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Erfinder

Innovationen sind super. Aber manchmal auch gefährlich. Wer kontrolliert eigentlich die Erfinder und die Produkte, die sie erfinden?





• Vor einiger Zeit auf einer Konferenz für Internetforschung im englischen Oxford. Der Redner war Architekt und Stadtplaner, sehr offen für neue Technik, bewandert im Internet der Dinge. Hier aber ereiferte er sich plötzlich über die Idee der „Smart City“. Er wolle seine Stadt nicht sauber, vernetzt und computergesteuert, sondern chaotisch und durcheinander. „Ich möchte nicht, dass irgendwelche Informatiker all die Entscheidungen für uns treffen“, sagte er. Das war ulkig, weil das Publikum zu zwei Dritteln aus Informatikern bestand.

Ähnlich kommentierte Die Zeit Anfang 2018 die Bildungspläne der deutschen Bundesregierung. Die politische Klasse müsse sich auch inhaltlich mit der Digitalisierung befassen und dürfe sie keinesfalls den Nerds überlassen. Ebenfalls „nicht den Nerds überlassen“ dürfe man die „Digitalisierung der Pflege“, forderte der Philosoph Richard David Precht in einem Vortrag für die Caritas.

Der Ire John Naughton ging im englischen The Guardian einen Schritt weiter. Er beschimpfte die Bosse von Facebook und Google wiederholt als halbgebildete Nerds, die an der Uni lediglich Informatik studiert, die wirklich wichtigen Vorlesungen (in den Geistes- und Sozialwissenschaften) dagegen regelmäßig geschwänzt hätten, und unterstellt ihnen unternehmerische Soziopathie. Die gesamte Technologiebranche verhalte sich wie ein ungezogener Rotzlöffel, dem man dringend Manieren beibringen müsse. Naughton hat als Professor viel darüber nachgedacht, wie die Öffentlichkeit über Technologie nachdenkt.

Derlei Äußerungen begegnen einem überall. Aus dem Chor der Skeptiker sprechen zwei Vermutungen. Zum einen: dass viele der heutigen Erfindungen und Innovationen in die falsche Richtung gehen. Zum anderen: dass das womöglich auch an jenen liegt, die sich all diese neuen Dinge und Verfahren ausdenken. An den Forschern, den Computerleuten, den Nerds. Woher kommt diese Sorge? Und wie ernst muss man sie nehmen?

Klagen über das Neue – es hat sie schon immer gegeben. Die deutsche Sachbuchautorin und Journalistin Kathrin Passig hat dazu vor einigen Jahren einen launigen Essay verfasst, der den Titel trug „Standardsituationen der Technologiekritik“. Sie behauptet darin, dass jede Innovation auf die immer gleichen Gegenargumente treffe. Wie vor rund 2400 Jahren, als der Philosoph Sokrates in Athen gegen die Erfindung des Lesens und Schreibens wetterte: Die jungen Leute würden dadurch immer dümmer und hätten zu Gesprächen nur Blabla beizutragen.

Passig zählt weitere Neuerungen auf, denen ein ähnliches Gemecker entgegenschlug: die Hinweisschilder an Wanderwegen, die öffentliche Straßenbeleuchtung, den Tonfilm, das Radio, das Flugzeug und so weiter. Immer gab es jemanden, der meinte, dass man diese Dinge nicht brauche, dass nieetwas aus ihnen werde, dass sie schädlich seien. Kurzum: Das Neue nervt. Denn es verdrängt etwas Altes, das man womöglich mag. Es macht Arbeit, kommt ungefragt, es stört, weil es neu ist. „Das Unbehagen ist zuerst da“, sagt Kathrin Passig. „Die Begründung wird nachträglich dazuerfunden.“

Inzwischen hat sie ihren Beitrag relativiert. Denn zu aller Kritik gesellt sich bei jeder Innovation eine fast ebenso lange Liste an Heilserwartungen. Den Weltfrieden hat man sich von allem Möglichen versprochen: von der Eisenbahn und dem Telefon, dem Dynamit und dem Maschinengewehr. Heute wissen wir: Die Welt ging nicht unter. Und sie wurde nicht geheilt. Technologie hat alles verändert, aber es kam immer anders, egal wie sehr Zeitgenossen die Erfinder für ihre Werke auch bewundert oder gefürchtet haben.

