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Innovation 2016

Am Tropf

Norwegen verdankt seinen Reichtum der Ölindustrie. Darüber geriet der Rest der Wirtschaft aus dem Blick. Bis der Ölpreis in den Keller sackte.





Norwegen zählt zu den wohlhabendsten Ländern der Welt. Die Leistungen des Sozialstaats sind üppig, die Arbeitslosenzahlen vergleichsweise gering. Und in der Hauptstadt Oslo findet sich überall neue ambitionierte Architektur wie die Snøhetta-Oper am Hafen.

Möglich macht das die Ölindustrie, die seit Jahrzehnten verlässlich die Konten füllt und bis vor Kurzem für ein Drittel der staatlichen Einnahmen sorgte. Dank ihr besitzen die gut fünf Millionen Norweger sogar einen Fonds, in dem sie die Überschüsse aus dem Ölgeschäft für schlechte Tage anlegen – derzeit ein rund 730 Milliarden Euro schwerer Notgroschen. Auf einen Teil des Ersparten, bis zu vier Prozent des Fondsvolumens, dürfen die Finanzminister sogar in normalen Jahren zugreifen. Von solchen Bedingungen können die Kollegen in anderen Ländern nur träumen.  

Finanzielle Nöte kennen die Norweger seit Langem nicht mehr. Ihr Pro-Kopf-Einkommen überflügelt das der meisten anderen Länder der Erde, der Index für menschliche Entwicklung (HDI) der Vereinten Nationen – ein Wohlstands-indikator für Staaten – bescheinigt dem Land seit Jahren ­immer wieder den höchsten Lebensstandard der Welt. 

Und genau hier beginnt das Problem. Denn so viel Wohlstand macht ein wenig träge. Jeder dritte Norweger arbeitet im öffentlichen Dienst (zum Vergleich: In Deutschland ist es jeder Neunte). Alles scheint auf hyggelig, auf kuschelig-gemütlich gestimmt. So war es jedenfalls bis vor etwa anderthalb Jahren. Damals, in der zweiten Jahreshälfte 2014, brach der Ölpreis dramatisch ein. Das wirkt sich trotz des Fonds auf Norwegen aus: Mehr als 300.000 Menschen sind direkt oder indirekt in der Ölbranche tätig und fast 30.000 verloren seit dem Preiseinbruch ihren Job. Wichtige Projekte der Branche liegen auf Eis. Und jeder ahnt, was die Preisentwicklung für die künftigen Einnahmen bedeutet. Eine Zeitung schreibt über die Stimmung im Land: „Erstmals seit 1992 ist die norwegische Bevölkerung pessimistischer als die Bevölkerung der EU.“ Es sei unheimlich, wird im Text ein Mann zitiert, „dass wir vom Öl so abhängig sind“.

Einzelstimmen, meinen manche. Dem Land geht’s gut. Das Öl wird noch ewig reichen, und wenn es denn wirklich einmal damit zu Ende geht, wird der Nation längst etwas anderes eingefallen sein. Andere betrachten die Lage kritischer. Denn außer der Ölindustrie hat das Land wirtschaftlich zu wenig zu bieten, um seinen Standard zu halten. Das belegen auch Untersuchungen, wie etwa das „Innovation Union Scoreboard“ der Europäischen Union. Im vergangenen Jahr lag Norwegen hier deutlich hinter den Klassenbesten: Schweiz, Schweden, Dänemark, Finnland und Deutschland.

Sicher ist: Die Ölreserven könnten noch etliche Jahrzehnte reichen, aber sie sind nicht unendlich. Und dann? Wie will der Staat seinen Wohlstand sichern? Auf welche Indus-trien kann er setzen? Wo findet er vielversprechende Ideen? Woraus können neue Arbeitsplätze erwachsen? Wie mobilisiert man ein Land? Wie überzeugt man fünf Millionen Menschen von der Notwendigkeit des Wandels? Ist das überhaupt nötig? Oder schiere Panikmache? Ein Stimmungsbild. 

Die Quelle des Wohlstands

Brockhaus Enzyklopädie, Ergänzungen J-Z 1976 (stark gekürzt):

„Norwegen. Wirtschaft. Die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe ist zurückgegangen; in der Land- und Forstwirtschaft ist der Grad der Mechanisierung (trotz ungünstiger Terrain- und Besitzverhältnisse) und Intensivierung (erhöhter Düngemittelverbrauch) gestiegen. Der Holzeinschlag ist etwa gleichbleibend. Der Transport mit Lastwagen hat sich gegenüber der Flößerei durchgesetzt. In der Fischerei geht der Rückgang der Anzahl der Fischer (besonders im Hauptberuf) mit einer Steigerung der Schiffsgrößen und der Erweiterung der Fanggründe einher. 

