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Stewart Brand

Ideen gibt es viele. Aber wie werden sie Realität? Stewart Brand macht es seit mehr als 50 Jahren vor.





• Stewart Brand? Hat keine kalifornische Computer-Firma gegründet, die zu den Top-Ten-Firmen der Welt gehört. Er veranstaltet nicht die angesehenste Reihe von Konferenzen unserer Zeit. Er hat nicht das Magazin entwickelt, das seit Jahrzehnten jede technologische Entwicklung begleitete. Und er wurde nicht mit einem Onlineshop zum reichsten Mann der Welt. All das haben seine Fans erledigt: Apple-Mitgründer Steve Jobs, TED-Gründer Chris Anderson, Wired-Mitgründer Kevin Kelly, Amazon-Gründer Jeff Bezos. Sie sind die Helden all derer, die viel erreichen wollen. Und er? Ist ihrer: der Held der Helden.

Das war vor mehr als fünfzig Jahren nicht absehbar. Als Sohn von Akademiker-Eltern, mit einem Biologie-Abschluss der Stanford-Uni in der Tasche und zwei Jahren Erfahrung als Fallschirmjäger hinter sich, war Stewart Brand ein Bilderbuchkandidat für die klassische Universitätskarriere. Stattdessen war er über Jahrzehnte stets vorn dabei: von der Hippie- und Öko-Bewegung mit ihrem neuen Blick auf Netzwerke und Hierarchien, bis zur Parallelwelt des Internets, die zu der entgrenzten Gesellschaft geführt hat, in der wir heute alle leben.

Interessiert an Wissenschaft und Kunst, an vernünftiger, praktischer Bildung und lustgetriebenem, neugierigem Hedonismus, zog der 1938 in Illinois geborene Brand durch diverse Szenen. Er verwirklichte mit sehr unterschiedlichen Menschen sehr unterschiedliche Projekte, die oft Folgeprojekte oder -ideen nach sich zogen, die im Rückblick fast zwangsläufig wirken. Der rote Faden war dabei stets Kooperation: Brand ist kein Einzelgänger, er hat sich immer Mitstreiter gesucht. Denn gemeinsam ist man nicht nur weniger allein – man kommt auch besser voran.

Stewart Brand ist die lebende Verbindung zwischen den Hippies und der digitalen Elite und damit einer der einflussreichsten Menschen des späten 20. Jahrhunderts. Seine folgenden Stationen sind nur einige zentrale Punkte. Am Anfang jedes Kapitels steht ein Zitat von Stewart Brand. Sie waren nicht als Lyrik gedacht, einige stammen aus TED-Talks.

1. Earthrise

In einem System Kleinigkeiten zu ändern
Ist nicht nur die effizienteste Art
Es in eine interessante Richtung zu bewegen
Sondern auch die sicherste
Denn wenn du versuchst
Es komplett zu drehen
Dreht es gerne mal durch
Aber wenn du nur
Eine kleine Schraube bewegst
Wird es sich verwandeln

Stewart Brand sagt, dass er 1966 in San Francisco auf dem Dach eines Hauses saß und feststellte, dass die Hochhäuser in der Ferne nicht exakt gerade wirkten, sondern etwas schief. Er begriff, dass das an der Krümmung der Erdoberfläche lag. Die würde man sehen, wäre man nur weit genug oben – etwa im Weltraum. Doch ein Satellitenfoto existierte zu der Zeit noch nicht. Es gab allerdings Gerüchte, dass die NASA Bilder unseres Planeten habe. Brand glaubte, solch ein Foto könnte den Menschen die Einmaligkeit der Erde bewusst machen und die Basis für ein ökologisches Bewusstsein schaffen. Also begann er, für die Veröffentlichung der NASA-Bilder zu werben.

Der Kern seiner Kampagne waren Buttons, die er für 25 Cents verkaufte. Sie trugen die Aufschrift: „Warum haben wir noch kein Bild von der gesamten Erde gesehen?“ Die NASA besaß bis dahin zwar nur grobe Schwarz-Weiß-Fotos, reagierte aber schnell: Am 10. November 1967 schoss ein Satellit das erste Farbfoto des Planeten. Rund ein Jahr später, Heiligabend 1968, knipste der US-Astronaut Bill Anders die Erde aus dem Mondorbit – das Foto erhielt den Namen Earthrise.

