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Harte Schule

Sachsens Lehranstalten gelten als die leistungsstärksten und effizientesten in Deutschland. Nach der Wende haben die Bildungsplaner des Bundeslandes nicht die alten Fehler des Westens wiederholt, sondern sich ein Schulsystem nach Maß geschneidert. Tugenden aus DDR-Zeiten spielen dabei eine wichtige Rolle.




Die Begeisterung für den westdeutschen Schulalltag währte bei Klaus Anders nicht einmal zehn Minuten. So lange dauerte es, bis sein Kollege endlich mit dem Unterricht beginnen konnte an jenem Tag im Jahre 1991. Anders, der ein Jahr zuvor die Leitung einer Oberschule im sächsischen Neustadt übernommen hatte, wollte sich im Westen Anregungen für den eigenen Unterricht holen. Doch was er sah, schockierte ihn. Die Schüler lümmelten herum; sie blieben sitzen, als der Lehrer hereinkam und ein joviales "Hallo" nuschelte, von den meisten Kindern offenbar unbemerkt. Einige kauten Kaugummi, andere kramten gemütlich ihre Schulbücher heraus, manche schrieben etwas, vermutlich Hausaufgaben für den anschließenden Englischunterricht, wieder andere unter-hielten sich angeregt. Ein Mädchen bürstete sich versonnen die Haare. Der Lehrer lächelte milde.

Anders war irritiert. So etwas kannte er nicht aus Neustadt, kurz vor der tschechischen Grenze, wo er 1987 an der Friedrich-Schiller-Oberschule seine erste Stelle angetreten hatte. Damals stand noch die Erziehung des Schülers zur sozialistischen Persönlichkeit im Vordergrund. Zur Wendezeit, mit gerade 30 Jahren, war Anders vom Kollegium zum Direktor gewählt worden. Eine neue Zeit war angebrochen. Die Lehrer schwankten zwischen Aufbruchseuphorie und Verunsicherung. Was galt jetzt, was würde Bestand haben? An welchen pädagogischen Zielen sollten sie sich orientieren? Durften sie die bisherigen Unterrichtsmethoden noch anwenden? Klaus Anders und die meisten seiner Lehrer waren froh, dass sie den aufgezwungenen Politballast endlich über Bord werfen konnten und dass einige Kollegen, die sich bis dahin als besonders strenge Zuchtmeister hervorgetan hatten, zügig ihren Abschied nahmen. Aber eines war Anders klar: Was er da im Westen gesehen hatte, konnte nicht Vorbild sein. Ein solcher Schlendrian durfte an seiner Schule nicht Einzug halten. Wie sollten die Schüler etwas lernen, wenn es derart lasch und disziplinlos zugeht im Unterricht?

18 Jahre später. Eine Deutschstunde in der Klasse 6c der Neustädter Schule. Alle Schüler erheben sich, als der Lehrer den Klassenraum betritt. Laut und frisch klingt ihr "Guten Morgen!". Die richtigen Schulbücher, die Hefte und das Schreibzeug liegen schon, ordentlich gestapelt, auf den Pulten. Als alle sich setzen dürfen, bleibt ein Junge noch kurz stehen und meldet zackig: "Alle sind da!" Der Lehrer vergeudet keine Zeit. Wann wird "das" mit einem s, wann mit ss geschrieben? "Man schreibt ,das' mit einem s, wenn man es durch ein anderes Wort ersetzen kann", sagt ein Mädchen. "Ja, richtig, Ersatzprobe", lobt der Lehrer. Aber welches Wort muss man einsetzen? Als Beispiel dient der Satz "Das Fahrrad, das wir gestern gesehen haben, möchte ich gern haben". Die Sechstklässler stochern zunächst ein wenig wahllos im grammatikalischen Nebel. Fahrrad? Weil? Ob? Als? Haben? Wo? Der Lehrer lenkt behutsam, aber zielstrebig auf die richtige Lösung. "Welches! ­ sehr gut!" Nach fünf Minuten steht die Regel.

Klaus Anders, nach wie vor Schulleiter, meint vermutlich Unterrichtsstunden wie diese, straff, konkret und verbindlich geführt, das Lernziel stets im Visier, wenn er sagt: "Einige bewährte Tugenden haben wir uns in all den Jahren nicht nehmen lassen. Der Weg in die Spaßschule, den manche antreten wollten, wäre uns nicht bekommen. Gut, dass wir unseren Weg gegangen sind."