Eine neue Ära in der Entwicklung der norwegischen Volkswirtschaft ist durch das Auffinden von großen Vor-räten an Erdöl und Erdgas im norwegischen Sektor der Nordsee eingeleitet worden. Im Dezember 1969 wurden die erfolgreichsten Funde von Erdöl und Erdgas auf dem Ekofisk-Feld gemacht. Die Förderung begann 1971. Ein Lagertank wurde 1973 von Stavanger ins Ekofisk-Feld einge-schwommen, wo seither eine ,Stadt‘ mit Bohr- und Förderinseln, Wohn- und Versorgungsinseln entsteht. 

Die Auswirkungen der norwegischen Erdöl- und Erdgasfunde erstrecken sich auf das gesamte Wirtschaftsleben wie auch auf die Bevölkerungsstruktur und Verteilung. Mit den Einnahmen aus den um 1980 erwarteten Fördermengen können nicht nur die hohen Investitionen und Anleihen abgedeckt werden, sondern aus Steuern und Dividenden (der staatlichen Erdölgesellschaft Statoil) könnten rund zehn Prozent des gesamten Staatshaushaltes bestritten werden. Die augenblicklich noch hohen Zahlungsbilanzdefizite werden ausgeglichen werden können.

Die neuen Arbeitsstätten an der Küste sowie auf den Bohrfeldern und Schiffen selbst üben einen starken Sog auf Arbeitskräfte aus, nicht nur aus der näheren Umgebung (wo seit Langem ein Überfluss an Arbeitskräften vorhanden war), sondern die Auswirkungen machen sich bis nach Ost-N. bemerkbar, wo es bereits an Arbeitskräften mangelt; außerdem strömen aus Dänemark, Schweden und Finnland Arbeitskräfte nach Norwegen. Dagegen ist der Zufluss von Gastarbeitern nach wie vor infolge staatlicher Restriktionen gering. Die Industrie partizipiert an der neuen Entwicklung, insbesondere Maschinen- und Schiffbau. Neu im Programm der Werften sind Bohrinseln sowie Versorgungsschiffe aller Art.“

Der Wind hat sich gedreht 

Zentralbankchef Øystein Olsen, Rede vom 12. Februar 2015 
(stark gekürzt und zusammengefasst):

„Mit den Ölfunden begann eine märchenhafte Wirtschafts-epoche. 1971, als das erste Öl gefördert wurde, war das Verdienstniveau in Norwegen im Vergleich mit anderen westlichen Ländern schwach. Heute sieht das Bild anders aus. Wir haben den Vorsprung der reichsten Länder schrittweise aufgeholt. Gemessen am BNP pro Kopf, liegt Norwegen mittlerweile ganz oben. 

Die großen Überschüsse aus dem Ölgeschäft werden gut verwaltet. Ökonomisch sind wir gut aufgestellt. Funktionierende Institutionen und ein hohes Maß an Vertrauen zwischen den unterschiedlichen Gruppen der Gesellschaft waren für all das eine gute Grundlage. Die Rückseite der Medaille jedoch ist eine Wirtschaft, die zunehmend von der Ölindus-trie abhängig geworden ist. Einer von neun Jobs im Land dürfte heute an der Ölbranche hängen. Norwegische Arbeitskräfte sind teuer geworden. Das Kostenniveau ist kräftig gewachsen. Die Immobilienpreise sind gestiegen, genau wie die Verschuldung der Privathaushalte – das gilt gerade für die Jungen, besonders in ölnahen Gebieten. Und hohe Schulden machen verwundbar. 

Jetzt hat sich seit Sommer der Ölpreis nahezu halbiert, was unter anderem an der Förderung von Schieferöl mittels Fracking in den USA liegt. Wir müssen uns auf niedrigere Ölpreise einstellen. Das heißt nicht, dass das Ölzeitalter an sein Ende gelangt ist. Aber die norwegische Wirtschaft muss sich anpassen. Wir bewegen uns von Saerstilling til omstilling, von der Sonderstellung zur Umstellung. 