2003 soll Brand in einem Interview gesagt haben, das Bild „gebe eine Idee davon, dass die Erde eine Insel ist, umgeben von unbewohnbarem Raum. Es ist so deutlich, dieses kleine blau-weiß-grün-braune Juwel vor dem öden Vakuum.“ Er setzte das Satellitenbild auf das Cover der ersten Ausgabe seines Magazins Whole Earth Catalog, Earthrise zierte die vierte Nummer. 1970 fand der erste Earth Day statt, ein Gedenktag für den Umweltschutz, der heute weltweit begangen wird. Am Earth Day 2016 wurde das Übereinkommen von Paris, in dem sich 195 Länder auf gemeinsame Klimaschutzziele einigten, zur Unterzeichnung offengelegt.

2. Whole Earth Catalog

Wenn etwas gut aussieht
Sollte man nicht nur daran zweifeln
Dass es so gut ist
wie es aussieht
Sondern auch fragen:

Was passiert gerade sonst noch?

Zwar hatte er große Sympathien für die Hippies und die der Szene entspringenden Landkommunen, in denen neue Lebensmodelle erdacht und erprobt wurden. Aber Stewart Brand hatte in der Armee auch die praktische Umsetzung von Plänen und ihr Mikro-Mana-gement erlernt, und so bezweifelte er, dass die Landkommunarden für ihre Lebensexperimente ausreichend gerüstet waren. Hinzu kam, dass sich die Technik in allen Bereichen zunehmend verbesserte, was die Zurück-zur-Natur-Anhänger aber leider ignorierten.

Einige Zeit besuchten Brand und seine Frau Kommunen mit einem Pickup-Truck, dem Whole Earth Truck Store, aus dem heraus sie Werkzeug verkauften, Bücher verliehen und Handwerksmethoden lehrten. Die logische Fortsetzung davon war der Whole Earth Catalog, dessen erste Ausgabe im Herbst 1968 erschien. Sein Ziel war aus heutiger Sicht bescheiden: Das Magazin sollte „Zugang zu Werkzeugen“ in Bereichen wie Ökologie, Selbstversorgung, DIY und Bildung bieten.

Der Begriff „Werkzeug“ war allerdings weit gefasst: In dem Heft wurden neben Maschinen und klassischem Handwerkerbedarf insbesondere auch Bücher, Kleidung, Kurse, Samen und vieles mehr aufgelistet. Da Brand außer dem Magazin nichts verkaufte, lieferte er Hersteller- oder Bezugsadressen mit sowie Rezensionen, die oft von Experten geschrieben wurden. Außerdem erzählten Menschen von eigenen Erfahrungen mit Technologien, Methoden oder Organisationsformen. Der Whole Earth Catalog war, kurz gesagt, ein gedruckter Mix aus Blogs und Amazon.

Sein Effekt lässt sich heute kaum noch ermessen. Das Heft machte nicht nur zahllose Hilfsmittel verfügbar, mit denen sich Projekte aller Art verwirklichen ließen – es verband auch die zersplitterten alternativen Szenen miteinander. Der Biobauer im Nappa Valley lernte darüber nicht nur die Biobäckerei in Portland kennen, die sich vielleicht für seine Produkte interessierte, sondern auch den Windradbauer in Austin, der ihm beim Aufbau einer autonomen Energieversorgung helfen konnte. Der Whole Earth Catalog war für die neue Welt jenseits des Mainstreams ein gedrucktes Internet. Oder wie es Apple-Gründer Steve Jobs später formulierte: „Es war wie Google als Taschenbuch.“

Der Katalog war extrem erfolgreich. Eine Ausgabe, von der 1,5 Millionen Exemplare verkauft wurden, erhielt sogar den National Book Award. Das Heft erschien bis Ende 1971 regelmäßig, danach nur noch sporadisch. 1994 kam die letzte Ausgabe. Da war der Zug aber schon weitergefahren: 1974 gründete Brand mit einigen Autoren das Magazin Co-Evolution Quarterly, das sich in ähnlicher Breite mit unterschiedlichen Themen beschäftigte und unter mehreren Namen bis 2003 existierte.

3. The Well

Einerseits möchte Information teuer sein
Weil sie wertvoll ist
Die richtige Information am richtigen Ort
Kann dein Leben verändern
Andererseits möchte Information frei sein
Denn es wird immer einfacher
Sie in die Welt zu bringen
Und so kämpfen diese beiden Seiten
Gegeneinander

Die Sache war eigentlich ganz einfach: Der Whole Earth Catalog und die folgenden Hefte hatten extrem unterschiedliche Gruppen und Individuen zusammengeführt und so eine sehr vielfältige Gemeinschaft geschaffen, die sich ohnehin austauschte und gemeinsam weiterentwickelte. Bloß fand die Kommunikation untereinander die meiste Zeit in Kleingruppen oder Einzelgesprächen statt, per Telefon eben oder per Post, wie es damals so ging. Viel besser wäre es natürlich gewesen, wenn alle an allen Gesprächen hätten teilnehmen können, um vielfältiges Wissen auszutauschen und sich gegenseitig den Horizont zu erweitern. Und schließlich gab es die dafür nötige Technologie.

