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Raumpionierstation Oberlausitz

Die Raumpionierstation Oberlausitz berät Menschen, die aufs Land ziehen wollen. Im eigenen Interesse – und in dem des Kunden.




• Arielle Kohlschmidt erwartet mich am Bahnhof Weißwasser mit einem äußerst freundlichen Mann, der viel jünger aussieht, als er tatsächlich ist. Er heißt Torsten und fragt, ob ich Lust hätte, die Stadt anzusehen. Klar, warum nicht. Wir fahren durch die Straßen, und der Mann hat zu allem was zu erzählen. Er kennt sich richtig gut aus. Also frage ich ihn: Wer bist du eigentlich? Was machst du hier? Und er antwortet: „Ich bin der Oberbürgermeister.“

Weißwasser ist eine Stadt in der Oberlausitz im Nordosten Sachsens. Eine Kleinstadt, um genau zu sein. Das war früher anders. In den Achtzigerjahren lebten hier 38 000 Menschen – mittlerweile sind es gerade mal rund 16 000. Und Weißwasser wird laut der Bevölkerungsprognose des Statistischen Landesamtes Sachsen weiter schrumpfen. Deshalb hat die Stadt nicht nur ein Auskunftstelefon für Menschen, die dort leben wollen. Es steht auch, wie der 47-jährige Oberbürgermeister Torsten Pötzsch erzählt, auf seinem Tisch. Denn Zuwanderung ist Chefsache: „Und ich garantiere: Wir finden für jeden, der zu uns kommt, einen Arbeitsplatz.“

„Du bist hier wichtig“, sagt Arielle Kohlschmidt einen Tag später in ihrem Haus in Klein Priebus, einem Dorf rund 30 Autominuten von Weißwasser entfernt. „In der Stadt ist es egal, ob du da bist. Aber hier zählst du.“ Es ist Ende Januar, draußen vor dem Fenster sollte die Landschaft winterlich grau sein. Aber sie wirkt eher grün und erstaunlich einladend. Jedenfalls wenn man in der Nähe eines Ofens sitzt.

Die 41-Jährige hat mit ihrem Mann die Raumpionierstation Oberlausitz gegründet. Unter diesem Projektnamen beraten sie Städter, die aufs Land ziehen wollen, am besten natürlich in ihre Nachbarschaft. Da gibt es viel Platz. Die Lausitz war in der DDR enorm wichtig, weil dort Kohle gefördert wurde, doch mit dem Rückgang des Abbaus seit den Neunzigerjahren laufen der Region die Menschen davon. Städte schrumpfen, Dörfer veröden. Von den Metropolen betrachtet, wirkt das wie Verfall, doch aus der Nähe sieht es eher wie ein gigantisches Feld fantastischer Chancen aus: leere Häuser, fehlende Dienstleistungen, Freundeskreise mit Vakanzen – alles will gefüllt werden. So bietet das Land im Überfluss, woran es der Stadt zunehmend mangelt: Perspektiven.

Das klingt überzeugend. Und wie funktioniert die Beratung? Na, ganz einfach, sagt Arielle Kohlschmidt: „Wir setzen uns mit den Leuten hin und unterhalten uns. Nach zwei Stunden fahren sie wieder ab – und sind beseelt. Wenn sie konkrete Anliegen haben, recherchiere ich auch für sie. Aber vieles könnte genauso gut die Verwaltung beantworten. Es geht eher um den menschlichen Kontakt. Darum, zu sehen, wie ein Leben auf dem Land praktisch funktioniert. Wie das Menschen mit einem ähnlichen Hintergrund hinkriegen. Und ich würde sagen: Das funktioniert.“

Natürlich gibt es einige zentrale Fragen, die immer wieder gestellt werden: Wie ist es mit Arbeit? Was kosten Immobilien? Gibt es Kita-Plätze? Und Ärzte? Was ist mit Nazis? Und wie geht es einem überhaupt damit, dass man plötzlich im Nichts ist? „Also, das ist ja gar kein Nichts“, sagt die Beraterin, die übrigens kein Geld von den Ratsuchenden nimmt. „Aber im ersten Augenblick wirkt es so. Und es kann schon sein, dass man erst mal Stadtentzug hat.“