Unser Staat hatte seit der Jahrtausendwende enorme Einnahmen durch das Öl. Davon wurde viel gespart und in den Fonds investiert. Gleichzeitig bedienten sich die Staatshaushalte jedoch immer stärker an den Öleinnahmen. Jetzt bewegen sich die Einnahmen nach unten. Und wir nähern uns dem Punkt, an dem die staatlichen Ausgaben der Ölgelder die Einnahmen aus dem Ölgeschäft übersteigen. Das stellt die norwegische Ökonomie vor neue Herausforderungen, aber wir dürfen nicht vergessen, dass unser Ausgangspunkt gut ist. Die Fähigkeit zur Umstellung ist der Schlüssel für ökonomischen Fortschritt.“

Vom Schatten ins Licht

Anita Krohn Traaseth, einst Geschäftsführerin bei Hewlett- Packard Norwegen, Bloggerin, seit 2014 CEO von „Innovasjon Norge“. Die historischen Vorläufer der 2004 gegründeten Einrichtung halfen bei der Betriebsmodernisierung, unterstützten unprofitable Firmen, förderten den Tourismus und arbeiteten der Entvölkerung abgelegener Gebiete entgegen. Seit 2013 lautet der Auftrag, verstärkt Gründer, Wachstumsbetriebe und innovative Wirtschaftsmilieus hervorzubringen.

„In den vergangenen zehn Jahren gab es bei uns vermutlich keinen beliebteren Konferenz-Titel als ,Wovon sollen wir nach dem Öl leben?‘ Und doch hat sich für diese Frage kaum jemand ernsthaft interessiert. Wir brauchten einen ,Wake-up-Call‘, und der niedrige Ölpreis hat ihn uns geliefert. Jetzt reden wir endlich ernsthaft, auch über die Folgen des Klimawandels und der digitalen Revolution. So intensiv haben wir als Nation seit der Entdeckung des Nordsee-Öls nicht mehr über unsere Zukunft nachgedacht. 

Ich gehöre zu einer Generation, die ohne nennenswerte Krisen aufwuchs. Wir haben nur darüber gesprochen, wie Geld verteilt werden muss. Jetzt müssen wir darüber nachdenken, wie man Geld verdient. Sonst können wir unseren Sozialstaat nicht erhalten. 

Auf welche Felder wollen wir in Zukunft setzen? Wo ­haben wir Stärken, die wir ausbauen können? Wir denken da zum Beispiel an alternative Energien, an die moderne Landwirtschaft, die nachhaltige Fischerei und die Gesundheitsbranche. Und natürlich an alle Bereiche, in denen das Know-how der Ölbranche Anwendung finden kann.

Im Jahr 2014, in dem ich Direktorin wurde, hatten wir als Innovasjon Norge 2,8 Milliarden Kronen (damals etwa 345 Millionen Euro) zur Verfügung. Damit haben wir gut 5000 Betriebe gefördert, darunter 1091 Start-ups. Inzwischen wächst das Interesse an Firmengründungen, und die Regierung hat gerade einen Gründer-Aktionsplan verankert. 2016 stehen uns 340 Millionen Kronen für die Förderung von jungen Unternehmen zur Verfügung. 2010 enthielt der Topf gerade 50 Millionen.

Nach dem unfreiwilligen Weckruf sitzen die wichtigsten Akteure aus Wirtschaft, Politik und Gesellschaft unentwegt an einem Tisch und diskutieren. Wie kann der Wandel gelingen? Wie können Innovationen entstehen? Ich habe allein in den ersten Monaten meiner Amtszeit mehr als 80 Veranstaltungen mit Unternehmern, Forschern, Politikern und Vertretern der Fördereinrichtungen des Staates organisiert.

Wir rücken auch unsere besonders innovativen Betriebe ins Rampenlicht, etwas, das einer egalitären Gesellschaft wie der unseren eher fremd ist. Genau wie das Erzählen von Geschichten, in denen jemand fest an etwas glaubt, das andere nicht glauben. Aber das ist ja gerade das Wesen von Innovation. Deshalb werden wir es lernen müssen. Es ist wichtig.“

Mit Netz und doppeltem Boden 

Anders Mjåset, Mitgründer des ersten Co-Working-Bürohauses in Oslo. Mesh beherbergt derzeit rund hundert Firmen, darunter Northern Playground, Kahoot, Villoid, und Douchebags.

„In meiner früheren Firma, Prampack, entwickelten wir eine Lösung, die Kinderwagen im Gepäckraum von Flugzeugen besser schützte. Dadurch kam ich viel ins Ausland. Und dort stieß ich auf eine Kreativ-Szene, die in Norwegen fehlte. In Städten wie London, Stockholm oder Berlin gab es Communitys und eine inspirierende Atmosphäre. In Norwegen fehlte beides. Die Uni war auch nicht wirklich inspirierend. Das Beste an der Zeit war für mich der Studienkredit vom Staat. Ich studierte, steckte meine Energie aber in meine Projekte.

So wurde ich Unternehmer. Die meisten meiner Kommilitonen zog es hingegen dorthin, wo es die Leute bei uns schon immer hinzog: in die Ölbranche, zu den großen Beraterfirmen, den Banken oder zum Staat. Sie kamen gar nicht auf die Idee, Schema X zu verlassen.

