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Young Targets

IT-Spezialisten werden händeringend gesucht. Aber wie findet man sie? Young Targets lockt sie mit spannenden Events.





Die 140-Quadratmeter-Zentrale der Agentur Young Targets liegt im zweiten Stock eines Hauses im Berliner Prenzlauer Berg. Es ist ein hippes Szene-Office wie aus dem Bilderbuch: eine Handvoll telefonierender Mitarbeiter, Stapel von Getränkekisten von einer Party, eine Bürohündin namens Lola, die unter einem Schreibtisch liegt. An einem rohen Holztisch sitzt der Gründer des Unternehmens Lutz Leichsenring, 38 Jahre alt, schwarzer Kapuzenpulli, Vollbart. Er nennt sich Chief Visionary. „Wir sind äußerst kreative Dienstleister“, sagt er, „da finde ich das passend.“

Zunächst einmal ist Young Targets eine Agentur, die sich auf die Rekrutierung junger IT-Fachkräfte für Unternehmen spezialisiert hat. Im Fokus der Berliner, die bereits seit einem Jahrzehnt mit unterschiedlichen Angeboten am Markt sind, steht die Suche nach jungen Talenten und Absolventen von Informatikstudiengängen, den Digital Natives der Generation Y, die derzeit so ziemlich jedes Unternehmen sucht.

Doch sie zu finden ist nicht einfach. Denn die besten Softwareentwickler, Systemadministratoren, Design Thinker oder Data Scientists suchen keine konkreten Jobs, sondern spannende Unternehmen. Sie wollen sich auf ein Feld konzentrieren und sich in ihrem Fachgebiet weiterentwickeln, interessieren sich aber nicht für Führungsjobs oder eine Karriere. Das Gehalt, flexible Arbeitszeiten und das Gefühl, sinnstiftend zu arbeiten, sind ihnen nicht unwichtig, doch wichtiger sind ihnen herausfordernde Aufgaben und schlaue Kollegen. Erschwerend hinzu kommt bei der Suche nach ihnen die geringe Zahl der hoch qualifizierten Kandidaten.

Techies können ihre Forderungen diktieren

IT-Experten sind möglicherweise die gesuchtesten Arbeitskräfte überhaupt. Schließlich gibt es angesichts der fortschreitenden Digitalisierung keine Branche, in der sie nicht gebraucht werden, allen voran IT-Berater, Administratoren und Softwareentwickler. Laut einer Untersuchung des Digitalverbands Bitkom gab es 2016 in Deutschland 51 000 offene Stellen für IT-Spezialisten, rund 20 Prozent mehr als im Vorjahr.

Der Mangel treibt auch die Gehälter. Die jüngste Kienbaum-Vergütungsstudie wies für Technologie-Experten im vergangenen Jahr eine Gehaltssteigerung von durchschnittlich 3,2 Prozent aus. Ein IT-Security-Manager kann heute mit einem Jahresgehalt von 77 000 Euro rechnen, IT-Führungskräfte bringen es – zum Beispiel in der Chemiebranche – sogar auf 146 000 Euro. Und die Gehälter werden kaum sinken: Im vergangenen Jahr konnte jede zehnte offene Stelle nicht besetzt werden. Der größte Mangel herrscht bei Fachkräften für IT-Sicherheit.

Entsprechend ausgeprägt ist das Selbstbewusstsein der Informatik-Absolventen, weiß Lutz Leichsenring. „Sie können die Bedingungen, die ein Unternehmen für sie erfüllen soll, mehr oder weniger diktieren.“ Das Kräfteverhältnis zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer hat sich geändert: In der IT stehen sich nicht mehr Anbieter und Bittsteller gegenüber, sondern Verhandlungspartner auf Augenhöhe.