"Unser Weg", davon ist oft die Rede in Gesprächen mit sächsischen Lehrern. Selbstbewusstsein klingt mit und auch Stolz, wenn Kultusminister Roland Wöller in die Republik ruft: "Sachsen steht längst da, wo andere erst hinwollen. Die gescheiterten Rezepte anderer Bundesländer brauchen wir nicht."

Die verbale Kraftmeierei kann sich der Minister leisten. Der sächsische Weg in der Schulpolitik ist derart von Erfolgen bei Bildungs-Rankings gesäumt, dass andere Bundesländer mittlerweile neidisch hinschauen, selbst die Bayern und Baden-Württemberger, die früher stets die Sieger waren. Beim jüngsten, im vorigen Jahr veröffentlichten PISA-Vergleich, der 2006 die Leistungen 15-jähriger Schüler untersuchte, zog Sachsen erstmals souverän an allen vorbei. Sowohl beim Schwerpunkt Naturwissenschaften als auch in den Teilbereichen Mathematik und Lesekompetenz rangierten die sächsischen Schüler im deutschlandweiten Vergleich auf Platz eins, jeweils vor Bayern, Thüringen und Baden-Württemberg. Ihren Altersgenossen aus Bremen, dem PISA-Schlusslicht, sind die Jugendlichen aus Sachsen inzwischen sogar zwei Schuljahre voraus. All dies hatten die Bildungspolitiker kommen sehen. Dass Sachsen in puncto naturwissenschaftliche Kompetenz aber auch weltweit ganz vorn mit dabei ist, war schon eine kleine Sensation: In der internationalen PISA-Rangliste belegt Sachsen hinter Finnland den zweiten Platz.

Kleine Klassen, große Förderung

PISA zeigt aber nicht nur, dass die Kinder in sächsischen Schulen mehr und schneller lernen. Ihr Schulerfolg ist auch deutlich weniger an die soziale Herkunft gekoppelt als anderswo in Deutschland. Sozial schwache Schüler, die im Elternhaus keine Unterstützung erwarten können, werden erfolgreicher und nachhaltiger gefördert als in allen anderen Bundesländern. Wichtiges Element dabei: die nahezu flächendeckende ganztägige Betreuung. So gibt es im Freistaat an 96 Prozent aller Grundschulen Ganztagesbetreuungsangebote, in Baden-Württemberg dagegen nur an zwei Prozent. Der Nachmittagsunterricht schafft Raum, schwächere Schüler über zusätzliche Förderstunden an den Rest der Klasse heranzuführen, während Überflieger sich gleichzeitig in Mathematikerzirkeln oder Debating-AGs in immer größere Höhen katapultieren.

Möglich ist das auch, weil die Klassen vergleichsweise klein sind ­ und so lässt sich nun mal am besten lehren und lernen. Ein demografischer Nachteil wird hier zum Vorteil: Durch den Geburtenrückgang nach der Wende sank die Schülerzahl in Sachsen ab Mitte der neunziger Jahre so dramatisch, dass viele Schulen geschlossen werden mussten. Die Bildungspolitiker strichen aber nicht die Lehrerstellen in gleichem Umfang, sondern schmiedeten den "sächsischen Schulkompromiss": Obwohl die Schülerzahl um fast die Hälfte zurückging, behielt man 70 Prozent der Lehrer.

Davon profitieren heute vor allem Grundschulen und Gymnasien ­ mit Durchschnitts-Klassengrößen von 19,4 und 23,7 Schülern, drei Schüler weniger als im Bundesschnitt. Den Neustädter Schulleiter Klaus Anders brachte das eine Zeit lang sogar in die komfortable Situation, dass er aus den geschlossenen Schulen der Region mehr Lehrer zugeteilt bekam, als er im Pflichtunterricht einsetzen konnte. Diese überzähligen Kollegen betraute er mit Förderunterricht, Ganztagsbetreuung und Deutschstunden für die Kinder russischer Aussiedler.