Inzwischen tragen Co-Working-Zentren mit dazu bei, die Gründerszene sichtbarer zu machen und zu vernetzen. Wir waren die Ersten. Anfang 2012 mieteten wir Räume über einem Nachtclub an, um sie in Büroflächen aufzuteilen und weiterzuvermieten. Danach übernahmen wir schrittweise das gesamte Haus. Mittlerweile gibt es ähnliche Einrichtungen an verschiedenen Orten. Das ist gut. Einer wird inspiriert, trifft andere, inspiriert die, und so kann die Szene wachsen. 

Um ehrlich zu sein: Es ist nicht wirklich riskant, sich in Norwegen als Gründer zu versuchen. Der Wohlfahrtsstaat gibt uns eine Sicherheit, um die uns andere Länder beneiden. Das größte Risiko besteht eigentlich darin, von der gesellschaftlichen Norm abzuweichen. Lob und Unterstützung erfährt man häufig erst, wenn sich Erfolg eingestellt hat. Das ändert sich gerade, zurzeit gibt es einen regelrechten Hype um uns, die Gründer-Szene brummt, selbst die Großen klopfen jetzt an. Aber wir sind nicht die Antwort auf Norwegens Probleme. Hier wird kein Silicon Valley entstehen.“

Kommen, um zu bleiben

Rolf Assev, Partner im StartupLab in Oslo, das 2012 von norwegischen IT-Veteranen gegründet wurde. Es beherbergt rund 60 Start-ups, ­darunter Nois, Kube und Socius, eine Firma, die gerade von Berlin, das viele kreative Skandinavier anlockte, nach Oslo zog.

„Bei uns engagieren sich Investoren traditionell vor allem in Westnorwegen, der Heimat der Öl- und Gasindustrie. Natürlich gab es auch andernorts spannende Unternehmen, große Wachstumsgeschichten waren allerdings nicht darunter. Schon weil immer sehr schnell Kasse gemacht wird. Das ist die gute Nachricht: Seit der Ölpreis abgesackt ist, interessieren sich die Anleger, die bisher vor allem in Öl machten, auch für andere Bereiche.

Das ist enorm wichtig, denn die staatlichen Zuschüsse für Gründer sind überschaubar. Und hier kommen wir ins Spiel. Unser StartupLab bietet nicht nur subventionierte Büros, sondern ein Netzwerk, und das bedeutet mehr als Firmen wie Microsoft oder Telenor, die das StartupLab unterstützen. Jeder unserer Partner war oder ist Unternehmer. Und jeder teilt sein Wissen und seine Kontakte.

Wir haben Norwegens ersten Angel-Fonds gegründet. Er ist 30 Millionen Kronen schwer, das hilft schon mal für den Anfang. Innovasjon Norge gibt den privat investierten Betrag häufig noch mal dazu, so wird das Fördergeld zu ,Smart Money‘, weil Staat und Privatwirtschaft intelligent ­zusammengehen.

Mit privatem Risikokapital ist es trotzdem so eine Sache. Die Norweger, die es zu Geld gebracht haben, setzen eher auf Immobilien, die Sicherheit versprechen. Die meisten haben eben keine unternehmerische Erfahrung. Das wird selbst dann noch ein Problem sein, wenn mehr Investoren, die bislang in Öl und Gas investierten, ihre Blickrichtung ändern.

Besonders heikel ist das für Start-ups nach der Startphase. Wenn dann nur internationales Kapital einsteigen will, hängt daran schnell die Verlagerung des Firmensitzes ins Ausland. Das macht es schwer, in Norwegen langfristig Arbeitsplätze zu schaffen. Wenn Sie mich fragen: Dieses Handicap ist viel gewichtiger als die Frage, ob es im reichen Norwegen wohl den notwendigen ,Hunger‘ bei jungen Unternehmern gibt, zu schuften und sich für ihre Geschäftsidee ins Zeug zu legen.“ 

Alte Besen kehren gut 

Kjell G. Salvanes, Professor für Arbeitsökonomik an der Norwegischen Handelshochschule NHH in Bergen, in einem Bericht der Tageszeitung „Aftenposten“:

„Ich empfinde diese gewaltige Fokussierung auf Innovation als undifferenziert. Das hört sich an, als ob neue Arbeitsplätze in Norwegen von Leuten geschaffen würden, bei denen jeder in seiner Ecke sitzt und neue Dinge erfindet. Forschungen zeigen, dass 85 bis 90 Prozent der neuen Arbeitsplätze in existierenden Betrieben entstehen. 