Was ist ein Nerd? Wer sind die Leute hinter den Innovationen? Wen haben wir da vor Augen? Diese Fragen hat sich die US-Anthropologin Margaret Mead bereits in den Fünfzigerjahren gestellt. In einem Aufsatz ließ sie Schüler von mehr als 120 Highschools beschreiben, was ein Wissenschaftler sei. Konsens unter den Kindern war: „Der Forscher ist ein Mann, der einen weißen Kittel trägt und in einem Labor arbeitet. Er ist alt oder zumindest in mittleren Jahren, trägt eine Brille, (…) womöglich einen Bart (…), er ist von allerlei Gerätschaften umgeben (…). Er muss gefährliche Geheimnisse für sich behalten. Ständig liest er Bücher.“ Die Kinder fanden die Wissenschaft zwar nützlich. Wenn es jedoch darum ging, einen Wissenschaftler zu heiraten, falle die Antwort überwiegend negativ aus, schreibt Mead.

Ab den Achtzigerjahren – nach Meads Tod – wurde der Versuch mehrfach mithilfe des sogenannten Draw-a-Scientist-Tests wiederholt. Die erste Untersuchung dieser Art durch den Wissenschaftler David Chambers enthält einen interessanten Seitenaspekt: Als man einige der Kinder bat, nach dem ersten Bild „noch einen weiteren Wissenschaftler“ zu malen, tauchten plötzlich vermehrt düstere Porträts auf. Die dargestellten Forscher bauten Bomben und brauten Gifte, einer hielt ein Reagenzglas in die Luft und rief: „Damit zerstöre ich die Welt!“ Chambers notiert verblüfft, dass etwa die Hälfte der Kinder an der moralischen Integrität der Forscher zweifle.

Woher kommt dieses Unbehagen? Womöglich aus Romanen, dachte sich die australische Medienforscherin Roslynn Haynes und durchforstete die Belletristik nach Darstellungen von Wissenschaftlern. Ihr Urteil: Neben der Horrorgestalt des Dr. Frankenstein habe unsere Literatur kaum mehr als eine Handvoll Klischeebilder zustande gebracht. Gute Wissenschaftler seien dabei in der Minderzahl. Sie stellt fest: „Die Ur-Erzählung in der westlichen Kultur beschreibt den Forscher als bösartigen und gefährlichen Mann.“ In seinem Hunger nach Erkenntnis ist er zum Äußersten bereit. Er schließt einen Pakt mit dem Leibhaftigen (Faust), erschafft ein unkontrollierbares Ungeheuer (Frankenstein) oder wird selbst zum Monster (Dr. Jekyll). Haynes vermutet hinter diesen negativen Bildern kollektive Ängste, die Furcht vor dem Neuen.

In den Neunzigerjahren zeigen sich Vorboten eines Wandels hin zu einer positiven Darstellung des Forschers. In Steven Spielbergs Jurassic Park etwa stehen gute und böse Wissenschaftler einander gegenüber. Einerseits der smarte Chaostheoretiker, gespielt von Jeff Goldblum – er ist zugleich Wissenschaftsskeptiker und Womanizer. Den Part des Gegenspielers übernimmt eine neue Variante des „bösen Experten“: ein übergewichtiger, hinterhältiger Verräter, der als Einziger etwas von Computern versteht. Die Autoren nannten die Figur „Dennis Nedry“. Dreht man die entscheidenden zwei Buchstaben um, steckt in diesem Typ mit dem merkwürdigen Namen der: Nerd – der weltfremde, asoziale, narzisstische Fachidiot. Der Nerd ist die Personifizierung einer beschleunigt sich erneuernden Technologie, die wir nicht mehr verstehen, die aber permanent unser Leben verändert.

Schnauze voll von Experten

Warum ist das wichtig? Weil unser Gehirn nach einem Muster funktioniert, das Psychologen als „Verfügbarkeits-Heuristik“ bezeichnen. Wir kalkulieren komplexe Themen selten sauber durch. Das wäre aufwendig und würde Zeit und Energie verbrauchen. Wir greifen stattdessen nach dem, was sich einfach und schnell denken lässt. Nach bewährten Mustern. Nach Klischees. Es ist deshalb leicht, negative Archetypen zu aktivieren, wenn es um Wissenschaftler und Erfinder geht. Das Bild vom Mann im weißen Kittel, den keiner heiraten will. Das Bild vom einsamen Autisten, mit dem man nicht vernünftig reden kann. Das vom weltfremden Spinner. „Wir haben die Schnauze voll von den Experten“ konnte so zu einem Kernsatz des Brexit-Wahlkampfs werden. Und Donald Trump leugnete lange Zeit den Klimawandel, während die Leute nickten, als hätten sie’s schon immer geahnt: Man kann Männern in weißen Kitteln einfach nicht trauen. Wer davon spricht, man dürfe nicht alles den Nerds überlassen, bedient sich im Grunde desselben Tricks: Indem man den gesichtslosen Erfinder erwähnt, diskreditiert man zugleich die Sicherheit und Verlässlichkeit seiner Werke. Nach dem Motto: Wo der Nerd erfindet, da droht die Katastrophe.

