brand eins Thema: Innovation 2016

Wie Sie Innovationen prima verhindern

Der Feind sollte geschwächt werden. Im Zweiten Welt­krieg fasste das US-amerika­nische Office of Strategic Services (OSS), die Vorläufer­organisation des Auslandsgeheimdienstes Central Intelligence Agency (CIA), in einer kleinen Broschüre zusammen, wie der ganz normale Alltags-Saboteur unauffällig im Feindesland agieren sollte.





Auf 32 Seiten geht es um das Feuerlegen in Fabrikgebäuden, um Haarbüschel im Maschinen­öl und um die nur schein­bare Reparatur von Autoreifen („Belassen Sie den Gegenstand, der zum Platten geführt hat, im Reifen“).

Die stillen Helfer sollten bei Tag Münzen unter Glühbirnen schrauben, sodass abends die Sicherungen herausfliegen; sie sollten mit zuckergetränkten Schwämmen WC-Abflussrohre verstopfen und zwei Fahrkarten für ­denselben Sitzplatz in der Bahn ausstellen, „sodass ein interessanter Streit herauskommen dürfte“.

Doch nicht nur Arbeiter und Arbeiterinnen waren gefragt, auch die Managementebene durfte 1944 den Alliierten helfen. 

Und das Folgende liest sich überraschend aktuell. Als hätte der eine oder andere heutige Kollege ... – aber, nein, das kann ja nicht sein.

ORGANISATIONEN UND KONFERENZEN

(1) Bestehen Sie darauf, alles streng nach Vorschrift zu erledigen. Lassen Sie niemals den kurzen Dienstweg zu, um Entscheidungen zu beschleunigen. 

(2) Halten Sie Monologe. Sprechen Sie so oft und so lang wie möglich. Schmücken Sie Ihre Beiträge mit langen Anekdoten und persönlichen Erfahrungen aus. Streuen Sie einige „patriotische“ Anmerkungen ein.

(3) Falls möglich, veranlassen Sie, dass Sachfragen für „weitere Untersuchungen und Diskussionen“ an Ausschüsse weitergeleitet werden. Versuchen Sie, die Ausschüsse so üppig wie möglich zu besetzen – niemals weniger als fünf Mitglieder.

(4) Bringen Sie unwichtige Themen so oft es irgend geht zur Sprache.

(5) Feilschen Sie bei Meldungen, Protokollen oder Beschlüssen um präzise Formulierungen.

(6) Kommen Sie noch mal zurück auf Beschlüsse der vergangenen Sitzung und versuchen Sie die Frage zu erörtern, ob es ratsam war, diese Entscheidungen zu fällen.

(7) Plädieren Sie stets für Vorsicht. Seien Sie „vernünftig“, und drängen Sie Konferenzteilnehmer, ebenfalls genau abzuwägen und Eile zu vermeiden, die später zu Peinlichkeiten und Schwierigkeiten führen könnte.

(8) Seien Sie auf die ­Korrektheit jeder einzelnen Entscheidung bedacht. Werfen Sie die Frage auf, ob eine vorgesehene Maßnahme in die Zuständigkeit der Gruppe fällt oder ob es Konflikte mit höheren Rängen geben könnte.

FÜHRUNGSKRÄFTE UND VORGESETZTE

(1) Verlangen Sie Aufträge und Anweisungen ausschließlich in schriftlicher Form.

(2) Missverstehen Sie Aufträge. Stellen Sie endlose Fragen, oder lassen Sie sich auf lange Schriftwechsel über Anweisungen ein. Streiten Sie sich darüber, wo Sie können. 

(3) Tun Sie alles, um Projekte zu verzögern. Auch falls Teile eines Auftrags bereits fertig sein sollten: Liefern Sie nicht, bevor nicht alles vollständig abgearbeitet ist.

(4) Bestellen Sie kein neues Arbeitsmaterial, bis Ihre gegenwärtigen Vorräte fast erschöpft sind, sodass die geringste Verzögerung der Bestellung den Betrieb lahmlegt. 

(5) Ordern Sie hochwertiges Material, das schwer zu bekommen ist. Wenn Sie es nicht bekommen, machen Sie Ärger. Warnen Sie davor, dass minderwertiges Material minderwertige Ergebnisse bedeutet.

6) Wenn Sie Aufgaben verteilen, tun Sie das immer zuerst für die unwichtigen Jobs. Achten Sie darauf, dass die wichtigen Aufträge in die Hände unfähiger Ar- beiter an schlechten Maschinen geraten. 

(7) Bestehen Sie auf perfekter Arbeit bei relativ unwichtigen Produkten, und schicken Sie sie bei kleinsten Fehlern zur Nachbearbeitung zurück. Billigen Sie defekte Teile, deren Fehler mit dem bloßen Auge nicht sichtbar sind.

(8) Bauen Sie logistische Fehler ein, sodass Teile und Material auf dem Produktionsgelände an falschen Stellen landen.

(9) Wenn Sie neue Arbeitskräfte anlernen, geben Sie unvollständige oder irreführende Anweisungen.

(10) Untergraben Sie die Arbeitsmoral, und behindern Sie die Produktion: Seien Sie freundlich zu ineffizienten  Mitarbeitern; befördern Sie diese unverdient. Benachteiligen Sie dagegen effiziente Kollegen; beschweren Sie sich ohne Anlass über deren Arbeit.

(11) Halten Sie Besprechungen am besten dann ab, wenn es Wichtigeres zu tun gibt. 

(12) Sorgen Sie für mehr Bürokratie. Legen Sie Zweit- schriften und Ordner für Kopien an.

(13) Komplizieren Sie die Abläufe und Genehmigungswege, die für das Ausstellen von Anweisungen, Schecks usw. nötig sind. Sorgen Sie dafür, dass es, wo eine Person zur Genehmigung genügen würde, drei sind.

(14) Übernehmen Sie alle Vorschriften buchstabengetreu.

Das vollständige Simple Sabotage Field Manual finden Sie hier im englischen Original.