Mitte der Achtzigerjahre gründete Brand gemeinsam mit dem Mediziner Larry Brilliant das Whole Earth Lectronic Link, kurz Well. Es basierte auf einem einsamen Computer in Kalifornien und den Modems der Nutzer, die sich fortan über Telefonleitungen Textnachrichten schicken konnten, auf die sämtliche Nutzer reagieren konnten. Es war die weltweit erste Virtual-Community – ein Begriff, den der Autor Howard Rheingold explizit für The Well erfand.

Werbung gab es auf The Well nicht, dafür war die Technologie noch nicht geeignet, und so finanzierte sich das Projekt über Zahlungen seiner Nutzer. Aber das war eine Investition, die sich lohnte: Es war ein ausgesprochen elitärer Zirkel aus Machern der verschiedensten Bereiche, die sich viel zu sagen hatten und gern auch offline trafen, weil schon damals klar war, dass reine Online-Beziehungen enge Grenzen haben. Zudem hatten Journalisten freien Zugang zum Netzwerk. Das schuf Öffentlichkeit und half allen Beteiligten.

Bei The Well zeigte sich auch, was Stewart Brands Weg zunehmend prägte: sehr lange Entwicklungslinien. Bereits im Dezember 1968 hatte der Amerikaner dem Computertechniker Douglas Engelbart assistiert, als der auf einer Konferenz in San Francisco weltweit erstmalig alle heute üblichen Elemente eines PC in einem System vorstellte, inklusive grafischer Steuerungselemente, Hypertext und der Maus. Angeblich erfand Brand danach den Begriff Personal Computer. Kleine Rechner, die auf jedem Schreibtisch stehen, waren damals, im Zeitalter gigantischer Datenverarbeitungsanlagen, so realistisch wie fliegende Autos. Aber als die Technik in der Lage war, das schöne Konzept mit Praxis zu füllen, war der Visionär selbstverständlich zur Stelle.

The Well gibt es nach vielen Krisen bis heute, es ist immer noch eine Gemeinschaft, eine von vielen. Larry Brilliant ging später zu Google und leitete dort die Abteilung für Wohltätigkeit und gute Zwecke: google.org. Und Stewart Brand wandte sich der Wirtschaft zu – er wurde Unternehmensberater.

4. Global Business Network

Wir sind wie Götter
Und so sollten wir am besten
Gut darin werden

Technologie war für Stewart Brand nie ein Feind, sondern eine Hilfe auf dem Weg in eine bessere Zukunft, und so war es für ihn in den Achtzigerjahren ein kleiner Schritt, Veranstaltungen für die Organisationen zu planen, die Technik bis heute am häufigsten voranbringen: große Technologie-Unternehmen. Während er für Konzerne wie AT&T, Volvo oder Shell arbeitete, lernte er auch deren Probleme kennen. In der Folge gründete er 1987 mit Peter Schwartz, dem ehemaligen Leiter der Abteilung Szenariotechnik bei Shell, und drei weiteren Partnern die Consulting Firma Global Business Network (GBN).

Die Beratung war auf Strategieplanung in extrem volatilen Bereichen spezialisiert. Sie arbeitete mit Szenariotechnik, experimentellen Lernmethoden und einem speziellen Netzwerk von Experten und Visionären, genannt „remarkable people“, bemerkenswerte Personen. Zu ihnen gehörten Wissenschaftler, Journalisten und Künstler, unter anderem der Mitgründer des Tech-Magazins Wired Kevin Kelly, der schon am Whole Earth Catalog mitgearbeitet hatte, der Internet-Theoretiker Clay Shirky, der Musiker und Erfinder der Ambient Music Brian Eno, die Anthropologin Mary Catherine Bateson und so weiter.

Kunden von GBN konnten für eine jährliche Gebühr von bis zu 40 000 Dollar dem GBN-Netzwerk Worldview bei- treten, über das sie Kontakt zu den Experten hatten. Sie wurden zu Workshops eingeladen und bekamen Zugang zu einer eigenen Website und einem Buchclub. Die Mitgliedschaften wurden erst abgeschafft, als GBN 2000 von Monitor gekauft wurde: Die Beratung sollte sich fortan auf Szenario-Beratung und Trainings beschränken. Nach der Übernahme von Monitor durch Deloitte wurde sie 2013 geschlossen.

