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Fehler machen, Mensch bleiben

Wenn niemand weiß, wo es langgeht, haben Ratgeber Hochkonjunktur. Kein Wunder, dass uns das anbrechende digitale Zeitalter eine Flut von Versicherungsliteratur beschert.





Der berühmte österreichische Dichter Ernst Jandl verewigte einst in zwei Zeilen eine Vision, die in der digitalen Transformation fröhliche Urständ feiert: „(…) das müßt ein wahrer vogel sein / dem niemals fiel das landen ein.“ Wie wahr, möchte man ihm zurufen angesichts der aktuellen Wirtschaftsliteratur. Auf der einen Seite stehen die Hochjazzer der digitalen Wirtschaft, nimmermüde prophezeiend, wie die alte Welt dem Untergang geweiht ist. Immer auf und in der Höhe. Auf der anderen Seite rufen Skeptiker und Besitzstandswahrer zu Ruhe und Besonnenheit auf, sie vermuten Sand im Getriebe des Neuen und Unbekannten. Und beides wird als Wahrheit verkauft. Wie also Kurs halten in einer Flut von Büchern, die sich im Entweder-oder berauschen? Wie den Überblick behalten in einer Zeit voller Unschärfe und Unordnung, in denen Wahrheiten so einfach hinausposaunt und absolut gesetzt werden?

Machen wir uns auf die Suche nach neuen Navigatoren und Lotsen. Die beiden Berater Carsten Hentrich und Michael Pachmajer haben jahrelang das Neue vermessen und kartografiert. Sie haben dabei eine originelle Metapher entwickelt: d.quarks, kleine Elementarteilchen, die bei der digitalen Transformation helfen. „Es sind Fähigkeiten, die ein Unternehmen benötigt, um digitale Wertschöpfung zu gestalten, zu erzeugen und an Kunden zu vermitteln. Immer mit Blick auf die Organisation, Menschen und Kompetenzen, Prozesse und Technologie.“ Gemeint sind ebenso Fähigkeiten und Talente der Mitarbeiter wie verschiedene digitalisierte Prozesse, die ein Unternehmen voranbringen, egal ob es sein Digital Business gerade erst aufbaut oder schon viel weiter ist.

Die d.quarks bewegen sich in vier Bereichen und fünf Umlaufbahnen, mit diesem Modell ordnen die beiden Autoren die neue Welt der Transformation: Das Spektrum reicht von agiler Kollaboration über digitale Arbeitsplätze bis zum digitalen Inkubator. Ein mehr als nur nützliches Buch für Einsteiger, also zum Beispiel die vielen Unentschlossenen im Mittelstand, die eine erfolgreiche Methode suchen, ihr Geschäftsmodell zu transformieren.

Carsten Hentrich, Michael Pachmajer: d.quarks. Der Weg zum digitalen Unternehmen. Murmann Publishers, Hamburg 2016. 39,90 Euro.

Wichtig ist es, bei der digitalen Revolution den menschlichen Faktor nicht zu vergessen. Das sagt Barbara Liebermeister, Leiterin des Frankfurter Instituts für Führungskultur im digitalen Zeitalter. Sie weist besonders darauf hin, wie rasant sich digitale Technologien entwickeln, während sich der Mensch und seine Verhaltensweisen nur im Schneckentempo verändern: „Die vielfältigen Potenziale der Digitalisierung (…)werden sich nur dann gewinnbringend nutzen lassen, wenn eine intelligente Abstimmung und Kombination des technisch Möglichen mit grundlegenden menschlichen Bedürfnissen, Denk- und Verhaltensmustern erfolgt und dabei mit Augenmaß agiert wird.“ Das klingt zunächst etwas oberlehrerhaft, entpuppt sich aber im Laufe des Buches als plausibler Resonanzrahmen für den digitalen Hype. Denn jede persönliche Beziehung, ob zum Kunden oder Mitarbeiter, benötigt auch einen realen Pflegemodus: „Der Mensch und seine Beziehung zu anderen Menschen ist im digitalen Zeitalter nicht weniger wichtig, sondern tritt vielmehr noch stärker in den Vordergrund.“

Für ihr Buch hat die Autorin zahlreiche Interviews mit Personalverantwortlichen geführt. Das verleiht ihm einen pragmatischen, empirisch abgesicherten Grundton und führt zu der Erkenntnis, dass Empathie noch immer „der Kitt ist, der Mitarbeiter, Kollegen und Vorgesetzte zusammenhält“. Kurz: Mensch bleibt Mensch – auch im digitalen Zeitalter. Ein Buch gegen Big-Data-Allmachtsfantasien.

Barbara Liebermeister: Digital ist egal. Mensch bleibt Mensch – Führung entscheidet. Gabal Verlag, Offenbach 2017. 24,90 Euro.

