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Wirtschaftsliteratur

Ein Blick auf die aktuellen Wellen im Wirtschaftsbuch.





• Die großen Themen populärer Wirtschaftsbücher sind wie Meereswellen. Sie schwellen an, brechen, branden schließlich gegen die Küste. Und viele Autoren surfen mehr oder weniger elegant auf ihnen mit. In der ersten Phase sind es vor allem die Romantiker, die kräftig rudern. Ihre Bücher künden von großen Bewegungen, die alles auf den Kopf stellen werden. Rollt die Welle, kommt es eher auf Professionalität an – die Bücher dieser Phase sind Reality-Checks. In der letzten Phase, wenn die Welle in Richtung Ufer ausläuft, profitieren kluge Autoren leichtfüßig vom energischen Anschub des Wassers. Ihre Bücher erzählen nur noch, wie Surfen richtig geht.

Die derzeit großen Wellen im Wirtschaftsbuch heißen Digitalisierung und Zukunft. Der Markt ist voller Romantiker, Realisten und Profiteure, für jeden ist etwas dabei. Man sollte nur schauen, welches Buch zu welchem persönlichen Erkenntnisstand passt. Fangen wir bei den Romantikern an.

Reinhard K. Sprenger hat unter ihnen die kräftigste Stimme: Sein „Radikal digital“ ist ein Plädoyer, den Menschen in digitalisierten Unternehmen als treibende und gestaltende Kraft wiederzuentdecken. Er meint: „Oft werden hohe Summen in digitale Technik investiert, aber weder Mitarbeiter noch Führung sind gleichsam ,mitgewachsen‘.“ Der Autor wünscht sich kreative, selbstorganisierte Mitarbeiter im Schulterschluss mit der Technik. Die Kunst der Führung bestehe in diesem Szenario darin, „Technik und Mensch zu verbinden, Geschäftsmodell und Organisation, intern und extern. Vor allem aber: Alt und Neu.“ Das so hinzukriegen, dass es zukunftsfähig wird, sei die größte Herausforderung. „Das ist wie Reifenwechsel bei fahrendem Auto.“ Was man als Motto des Buches bezeichnen könnte.

Reinhard K. Sprenger: Radikal digital. Weil der Mensch den Unterschied macht. 111 Führungsrezepte, 266 Seiten. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2018, 25 €

Romantisch ist auch das Buch „Plattform-Kapitalismus“ des US-Wissenschaftlers Nick Srnicek, der am Kings College London lehrt. Seine These liegt allerdings konträr zu Sprenger. Es gehe nämlich nicht um die Kultur, schreibt Srnicek, „die sich von den Wertvorstellungen der kalifornischen Ideologie leiten lässt“, sondern nach wie vor um schnöde Gewinnmaximierung in der Vulgärökonomie. Die sinkende Profitabilität der Industrieproduktion habe den Kapitalismus in die Hände der Datenfürsten getrieben, und auf deren Plattformen werde das Ausbeutungs-Business konsequent fortgesetzt – nur eben mit anderen Werkzeugen.

Neuerdings, schreibt der Philosoph, „können immense Mengen von Daten gewonnen und kontrolliert werden“. Und nicht nur das: „Unternehmen verschaffen sich ein Monopol auf Daten, extrahieren, analysieren, nutzen und verkaufen sie. Die alten Geschäftsmodelle der fordistischen Ära verfügen nur über rudimentäre Fähigkeiten, Daten aus Produktionsprozessen oder der Erfahrung von Kunden zu gewinnen.“ Srnicek seziert messerscharf die monopolistischen Datenagenten – Werbe-, Cloud-, Industrie- und Produktplattformen. Und zieht das Fazit: Nichts habe sich geändert, die Mitarbeiter befänden sich weiterhin im Ausbeutungs- und Abhängigkeitsmodus. Einen Ausweg, immerhin, deutet er an: öffentliche Plattformen, die im Besitz des Volkes sind und von ihm kontrolliert werden. Sonst versinken wir alle in einer großen, bösen Welle.

Nick Srnicek: Plattform-Kapitalismus. 144 Seiten. Hamburger Edition, Hamburg 2018, 12 €

So ganz alternativlos ist die Sache aber natürlich nicht. Kate Raworth, das Bad Girl der angloamerikanischen Ökonomie, versucht in „Die Donut-Ökonomie“ sehr intensiv, Kapitalismus, Ökologie und soziale Grundrechte im digitalen Zeitalter miteinander zu versöhnen. Ihre zentrale Leitmetapher ist der amerikanische Donut mit dem Loch in der Mitte. Darin, sagt sie, befinden sich mit Hunger und Analphabetentum zentrale Bedrohungen der Menschheit. Während jenseits des äußeren Rings Klimawandel und Umweltzerstörung liegen, die den Planeten bedrohen. Dazwischen befinden sich unsere Bedürfnisse, die zu befriedigen sind, sowie die neue Welt der Unternehmen und Produkte. Raworth will uns ein neues Wirtschaftsmodell zeigen und surft dafür mit höchster Anmut jede noch so hohe Welle. Sie zerstört alte Bilder und schafft neue, die uns fortan leiten sollen: sozial anpassungsfähige Menschen statt Homo oeconomicus. Dynamische Komplexität statt mechanisches Gleichgewicht. Ein nachhaltiger Reality-Check, inspirierend und praxisrelevant.

