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Malmö

Die Ziele legt die Stadtverwaltung fest. Doch wie sie erreicht werden, entscheiden alle gemeinsam. So wurde Malmö zu einer der innovativsten Städte der Welt.






Es gibt keinen Grund zu existieren, wenn man nicht für ­irgendetwas gebraucht wird. Deshalb muss eine Gesellschaft so organisiert werden, dass jeder gebraucht wird. Wir verlangen, gebraucht zu werden!
Motto des Jahresberichts 2013 der Kommission für ein sozial nachhaltiges Malmö

Niemand hat besonders viel Zeit in Malmös Stadt­verwaltung. Zwar wirkt die Stadt beschaulich, vor allem im Zentrum, wo sich zwischen roten Backsteinbauten kleine Gassen dahinschlängeln, in denen mehr Kinderwagen als Autos unterwegs sind. Doch dieses urbane Idyll gibt es nicht umsonst. Seit 20 Jahren wird in Schwedens drittgrößter Metropole Stadtentwicklung neu gedacht, geplant und umgesetzt – und das zentrale Werkzeug dafür ist Kommunikation. Jeder spricht mit jedem. Das ist aufwendig, führt aber zu erstaunlichen Ergebnissen – die mit klassischen Zukunftsszenarien allerdings wenig zu tun haben.

Sicher, es gibt einige Wahrzeichen, die unsere von Großprojekten und Träumen des Industriezeitalters immer noch geprägten Visionen von morgen befriedigen. Allen voran die gigantische Öresundbrücke, die Malmö seit knapp 16 Jahren mit Kopenhagen verbindet, und der Wolkenkratzer Turning Torso im Westhafen, eines der höchsten Wohnhäuser Europas. Doch wer ein Sinnbild für das sucht, was sich hier als Idee des Zukünftigen andeutet, ist besser beraten, auf die Straße zu schauen: Rund ein Viertel aller Wege werden mit dem Fahrrad erledigt – die Stadt steht im „Copenhagenize Index“ auf Platz 6 der fahrradfreundlichsten Städte der Welt.

Das prägt das Straßenbild. Überall finden sich Radfahrer zu Pulks zusammen, die ein Stück gemeinsam fahren, sich trennen, mit anderen zusammenfinden und so weiter, bis schließlich jedes einzeln dahinsurrende Fahrzeug sein Ziel erreicht hat. Es ist ein Schwarm von Individuen, in dem jeder für sich unterwegs ist, mit einem ganz eigenen Ziel und doch alle gemeinsam. So ist Malmö.

Die Stadt ist weit gekommen – und wächst stetig: 1995 lebten hier rund 234 000 Menschen, inzwischen sind es mehr als 300 000, bis 2030 sollen es 400 000 werden. Auf der OECD-Liste der innovativsten Städte der Welt steht Malmö auf Platz 4, das Globalization and World Cities Research Network listet es als Global City der Kategorie Gamma: Städte, die kleine Regionen an die Weltwirtschaft anschließen.

Auch als nachhaltige Stadt ist Malmö weltweit bekannt. Das liegt bislang vor allem an dem auf einer Industriebrache neu entstandenen Stadtteil Westhafen, der nach Fertigstellung zu hundert Prozent mit lokal erzeugter, erneuerbarer Energie versorgt werden soll, die unter anderem aus dem ­Ertrag des innovativen Entsorgungssystems gewonnen wird. Doch das soll nicht alles sein: Der neue Stadtteil Hyllie, der gerade nah an der Öresundbrücke entsteht, wird von einem Smart-Grid-Energie-System versorgt werden – ein groß angelegter Testlauf unter Mitwirkung von Siemens und E.on.

Wohnen im Westhafen, das geht erhaben und klassisch, etwa im Turning Torso.