Derlei Unglücke großen Stils sind die Sache des greisen amerikanischen Soziologen Charles Perrow. Seine bekanntesten Arbeiten stammen aus jenen Zeiten, in denen nicht die Digitalisierung den Menschen um den Schlaf brachte, sondern die Atomenergie. Perrow untersuchte als Forscher die Havarie des Atomkraftwerks in Harrisburg/Pennsylvania im Jahr 1979. Die deutsche Übersetzung seiner Analyse erschien wenige Monate, nachdem im April 1986 der Kernreaktor von Tschernobyl explodierte. Perrow arbeitet in seinen Studien mit zwei zentralen Begriffen: „Komplexität“ und „Kopplung“. Komplex ist alles, was sich aufgrund seiner systemisch-mathematischen Struktur nicht mehr komplett vorhersagen lässt. Kopplung bezeichnet den Grad der Leichtigkeit, mit dem Probleme von einem Subsystem auf andere Subsysteme überspringen. Mit diesen Werkzeugen untersuchte der Organisationsforscher Perrow nicht nur die Atomindustrie, sondern auch andere Technologien.

Er gelangt dabei zu dem Schluss, dass industriell verursachte Tragödien so unvermeidlich sind wie Wirbelstürme und Sturmfluten. Perrow bezeichnet sie deshalb nicht als bedauerliche Ausrutscher, sondern als „normale Katastrophen“. Ihre Häufigkeit werde in Zukunft weiter steigen. Gigantische Fabriken waren ihm deshalb immer suspekt, denn durch sie schaffe man eine absurde Anhäufung von Gefahrgütern. Argwohn weckt in ihm auch die Machtkonzentration in den Händen weniger Firmen. Die schiere Größe der Technologie-Giganten nennt er schon während der Nullerjahre „jenseits aller Vernunft“. Denn: „Je größer die Organisation, desto größer ist auch ihre Verwundbarkeit“, sagt Perrow. Sein Mantra: „Bigger is not safer!“

Rettung erhofft sich Perrow vor allem aus der Politik: Man brauche strenge Kartellgesetze, um marktbeherrschende Riesenfirmen zu zerschlagen, Regelungen, um die Größe industrieller Anlagen zu beschränken, und Steuerungsinstrumente, um die immer dichtere Besiedlung gefährlicher Gebiete zu reduzieren, vor allem an den Küsten.

Die immer stärkere Kopplung in einer zunehmend vernetzten, globalisierten Welt ist das Gegenteil dessen, was Perrow seit den Achtzigerjahren für den richtigen Weg hält. „Ich sehe schwarz für meine Enkel“, sagt er in einem auf Youtube zugänglichen Vortrag. Trotz seiner pessimistischen Haltung: Perrow war nie am Nerd-Bashing interessiert und protestierte immer, wo Katastrophen mit „menschlichem Versagen“ entschuldigt wurden. Der Story vom fehlerhaften Menschen inmitten makelloser Technik setzte er eine andere entgegen: Die Malaise liegt in den überkomplexen Systemen, die Menschen und Maschinen miteinander bilden.

Alles nur großer Mist

Inzwischen gibt es unter Wissenschaftlern einen neuen Kampfbegriff. Sie sprechen vom „technologischen Determinismus“. Den wirft man jenen vor, die Heil oder Untergang der Menschheit allein von Erfindungen erwarten, vom neuen Design, der krasseren Innovation. Zu den Skeptikern eines solchen Technikglaubens gehört auch Armin Grunwald. Er ist Professor für Technikphilosophie am Karlsruher Institut für Technologie KIT und Leiter des Büros für Technikfolgen-Abschätzung beim Deutschen Bundestag. Sein neues Buch „Der unterlegene Mensch“ (Riva 2018, 256 Seiten) befasst sich laut Untertitel mit der „Zukunft der Menschheit im Angesicht von Algorithmen, künstlicher Intelligenz und Robotern“.