Ein kleines Land wie Norwegen wird nur in einem sehr begrenzten Maß neue Produkte und Technologien entwickeln können. Wir müssen eher gut darin werden, Technologien aus anderen Ländern zu importieren. Jedes Jahr werden in Norwegen massenweise neue Jobs geschaffen. Im vergangenen Jahr (2014) wurde etwa jeder zehnte Job neu geschaffen. Aber eben meistens von großen etablierten Betrieben.“ 

Motivieren, machen, möglich machen 

Tone Grindland, Wirtschaftschefin der Kommune Stavanger. Ihre Bürgermeisterin setzte sich im Sommer erfolgreich für eine Aufstockung der Gründerzuschüsse ein – der für die Provinz Rogaland vorgesehene Topf war nach 132 Starthilfen bereits leer. Norwegenweit verloren durch den Ölpreisrutsch bis Ende 2015 fast 30.000 Menschen ihren Job.

„Noch vor Kurzem lag die Arbeitslosigkeit in der Provinz Rogaland bei weniger als zwei Prozent. Jetzt liegt sie bei mehr als vier. Das mag im Vergleich zu südeuropäischen Ländern harmlos klingen. Erschreckend aber ist das Tempo der Zunahme. Hier in der Region hängt jeder zweite Betrieb direkt oder indirekt an der Öl- und Gasindustrie. Jeder kennt einen, der von Öl und Gas abhängig ist.

Der niedrige Ölpreis wirkt sich für uns gleich doppelt negativ aus: über den entgangenen Anteil der Einkommenssteuer und die schwächeren Firmen-Einnahmen. Und jetzt soll uns das Kunststück gelingen, in den nächsten vier Jahren 400 Millionen Kronen einzusparen und gleichzeitig alle wichtigen Projekte wahr zu machen.

Da hilft es, dass wir hier kurze Wege haben. Und ganz gute Antennen für den Wandel. Ist ja nicht der erste Strukturwandel, der unsere Unternehmen trifft. Einst florierte in Stavanger die Konservenindustrie, dann war es damit ganz plötzlich vorbei. Und so ähnlich war es auch mit dem Schiffbau.

Heute gibt es hier Unternehmen wie den Stromversorger Lyse, der Anbieter von Smart-Home- und Smart-City-Lösungen geworden ist und künftig beim Thema Wasserkraft eine größere Rolle spielen könnte. Es gibt Firmen, die das Know-how, das die Ölindustrie einst zur medizinischen Versorgung auf den Plattformen entwickelte, weiterdrehen und für die Versorgung abgelegener Regionen an Land nutzen. Und auch die Öl- und Gasindustrie selbst hat Megatrends wie den ,grünen Wandel‘ im Blick. Hier will niemand Zustände erleben wie in Detroit, das seit dem Niedergang der Auto­industrie vom Verfall gezeichnet ist. 

Deshalb engagieren sich derzeit auch die Universität und die Stadt sehr stark. Wir zählen zu den Smart Cities, in denen Konzepte der Fraunhofer-Wissenschaftler erprobt werden. Wir werden uns um den Titel der europäischen Innovations-Hauptstadt bewerben. Und wir lernen vom Ausland: Dank Barcelona zum Beispiel, wo es den Business-Park ,22@‘ gibt, entstand hier die Idee, gemeinsam mit dem Arbeits- und Sozialamt einen Begegnungsort für hoch qualifizierte Arbeits­lose zu schaffen, den wir ,Terminal der Möglichkeiten‘ nennen. Wir wollen motivieren, die Kompetenz in der Region halten und die Interaktion zwischen Unternehmen, Forschung und Kommune weiter verbessern.“

Auf gutem Grund 

Torger Reve, Professor für Strategie und Wettbewerb in Stavanger, früher Rektor der Handelshochschule BI in Oslo:

„Ich wundere mich manchmal, wie oft derzeit von staatlichen Förderprogrammen die Rede ist. Norwegen ist schon ein staatsgläubiges Land. Aber Förderprogramme allein schaffen keine Innovation. Unternehmer schaffen Innovationen, und dabei benötigen sie hin und wieder Unterstützung. 

In der Vergangenheit konzentrierten sich die Unternehmungen hier an der Küste auf das Offshore-Geschäft und verliefen nach einem Muster: Die angestellten Ingenieure großer Firmen machten sich mit einer Idee selbstständig, bauten ein Unternehmen auf und verkauften es dann lukrativ an einen Konzern. 

Das geht derzeit kaum, weil alle sparen. Stattdessen gibt es etwas, das mit der wegbrechenden Industrie stark verwandt ist: die ,Ocean Industries‘. Der Begriff meint nicht die Rückkehr der traditionellen Fischerei, in der nach Jahrzehnten der Rationalisierung nur noch gut 11.000 Fischer landesweit tätig sind. Er ist weiter gefasst. Er meint zum Beispiel die Aquakultur, die jetzt wieder boomt. In diesem Feld erleben wir gerade einen Wissenstransfer. 