Kate Raworth: Die Donut-Ökonomie. Endlich ein Wirtschaftsmodell, das den Planeten nicht zerstört. 416 Seiten. Hanser Verlag, München 2018, 24 €

Eine andere Form von Reality-Check schlägt der österreichische Zukunftsforscher Harry Gatterer in „Future Room“ vor. Der neue Geschäftsführer des Zukunftsinstituts Frankfurt/Wien hat eine Methode entwickelt, mit der Unternehmen ihre verborgenen Kräfte nutzen können, um Geschäftsmodelle der Zukunft zu finden. Zum Beispiel eine Tankstelle: Was wird sie in zehn Jahren verkaufen – Kraftstoff oder Lebensmittel? Das Buch zeichnet kein konkretes Zukunftsbild, sondern bietet Raum zur Selbstbeobachtung, aus der dann erste Konsequenzen für die Gegenwart abgeleitet werden können. Das ist ausgesprochen wohltuend.

Harry Gatterer: Future Room. Entdecken Sie die Zukunft Ihres Unternehmens. 190 Seiten. Murmann Publishers, Hamburg 2018, 39,90 €

Inspirierend ist „Mensch 4.0“ von Alexandra Borchardt, der Leiterin „Strategische Entwicklung“ des Reuters Institute for the Study of Journalism in Oxford. Die ehemalige Journalistin der Süddeutschen Zeitung trägt mit großer Akribie interdisziplinäre Erkenntnisse und Wissen zusammen, um ihren Lesern ein komplexes Gesamtbild bieten zu können. Ihr Ausgangspunkt: „Die digitale Welt lässt sich gestalten, und zwar von uns. Um das aber zu können, müssen wir ihre Gesetze, die herrschenden Machtverhältnisse und ihr Potenzial zunächst einmal kennen.“ Borchardt erzählt Geschichten, die wir schon gehört haben, zitiert Vordenker, von denen wir wissen – und verbindet dann doch alles zu einer überraschenden Lagerfeuererzählung, an die man sich auch später mit Gewinn erinnert. Das Ergebnis ist keine letzte Stunde der Wahrheit, sondern ein Appell, kritisch, aber auch offen und konstruktiv zu bleiben. Was immer an digitalen Welten auf uns zukommen wird, am Ende zählt die persönliche Freiheit.

Alexandra Borchardt: Mensch 4.0. Frei bleiben in einer digitalen Welt. 256 Seiten. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2018, 20 €

Ganz einfach ist es allerdings auch dann noch nicht. Schließlich ist Vielfalt nicht nur die Basis der Komplexitätssuppe – sie macht sie zugleich auch schwer verdaulich. Die Unternehmerin Stephanie Borgert hat mit „Unkompliziert! Das Arbeitsbuch für komplexes Denken und Handeln in agilen Unternehmen“ nun einen Band vorgelegt, mit dem man „komplexes Denken und Handeln unkompliziert lernen“ können soll. Es geht darum, die Perspektive zu wechseln sowie Sichtweisen und Lösungsräume zu erweitern. Das Buch ist mit Reflexionsaufgaben, Interventionen und Denkwerkzeugen geschickt aufgebaut und basiert auf einer großen Portion Wissen und Know-how – selbst die neueste Systemtheorie ist verständlich aufbereitet. Zudem ordnet Borgert den Aktionsdschungel und bringt vieles auf den berühmten Punkt. Hilfreich!

Stephanie Borgert: Unkompliziert! Das Arbeitsbuch für komplexes Denken und Handeln in agilen Unternehmen. 176 Seiten. Gabal Verlag, Offenbach 2018, 24,90 €

Was fehlt jetzt noch, am Ende der Welle? Genau: eine Inspiration, die uns dazu bringt, erneut ins Wasser zu gehen. Die kommt dieses Mal von Ulf Brandes, Keynote-Speaker, Organisationsentwickler und agiler Coach, Physiker und Volkswirt. In „Social Energy. Für die Gestalter der neuen Arbeitswelt. Ein Inspiratorial“ plädiert er dafür, sich gemeinschaftlich zu engagieren, jedem Einzelnen Raum zu geben und Initiator des Wandels zu werden. Am Ende, so Brandes, kulminiere die neue Arbeitswelt in einer „Welle, einem gemeinsamen Streben nach Weiterentwicklung – nach Lebendigkeit“. Da können wir nur zustimmend nicken, das Board ins Wasser werfen und den Wellen entgegenpaddeln.

Ulf Brandes: Social Energy. Für die Gestalter der neuen Arbeitswelt. Ein Inspiratorial, 280 Seiten. Campus Verlag, Frankfurt 2018, 27 € //