Aber es gibt noch eine Statistik. Und die gereicht Sachsen nicht zur Ehre, hier ist der Freistaat ganz klar Schlusslicht: Nirgendwo sonst in Deutschland werden so viele Schüler mit erhöhtem Förderbedarf in Sonderschulen abgeschoben. Diese Kinder, immerhin sechs Prozent der Gesamtschülerzahl, fallen dadurch aus Sachsens PISA-Werten heraus. Andere Bundesländer bemühen sich mehr um die Integration von Förderkindern in die Regelschule und tragen deshalb diese schwachen Schüler in ihren PISA-Zahlen mit. Ein statistischer Vorteil für Sachsen, auf den niemand im Freistaat stolz sein kann.

Vielleicht hätte es den "sächsischen Weg" nie gegeben, hätte der damalige Ministerpräsident Kurt Biedenkopf an einem Herbsttag des Jahres 1990 nicht eine gewisse Düsseldorfer Telefonnummer gewählt. "König Kurt" fragte den über Parteigrenzen hinweg anerkannten Bildungspolitiker Wolfgang Nowak, einen ausgewiesenen SPD-Mann, ob er ihm helfen wolle, in Sachsen eine neue Schulverwaltung aufzubauen. Nowak sagte zu ­ und legte in den folgenden vier Jahren als roter Kultus-Staatssekretär in einer schwarzen Regierung das Fundament des heutigen Schulsystems. Von Beginn an stand für ihn fest, dass er sich "die Zukunft des Ostens nicht als Fortschreibung der Vergangenheit des Westens vorstellen konnte".

Ein schier aussichtsloser Ansatz, wie es zunächst schien. Überall saßen schon die Ratgeber aus den alten Bundesländern, erinnert sich Nowak, "die mit einer Mischung aus Arroganz und Zynismus die alten verblichenen Weisheiten des Westens predigten". Als er in Dresden antrat, gab es im Ministerium noch nicht einmal Referenten, aber bereits den Referentenentwurf eines Schulgesetzes. "Der war in Baden-Württemberg gefertigt worden und enthielt von der Hauptschule bis zum christlichen Humanismus alles, was man sich nur vorstellen kann." Nachdem der Entwurf an die Öffentlichkeit gelangt war, formierte sich der Widerstand der sächsischen Elternschaft. Tenor der Kritik: Die Schülerinnen und Schüler wollten mehr leisten als geplant, weil sie im Gegensatz zu den Gleichaltrigen im Westen keine Generation von Erben seien. Der Referentenentwurf wurde beiseite gelegt. "Es wurde dann nicht der ganz große Bruch vollzogen", so formuliert es der jetzige Referent für Gymnasien im Kultusministerium, "stattdessen hat man an Dinge angedockt, die bewahrenswert waren."

Aus Sicht der westlichen Bundesländer kam dieses Festhalten an Errungenschaften aus DDR-Zeiten einer Revolte gleich. Jetzt, gut anderthalb Jahrzehnte später, schauen die Sachsen amüsiert auf so manch quälende Reformdebatte im Westen, die sie längst abgehakt haben. Allen voran der erbitterte Streit über das Abitur nach dem zwölften Schuljahr, das die Mehrheit der Schüler und Eltern in den alten Ländern am liebsten wieder abschaffen würde. In der DDR wurde das Abitur schon immer nach der zwölften Klasse abgelegt. In Sachsen und Thüringen blieb man nach der Wende dabei und führte das 13. Schuljahr gar nicht erst ein ­ ohne dass sich der geringste Protest regte.

"Für diese seltsamen Debatten über Turbo-Abitur, überforderte und geknechtete Schüler gab es hier nie einen Nährboden", sagt Marion Paßmann, Leiterin des Johann-Gottfried-Herder-Gymnasiums in Pirna-Copitz. "Unsere Eltern sagen: Worüber reden die denn? Was haben die für ein Problem?" In Sachsen singt man das Lob der Härte. "Macht voran!", lautet das Credo. "Leistet was! Zeigt, was ihr könnt!" Ein Vermächtnis der Vergangenheit, glaubt Wolfgang Nowak, der Architekt des sächsischen Schulmodells: "Im Osten gab es keine Kuschelpädagogik. Der Leistungsgedanke war schon in der DDR sehr stark, und das hat sich in den Schulen bis heute fortgesetzt."