Bestehende Firmen wie die alte Kongsberg Gruppe stellen sich schon länger auf diesen Trend ein. Bei neuen Unternehmen ist die Dynamik aber stärker. Das kennen Sie von der Automobilindustrie: Tesla versus VW. Einige dieser neuen werden zu größeren Firmen heranwachsen, wenn auch kaum auf Mitarbeitergrößen, die wir vom Öl gewohnt waren. Solange es in anderen Bereichen Jobs gibt, ist das kein Problem.

Ich nehme gerade mit einem Team aus Südwestnorwegen am ,Regional Entrepreneurship Acceleration Program‘ des MIT in Boston teil. Wir untersuchen die regionalen Voraussetzungen von Innovationen. Und in allen vier Städten, die wir im Blick haben, Kristiansand, Stavanger, Bergen und Ålesund, machen wir ein Gespür für das aus, was die Amerikaner ein ,Innovation Ecosystem‘ nennen. Da gibt es gute Initiativen. Schade, dass eine Situation erst schlecht werden muss, bevor neue Betriebe entstehen oder existierende Betriebe zu Maßnahmen greifen, die ihre Wettbewerbsfähigkeit verbessern.“ 

Fluch und Segen

Ssemjon Gerlitz, Geschäftsführer von Holmvik Brygge & Discover Vesterålen. Gerlitz hat den verfallenen Fischerort Nyksund in Nordnorwegen wiederbelebt.

„Für uns ist der niedrige Ölpreis ein Segen, weil er sich auf den Kronenkurs auswirkt. Das macht Norwegen erschwinglicher – und war einer der Gründe, weshalb der Tourismus 2015 nach unseren Zahlen um etwa 20 Prozent anzog. 

Beim Thema Strukturwandel bin ich trotzdem skeptisch. Der Ölreichtum lässt viele Menschen glauben, dass das Geld auf den Bäumen wächst. Das wird sich irgendwann rächen.
Der Tourismus könnte sicherlich stärker werden. Allein das Nordlicht im Winter und die Stille! Dafür muss Oslo aber aufhören, uns Steine in den Weg zu legen. Leute wie wir haben nördlich des Polarkreises mühsam kleine Betriebe und lokale Destinationsgesellschaften aufgebaut. Jetzt, wo das funktioniert, soll alles zu großen Einheiten zusammengefügt und auf große Tourismusketten gesetzt werden.“ 

Widerwillig willig 

Svein Richard Brandtzæg, CEO des Aluminium-Produzenten Hydro, im Februar 2015 in „Dagens Næringsliv“ (gekürzt):

„Der dramatische Ölpreisfall unter die unvorstellbare 50-Dollar-Marke war wie ein Wecker, der zu früh und zu laut schrillt. Norwegen ist trotz allem ,das beste Land, in dem man wohnen kann‘, und wer erwacht schon gern aus einem Traum? Aber warum soll es uns nicht gehen wie manch schläfrigem Teenager am Morgen: Ist der Schock erst überwunden, fehlt nicht mehr viel, bis der Widerwillen in Willen umschlägt und die Herausforderungen zu Möglichkeiten werden. 

Was zunächst undenkbar war, wird dann höchst vorstellbar – wie eine neue Wettbewerbsfähigkeit und der Einstieg in die Wissens- und Niedrig-Emissions-Gesellschaft. […] Unser Ziel ist es, bis 2020 klimaneutral zu arbeiten, als erste Firma unserer globalen Industrie. Das werden wir schaffen.“ 

Ohne Einschnitte wird es nicht gehen 

Rögnvaldur Hannesson, emeritierter Professor für Fischereiwirtschaft an der Norwegischen Handelshochschule NHH:

„Dass die Produktionsmenge von Öl, ja sogar von Gas, seit Jahren abnimmt, weiß eigentlich jeder. Ohne den hohen Ölpreis der vergangenen zehn Jahre und den Ölfonds hätte sich das auch schon längst auf die Staatseinnahmen ausgewirkt. Jetzt beginnt man es zu merken. Natürlich wird die Branche nicht von einem Tag auf den anderen ausfallen. Aber wir werden vermutlich schon sehr bald keine neuen Öleinnahmen mehr auf die hohe Kante legen können. Und harte Einschnitte im Sozialstaat erleben. Der Lebensstandard wird sinken.