Beratung, wie sie sein sollte

Für Menschen, die Consultant auf ihrer Visitenkarte stehen haben, mag das naiv klingen. Da hocken sich ein paar Landeier mit erschöpften Städtern aufs Sofa – und nennen das Beratung? Bei genauerem Hinsehen zeigt sich jedoch, dass die vermeintliche Amateurveranstaltung alles bietet, was man sich von einer Beratung erhofft: Menschen, die in einer schmalen Nische eine hohe Kompetenz haben und über ein großes Netzwerk verfügen, entwickeln mit ihren Klienten ein Bild, eine Strategie, an der sie sich orientieren können. Sie liefern Daten für die Umsetzung und packen im Zweifelsfall auch mit an, wenn handfeste Unterstützung gebraucht wird. Kein Wunder, dass die Raumpionierstation Oberlausitz mittlerweile auch vom Freistaat Sachsen gefördert wird. „Wir haben gedacht, wir tun was Sinnvolles – vielleicht ist das jemandem etwas wert?“, erklärt Arielle Kohlscmidt. Die Leute sind nicht naiv, nur weil sie im äußersten Osten wohnen.

Kohlschmidt ist in Cottbus geboren, hat aber lange in Berlin gelebt. Anfangs, sagt sie, habe sie die Stadt als eine enorme Freiheit wahrgenommen, doch „die Freiheit wurde bald durch ein Hamsterrad ersetzt“. Sie hat Psychologie studiert, aber „die Uni war Mist“, Texte für „Bernd das Brot“ geschrieben, Ausstellungen kuratiert und Websites gebaut. „Irgendwie kamen ständig Sachen, die jemand tun musste, und ich habe gesagt: Ich mache das! Dabei habe ich es dann gelernt.“ Eine Ausbildung hat sie erst seit Kurzem – als Yoga-Lehrerin.

Ihr Mann hat einen ähnlich verwinkelten Lebenslauf: Er stammt aus Flensburg, hat Kaufmann gelernt und war Radio-DJ, gründete eine Sponsoring-Agentur, arbeitete als Unternehmensberater, absolvierte eine Sounddesign-Ausbildung. In der Lausitz hat das Paar die Agentur Blendwerck gegründet, mit der es Kommunikations- und Marketing-Beratung anbietet, Grafik- und Textdienstleistungen, Entwicklung von Ausstellungs- und Raumkonzepten. Die neue Normalität sozusagen: Menschen mit Erfahrungswissen, die nicht gut in die Strukturen der Konzerne und Agenturen passen, machen ihr eigenes Ding. Nur eben in der Regel in, äh, Berlin. Ein Klischee. Ist aber so. Jedenfalls in Großstädten, in denen es bunte Viertel gibt, wo sie mit ähnlichen Menschen leben können, die sie verstehen. Aber hier? Direkt an der polnischen Grenze?

„Gemessen am Stundensatz verdienen wir hier auch nicht weniger als viele Kreative in Berlin“, sagt Arielle Kohlschmidt. Und es gebe genug Nachfrage, denn die Geburt des 21. Jahrhunderts findet auch auf dem Land statt. Vielleicht nicht in dem Tempo der Städte oder in der Breite, aber dafür treten sich dort die Geburtshelfer auf die Füße. Während hier kompetente Leute mit lokaler Anbindung selten und gern gesehen sind. „Die Stadt“, sagt Kohlschmidt, „hat früher Möglichkeiten geboten, die es auf dem Land nicht gab. Das hat sich geändert.“

Auf ihrer Website haben sie ihre Projekte aufgelistet – vom Marketing-Konzept für die Entwicklungsgesellschaft Niederschlesische Oberlausitz bis zur Karte für den Fürst-Pückler-Park Bad Muskau. Auf den ersten Blick wirkt das etwas gepütschert, aber vielleicht ist genau dies das Ziel? Das müde Stöhnen der Top-Kreativen, wenn sie schon wieder eine Multi-Channel-Kampagne für eine Top-Marke entwickeln sollen, durchzieht die gentrifizierten Viertel Deutschlands. Während Arielle Kohlschmidt in Görlitz jede Woche Meditation für Unternehmer und Führungskräfte anbieten kann, ab und zu einen Tages-Workshop zu Kreativität und innovativem Denken und nun auch Kundalini-Yoga. „Das mache ich, weil es das hier nicht gab. Es gibt viele Lücken – und da kann ich was tun.“ Gleichförmiger Alltagstrott? Ist nicht ihr Problem.