Hauptschule? Nein, danke

Trotzdem zweifelte anfangs kaum jemand daran, dass das CDU-regierte Sachsen das dreigliedrige westdeutsche System mit Gymnasium, Realschule und Hauptschule übernehmen würde. Aber speziell mit der Hauptschule, der im Westen oft das Image als Restschule anhaftet, konnte zwischen Bad Muskau und Bad Elster kaum jemand etwas anfangen. In der DDR hatte es diese Schulform nicht gegeben. Bis zur zehnten Klasse besuchten alle Kinder die Einheitsschule, die Polytechnische Ober-schule. "Schnell wurde klar, dass wir in Sachsen keine Hauptschulen wollten", erinnert sich Wolfgang Nowak. "Es hatte sich herumgesprochen, dass die Hauptschule stigmatisiert. Wir wollten ein Schulsystem, das sowohl den eher praktisch begabten als auch den eher theoretisch begabten Schülern die gleichen Chancen einräumt."

Dabei hilft wiederum die Demografie: Klassen, wie sie so manche westdeutsche Stadt kennt, in denen 70, 80 oder 90 Prozent der Schüler Migrantenkinder sind und die deshalb von Sprachproblemen geprägt werden, gibt es im Freistaat nicht. Nicht in Dresden, nicht in Leipzig und erst recht nicht im beschaulichen Neustadt. In dem 14000-Einwohner-Städtchen am Fuße des Elbsandsteingebirges wohnen genau zwei türkische Familien, berichtet Schulleiter Klaus Anders, dazu einige wenige Vietnamesen und Russland-Aussiedler.

Mit Biedenkopfs Rückendeckung setzte Nowak 1991 ein zweigliedriges Schulsystem aus Gymnasium und Mittelschule durch. Die Mittelschule war eine echte Innovation. Sie vereint Haupt- und Realschule unter dem Dach einer neuen Schulform. Damit war der Diskussion um "Restschulen" für sozial Benachteiligte ­ zumindest theoretisch ­ der Boden entzogen. An ähnlichen Reformen doktern jetzt, 18 Jahre später, die meisten anderen Bundesländer herum. Vor allem die schwindende Akzeptanz der Hauptschule treibt sie dazu, sie mit der Realschule in einer "Sekundarschule", "Nachbarschaftsschule", "Regionalschule" oder "Gemeinschaftsschule" aufgehen zu lassen.

Damals mussten sich die sächsischen Reformpioniere in der Kultusministerkonferenz gegen den erbitterten Widerstand des westdeutschen Bildungspolitik-Establishments behaupten. Wolfgang Nowak erinnert sich an eine dramatische Nachtsitzung. "Die Anerkennung der Mittelschule gelang nur, weil die neuen Länder drohten, sie würden andernfalls die Kultusministerkonferenz verlassen." In ihrer grundlegenden Architektur ist die zweigliedrige Schulstruktur seit ihrer Einführung im Jahr 1992 unverändert geblieben. Damals entschied man schnell, robust und verlässlich ­ und ersparte Schülern und Eltern damit ein jahrelanges Herumtapsen im Irrgarten der Reformentwürfe und Pilotschulprojekte.

Doch hat die Mittelschule ihr hehres Ziel erreicht? Bei näherer Betrachtung fällt auf, dass unter dem Dach der neuen Lehranstalt zwei Untote fröhliche Urständ feiern: Hauptschule und Realschule. Mit gemeinsamem Lernen ist am Ende der sechsten Klasse Schluss ­ danach werden die Kinder wieder aufgeteilt, an kleineren Schulen betrifft das die Kernfächer Mathematik, Deutsch, Englisch, Physik und Chemie, an großen Schulen alle Fächer. Theoretisch sind die Grenzen durchlässig, aber im Schulalltag, sagt Klaus Anders, komme es so gut wie nie vor, dass ein Schüler aus einer Hauptschulklasse in die Realschulklasse aufsteigt. Aus den vergangenen Jahren fällt ihm zumindest kein Fall ein.

Kultusminister Roland Wöller preist die Mittelschule inzwischen als "Herzstück sächsischer Bildungspolitik". Allerdings mussten etliche Jahre ins Land gehen, bis die sächsischen Eltern sich mit der neuen Schulform anfreunden konnten. Die Entscheidung für das zweigliedrige System verhalf zunächst allein dem Gymnasium zu goldenem Glanz. "In der ersten Zeit zählte für viele hier im Osten ausschließlich das Gymnasium", erinnert sich Schulleiter Anders. "Die Mittelschule trug dann doch das Etikett 'Restschule' für jene, die das Gymnasium nicht packten."