In gewisser Weise ist Malmö selbst ein Smart Grid: Alles hängt hier mit allem zusammen, und das nicht nur, weil das nun mal so ist in unserer Welt – sondern weil es so geplant ist. Malmös Entwicklung ist kein Zufall, nicht von Marktkräften geformt oder von modernen Unternehmen, die sich ein passendes Umfeld schaffen wollen. Sie ist das Ergebnis einer Planung, die klare Ziele hat und doch von all jenen mitbestimmt wird, die in, mit und von der Stadt leben. Das macht das Bild enorm komplex. 

Aus der Krise in den Westhafen

Daniel Skog arbeitet seit 15 Jahren in der Umweltbehörde von Malmö und leitet inzwischen die Kommunikationsabteilung. Wir treffen uns in einem Backsteinbau aus den Achtzigerjahren, nicht weit vom Rathaus entfernt. Gegenüber befindet sich ein türkisches Restaurant, einige Schritte links oder rechts die Straße runter gibt es diverse Falafel-Imbisse. Falafel ist das inoffi­zielle kulinarische Wahrzeichen der Stadt.

„Malmö war früher eine sehr stolze Industriestadt, doch als ich Ende der Neunzigerjahre hierherzog, um zu studieren, war davon nichts mehr übrig – alles war grau und hoffnungslos. Vor allem die jungen Leute hatten die Stadt verlassen, aber auch Ältere mit Kindern. Das war in demografischer Hinsicht natürlich fatal. Doch es begann sich langsam zu ändern. Nachdem 1998 die Universität ihre Tore geöffnet hatte, kamen wieder junge Menschen hierher – erst mal nur fürs Studium. Auch ich wollte danach wieder weg, aber Sie sehen, ich bin immer noch da, inzwischen mit Frau und Kind. Und das ist der Trend: Jedes Jahr ziehen mehr junge Leute her. 

Malmö ist heute weltweit als nachhaltige Stadt bekannt, aber geworden ist sie das eigentlich durch Zufall. IImar Reepalu, Malmös Bürgermeister von 1994 bis 2013, war 1992 in Rio, als die Agenda 21 verabschiedet wurde. Das hat ihn so inspiriert, dass er beschloss, Malmö in eine Stadt der Nachhaltigkeit und des Wissens zu verwandeln. Seine Vision und sein Einsatz waren enorm wichtig, doch wichtiger war, dass es ihm gelang, viele Menschen für seine Idee zu begeistern: von der Verwaltung über die Wirtschaft bis zu den Bürgern.

Im Jahr 2000 haben wir begonnen, den Westhafen zu entwickeln, heute wohl der bekannteste Stadtteil hier – jedes Jahr besuchen ihn Tausende von Fachleuten. Auf dem Gelände befand sich früher die Kockums Werft, lange einer unserer größten Arbeitgeber. Als sie Ende der Achtzigerjahre schloss, verloren wir mehrere Tausend Jobs – in fünf Jahren gingen 30 Prozent aller Arbeitsplätze in Malmö-Stadt verloren. Das war der Grund, warum wir uns neu erfinden mussten. 

Nachdem die Werft zu war, hat die Stadt das Land gekauft, und als wir den neuen Stadtteil zu planen begannen, mussten sich die Immobilien-Entwickler dafür bei uns bewerben. So konnten wir sie in Konkurrenz zueinander setzen: Wer baut am nachhaltigsten? Und wer schafft das am günstigsten? Viele Entwickler verstanden nicht, was wir wollten. Die ersten Häuser im Westhafen wurden auch nicht als ,nachhaltig‘ beworben – keiner dachte, dass das jemanden interessiert. Doch wir haben 2001 eine internationale Bauausstellung ausgerichtet, und so hatten die Bauherren einen Anreiz, mehr als das Nötigste zu tun – ihre Gebäude würden ein internationales Publikum haben. Außerdem haben wir Förderungen beschafft, was die Kosten verringerte.