Die Arbeitgeber müssen sich also etwas einfallen lassen. Mit Stellenanzeigen in Lokalblättern und an Infoständen oder Flyern auf Messen und Jobbörsen sind die Techies kaum zu erreichen. Auch die üblichen Zusatzangebote von Firmenseite beeindrucken sie nach Erfahrung von Leichsenring wenig: „Schöne Büros, mehr Urlaub und eine gute Work-Life-Balance interessieren hier niemanden, weil die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit ohnehin fließen.“ Selbst mit der Größe oder Bekanntheit ihres Unternehmens können Arbeitgeber kaum punkten. Entscheidend für Nerds ist vielmehr, dass sie ihre IT-Leidenschaft beim Lösen maximal spannender Aufgaben ausleben können. Anders gesagt: Techies kann man vor allem mit Technischem locken. Und dessen Reiz steigt mit der Zahl kniffliger Aufgaben und pfiffiger Kollegen.

Die meisten Personalabteilungen können weder das eine noch das andere bieten. Im Wettbewerb um die besten Köpfe in der IT sind sie deshalb auf die Hilfe externer Dienstleister angewiesen, auf Unternehmen wie Young Targets. Die Agentur verspricht, passende Kandidaten auf eine „zeitgemäße Art“ und auf Augenhöhe anzusprechen. Und das gelingt ihr am besten bei sogenannten Recrutainment-Events.

Recrutainment, erklärt der Chef, sei ein Kunstwort aus Recruiting und Entertainment. „Wir bringen ITler über ganz unterschiedliche Veranstaltungsformate auf unterhaltsame Weise mit Unternehmen in Kontakt. Wir verpacken Fachthemen in spielerische Aufgaben und sorgen in lockerer Atmo-sphäre für Austausch zwischen den Beteiligten.“

„IT-Job-Shuttle“, ein „mobiles Recruiting-Event“, ist derzeit die wichtigste Zugnummer von Young Targets. Ähnlich einer Stadtrundfahrt für Touristen, die neugierige Ausflügler zu populären Sehenswürdigkeiten führt, werden pro Event etwa 100 Studenten aus höheren Semestern, Absolventen und Young Professionals der Bereiche IT- und Ingenieurswissenschaften im Bus einen Tag lang durch die Gegend gefahren. Allerdings machen sie nicht an Kirchen und Denkmälern Station, sondern bei Unternehmen, die Bedarf an IT-Fachkräften haben und dafür zahlen, sich den Ausflüglern vorstellen zu dürfen. Angefahren werden unterschiedlichste Adressen, vom Tech-Start-up bis zur Unternehmensberatung, vom mittelständischen Einzelhändler bis zum Konzern, vom No Name bis zur Weltmarke.

Eine Stadtrundfahrt zu potenziellen Arbeitgebern

In einer Art seitenverkehrtem Bewerbungsverfahren können sich so auch wenig bekannte Firmen vorstellen, ihre Tätigkeitsfelder in Kurzvorträgen und Einzelgesprächen präsentieren und mit den jungen Talenten ins Gespräch kommen. Umgekehrt können sich die potenziellen Mitarbeiter einen guten Überblick verschaffen und die für sie wichtigsten Aspekte prüfen: Macht das Unternehmen einen tech-affinen Eindruck? Sitzt in der Führungsetage jemand aus dem IT-Bereich? Ist das Equipment auf der Höhe der Zeit? An welchen Fragestellungen von morgen arbeitet der mögliche Arbeitgeber? Sind seine Hierarchien flach? Hat das Unternehmen eine identitätsstiftende Philosophie? Gibt es genug Freiraum, um mit neuen Technologien zu spielen?

Anstrengend sind die Touren im IT-Job-Shuttle für alle Beteiligten. Doch sie haben sich bewährt: Pro Tour vermittelt Young Targets im Schnitt 11 Kandidaten, über alle Formate hinweg sind es etwa 20 Spezialisten pro Monat – eine ausgesprochen gute Quote in einem so schwierigen Markt.