Der norwegische Sozialstaat ist generöser als irgendein anderer Wohlfahrtsstaat in Europa. Sobald der kritische Punkt erreicht ist, kommen Einschnitte auf diesen Sozialstaat zu, die Länder wie Schweden, das in den Neunzigern seine Krise erlebte, längst hinter sich haben. Oder anders: Die Einschnitte müssten eigentlich auf uns zukommen. Zu befürchten ist jedoch, dass die Politik stattdessen einfach den Ölfonds aufbrauchen wird – obwohl er als langfristiges Investment gedacht war, bei dem allein die Zuwächse verbraucht werden dürfen, nicht aber die Substanz. Und dann sind wir schneller ein normaler Staat als gedacht.

Ich glaube nicht an das, was gerade als Möglichkeiten aufgezeigt wird – nicht an die Start-ups, die staatliche Einrichtungen wie Innovasjon Norge angeblich zutage fördern können, und auch nicht an den ,grünen Wandel‘, den Politik und Medien unablässig propagieren. Das sind nichts als Tagträume. Gibt es irgendeinen Beweis dafür, dass wir irgendwo außerhalb der Ölindustrie innovativer sind als andere Länder? Oder dass wir bei den grünen Energien wettbewerbsfähig sein könnten? Ja gut, wir haben die Ocean Industries, immerhin etwas. Aber selbst wenn wir insgesamt spitze wären: Auch die innovativsten Länder Europas mussten ihren Sozialstaat schon umbauen. Das kommt auch auf uns zu.

Das Problem in der ewigen Debatte über das ,Norwegen nach dem Öl‘ ist, dass Menschen die optimistischen Annahmen lieber übernehmen als die realistischen. Und wenn man Behauptungen nur oft genug wiederholt, glauben sie die Leute irgendwann. Die Wahrheit ist: Das alles wird schwer. Das Öl ist nicht zu ersetzen. Das wird der Staat merken. Die Arbeitslosigkeit wird steigen. Und die Reallöhne werden sinken.“

Zum Glück gibt es den Ölfonds 

Erläuterung des Staatshaushaltes 2016 durch Hegnar.no:

„Der Umfang des Ölfonds ist ganz entscheidend, weil sich die Regierung bei der Verwendung der Öleinnahmen nach der sogenannten Handlungsregel richtet. Diese Regel geht davon aus, dass der Staatshaushalt, wenn man die Einnahmen aus dem Ölgeschäft ausklammert, ein Defizit haben kann, das der erwarteten Real-Rendite (von bis zu vier Prozent) des Fondskapitals zu Beginn des Haushaltsjahres entspricht. 

2016 werden 194 Milliarden Kronen verwendet werden, das entspricht 2,8 Prozent. Das sind 26,8 Milliarden Kronen mehr als im laufenden Jahr (2015). […] Der Wert des Fonds beläuft sich bei Redaktionsschluss auf 6994 Milliarden Kronen.“

Eine Frage der Haltung …

Trond-Morten Lindberg, Direktor von BDO Norwegen, in Beiträgen von „Dagens Næringsliv“:

„Der niedrige Ölpreis ist nicht die größte Gefahr für die ­norwegische Wirtschaft. Viel schlimmer ist, dass wir ein ­nationales Haltungsproblem haben, das sich in einer ständig niedrigeren Produktivität niederschlägt. […] 

In den größten norwegischen Städten beginnt der Wochenendverkehr bereits am Donnerstag. Und montags einen Parkplatz auf der Arbeit zu finden wird immer einfacher. Ich muss sagen, dass es mich ärgert, wenn ich schon donnerstags den Stau in Richtung Gebirge sehe. […] 

Ich wundere mich, dass Menschen in meiner Position 15 bis 20 Stunden Workout in der Woche hinkriegen.“

… oder der Organisation? 

Antwort von Øystein Moan, Geschäftsführer von Visma, im „Visma Blogg“:

„Für BDO ist es doch sicher auch in Ordnung, wenn du hin und wieder donnerstagabends zur Hütte fährst, Trond-Morten. Wir stimmen dir zu: Das Handy kann man da nicht ­abschalten. Es kann nötig sein, an Telefonkonferenzen teilzunehmen, und vermutlich kommen auch viele Mails rein. Aber ein paar Runden mit den Ski auf der Hardangervidda im Laufe des Freitags können Wunder für die Kreativität und Produktivität bewirken.“

Jammern auf hohem Niveau

Tommy Hansen, Kommunikations-Direktor des Verbandes Norsk Olje & Gass:

„Ich will das nicht kleinreden. Die Situation ist ernst, große Projekte lohnen nicht und Tausende Leute mussten gehen. Aber die Stimmung ist dennoch eher optimistisch. Wir sind ja wettbewerbsfähig. Das erkennen Sie auch daran, dass sich der Export norwegischer Öl- und Gastechnologie seit der Jahr- tausendwende vervierfacht hat. Wir können mehrere Tausend Meter nach unten bohren, 90 Grad abbiegen und weiterbohren; das ist unsere Spezialität. Wir holen mit unserer Technik auch mehr aus den Feldern heraus als andere. Schon weil uns die Gegebenheiten zwingen: Die Produktion auf dem Norwegischen Kontinentalschelf ist kompliziert. Wir sind aber auch innovativ, weil unsere Firmen weltweit aktiv sind, überall lernen und gute Leute beschäftigen: In einer Stadt wie Stavanger gibt es rund 20 000 ausländische Facharbeiter, und die Firmen investieren viel in Forschung und Entwicklung.