Ganz wichtig für den Prozess war, dass alle Beteiligten miteinander geredet haben. Wir haben dafür ein Format entwickelt, das wir den guten Dialog nennen. Wir haben alle Parteien, die an der Entwicklung des Viertels beteiligt waren, überzeugt, sich zusammenzusetzen und gemeinsam zu überlegen, wie etwa die Entsorgung aussehen soll oder das Parksystem. Am Anfang hatte kaum einer daran Interesse – niemand wollte mit der Konkurrenz kooperieren. Inzwischen ist jedem klar, dass so eine Zusammenarbeit allen etwas bringt.

Im Sommer freut sich Rosengård wieder über blühende Hinterhof-Landschaften.

Der Westhafen war eine ideale Situation, denn als wir anfingen, lebte dort keiner: Die gesamte Infrastruktur war völlig offen. Das große Problem für Städte wie Malmö ist aber nicht, dass sie neue Viertel bauen, sondern alte Quar­tiere sanieren müssen. Mit Augustenborg hat die Stadt 1998 begonnen. Schon damals haben wir auf die Kooperation mit den Anwohnern gesetzt. Wir haben Workshops organisiert und Nachbarschaftstreffen, um herauszufinden, was die Leute wollen. Und dabei sind wir bis heute geblieben. 

Ganz wichtig neben der ökologischen Nachhaltigkeit ist uns die Verbesserung des sozialen Umfelds. In Rosengård, dem Viertel, das wir nach Augustenborg angegangen sind, ging es zwar zuerst einmal um die nachhaltige Sanierung der Häuser und der Infrastruktur, aber der Stadtteil sollte auch insgesamt attraktiver werden. Dafür haben wir viel getan, zum Beispiel haben wir mit Urban Farming begonnen: Die Anwohner können jetzt in den Hinterhöfen, die früher oft recht verwahrlost waren, Gemüse anbauen. Am Anfang standen die meisten Vermieter dem Projekt skeptisch gegenüber. Sie waren sicher, die Gärten würden schon in der ersten Nacht zerstört werden. Tatsächlich hatten wir nie ein Problem mit Vandalismus. 

Zurzeit sanieren wir Lindängen, ein Viertel mit vielen Plattenbauten. Dort sind die Häuser alt, die Arbeitslosigkeit ist hoch. Einige Vermieter würden gern neu bauen, und so verhandeln wir mit ihnen: Wir verkaufen ihnen sehr günstig ehemalige Parkplätze als Baugrund, wenn sie im Gegenzug Arbeitslose aus dem Viertel für den Hausbau anstellen. Es werden Häuser mit großen Wohnungen, in denen man Kinder aufziehen kann, denn das ist ein weiteres Problem: Die Wohnungen im Viertel sind zu klein, sodass Familien mit Kindern, die genug Geld haben, die Gegend verlassen. Es geht uns eben nicht nur um ökologische Nachhaltigkeit – wir müssen auch sozial und wirtschaftlich vorausdenken. 

Mit der Zeit sind die Kooperationen mit Bürgern und der Wirtschaft immer einfacher geworden. Jeder weiß inzwischen, dass die Stadt ihre Versprechen hält und ihre Projekte zügig umsetzt. Wir brauchen nicht lange, bis wir eine Idee wahr gemacht haben. Außerdem besorgen wir zuverlässig Fördergelder. Heute warten die Hausbesitzer und Unternehmen geradezu auf neue nachhaltige Pläne von uns, weil sie wissen, dass unsere Stadt damit attraktiver wird.

Viele Firmen betrachten Malmö mittlerweile sogar als eine Art Labor, in dem man Sachen ausprobieren kann. Ein Immobilien-Entwickler hat im Westhafen zwei exakt gleiche Häuser gebaut – das eine ein Niedrigenergiehaus, das andere ein Passivhaus. Er wollte wissen, welche Technologie im Alltag effizienter ist. Das Passivhaus erwies sich als besser, und so bauen sie diese Häuser nun überall in Schweden.“ 

Vom Außenseiter zum Zentrum

Lena Eriksson, die sich selbst Product Manager nennt, arbeitet im selben Haus wie Daniel Skog. Auf die Frage, warum sie hier tätig sei, erklärt sie, sie habe Biologie studiert, weil sie die Welt retten wollte. Irgendwann sei ihr klar geworden, dass die Städte das größte ökologische Problem seien, und so ist sie nun in der Stadtteilentwicklung tätig.