Das eigentliche Recruiting übernehmen die Arbeitgeber selbst, die Agentur schafft nur eine Plattform für die Begegnung mit den potenziellen Arbeitnehmern. Nach einer Pilotphase in Karlsruhe tut sie das inzwischen regelmäßig in Darmstadt, Berlin, Hamburg, München, Nürnberg und Köln. 2017 fahren die Busse erstmals auch durch Wien.

In Kontakt mit den Studenten kommt Young Targets vor allem über die Hochschulen. Lutz Leichsenring hat sich mit der Deutschen Hochschulwerbung aus Düsseldorf einen 50- Prozent-Gesellschafter in die Firma geholt, der entscheidende Türen öffnet. Als einer der Marktführer für Campusmarketing unterhält das Unternehmen Verträge mit mehr als 100 Hochschulstandorten und sichert so einen direkten Zugang zu den Studenten, etwa über Plakatwerbung oder die Auslage von Flyern. Hinzu kommt ein intensives Social-Media-Marketing, außerdem werden regelmäßig einzelne Professoren und studentische Arbeitsgruppen direkt angesprochen.

Interessierte Studenten und Absolventen können sich für die für sie kostenlosen Events über ein standardisiertes Formular bewerben, das bewusst so technisch gehalten ist, dass durchschnittlich interessierte Kandidaten eher abgeschreckt werden. Schließlich wollen die Unternehmen keinen Durchschnitt, sondern die Besten. Und die wollen umgekehrt offenbar auch: Insgesamt erhält Young Targets auf jedes angebotene Format rund 300 Bewerbungen.

Derzeit umfasst das Agentur-Portfolio rund ein Dutzend verschiedene Formen. Der „Hackathon“ beispielsweise ist ein Programmierfest, an dem Partnerunternehmen als sogenannte Mentoren teilnehmen können, um Nachwuchsfachkräfte bei der Arbeit sehr intensiv persönlich und fachlich kennenzulernen: 24 Stunden lang arbeiten die Teilnehmer in Teams aus Programmierern und Webdesignern an einer Idee, die in kurzer Zeit in Code umgesetzt werden muss.

Den mit mehr als 500 Studenten aus drei Ländern bislang größten Hackathon der Automobilbranche hat Young Targets 2015 unter dem Titel „codeFEST8“ für Volkswagen organisiert. Um kreative Produktlösungen geht es aber auch bei der „QR-Code-Rallye“, einer Art digitaler Schnitzeljagd, oder auf der „Developer Akademie“, einem zweitägigen spielerischen „Innovation Bootcamp“ für interdisziplinäre Teams aus IT, Design und Marketing.

Das größte Aufsehen in der bisherigen Agenturgeschichte erregte das Escape Game „Crack the Code“, das Young Targets im vergangenen Jahr auf der Cebit in Hannover auf die Beine stellte. Bei einem klassischen Escape Game müssen sich die Teilnehmer in einer vorgegebenen Zeit mit Geduld, Ausdauer, Geschick und logischem Denken aus einem Raum befreien, in dem sie Aufgaben oder Rätsel lösen. Auf den IT-Bereich übertragen heißt das: Quellcodes lesen, kombinieren, analysieren und kreative Lösungen erarbeiten.

Für das Spiel wurde in der Messehalle 11 ein schwarzer Container aufgebaut, dessen Stahltür sich in einer Reihe von Spielrunden immer wieder hinter den Teams schloss – insgesamt nahmen 186 Studenten von mehreren Hochschulen teil. Ihre Mission: ein Cyberkampf mit dem berüchtigten Hacker Lord Lulz, der einen Angriff auf den größten Internetknoten der Welt plante. Um den Verbrecher zu besiegen, mussten die Teams in einer guten halben Stunde zehn Aufgaben lösen und dabei vor allem kryptologische Fähigkeiten beweisen. Ein Expertenteam aus Unternehmensvertretern, das die Aktion über eine Kamera im Inneren des Containers verfolgte, gab bei Bedarf kleine Hinweise.