Der ehemalige IBM-Cheftechnologe Gunter Dueck ist längst zum Mahner vor dem digitalen Schwachsinn geworden. Nach der Schwarmintelligenz hat er sich diesmal die Sinnproduktion im digitalen Raum vorgenommen. Seine Diagnose: „Wir können im neuen Welttheater des Netzes noch gar nicht erkennen, was wichtige oder ernsthafte Inhalte sind und was eben nur Theater ist – oder eben Nepp, Blendwerk oder um Werbeeinnahmen bemühter Sensationismus. Unter dem massenhaften Flachsinn im Netz verblasst das Wichtige und Ernsthafte, das früher die Autorität beanspruchen konnte und die Kontrolle hatte.“ Rasant treibt Dueck die Leser durch die blubbernde Aufmerksamkeitsökonomie des Netzes, der er seine grundlegende Forderung nach einem neuen, vielfältigen, tiefsinnigen „Culture Valley“ entgegensetzt, das den flach atmenden Big-Data-Wahn des Silicon Valley ergänzen kann. „Deshalb fordere ich, den Tiefsinn zu fördern, die Kulturschätze flachsinnsfrei für jedermann im Netz zu öffnen und wieder Vorbilder der neuen Welt zu schaffen und zu propagieren, statt Promi-Klatsch zu verbreiten.“

Seine Vorschläge sind zwar teilweise romantisch verklärt, aber ein möglicher Ausgangspunkt, weiter zu denken und die digitale Revolution als Chance für eine Revitalisierung des Kulturellen zu betrachten. Ein Buch für Wissensarbeiter, die sich nicht von niederschmetternd banalen Digitalrealitäten frustrieren lassen wollen.

Gunter Dueck: Flachsinn. Ich habe Hirn, ich will hier raus. Campus Verlag, Frankfurt a. M. 2017. 24,95 Euro.

Auch Henning Beck streut Sand ins digitale Getriebe. Der Gehirnforscher und Fließbandautor widmet sich in seinem neuen Buch der möglichen menschlichen Anpassungsleistung an die digitale Veränderung. Sein Basisverdacht, den er geradezu fröhlich ausbreitet, lautet: Unser Gehirn ist auf das digitale Zeitalter nicht vorbereitet. „Es ist ein verträumter Schussel, oft abgelenkt und unkonzentriert, nie zu hundert Prozent verlässlich, es verrechnet sich, irrt ständig und vergisst mehr, als es behält. Kurzum: Es ist ein etwa 1,5 Kilo schwerer Fehler.“ Rumms, das sitzt erst mal. Doch dann fängt Beck erst richtig an und zeigt auf, dass es gerade das Nicht-Perfekte, das scheinbar Ineffiziente und Fehlerhafte ist, was unser Gehirn so erfolgreich macht. Heraus kommt ein herrlich erzähltes Sachbuch über unsere Denkschwächen, die eigentlich „geistige Geheimwaffen“ sind. Ein Buch für alle, die glauben, schlecht zu performen, oder Angst vor Fehlern im Job haben. Inklusive der entlastenden Erkenntnis: Perfektion überlassen wir lieber den Computern.

Henning Beck: Irren ist nützlich. Warum die Schwächen des Gehirns unsere Stärken sind. Carl Hanser Verlag, München 2017. 20 Euro.

Das Fazit unserer kleinen Bücherreise lautet also: agil werden, Mensch bleiben, Kultur stärken, Fehler leben. Fehlt noch ein besonderes Buch zum Abschluss. Wie zum Beispiel die illustrierte Ausgabe von Frederic Lalouxs internationalem Bestseller „Reinventing Organizations“. Die Parole des belgischen Erfolgsautors, der für intelligente, sinnstiftende Organisationsformen eintritt, heißt: „Wir sind diejenigen, auf die wir gewartet haben.“ Das gilt natürlich auch für ihn. Sein Kultbuch hat er jetzt jedenfalls, gemeinsam mit Graphic-Novel-Illustrator Etienne Appert, in ein illustriertes Kondensat verwandelt, eine Art Pictionary der neuen Wirtschaft.

Die Protagonisten der bösen Leistungsgesellschaft sind grau und dunkel, die evolutionären Unternehmen in Lalouxs Petrol, also ganz im Sinne seiner farblichen Organisations-Typologie. Die Sortierung ist hilfreich, doch seine Folgerungen muss man zu nehmen wissen. So lautet beispielsweise Lalouxs Alternativ-Vorschlag zur schnöden Leistungsbeurteilung von Mitarbeitern: „Das Ziel dabei ist, jede Form von Verurteilung loszulassen, um das Feedback aus einer Haltung von Liebe und Verbundenheit geben zu können.“

Da fällt einem sofort ein altes chinesisches Strategem ein: Umarme deinen Feind so lange, bis er tot ist. Wir Feierabend-Evolutionsforscher wissen das schon längst. Auch die Schattenseite der Liebe ist ein prägender Teil der Evolution, und der Mensch bleibt eben ein Tierwesen. Besonders in der Wirtschaft.

Frederic Laloux, Etienne Appert: Reinventing Organizations visuell. Ein illustrierter Leitfaden sinnstiftender Formen der Zusammenarbeit. Verlag Franz Vahlen, München 2016. 24,90 Euro. //