„Wir sind sehr stark vom Grundgedanken der Agenda 21 beeinflusst: dass man nicht bloß ein Problem angehen kann, sondern alle Probleme gleichzeitig angehen muss. Wenn man sich mit einem Stadtteil wie Rosengård beschäftigt, ist das auch völlig klar. Als wir dort anfingen, konnte 

es nicht nur darum gehen, die Häuser zu erneuern, die zum Großteil aus den Sechziger- und Siebzigerjahren stammten und in einem schlechten Zustand waren. Wir wollten auch die hohe Arbeitslosenquote angehen und die Zahl der Sozial­hilfeempfänger. In einem Teil des Viertels haben damals 87 Prozent der Einwohner Leistungen vom Staat erhalten. Das durchschnittliche Einkommen ist bis heute sehr niedrig, und es gibt sehr viele unterschiedliche Nationalitäten. Zudem ist es ein Transitviertel: Einwanderer ziehen dorthin, wenn sie in die Stadt kommen, und wieder weg, wenn sie Arbeit und Geld haben. 

In Rosengård gab es immer wieder Unruhen, auch Straßenschlachten. Ein besonders heftiger Gewaltausbruch hatte sich drei Jahre zuvor aus einer Kellermoschee heraus entwickelt. In diesem Raum haben wir unser Informationszentrum eröffnet. Wenn Leute fragten: ‚Waren hier nicht irgendwo die Unruhen?‘, sagten wir: ‚Die haben genau hier begonnen!‘ Wir haben den negativ besetzten Ort neu belegt.

Am Anfang ging es darum, der ganzen Stadt zu vermitteln, dass Rosengård ein interessantes und vor allem zentrales Viertel ist. Umfragen hatten ergeben, dass die Menschen es weit vom Zentrum entfernt vermuteten, 30 Minuten mit dem Rad, obwohl es tatsächlich nur 10 Minuten sind – die mentale Distanz war viel größer als die reale. Deshalb haben wir uns auf die Fahrrad- und Fußwege nach Rosengård konzentriert, um das Viertel besser ans Zentrum anzuschließen. Und wir haben eine Reihe von Events veranstaltet, zum Beispiel ‚Lichter der Stadt‘. Dafür haben 15 Lichtdesigner Arbeiten im gesamten Viertel installiert, sodass die Leute motiviert waren, rumzulaufen und sich alles anzusehen.

Unsere Arbeit bestand in vielen kleinen Eingriffen in die Anlagen der Stadt, vor allem aber haben wir drei öffentliche Plätze geschaffen. Zuvor gab es nicht mal einen. Es gab nur einen riesigen Parkplatz vor dem Einkaufszentrum, wo sich die Leute manchmal trafen. Den haben wir umgewandelt, was kein Problem war, denn es existierten genug unterirdische Parkhäuser. Sie wurden nur nicht genutzt, weil die Leute das Gefühl hatten, sie seien nicht sicher. Also haben wir die Vermieter davon überzeugt, in Sicherheit zu investieren, jetzt werden die Parkhäuser angenommen.

Ein Platz sollte vor allem für Mädchen interessant sein. Es gab viele öffentliche Sportmöglichkeiten im Viertel, Fußball- und Basketballfelder, Skateparks und so weiter, aber wir stellten fest, dass 85 Prozent der Nutzer junge Männer waren. Und die Mädchen? Gingen in die Stadt. Ob sich das wohl ändern würde, wenn junge Frauen an der Planung und Entwicklung der Plätze beteiligt wären?

