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Wacken Open Air

Wie lässt sich ein Rocker-Duo beraten, das in der holsteinischen Provinz das weltgrößte Heavy-Metal-Festival aus dem Boden gestampft hat? Und wie viel Struktur verträgt eine Firma, die vom kreativen Chaos lebt? Die Macher des legendären „Wacken Open Air“ suchen gerade nach Antworten.




• Mittagstisch im Landgasthof „Zur Post“. Warmer Kohldampf an der Mahagoni-Eingangstür verrät gleich: Heute gibt’s Eintopf. Im Gastraum sitzt die Belegschaft des wichtigsten örtlichen Arbeitgebers und löffelt scherzend ihre Teller leer. Die beiden Chefs schäkern im Hinterzimmer mit der Bedienung. Als auch die Espressi gekippt sind, steigen alle in ihre aufkleberbestückten Audis und Fords und brettern die Dorfstraße hinunter zurück ins Büro.

So ist das eben auf dem Land? Nicht unbedingt, denn wir sind in Wacken, und Wacken ist ein weltweit bekanntes Synonym für Wahnsinn in der Provinz. Das 1900-Einwohner-Dorf im Kreis Steinburg, Schleswig-Holstein, wird an jedem ersten Augustwochenende von einer bis zu 85 000 Mann starken Armee heimgesucht, deren Uniformen aus Totenköpfen, Tattoos und schwarzem Leder bestehen. Vor Bühnen in Mehrfamilienhausgröße, auf denen Bands wie Nazareth, Judas Priest, Dying Fetus oder Sodom stehen, bringen die Metalheads drei Tage und Nächte die norddeutsche Tiefebene zum Wackeln, getreu dem offiziellen Festivalmotto „Faster. Harder. Louder!“

Nach allem, was man hört, ist so etwas das Beste, was einem langweiligen Nest ohne nennenswerte Arbeitgeber passieren kann. Nach 28 gemeinsamen Jahren bilden die Dörfler und die Festivaller mittlerweile eine kuriose Interessengemeinschaft Metall: So gut wie jeder Wackener verdient während des Festivals mit einer im Vorgarten improvisierten Bierbar oder zumindest als Parkplatzeinweiser ein paar Euro. Für einige Tage ist das Wacken Open Air (W.O.A.) das größte Jobcenter Schleswig-Holsteins.

Was als Chaosprojekt einiger Dorfrocker begann, ist zu einer mittelständischen Firma mit 25 Millionen Euro Jahresumsatz und 85 Angestellten gewachsen, die in angemieteten Büros rund um Wacken untergebracht ist. Holger Hübner, 51, und sein gleichaltriger Freund Thomas Jensen, die sich im Hinterzimmer des Landgasthofs noch einen Tee gönnen, sind die Gründer, Macher und Gesichter des W.O.A.. Sie stammen aus dem Ort beziehungsweise dem benachbarten Besdorf. Beide spielten in der Wackener F-Jugend Fußball, und beide heckten genau hier, am Tresen des Landgasthofs, wo Jensen damals kellnerte, die Idee zu einem Hardrock-Festival in der örtlichen Kiesgrube aus. Eine Schnapsidee, buchstäblich.

Millionenschwere Altrocker: Holger Hübner (links) und Thomas Jensen haben das Wacken Open Air vor 28 Jahren gegründet.