Grunwalds Ausblick ist teilweise pessimistisch. Die Maschinen hätten uns vielerorts den Rang abgelaufen und könnten bald den Arbeitsmarkt umkrempeln. Wie Zauberlehrlinge würden Schöpfer von Algorithmen die Kontrolle über ihre Arbeit verlieren. „Es gibt womöglich keinen mehr, der wirklich durchschaut, ob das, was am Ende herauskommt, gut ist oder großer Mist. Diese Undurchschaubarkeit bereitet mir einige Sorge“, sagt Grunwald. Abschalten aber könne man das Internet nicht. „Das hätte unabsehbare Folgen. Etwa für die Nahrungsmittelversorgung. Das Essen könnte in einigen Ballungsgebieten schnell knapp werden.“ Von der verbreiteten Furcht vor den „einsamen Nerds“ dagegen hält er wenig. „Diese alten Klischees haben mit moderner Wissenschaft nichts zu tun – denn die funktioniert nur noch als koordinierte Gemeinschaftsforschung.“

Grunwald spricht durchs Telefon. Sein Stimme klingt blechern. Er sitzt im Keller einer Gastwirtschaft in Moskau. Eine Hochschule hat ihn eingeladen – er soll über seine Arbeit berichten. „Die Russen beobachten sehr genau, was bei uns in Deutschland passiert. Wir sind ihnen in vielen Dingen ein Vorbild.“ Grunwalds Arbeit? „Wir beraten die Politik. Wir entwerfen mögliche Szenarien. Wirklich erforschen kann man das nicht, weil aus der Zukunft keine Daten vorliegen. Wir geben deshalb auch keine Empfehlungen. Das ist nicht unser Job“, sagt er.

Überhaupt hält er wenig davon, Fragen des Gemeinwohls an Verbraucher oder Unternehmen zu delegieren. „Das muss die Politik machen, da bin ich altmodisch.“ Die Digitalisierung sei in der öffentlichen Debatte das einzig wirklich heiße Technikthema. Energiewende? Biotechnologie? Lauter wichtige Felder, die aber in Deutschland kaum diskutiert würden. „Als im November 2018 verkündet wurde, dass in China die ersten genetisch manipulierten Babys auf die Welt gekommen sind – hat man darüber zwei Tage lang diskutiert, dann war’s aber seltsamerweise schon wieder vorbei.“ Sicher: Grunwalds Institut erstellt zum dahinterstehenden CRISPR-Verfahren derzeit eine Studie für den Bundestag. Das sei gesellschaftlich relevant, für die meisten aber eher langweilig. Ähnlich wie Katastrophenforscher Perrow glaubt Grunwald, dass die Politik Anreize und Grenzen setzen müsse, um Innovationen in eine menschliche Richtung zu lenken.

Klappt so etwas denn überhaupt noch? Gehen die Unternehmen nicht einfach dorthin, wo sie die günstigsten Bedingungen finden? „Dieses Argument höre ich schon lange“, sagt Grunwald. „Aber die Realität sieht anders aus. Man kann als Konzern mit seinen Forschungsabteilungen nicht einfach umziehen. Und wenn die EU sagt: Wir haben unsere Werte, unsere Grundsätze, manche Dinge wollen wir nicht – dann hat das Auswirkungen überall auf der Welt.“ Etwa bei den erwähnten Gen-Babys. „Die chinesische Regierung hat ihren Forscher sofort zurückgepfiffen. Das finde ich hochinteressant. Man hat in Peking offenbar geglaubt, das sei das Beste für die eigene Reputation.“

Gleichzeitig beobachtet Grunwald noch einen zweiten Trend, der ihn hoffen lässt: Viele Firmen hätten neue, verantwortlichere Formen der Innovation für sich entdeckt. „Sie haben gemerkt, dass es oft gar nicht gut ist, alles nur hinter den Mauern der eigenen Firma zu entwickeln. Sie haben sich gesellschaftlichen Dialogen geöffnet und beziehen Nutzer oder auch die Nachbarn ihrer Standorte stärker ein.“ Die Nerds zwingen sich selbst zum Gespräch mit dem Rest der Menschheit.