Wir haben es ausprobiert und dreizehn Mädchen um die 16 engagiert, die einen Event organisieren sollten, um den Beginn der Neugestaltung zu markieren. Sie bekamen keine konkreten Vorgaben von uns, nur einen vagen Rahmen, aber natürlich hatten sie keinerlei Erfahrung, und so halfen wir ­ihnen bei allen offiziellen Sachen: welche Genehmigungen sie brauchen, wie sie Künstler buchen oder Equipment leihen können und so weiter. Zugleich tauschten sich die jungen Frauen mit einem Landschaftsarchitekten aus dem Planungsbüro darüber aus, wie ein Platz aussehen könnte, der sie interessiert. Am Ende bekamen wir unter anderem eine Bühne, für die man die Musik mit dem eigenen Telefon auswählen kann, eine Art Open-Air-Fitness-Studio und natürlich viel Platz, um sich einfach nur zu treffen.

Für die Mädchen war diese Zeit wie eine Ausbildung. Sie schufen sich ein Netzwerk und haben später weitere Events in Malmö organisiert, zwei von ihnen haben ein Buch geschrieben. Ein weiteres ist zurzeit an der Umwandlung von drei Plätzen in anderen Vierteln beteiligt. Die Geschichte dieser jungen Frauen ist das, worauf ich am meisten stolz bin. Das ist soziale Nachhaltigkeit!

Malmö belegt: Kein Ort ist so trist, als dass man ihn nicht auch bunt und lebendig gestalten könnte.

Wir wussten von Anfang an, dass wir in Rosengård einen Prozess in Gang setzen mussten, der auch weiterginge, wenn das Projekt beendet und das Geld verbraucht wäre. Denn ­eines war klar: In diesem Viertel gab es seit Jahrzehnten Probleme – die kann man nicht in ein paar Jahren lösen. Aber es hat funktioniert: Der Prozess ist beendet, die Hausbesitzer bauen trotzdem neue Gebäude, und Menschen aus ganz Malmö haben Interesse an den Wohnungen.

Inzwischen denken wir darüber nach, wie wir in den Vierteln parallel zur Sanierung Arbeitsplätze schaffen können. Im Moment konzentrieren wir uns auf Lindängen, wo wir den Hausbesitzern vorgeschlagen haben, für die Renovierungen Anwohner anzustellen. Einer, der dort 400 Wohnungen hat, tut das jetzt systematisch: Er legt bei der Auftragsvergabe fest, dass Firmen, die zum Beispiel Fenster austauschen oder die Dämmung erneuern, Leute aus der Nachbarschaft beschäftigen müssen. Das kann nicht jeder, E.on zum Beispiel, aber dort hat man sich bereit erklärt, eine andere Firma finanziell zu unterstützen, die sozial nachhaltig arbeitet.

Der Hausbesitzer selbst hat acht Leute aus dem Quartier eingestellt, die sich um Vandalismus und Ähnliches kümmern. Er hat damit jetzt kaum noch Probleme, seine Mieter wechseln auch nicht mehr ständig. Und weil die Gegend ­heute besser angesehen ist, hat er begonnen, neue Häuser zu bauen, mit Gewerbeflächen im Erdgeschoss. Er möchte seine Mieter zu Gründern machen, die ihr Geschäft oder ihr Büro im selben Haus betreiben. 