5. The Long Now Foundation

Es ist sinnvoll und realistisch
Sich eine Zivilisation als etwas vorzustellen
Das gleichzeitig in verschiedenen
Geschwindigkeiten funktioniert.
Mode und Handel verändern sich schnell Wie es sein soll
Natur und Kultur ändern sich langsam
Wie es sein soll
Infrastruktur und Politik begleiten beides
In einem mittleren Tempo
Aber weil wir uns vor allem auf die
Sich schnell verändernden
Elemente konzentrieren
Vergessen wir die wahre Kraft
In den Sphären der langsamen, tiefen
Veränderung

Netzwerke entwickeln mit der Zeit eine eigene Dynamik, insbesondere wenn sie viele unterschiedliche, erfolgreiche Individuen miteinander verbinden. Der Grund dafür liegt auf der Hand: Dank ihres Austauschs und der gemeinsamen Erfahrung entwickeln die Partner eine ähnliche Weltsicht, die sie auf dazu passende Projekte anspringen lässt, während sie zugleich über unterschiedliche Ressourcen verfügen, die sie natürlich gern zur Verfügung stellen.

Stewart Brand hat immer langfristig gedacht, und so war die Idee, eine Stiftung zur Förderung des langfristigen Denkens zu gründen, eigentlich naheliegend. Die Long Now Foundation entstand 1996, zu ihren Gründungsmitgliedern gehörten neben Brand der GBN- Mitgründer Peter Schwartz, Mitstreiter wie Brian Eno und Kevin Kelly sowie einige andere Wissenschaftler, Entwickler und Unternehmensgründer.

Die Foundation verfolgt verschiedene Projekte, von denen das spektakulärste die Clock of the Long Now ist, eine mechanische Uhr, die 10 000 Jahre laufen soll. Der Bau hat schon begonnen, das Gelände im Westen von Texas hat Jeff Bezos, der zurzeit reichste Mensch der Welt, zur Verfügung gestellt. Er fördert die Konstruktion auch sonst. Die Finanzierung dürfte damit vorerst gesichert sein.

Daneben betreibt die Stiftung unter anderem in San Francisco ein Café, „The Interval“, weil persönliche Begegnungen immer noch die beste Art des Wissensaustauschs sind, sowie eine Art Wettbüro, das Long Bets Project, das nur Wetten annimmt, die sich mit langfristigen Entwicklungen beschäftigen, die häufig über Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte laufen. Brand kuratiert zudem seit 2003 SALT (Seminars About Long-term Thinking), Vorträge über langfristiges Denken, die natürlich alle online stehen und als E-Book für den Kindle für 3,09 Euro zu haben sind.

6. Revive & Restore

Wenn du mit einem System arbeitest
Das so groß und komplex ist
Dass du es auf keinen Fall vollständig
Verstehen kannst
Änderst du eine Kleinigkeit
Versuchst mal was
Lässt es sein
Falls es schwierig wird
Machst weiter
Falls es gut läuft
Und verfolgst parallel
Noch ein paar andere Ideen

Nachdem er sich lange viele Freunde gemacht hatte, erntete Stewart Brand 2009 herbe Kritik, als er in seinem Buch „Whole Earth Discipline“ der klassischen Agenda der Grünen-Bewegung eine Vision gegenüberstellte, die Atomkraft, Urbanisierung, genetisch veränderte Lebewesen und andere umstrittene Technologien und Methoden als Bausteine einer besseren Zukunft sah. Mit der klassischen ökologischen Szene hatte das nichts mehr zu tun, aber ein Verrat an seinen Idealen war dem Visionär nicht vorzuwerfen. Schließlich war er stets vor allem ein Umdenker.

Außerdem blieb Brand wie immer nicht in der Theorie stecken. 2013 gründete er zusammen mit seiner Frau die Organisation Revive & Restore, deren Ziel unter anderem De-Extinction ist, die Neuerschaffung ausgestorbener Tier- arten mittels genetischer Manipulation. Zu den ersten Projekten gehören die Rückkehr der Wandertaube, des einst häufigsten Vogels auf dem amerikanischen Kontinent, sowie des Wollhaar-mammuts, das helfen soll, das Ökosystem in Sibirien zu regenerieren.

Es ist eine total abwegige Idee. So abwegig wie Fotos von der ganzen Erde, ein Katalog für alles Lieferbare, Online-Gemeinschaften, Unternehmens- beratung per Expertennetzwerk oder langfristiges Denken. Anders gesagt: Es wird vermutlich passieren. //