28 Jahre, eine Fast-Pleite und eine spektakuläre Wachstumsphase später sind die beiden ein millionenschweres Unternehmerduo. Jensen, studierter Betriebswirt mit schulterlangen Haaren, breitem Slang und oft ebenso breitem Grinsen, agiert als der joviale Außenminister. Hübner, eher nüchtern, fungiert als Innenminister und Organisationschef. Im Laufe des Interviews wird er immer wieder zu seinem Smartphone greifen und leise murmelnd E-Mails tippen, während Jensen munter erzählt, warum es so nicht weitergehen kann. „Hübner und ich“, sagt er selbstkritisch, „sind einfach nicht gut in Strukturen. Wir sind Freaks.“ Hübner, kurz vom Smartphone aufblickend, ergänzt: „Und das wollen wir auch bleiben.“

Neben dem W.O.A. organisieren die beiden Ober-Freaks mittlerweile eine ganze Reihe von Events: unter anderem die Full Metal Cruise, bei der 2000 Metal-Fans auf Kreuzfahrt gehen, die Skireise-Konzert-Kombi Full Metal Mountain in den Kärntner Alpen, die Hamburg Metal Dayz und das Werner-Rennen des Comic-Zeichners Brösel. Außerdem betreiben sie eine Stiftung, ein Platten-Label, einen Musikverlag, einen Radio- sowie einen Internet-TV-Sender – alles Ideen, die die beiden charismatischen Gründer mit dem Tempo ultraschneller Hardcore-Riffs in die Welt schießen.

Und genau da liegt das Problem. Denn ihr Unternehmensgeflecht ist mittlerweile derart ausgewuchert, dass weder die Strukturen noch die Mitarbeiter mitkommen. Aktuell hecken Jensen/Hübner einen Studiengang Heavy Metal aus („Wir sind da schon ziemlich weit“), in Planung ist zudem irgendwas Professionelles mit Festivals und Nachhaltigkeit, und neuerdings gehört ihnen auch noch der Landgasthof, der jetzt inoffiziell Zum Wackinger heißt und von ihnen wieder in Schwung gebracht werden soll. An wie vielen Projekten sie derzeit beteiligt sind, wissen sie selbst auf Anhieb nicht zu sagen. Offensichtlich ist, dass ihre Firma, die offziell ICS International Concert Service GmbH heißt, mittlerweile ein typisches Start-up-Problem plagt. Sie ist dem Amateuranfang entwachsen wie ein pubertierender 15-Jähriger seinem Konfirmationsanzug. Nun kneift es an allen Ecken und Enden, vieles passt einfach nicht mehr, und manchmal platzt mit lautem Knall ein Kragen.

„Was wir an Ideen haben, muss abgearbeitet werden“, räumt Hübner ein. „Arbeit zieht bekanntlich Arbeit nach sich, und da sind in letzter Zeit einige Elfmeter liegen gelassen worden.“ Jensen erinnert sich wehmütig an die Zeit, in der noch Hemdsärmeligkeit und Anpackwut als Managementtugenden ausreichten. „Früher bin ich morgens in Unterhosen an den Rechner und hab’ geguckt, ob wir genügend Tickets verkauft haben. Heute, klar, reicht das nicht mehr als Controlling.“ Hinzu kam in jüngster Zeit eine ganz neue Erfahrung für die eingeschworene Truppe: Einige Mitarbeiter verließen ICS und heuerten bei anderen Arbeitgebern an. Sicher, alle hatten gute Gründe für ihre Entscheidung. Aber es waren Leute, die Hübner und Jensen gern gehalten hätten.

Weil es so hemdsärmelig nicht weitergehen konnte, machten sich die beiden Chefs im vergangenen Jahr auf die Suche nach professioneller Hilfe. Nur wo? Und wen? Klar war: Irgendein Anzugträger käme ihnen nie in die Metallerhütte. „Ich find’ ja schon die Gattung Berater scheiße“, grantelt Hübner. „Ein Berater ist in meinen Augen jemand, der gern fette Kostennoten schreibt, selbst aber nicht in der Verantwortung stehen will.“


Wacken ist das Mekka des Heavy Metal: Einmal im Jahr pilgern bis zu 85 000 Fans hierher, um die Götter ihrer Musik zu feiern.