Wir haben gelernt, dass wir mit den existierenden Strukturen arbeiten müssen, um langfristig etwas zu ändern. Der Schlüssel zur Erneuerung eines Quartiers sind die Immobi­lienbesitzer. Sie müssen vernünftige Wohnungen zu vernünftigen Preisen anbieten, damit sie auch Menschen anziehen, die sich andere Quartiere leisten könnten. Wir können uns 

als Stadt kein Viertel erlauben, in dem nur sozial Schwache leben. Und wir denken dabei auch an die Vermieter. In Rosengård hatten wir einen Block, der schön renoviert wurde, mit einem neuen Innenhof, danach waren die Wohnungen etwas teurer. Die Leute, die dort hingezogen sind, haben mehr Geld als die früheren Bewohner, und ja, dafür mussten andere wegziehen. Das ist sicherlich nicht immer wünschenswert, aber wenn man ein wirklich schwieriges Viertel stabilisieren will, geht es vermutlich nicht anders. Man braucht eben für jedes Projekt eine eigene Vorgehensweise.“

Vom Einzelkämpfer zur Gemeinschaft

In Deutschland ist die Ansicht, öffentliche Einrichtungen und Vermieter oder auch Unternehmen seien natürliche Feinde, immer noch weitverbreitet. Man könnte denken, in Schweden, einer klassischen Sozialdemokratie, sei das ebenso. Doch in Malmö, das seit Jahrzehnten von Sozialdemokraten regiert wird, ist das Gegenteil der Fall: Die Ziele der Stadt, scheint der Grundgedanke, sind für alle gut – warum also sollte die Wirtschaft kein Interesse daran haben? Eva Renhammar, die in der Verwaltung für den Bereich soziale Nachhaltigkeit zuständig ist, erzählte, dass man vor einigen Jahren festgestellt habe, dass die durchschnittliche Lebenserwartung in Malmö bis zu neun Jahren variiere, abhängig vom Stadtteil, in dem man wohnt. „Und das geht doch nicht, das muss man ändern!“, sagte sie. Die Annahme, dass ihr da einer widersprechen könnte, nur weil er ein Unternehmen führt, scheint in der Tat absurd.

Malmös Neuausrichtung war ursprünglich von wirtschaftlichen Nöten getrieben, und so war die Wirtschaft für die Stadt stets ein wichtiger Kooperationspartner. Es gibt Wirtschaftsförderungsprogramme, einen Inkubator, der Gründer unterstützt, eine Abteilung, die Unternehmen sucht, die zu den vorhandenen Strukturen passen, und eine, die die zukünftige wirtschaftliche Ausrichtung plant. Das scheint zu funktionieren. Christer Larsson, Malmös oberster Stadtplaner seit 20 Jahren, sagte, dass die Arbeitsplätze, die früher die Werft geboten hätte, heute auf rund 300 Firmen verteilt seien. Was auch Malmös wirtschaftliche Resilienz erhöhe: Eine einzelne Firma kann in einer Krise untergehen – 300 zur selben Zeit passiert das nicht so leicht.

Von der Konkurrenz zum Netzwerk

Carin Daal leitet in der Regionalentwicklung die Wirtschaftsplanung. Sie hat früher eine Möbelfirma betrieben, die Möbel aus dem Holz alter Scheunen herstellte. In der Krise zog sie von Malmö nach Stockholm, wie so viele damals. Als sie zurückkam, „war Malmö eine andere Stadt“. 

„Wir sehen uns als Möglichkeitenschaffer. Wir suchen internationale Firmen, die sich hier ansiedeln wollen, und ­unterstützen einheimische Unternehmen bei der Internationalisierung. Wir vernetzen kleine Firmen untereinander oder suchen für sie größere Partner. Dabei arbeiten wir nie direkt mit Unternehmen zusammen, sondern mit Institutionen, die sich mit Vernetzung beschäftigen, also zum Beispiel mit Cluster-Vertretern, Inkubatoren oder Forschungseinrichtungen. Die wissen sehr genau, wo Kooperationen sinnvoll sind, um ein insgesamt besseres Innovationsumfeld zu schaffen.