Wertschätzung der Mittelschule

Heute ist es mitunter sogar umgekehrt. Für das neue Schuljahr wurden an der Friedrich-Schiller-Mittelschule immerhin 17 Kinder mit einer Gymnasial-Empfehlung der Grundschule angemeldet. Anstatt sich auf dem Gymnasium im Schnelldurchgang zum Abitur zu quälen, beschreiten sie den etwas gemächlicheren Weg zur Hochschulreife. Gut ein Viertel der sächsischen Mittelschüler geht nach dem Realschulabschluss weiter auf eine Fachoberschule oder ein Fachgymnasium und erwirbt dort mit dem Abitur oder dem Fachabitur die Berechtigung zum Studium. Auch Anders' Sohn entschied sich für diese Variante und besuchte ­ trotz einer Empfehlung fürs Gymnasium ­ die Schiller-Mittelschule. Heute studiert er Betriebswirtschaft.

Die Image-Probleme der Anfangsjahre seien längst passé, versichert Anders. Die Eltern hätten erkannt, dass an den Mittelschulen ausgezeichnete Arbeit geleistet wird. Mit 50 Prozent aller Schüler eines Jahrgangs kann Sachsen bundesweit die höchste Realschul- Abschlussquote vorweisen. Der gemeinsame Unterricht in den Klassen fünf und sechs bringt also etliche Schüler, die anderswo nach der vierten Klasse auf der Hauptschule gelandet wären, doch noch auf Realschulniveau.

Herumgesprochen hat sich vor allem die erfolgreiche Ausrichtung auf das Berufsleben. In Neustadt garantieren elf Kooperationspartner aus Dienstleistung, Industrie und sozialem Bereich, dass Anders' Schüler in der achten und neunten Klasse mit Betriebspraktika versorgt werden. Als einzige Einrichtung ihrer Art veranstaltet die Schule einmal jährlich gemeinsam mit Firmen der Region eine Ausbildungsmesse. Manches Lehrverhältnis wurde dort schon angebahnt. Und während vor fünf Jahren noch die Hälfte der Zehntklässler ohne Lehrstelle oder Platz an einer weiterführenden Schule abging, lag diese Quote voriges Jahr bei nur noch 15 Prozent. Bessere Werbung kann sich eine Mittelschule kaum wünschen.

Die Schulstruktur allein macht die sächsischen Schüler allerdings noch nicht zum Primus. Und am Geld kann es auch nicht liegen: Obwohl Sachsen für jeden Schüler an allgemeinbildenden Schulen 900 Euro mehr ausgibt als im Bundesdurchschnitt (5200 Euro im Jahr 2006), rangiert der Freistaat damit nicht an der Spitze.

Es ist der Leistungsgedanke, der die Schüler nach vorn bringt. Vor allem den Gymnasiasten wird eine Menge abverlangt ­ mehr als anderswo. Ihre Stundenpläne sind randvoll; 35 Wochenstunden in der Mittel- und Oberstufe gelten als Standard. Besonders stolz sind die Sachsen auf ihren Vorsprung in Mathematik und den Naturwissenschaften, den die aktuelle PISA-Studie eindrucksvoll belegt. Er wurde hart erkauft. Sachsen verordnet seinen Schülern bundesweit den höchsten Stundenanteil in den sogenannten Mint-Fächern, also Mathematik, Informatik, Biologie, Chemie, Physik und Technik. In allen Schularten entfällt ein Drittel der Unterrichtsstunden auf diese Fächer ­ ein Erbe der naturwissenschaftlich-technisch geprägten Ausrichtung des DDR-Schulsystems, das die Jugendlichen frühzeitig mit der "sozialistischen Produktion" vertraut machen sollte. Auch an der Ausstattung mit Fachkabinetten und Versuchstechnik wird nicht gespart. "Das ist alles vom Feinsten", urteilt Schulleiter Klaus Anders, "von meinen Besuchen im Wes-ten weiß ich, dass manche Schule uns darum beneidet."