Ein paar Kennenlerngespräche mit konventionellen Consultants führten denn auch zu wenig Erfolg. Man brauche erst mal einen Draht zueinander, meint Jensen, der einen positiveren Blick auf die Beraterbranche hat als sein Kompagnon, „und einen Draht findste nun mal nicht übers Telefonbuch“. Eine solch persönliche Verbindung entstehe vielmehr, wenn man miteinander nicht nur übers Geschäft reden könne, sondern zum Beispiel auch über Fußball oder Musik. Das aber konnten die Unternehmensberater nicht, jedenfalls nicht so, wie ein 51-jähriger „Altrocker“ (Jensen über Jensen) es sich vorstellt.

Zu ihren beiden Ratgebern kamen die Oberwackener schließlich so, wie sie bislang zu allem gelangten: über ihr Bauchgefühl. Frank Simoneit, 48, ist ein ehemaliger Consultant der Tourismusberatung Project M, seit ein paar Jahren Dozent am Institut für Management und Tourismus der Fachhochschule Westküste – und langjähriger Wacken-Besucher. Aufgefallen war er Hübner/Jensen, weil er etwas Ungewöhnliches getan hatte: Er hatte den beiden Ober-Metallern widersprochen.

Und das kam so: Simoneits Hochschule sollte zu einem geplanten Feriendorf in Wacken – einer weiteren Schnapsidee von Hübner/Jensen – eine Stellungnahme abgeben. „Aus unserer Sicht“, erzählt Simoneit, „war das Konzept ziemlicher Mist, und das haben wir auch so gesagt. Das wiederum hat Thomas und Holger gefallen, denn die sind es nicht gewohnt, dass man ihnen ehrlich die Meinung sagt.“

Seit Anfang dieses Jahres treibt sich Simoneit nun in der ICS-Firmenzentrale herum, wobei es sicher von Vorteil ist, dass viele Wacken-Mitarbeiter ehemalige Absolventen seines Tourismus-Studiengangs sind. Die Aufgabe des Beraters: ins Herz der Heavy-Metal-Schmiede abzutauchen, um herauszufinden, in welchem Rhythmus es schlägt und wie sich gewisse Rhythmusstörungen beheben lassen. Simoneit tut es, indem er zunächst mit allen Mitarbeitern Vier-Augen-Gespräche über ihre Aufgaben, Perspektiven und Probleme führt. Zwei bis sieben Stunden dauern diese Interviews jeweils, wobei sich der Berater lediglich handschriftliche Notizen macht. Er findet es „nicht in Ordnung, wenn sich einer bei einem Gespräch hinter seinem Laptop verschanzt“.

So kämpft sich Simoneit durchs Dickicht der Tätigkeitsfelder, Beziehungsgeflechte und Kommunikationsknoten. Erstes Zwischenfazit: „Wacken ist biologisch gewachsen wie ein Moosgeflecht. Aber jetzt ufert es aus. Es gibt mittlerweile Kommunikations-Knotenpunkte, die definitiv überlastet sind. Und es gibt Controlling-Erfordernisse, die künftig einfach erfüllt werden müssen. Da knirscht es gewaltig.“

Sein persönliches Verhältnis zum Festival hat sich mit der Zeit ebenfalls geändert: „Zunächst ist man fasziniert von dem Imperium, das Holger und Thomas in Wacken geschaffen haben. Wenn man dann ein bisschen hinter die Kulissen und auf das Chaos blickt, ist man erschrocken. Doch danach kehrt die Faszination zurück, größer als zuvor. Und auch wenn ich kein bisschen esoterisch bin, muss ich sagen, dass das Projekt Wacken eindeutig einen Zauber birgt.“

Drei Monate hat er sich für seine Recherchen und Gespräche Zeit gegeben. Und er ist um seine Mission nicht zu beneiden. Sie ähnelt einer Art Eierlaufen auf hohem Niveau: Einerseits muss er schnellstmöglich ins Ziel kommen, andererseits den zerbrechlichen Gegenstand seiner Untersuchung schützen. „Eine klassische Unternehmensberatungsnummer“, sagt er, „könnte viel kaputt machen, weil eine klassische Unternehmensorganisation überhaupt nicht den Führungsfiguren entspricht.“ Am Ende will Simoneit den Wackenern weder ein Endergebnis noch To-do-Listen, sondern eine möglichst saubere Analyse ihres Ist-Zustands in die Hand drücken. Es gehe darum, die Situation „diskutierbar“ zu machen, sagt er.