Wir haben uns bisher auf sechs Branchen konzentriert: Verpackung, Clean Tech, Life Science, Kommunikationstechnologie, urbane Nachhaltigkeit und Lebensmittel – rund um Malmö liegen einige der besten Ackerböden Europas. Das werden wir weiterverfolgen, doch künftig liegt unser Schwerpunkt auf drei Bereichen: E-Health – die Verbindung von Kommunikationstechnologie und Life Science. Smart Materials, denn 2020 wird eine von der EU finanzierte Forschungseinrichtung in der Region eröffnet, für die wir schon jetzt passende Firmen suchen. Und als Schwerpunkt Nummer drei ist urbane Nachhaltigkeit geplant. Wir sind eine nachhaltige Stadt und können Lösungen, die hier erprobt wurden, auch wirtschaftlich nutzen.

Wir haben festgestellt, dass sich Firmen gern in Malmö ansiedeln. Für Start-ups ist es interessant, weil die Stadt überschaubar ist, relativ günstig und gleichzeitig an die Metro­-pole Kopenhagen angeschlossen. Große Unternehmen inte­ressiert, dass es hier viele Gründer gibt, mit denen sie kooperieren können. Und Malmö ist sehr attraktiv, wenn man an den War for Talents denkt. Die Stadt ist klein und lebenswert, ein guter Ort, um Kinder zu bekommen. Sie ist sehr offen, hat eine positive Kultur und leicht zugängliche Netzwerke, in denen man gut aufgehoben ist.“

Erst mal nur Phantasie, aber wer weiß, was aus dem Kongresszentrum in Malmö noch alles werden kann.

Ein Ende der Entwicklung Malmös ist nicht absehbar. Alle Gesprächspartner erzählten von fortlaufenden Prozessen, und alle waren sich alle einig: Man müsse mehr tun, brauche neue Formate, um weiter voranzukommen. So etwas wie „Meet Malmö“, eine Workshop-Reihe mit Führungskräften aus Stadt und Wirtschaft, in der neue Projekte entwickelt werden sollen. Als sie 2015 zum ersten Mal stattfand, wollten rund 400 ­Firmen daran teilnehmen, aber nur 70 konnten mitmachen. Kajsa Jacobsson, die für Meet Malmö arbeitete, erzählte, dass mehrere angedachte Projekte mittlerweile gestartet seien, unter anderem eine Kooperation mit arabischen Unternehmern und die Entwicklung einer App, die es Schülern erleichtern soll, Praktikumsplätze zu finden. „Bei Meet Malmö“, sagte Jacobsson, „werden Allianzen des Wissens geformt.“

Der Begriff „Knowledge Alliances“ tauchte in jedem ­Gespräch auf, es ist die Wurzel aller Entwicklung in Malmö: Menschen aus verschiedenen Bereichen tauschen sich und ihr Wissen aus – und etwas Neues entsteht. 

Darauf beruht auch das Living Lab, das Per-Anders Hillgren leitet. Der Angestellte der Universität Malmö hat früher als Künstler oft mit Participatory Design gearbeitet, einer Methode, bei der alle, die von einem Problem betroffen sind, gemeinsam eine Lösung suchen. Dieser Ansatz, Ende der Sechzigerjahre von skandinavischen Gewerkschaften entwickelt, um Konflikte am Arbeitsplatz sachbezogen zu lösen, ist die Basis des Living Lab. 

„Unser Konzept ist recht speziell. Die meisten Living Labs sind Plattformen für Innovationen, die von wirtschaft­lichen Interessen getrieben werden. Wir betrachten die Stadt als eine Art Labor. Wir kooperieren mit vielen Unternehmen und vernetzen sie auch mit den Bürgern, doch es geht immer um die Stadt, nicht um ökonomische Ziele.

Das Wichtigste, um ein Living Lab zu starten, ist ein großes Netzwerk, das sich über viele verschiedene soziale Gruppen erstreckt, auch über Randgruppen wie etwa Einwanderer. Und das kann man nicht kaufen. Es basiert darauf, dass sich Leute lange kennen und viel zusammengearbeitet haben. Nur so entsteht Vertrauen, um etwas gemeinsam zu schaffen. 

