das hin. //


 

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