Womit wir wieder bei der Beratung für Landinteressenten wären, denn auch wenn das Paar sie gestartet hat, um die Gegend zu bereichern, in der es lebt, wachsen mit neu Zugezogenen nicht nur potenzielle Freundeskreise, sondern zugleich das Netzwerk aus Angebot und Nachfrage. Was nicht nur heißt, dass mehr Leute zum Kundalini-Yoga kommen können, sondern auch, dass jemand etwas Neues macht, zum Beispiel in Proschim ein Open-Air-Flammkuchen-Restaurant eröffnet, bei dem sich später alle fragen, wie sie eigentlich ohne leben konnten. Oder was auch immer den Menschen einfällt. Platz für Ideen gibt es reichlich. „Früher“, sagt Arielle Kohlschmidt, „war das Leben auf dem Land hart. Heute transportieren wir unser städtisches Lebensmodell ins Grüne.“

erOberbürgermeister Torsten Pötzsch garantiert jedem Zuwanderer einen Arbeitsplatz.
Arielle Kohlschmidt bietet Neuankömmlingen Yoga, menschlichen Kontakt, ein großes Netzwerk und nützliche Informationen für das Leben auf dem Land.

Irgendwo ist immer etwas zu tun

Auf der Website der Raumpionierstation stehen einige Porträts von Menschen, die das Landleben loben – und klassischen Großstadtberufen nachgehen. Es gibt einen Möbelbauer, jemanden, die tiergestützte Therapien anbietet, eine Kunsttischlerin, eine Psychologin, mehrere Leute, die von verschiedenen Projekten leben, die nicht nur in der Lausitz stattfinden. Es geht vieles, irgendwo ist immer etwas zu tun. Aber geht es überhaupt darum? In einem Ort südlich von Görlitz, erzählt Kohlschmidt, haben sich einige Leute ein Haus gekauft: 700 Quadratmeter Wohnfläche für einen albernen Betrag, den ich hier nicht nennen werde, weil ich ihn nicht glauben kann. Weniger als 5000 Euro jedenfalls. Renovierungsbedürftig, klar. Aber trotzdem. Und das ist nur eine Variante von vielen.

Man muss sich aufs Land einlassen

Guido Michels erzählt, dass er Bankkaufmann gelernt hat, dann aber Dolmetschen studiert und 25 Jahre frei gearbeitet habe, spezialisiert auf klinische Studien. Bei seiner Arbeit traf er Menschen, die nicht nur unterschiedliche Sprachen sprechen, sondern aus unterschiedlichen Kulturen stammen, und so war er oft ein Mediator. Irgendwann wollte er das richtig lernen, erklärt der 54-Jährige, und deshalb absolviert er nun ein Master-Studium Mediation und Konfliktmanagement. Als Dolmetscher ist er immer noch tätig, aber nun bietet er außerdem Wirtschaftsmediation an und Business-Coaching, unter anderem im Bereich Work-Life-Balance.

Guido Michels wohnt in Boxberg, 15 Autominuten von Weißwasser entfernt. Er stammt aus Köln, wo er, wie er sagt, sehr verwurzelt gewesen sei, aber seine Frau, die er auf dem Kilimandscharo getroffen hat, kommt von hier. Tja, und wie ist der Arbeitsmarkt für Dolmetscher in der Lausitz? Stelle ich mir überschaubar vor. „Als Selbstständiger“, sagt Guido Michels so tiefenentspannt, als käme er aus einem Medita-tions-Workshop, „bin ich nicht ortsgebunden. Ich kann überall arbeiten. Es ist einfach nur ein bisschen mehr Fahrerei.“

Michels und seine Frau, die ebenfalls Coach ist, Schwerpunkt Kommunikation und Geschlechterverhältnisse, wohnen in einem großen Haus mit einem absurd großen Garten, wo sie auch Gemüse anbauen – das Pflügen übernimmt ein Bauer aus der Nachbarschaft. Am Ende des Grundstücks befindet sich ein Fluss, der malerisch an dem leicht verwilderten Ufer entlangzieht. Gut vorstellbar, dass Lohnarbeit in solch einer Umgebung nicht das wichtigste Thema ist. Die Lebenshaltungskosten seien viel geringer als in der Großstadt, sagt Michels, das Leben sei viel weniger stressig, der Freundeskreis toll, die Offenheit enorm. Und genug los sei allemal: „Ich habe in Köln immer das Gefühl gehabt, ich würde was verpassen, weil so viel passiert. Ich dachte, hier würde es mir nicht so gehen. Aber es exakt genauso. Es ist ständig was los.“

