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Spots und Kampagnen aus Argentinien

Was für ein Geizhals, dieser Marcos! Sogar beim Frühstück im Café hat er einen Sonderwunsch: ein Glas Orangensaft – nur zur Hälfte frisch gepresst, die andere Hälfte aus dem Tetrapak, damit es billiger wird. Aber was bleibt ihm auch anderes übrig bei dieser Freundin? Bei der sitzt die Kreditkarte so locker wie bei Politessen der Block mit den Strafzetteln. Marcos versucht, ihr das Plastikgeld aus der Hand zu reißen, oder appelliert an ihre Vernunft. Doch am Ende hat Claudia immer ein schlagendes Argument: die Rabatte, die sie mit ihrer Karte von der Banco Galicia bekommt, 10, 20, 25, manchmal sogar 30 Prozent. Bei kostenloser Ratenzahlung.




Seit sechs Jahren und in bisher 56 Spots verfolgen die Argentinier das Leben des Werbe-Pärchens im Fernsehen, als sei die Kampagne eine Telenovela. Die Zuschauer sind dabei, wenn Claudia und Marcos sich streiten oder ihre Liebe feiern – aber nicht am Jahrestag: Die Ermäßigung im Restaurant gibt es nur mittwochs. Wenn Marcos den kleinen Stadtflitzer seiner Freundin zur Tankstelle schiebt – aber nicht zur nächsten: Sie steuern eine an, die Banco-Galicia-Kunden Rabatt gewährt. 

Die Kreativen der Agentur Young & Rubicam sollen zugegeben haben, dass sie die eigenen Spots für die Bank nicht gerade für die besten aller Zeiten halten. Doch wen stört das, wenn sie erfolgreich sind? Die Facebook-Fanseite hat mehr als 986.000 Follower. Die Spots zur (zeitweiligen) Trennung der beiden wurden allein bei Youtube 1,5 Millionen Mal angeklickt. Die Zuschauer stimmen per Telefon ab, wohin Claudia und Marcos in den Urlaub fahren sollen oder wer nach der Trennung was behalten darf. Die beiden sind so bekannt, dass Gonzalo Suárez alias Marcos auch im echten Leben auf der Straße Beziehungstipps von älteren Damen bekommt. Andere empfehlen ihm, Claudia zu verlassen. Was ist Wirklichkeit, was ist Fiktion? Viele Argentinier halten das Werbe-Pärchen offenbar für Teilnehmer einer Realityshow. 

Als Young & Rubicam um den Etat der Bank pitchte, war die Aufgabe, das Unternehmen menschlicher darzustellen. Längst sind die Schauspieler Paola Barrientos und Gonzalo Suárez die Gesichter der Bank, haben Exklusivverträge und dürfen nicht gemeinsam in anderen Produktionen auftreten. Wenn sie im Fernsehen streiten, berichten die Klatschsendungen – das ist zwar Werbung für Werbung, aber die Zuschauer stört es nicht. Sie kennen die Konflikte des Pärchens, denn sie sind selbst vom Spar- und Schnäppchenwahn angesteckt. Bei einer Inflation von geschätzt mehr als 30 Prozent tut die Anschaffung des neuen Kühlschranks nicht mehr so weh, wenn man ihn in Raten zahlen kann, zinslos.

Sparen ist sowieso sinnlos, glauben viele im Land. Zu oft haben die Argentinier den Showdown einer Hyperinflation erlebt, haben zusehen müssen, wie ihre Guthaben in einer Wirtschaftskrise eingefroren oder durch eine Entwertung des Pesos geschrumpft wurden, manchmal auch beides. Konto und Bank wählt man in Argentinien nach Zahl und Art der Rabatte und Möglichkeiten der Ratenzahlungen. Banco Galicia liegt in der Ausstellung von Kreditkarten vorn und verzeichnet zudem stetig steigende Zahlen bei ihrem Treueprogramm „Quiero!“.

Die aktuelle TV-Kampagne ist für das Kreditinstitut vermutlich extrem budgetschonend: Marcos und Claudia in einem Shoppingcenter, sie tragen versteckte Kameras – in der Brille, im Handy, an der Handtasche. Überall werden sie angesprochen: Ihr seid doch das Banco-Galicia-Pärchen, oder? Niedrige Produktionskosten, hoher Bekanntheitsgrad. Schön für die Banco Galicia.

Leider spiegelt die Kampagne in ihrer Klischeehaftigkeit aber auch die argentinische Macho-Gesellschaft. Die Frau: shoppingsüchtig, gibt dauernd Geld für Unnützes aus, eines dieser Weibchen, denen es nur ums Materielle geht – aber immerhin: eine intelligente Schnäppchenjägerin. Der Mann: arbeitsam, ein guter Verwalter, geizig und auch ein bisschen stoffelig, er trägt sogar im Urlaub eine Woche lang dieselben Socken. Kurz: Was wäre er ohne die schöne Frau an seiner Seite? //