Lauter kleine Olympiasieger

Und es wird immer weiter optimiert ­ gut ist den Sachsen offenbar noch lange nicht gut genug. "In der Oberstufe des Gymnasiums haben wir noch eins draufgelegt", berichtet Kultusminister Roland Wöller. Kürzlich rief er das Ende des Abwählens ungeliebter Fächer aus: Seit dem vergangenen Schuljahr müssen die Gymnasiasten Biologie, Physik und Chemie bis zum Abitur belegen; sämtliche Noten aus diesen Kursen zählen für den Abschluss. Das ist in ganz Deutschland einmalig.

Systematisch und mit Nachdruck ermuntern die Lehrer besonders talentierte Schüler, sich im Wettbewerb mit anderen zu messen. Bei Mathematik-Olympiaden beispielsweise, die in der DDR seit 1961 durchgeführt und nach der Wende von den westlichen Bundesländern übernommen wurden. Die Mathe-Asse aus den vierten und fünften Klassen und neuerdings sogar schon die Vorschulkinder können sich im Adam-Ries-Wettbewerb beweisen.

Die Ost-Dominanz in den Mint-Fächern zählte zu den ersten prägenden Erfahrungen, die Wolfgang Nowak nach seinem Amtsantritt als Kultus-Staatssekretär machte: "Beim Wettbewerb 'Jugend forscht' räumten lauter sächsische Schüler, die dort erstmals teilnahmen, alle naturwissenschaftlichen Preise ab. Und dabei waren sie sogar ein bis zwei Jahre jünger als ihre westdeutschen Konkurrenten."

An den Schulen wird genau registriert, wo die eigenen Schützlinge im Leistungsvergleich mit denen anderer Anstalten stehen. Jörg Frankhänel, Leiter des mathematisch-naturwissenschaftlichen Fachbereichs am Herder-Gymnasium in Pirna, studiert jeden Sommer aufmerksam die Ergebnislisten der Abiturprüfungen. Wo steht die eigene Schule, wo der eigene Leistungskurs? In Mathematik oder Physik sind seine Abiturienten meist um eine Fünftel- oder Zehntelnote besser als der Landesdurchschnitt.

Damit das so bleibt, hält er im Unterricht die Schülerhirne unter Dauerspannung. Keine Minute lässt er schleifen. "Warum hängt der Herd an einer 400-Volt-Steckdose und nicht wie der Kühlschrank an 230 Volt?", will er von den Elftklässlern im Grundkurs Physik wissen. "Was war noch mal elektrische Leistung? Wie lautet die Definition?" ­ "Das Produkt von Spannung und Stromstärke." ­ "Richtig!" Plötzlich, ohne Vorwarnung, anhand einer Skizze, ein Blitztransfer zur Mathematik: "Wie heißt doch gleich das Verhältnis von Ankathete zu Hypothenuse?" ­ "Sinus", sagt einer, "Cosinus", eine Mitschülerin. Ja, was denn nun? Schließlich holt Frankhänel noch seinen elektrischen Rasierer aus der Tasche. "Seht mal, der hat hier einen Umschalter von 220 auf 110 Volt. Wie funktioniert das? Zeichnet mal einen Schaltplan!"

Straff geführter Unterricht wie dieser wird im Freistaat mit reichlich Beifall bedacht. Andernorts dagegen verdächtigt man die emsigen Sachsen einer Renaissance längst überwunden geglaubter Drill- und Pauk-Pädagogik. Nachdem sich ein Journalist der Neuen Zürcher Zeitung voriges Jahr an sächsischen Schulen umgesehen hatte, meldete er seinen Lesern: "Das sächsische Schulsystem (...) schafft Schüler mit einem herzergreifenden Ernst im Gesicht, einer Anspannung und Gehetztheit, als läse ihnen jeden Abend der Vater die ostdeutsche Arbeitslosenstatistik vor und als wüssten sie nur zu gut, dass sie sich, gekrümmt von der Last ihrer regelmäßig zu schweren Ranzen, ordentlich ins Zeug legen müssen."