Innovation durch Zuhören

Wie die BASF in Ludwigshafen, dem Besitzer des nach eigenen Angaben größten zusammenhängenden Chemie-Areals der Welt. Im Jahr 2015 feierte das Unternehmen sein 150-jähriges Jubiläum und startete ein Projekt namens „Creator Space“. Dahinter verbirgt sich ein bemerkenswerter Großversuch: Kann ein eher konservatives Unternehmen einzelne Innovationen womöglich auf völlig ungewohntem Wege entwickeln? Zusammen mit Forschern aus anderen Firmen? Durch Kooperation mit dem Kunden? Anfangs sprach man innerhalb des Konzerns von einem Kulturwandel. Fakt ist: Seitdem haben BASF-Mitarbeiter unter dem neuen Label rund 500 Einzelkonzepte angeschoben. Aus einem Fünftel davon sind Projekte oder Produkte geworden.

„Wir haben uns zum Beispiel mit einer NGO zusammengetan und zehn unserer Forscher und Entwickler in die Slums von Mumbai in Indien geschickt“, sagt BASF-Manager Christian Beil, der den Creator Space mit aufgebaut hat. „Sie haben dort gelebt und gemerkt, wie problematisch selbst die tägliche Versorgung mit Trinkwasser sein kann und was die Leute vor Ort wirklich brauchen.“ Das Resultat der Arbeit in Mumbai: eine Art Geldautomat für Trinkwasser, man zahlt per Kreditkarte und füllt dafür sauberes Wasser für sich und seine Familie ab. Am Ende ein Sozialprojekt, mehr nicht. Wirklich in Serie ging die Sache nie.

Besser lief es in Chile. Dort landen biologische Abfälle vielerorts auf der Müllkippe. Gemeinsam mit Kommunen, Bürgern und Firmen vor Ort hat ein BASF-Team jetzt ein Modell entwickelt, wie der Biomüll gesammelt, kompostiert und als Dünger zurück auf die Felder gebracht werden kann. „Das funktioniert, alle machen mit. Auch weil wir einen Weg gefunden haben, allen Beteiligten einen Nutzen aufzuzeigen“, sagt Beil.

In anderen Projekten liegt die Neuerung nicht in der Technologie, sondern in einem veränderten Geschäftsmodell. Etwa beim Verkauf von Pflanzenschutzmitteln. Auf dem Markt in Brasilien hat das für die BASF zu einem Paradigmenwechsel geführt. Die Kartoffelfarmer kaufen jetzt keine Pestizide mehr, sondern eine Art Abonnement für Dienstleistungen und Produkte. Bezahlt wird pro Hektar: Je mehr Land der Vertrag umfasst, desto höher die Rechnung. Im Gegenzug erhalten die Bauern Zugang zu den relevanten BASF-Produkten, eine umfassende Beratung, ein Netz moderner Sensoren – und die bestmögliche Computerberechnung dafür, wie viele und welche Pflanzenschutzmittel sie genau wo und wann benötigen. „Wir haben dadurch für uns einen Anreiz geschaffen, weniger Fungizide und Pestizide einzusetzen – und trotzdem unser Geld zu verdienen. Alle gewinnen und arbeiten auch noch nachhaltiger“, sagt Beil.

Das Sonderprojekt zum Firmenjubiläum ist mittlerweile fester Bestandteil der BASF geworden. Christian Beil und seine Kollegen gehören jetzt zur Abteilung „Management Consulting“, einer Art innerer Unternehmensberatung des Konzerns. „Es geht da weiterhin darum, Innovation vom Markt und den Kundenbedürfnissen zu denken. Ich ermutige all unsere Forscher und Entwickler, so oft wie möglich mit Leuten außerhalb der Firma zu reden“, sagt Beil. Offene Innovationen stellen bei der BASF und anderswo allerdings nur einen Bruchteil der Entwicklungsarbeit.

„Im Moment sind solche Methoden eine Art Experiment“, sagt Technikfolgenforscher Armin Grunwald. „Nicht alles den Nerds überlassen“ als Weg der besseren Innovation – wird sich das durchsetzen? „Nur wenn es sich auch in Geschäftsbilanzen und Aktienkursen niederschlägt“, glaubt er. „Dieser Test steht aber noch aus. Ich fürchte: Wenn das nicht klappen sollte, werden diese Modelle bald wieder auf der Kippe stehen.“

Egal wie die Sache ausgeht – das Misstrauen gegenüber Technologie und ihren Erfindern wird wohl bleiben. Zu lange ist es her, dass wir Laien das Verständnis für die Komplexität der Dinge verloren haben, selbst wenn uns das im Alltag nicht immer auffällt. //


 

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