Der Münchner Elektronikkonzern Rohde & Schwarz, der sich dem IT-Nachwuchs als attraktiver Arbeitgeber präsentieren wollte, landete damit einen Volltreffer. Das spektakuläre Container-Spiel brachte dem Unternehmen nicht nur maximale Aufmerksamkeit, sondern vor allem, ganz wie erhofft, zahlreiche Bewerbungen von jungen Nachwuchskräften. Zudem erhielt der Konzern, gemeinsam mit Young Targets, den renommierten HR Excellence Award im Bereich „Konzerne Karriere-/Recruiting-Event“, der innovativen Projekte verliehen wird. Die Agentur bietet inzwischen auch für andere Unternehmen Escape Games an. Die Spiele werden entsprechend den Anforderungen und Bedürfnissen modifiziert – und den Budgets.

Young Targets hat gestaffelte Preise und setzt seine Angebote gern in Relation zu den Kosten, die ein Unternehmen üblicherweise hat, um geeignete Hochschulabsolventen zu finden – im Einzelfall können pro Kandidat leicht bis zu 10 000 Euro zusammenkommen. Das günstigste Young-Targets-Format ist bereits für weniger als die Hälfte erhältlich: Zwischen 3000 und 5000 Euro bezahlt ein Unternehmen, wenn der Bus mit den Teilnehmern des Job Shuttles bei ihm Station machen soll.

Teurer sind sogenannte Stand-alone-Events, die dem Auftraggeber einen exklusiven Kontakt mit den Teilnehmern ermöglichen. Sie kosten zwischen 10 000 und 20 000 Euro, abhängig von dem vorgegebenen Kandidatenprofil. Je präziser es ist, desto aufwendiger ist es, entsprechende Personen zu finden. Der Arbeitgeber, der sein Unternehmen und seine Marke in einem anspruchsvollen Event bestmöglich darstellen will, muss noch deutlich tiefer in die Tasche greifen: Ein neues, exklusives Format kann von der Entwicklung einer Idee bis zur Durchführung einer Veranstaltung mit einer sechsstelligen Summe zu Buche schlagen.

Nichts geht über Arbeitsproben – selbst gespielte

Das Geschäft läuft gut. Als Young Targets begann, waren die Kunden der Agentur vor allem kleine und mittlere Unternehmen. Inzwischen wurden mit VW, Daimler, 1&1, Bosch, Otto, Hermes, EY, Aldi oder Rohde & Schwarz auch große Firmen gewonnen. Dank eines gut funktionierenden Netzwerkes, auf das sie bei Bedarf zurückgreifen kann, ist die kleine Agentur in der Lage, auch umfangreiche Aufträge zu realisieren. Grundsätzlich organisiert Young Targets den gesamten Prozess selbst: von der Ansprache der Teilnehmer über die Entwicklung eines Veranstaltungskonzeptes bis zur Durchführung des Events.

Die Idee funktioniert offenbar, wenn es um Techies geht. Und vielleicht taugt sie ja auch zum Rekrutieren von Kandidaten in anderen Disziplinen. Für Wissenschaftler ist die Beobachtung von Fähigkeiten in der Praxis jedenfalls besonders erfolgversprechend. „Bei so einem Event wird von den Teilnehmern eine Art Arbeitsprobe unter realen Bedingungen abgerufen“, sagt Ingo Weller, Leiter des Instituts für Personalwirtschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität München. „Und Arbeitsproben sind das valideste Auswahlinstrument, das wir kennen.“ //

Chief Visionary Lutz Leichsenring und die Bürohündin Lola stehen mit Young Targets einem Unternehmen vor, bei dem es aussieht wie aus dem Bilderbuch der Neuen Wirtschaft (unten) und das tatsächlich entsprechend innovativ arbeitet.