Das wiederum setzt voraus, dass sich die beiden Chefs untereinander besser organisieren. Dafür ist neuerdings Antje Kelz zuständig, ehemalige Hotelmanagerin, heute Trainerin für Führungstechniken und zudem Jensens Nachbarin in Husum. Kennengelernt hat sie den Wacken-Chef, als beide ihre Kinder aus demselben Kindergarten abholten.

„Thomas und Holger sind in ihrer Arbeit sehr erfahren, aber sehr eingefahren in ihren Abläufen“, lautet die Analyse der 41-Jährigen. „Sie wünschen sich, dass ihre Mitarbeiter mehr Verantwortung übernehmen, doch wenn Mitarbeiter das tun, kriegen sie kein vernünftiges Feedback. Mitunter wird ihnen das Projekt nach einiger Zeit sogar wieder weggenommen – aus Angst, dass es gegen die Wand fährt.“

Schwierig sind auch einige Gewohnheiten, die sich mit den Jahren etabliert haben. „Wenn man im Arbeitsalltag immer nur im Laufschritt unterwegs ist, verändert sich die Wahrnehmung. Und wenn man lange zusammenarbeitet, schleicht sich eine Kommunikation ein, bei der vieles unausgesprochen bleibt“, sagt Kelz. Eine ihrer wesentlichen Aufgaben ist es zurzeit, den beiden beim Teilen der Aufgaben und Arbeitsgebiete zu helfen. Jeden Dienstag sitzen Kelz, Hübner und Jensen für zwei Stunden zusammen, um die anstehenden Termine und die vor ihnen liegenden Aufgaben zu sortieren. Danach übersetzt die Trainerin alles in eine visualisierte Zusammenfassung. „Dieses Post-it-Kleben und Schaubildermalen ist für ‘nen Altrocker wie mich ziemlich ungewohnt“, kommentiert Jensen.

Aber das organisierte Arbeiten und Kommunizieren ist wichtig, auch deshalb, weil die beiden Anfangfünfziger verstärkt überlegen, wie sie ihr Erbe sichern können. Nebenprojekte wie Full Metal Mountain haben zu kämpfen, und dass das W.O.A. sowieso immer ausverkauft sei, ist auch nur ein nicht totzukriegender Mythos (tatsächlich wurden die letzten Tickets für W.O.A. 2017 erst sieben Wochen vor den ersten Dezibel verkauft).

Viele Festivals hätten heute Schwierigkeiten, ausreichend Besucher zu begeistern, sagt Hübner, und auch der Heavy-Metal-Szene fehlten momentan die magnetischen Acts. „Wir suchen daher immer nach einem Leben nach oder neben Wacken. Es würde ein einziger Terroranschlag oder ein Unwetter reichen, um uns zum Abbruch zu zwingen. Und dann wär’ mit einem Schlag alles vorbei.“

Wo es für Wacken hingeht? Wie ein Leben neben oder nach dem größten anzunehmenden Wahnsinn aussehen könnte? Das weiß niemand, nicht einmal die beiden Festivalchefs. „Die Frage ‚Wo wollen wir hin?‘ ist für uns falsch“, meint Holger Hübner. „Die richtige Frage lautet: Was macht uns Spaß? Und Spaß macht es uns, Dinge zu unternehmen.“ Dann steigen die beiden Chefs in ihre Wagen und brausen zum nächsten Termin. Es gibt noch so viel zu unternehmen. //