Zugegeben, zuletzt schossen die Kosten durchs Dach. Wenn wir als Ausgangslage das Jahr 2000 nehmen und mit einem Index von 100 versehen, hätten wir im Vergleich mit den Ölbranchen anderer Länder im Jahr 2014 bei 150 liegen dürfen. Tatsächlich lagen wir bei 250. Da kam vieles zusammen – hohe Personalkosten, höhere Umwelt- und Sicherheitsstandards hatten auch ihren Preis.

Dass der Ölpreis absackt, kann leider vorkommen, auch wenn das bisher noch nie so massiv ausfiel wie jetzt. Wir nehmen an, dass wir Ende 2017 oder 2018 eine Wende erleben werden. Dann werden die Projekte wieder angefahren, die allein aus finanziellen Gründen vorübergehend gestoppt wurden. Viele der Arbeitslosen werden bald wieder einen Job bei uns haben. 

Die Leute, die irgendwann das Johan-Sverdrup-Feld in der Nordsee dichtmachen, den größten Fund seit den Achtzigerjahren, sind noch gar nicht geboren. Und auch die Erschließung der Barentssee in der Arktis, mit der wir hohe Erwartungen verbinden, wird Fahrt aufnehmen. Für Öl wird es weiter eine Nachfrage geben. Ein Land, das so sauber produziert wie wir, sollte wirklich zu den letzten zählen, die ihre Förderung einstellen. Außerdem gibt es auch Gas. 

Norwegen dürfte noch auf Jahrzehnte eine Öl- und Gasnation sein. Keine andere Industrie im Land reicht auch nur annähernd an unsere Wertschöpfung heran. Die ,Petroleumseinnahmen‘, die eben noch rund 30 Prozent der Staatseinnahmen ausmachten, liefern selbst jetzt, wo der Ölpreis gesackt ist, noch rund 20 Prozent.

Damit will ich nicht sagen, dass die Debatte, die wir führen, falsch ist. Wir brauchen immer Leute mit neuen Ideen. Ich will nur vor dem Entweder-oder-Denken warnen, das sich manchmal einschleicht: Wir müssen es schaffen, beides zu denken – eine Industrie mit und eine ohne Öl.“

Traum oder Albtraum? 

Hans Magnus Enzensberger, Norwegische Anachronismen (1984):

„Was fangen die glücklichen Gewinner an, nachdem sie das große Los gezogen haben? Nichts Besonderes. Sie treiben nur ihre alten Vorlieben auf die Spitze, die sich nun unversehens als zukunftsträchtig erweisen: ihren Hang zur Übersichtlichkeit und zur Dezentralisierung, zur Nachbarschaftshilfe und zum gesunden Leben […]. Selbst in ihren jüngsten und zukunftsträchtigsten Projekten kehren alte Motive, Neigungen und Fähigkeiten wieder. Die traditionelle Fischerei in der Aquakultur, die Heidenmission in der Entwicklungshilfe, die Emigration im Projekt-Export, die Polarforschung in der Ölexploration, die Seefahrt in der Marinetechnologie und die Landwirtschaft in der Biotechnik. 

Einige wenige hoch entwickelte Sektoren werden dabei einer Bevölkerung als materielle Basis dienen, die sich von der primären und sekundären Produktion längst verabschiedet hat. Erst unter diesen Bedingungen kommt der Wohlfahrtsstaat zu sich selbst. 

Die meisten Beschäftigten werden sich um die Kinder, die Alten und Kranken kümmern, der Rest ist Freizeit. Auch der Restaurierung der Vergangenheit wären in einer solchen Gesellschaft kaum Grenzen gesetzt. […] 

Außerhalb einiger hochtechnisierter Enklaven könnte sich eine Nation von Lehrern und Joggern, Fürsorgern und Gärtnern, Pflegern und Bastlern in einem 324 000 Quadrat­kilometer großen Freiluftmuseum [für ausgestorbene Handwerke] ergehen. […] 

Niemand weiß, was bei diesem Abenteuer herauskommen wird und ob ihm die Bewohner des Landes politisch, psychisch und moralisch gewachsen sind.“ //