Denn wir sitzen ja nicht rum und entwickeln Theorien. Wir gehen raus, probieren aus, sprechen mit Menschen, werten unsere Erfahrungen aus, lernen, versuchen etwas Neues. Und wir machen alles gemeinsam mit anderen. Dabei gibt es keine Kontrolle, und das ist für viele schwierig. Doch wenn du mit anderen Menschen auf Augenhöhe zusammenarbeiten willst, kann kein Einzelner die Kontrolle haben.

Wir arbeiten in ganz unterschiedlichen Bereichen. Wir haben zum Beispiel junge Rapper mit einem Unternehmen vernetzt, das sich mit dem Versand von Media Files per Blue­tooth beschäftigte. Die haben dann gemeinsam ein System entwickelt, mit dem man in Malmös Bussen Musik aufs Handy laden konnte. Bei einem anderen Projekt ging es darum, eine Siebzigerjahre-Siedlung in der Stadt bekannter zu machen. Dafür haben wir eine Firma gefunden, die Spiele für Mobiltelefone produziert, mit denen man Städte erforscht. Die Inhalte für die Malmö-Version kamen anfangs von Jugendlichen, die Geschichten aus ihrer Nachbarschaft erzählt haben. Später wurden die Spiele in Schulen im Unterricht entwickelt.

Zurzeit arbeiten wir mit Recycling-Centern zusammen. Wir haben den Betreiber überzeugt, dass die Center auch Treffpunkte sein könnten, zum Beispiel als Maker-Space oder Handwerkshof. Das ist sehr gut angekommen, und nun bauen wir zehn Zentren in der ganzen Stadt. Damit knüpfen wir auch an ein Projekt an, für das wir vor einigen Jahren keine Lösung gefunden haben. Wir wollten damals mit Migrantinnen zusammenarbeiten, die von Sozialhilfe lebten, aber alle toll im Handarbeiten waren. Jetzt können die Frauen eventuell mit den Materialien in den Recycling-Centern arbeiten.

Die Unternehmen für unsere Projekte finden wir leicht. Mit der Stadt hingegen haben wir zu Anfang gar nicht gearbeitet. Das war auch gut so, denn so habe ich zuerst die Pers­pektive der Bürger und Unternehmen kennengelernt. Und diese Sichtweise kann ich nun der Verwaltung vermitteln. 

Seit sieben Jahren machen wir viel mit ihr, und die Offen­heit dort ist enorm gewachsen. Natürlich gibt es noch Leute, die alles kontrollieren wollen, aber es werden weniger. Im nächsten Jahr will die Stadt selbst fünf Living Labs eröffnen, deshalb arbeiten wir jetzt zusammen an einem Konzept, das wir Co-Lab nennen. 

Wir versuchen Geschichten über den Wert des Kontrollverlustes zu entwickeln: Schau, was du gewinnen kannst, wenn du bereit bist loszulassen! Viele würden am liebsten ein Buch kaufen, in dem die fünf Schritte zur Innovation stehen – aber dafür gibt es keine Anleitung. Das klassische Inge­nieursdenken, das davon ausgeht, dass man alles berechnen kann, versagt an diesem Punkt. Schwierig für Leute, die bislang immer alles kontrolliert haben. 

Malmö hat ein riesiges Potenzial, nicht zuletzt wegen all der Netzwerke, die sich in den vergangenen 15 Jahren ent­wickelt haben. Allianzen des Wissens nennen sie das in der Verwaltung. Ich glaube, wir können damit zwei Lernachsen schaffen: eine vertikale von ganz unten, den gesellschaftlichen Randgruppen, bis ganz oben, zu den politischen Entscheidern. Und eine horizontale, quer durch alle Bereiche der Gesellschaft. Irgendwann sind alle miteinander vernetzt und können sich austauschen. So weit sind wir noch nicht. Aber wir arbeiten daran.“ //