Der Blick der Städter aufs Land scheint recht realitätsfern. Meiner ist es jedenfalls. Ich bin ein Ultrastädter, ich habe nicht einmal einen Führerschein. Ohne Bus und Bahn läuft bei mir nichts. Arielle Kohlschmidt lächelt. Sie habe das erste Jahr auch keinen Führerschein gehabt, erzählt sie, während wir zur Kita ihres Sohnes fahren. Für einige Zeit gehe es ohne Auto. Den Führerschein hat sie vor Ort gemacht. Die Straßen sind leer, wir gleiten dahin wie der erste Schlitten am Hang bei Neuschnee. „Wir haben hier nie Stau“, sagt Kohlschmidt. „Nie! Autofahren ist total entspannt. Die Entfernungen sind zwar größer, aber man braucht nicht länger.“ Es dämmert. Aus den Wäldern starrt uns Rotwild an. Ich starre zurück.

Das Land entfaltet sich, wenn man ihm Gelegenheit dazu gibt. Aber es gibt nichts umsonst. Man muss sich aufs Landleben einlassen. Auf die Menschen, das Wetter, die Natur. Für Städter ist das ungewohnt. In der Stadt ist alles optional, der Job, die Hobbys, die Freunde. Das macht alles ein bisschen dünn, die Beziehungen und die Lebensgrundlagen. Dafür bist du frei, könnte man sagen. Aber ist das noch Freiheit? Hier geht das jedenfalls nicht. Landleben ist verbindlich. „Es ist wichtig, dass du dich selbst steuern und führen kannst“, sagt Kohlschmidt. Andererseits führt das dazu, dass allen, die sich darauf einlassen, ein großes Interesse entgegengebracht wird – beruflich und persönlich. In der Stadt bist du nur eine Option. Auf dem Land teilen die Menschen ihre Leben.

Natürlich ist das nicht alles, die Verbindung zur Welt ist viel stärker als früher. „Durch das Internet nimmst du deine Blase mit“, sagt Arielle Kohlschmidt. „Ich empfinde die Ferne zu Freunden in der Stadt nicht mehr.“ Aber echte Menschen sind nicht zu ersetzen. Mit jedem neuen Akademiker, Freischaffenden, Künstler wächst hier die Entsprechung zu dem, was in der Stadt ein hippes Viertel wäre: der Schwarm. „Wir sind wie ein Schwarm Wildbienen“, sagt Arielle Kohlschmidt. „Die wohnen auch nicht in Stöcken, sondern einzeln in Erdlöchern.“ Wahrscheinlich werden am Ende solche Schwärme über das Schicksal von Regionen entscheiden. Denn sicher wird in Zukunft nicht überall das Land erblühen, eher werden sich zwischen menschenleeren Regionen Land-Cluster entwickeln. Und deren geheime Kraft wird die menschliche Gravitation sein.

Als wir an der Kita ankommen, ist es fast dunkel. Arielle Kohlschmidts Sohn, der fünfjährige Jasper, ist heute das letzte Kind. Er freut sich auf zu Hause, denn er darf noch ein bisschen Youtube gucken. In Weißwasser waren wir mit Torsten Pötzsch an einer Baustelle für eine neue Kita vorbeigekommen. Er hatte gelächelt und gesagt, sie hätten zurzeit ein Problem, mit dem sie nicht gerechnet hätten: Sie haben zu wenig Kita-Plätze. Aber das sei ein schönes Problem. Ob sie hier auf dem Land genug Plätze für ihre Kinder der Zukunft haben? Na, sie werden sich schon was einfallen lassen, irgendwie wird es gehen. „Es muss nicht alles perfekt sein“, hatte Arielle Kohlschmidt gesagt. „Das Unperfekte ist für Städter ungewohnt. Aber es ist auch befreiend.“ //