Der Gymnasial-Referent im Kultusministerium lässt sich die Schweizer Sicht der Dinge kopieren, nachdem man sie ihm vorgelesen hat. Geradezu köstlich findet er das. Und Neustadts Hauptlehrer Klaus Anders lächelt vielsagend. Ach, die Schweizer. Derartige Kritik prallt an ihm ab. Hauptsache, seine Schule gilt als vorbildlich. Die Anmeldezahlen sprechen eine deutliche Sprache. Der gute Ruf, da hat er keinen Zweifel, hängt aber auch mit seinem strengen Regiment zusammen. Er achtet auf Disziplin, Ordnung und Pünktlichkeit. "Herr Anders", melden ihm die Eltern immer wieder zurück, "wir wollen, dass es bei Ihnen streng, aber gerecht zugeht." "Der Anders, das ist ein harter Hund, aber an seiner Schule läuft's" ­ so denken die Neustädter, sagt Anders.

Ehrgeizige Ziele für alle

Und es läuft. Auch deshalb, weil kaum etwas dem Zufall überlassen wird. Anders holt einen DIN-A4-Bogen mit der Überschrift "Zielvereinbarungen" hervor. Im März dieses Jahres hat der Direktor mit der Schulaufsicht ein Bündel von Qualitätszielen vereinbart, die seine Schule in den nächsten zwei Jahren verbindlich realisieren soll. Keiner seiner Realschüler soll durch die Abschlussprüfung rauschen, weniger als drei Prozent der Schüler sollen eine Klasse wiederholen, für mindestens zwei Schulmannschaften lautet die Vorgabe: Erreichen des Basketball-Landesfinals. Neben jedem Einzelziel steht ein Termin und der Name des verantwortlichen Lehrers. Niemand soll sich hinterher rausreden können. Mit seinen Lehrern legt Anders ohnehin jährliche Ziele fest. Und er setzt sich immer mal wieder zu den Kollegen in den Unterricht. Je nachdem, wie sein Eindruck ist, empfiehlt er anschließend eine Fortbildung. Selbstredend, dass er den Vollzug auch kontrolliert.

Anders' Maßnahmen finden Nachahmer: Künftig werden alle sächsischen Schulen Zielvereinbarungen mit der Schulaufsicht abschließen. Für Wilfried Kühner gehören sie zu den "Anlässen, immer wieder über die Qualität zu reflektieren", von denen der Direktor des Sächsischen Bildungsinstituts (SBI) so gern spricht. "Wir wollen den Teig durchgängig kneten", beschreibt er seine Mission. Das SBI, eine Einrichtung des Kultusministeriums, soll das Bewusstsein für Schulqualität im ganzen Freistaat vorantreiben ­ bis in die Lehrer- und Klassenzimmer hinein.

Zum Knetteig zählen auch obligatorische Schulporträts im Internet. Sie dienen den Eltern als Entscheidungshilfe bei der Wahl der richtigen Institution ­ und den Schulen als Ansporn. Auf einen Klick geben die Porträts Aufschluss über Durchfaller- und Wiederholerquoten sowie über die Durchschnittsnoten der Abschlussprüfungen ­ alles im Vergleich zum Landesschnitt. Klaus Anders könnte sich eigentlich gelassen zurücklehnen: Seine Schiller-Schule schneidet bei den wichtigsten Kriterien ­ Zahl der Wiederholer sowie Prüfungsergebnisse in Deutsch und Mathematik ­ deutlich besser ab als der Durchschnitt in Sachsen. Und das eigentlich erst für 2011 definierte Ziel "Alle Realschüler bestehen die Prüfung" hat er schon im vorigen Schuljahr erreicht.

Trotzdem gibt er keine Ruhe, denkt weiter nach, an welchen Rädchen er vielleicht noch drehen könnte. Im vergangenen Jahr ist eine Hauptschülerin ohne Abschluss abgegangen. Das soll nie wieder vorkommen. Da müssen seine Lehrer frühzeitig hinterher sein. Anders will gerüstet sein, denn er weiß: Im nächsten oder spätestens im übernächsten Jahr kommt der Schul-TÜV. Und dem entgeht nichts.

Der Schul-TÜV, korrekt "Externe Evaluation", ist die Königsdisziplin der Qualitätsentwicklung im sächsischen Bildungssystem. Und man spürt schnell, wer als Nächster dran ist: "Die Evaluation kommt!", raunt es schon Wochen vorher über die Flure, als suche die Heilige Inquisition die Schule heim.

Die Inspektoren kommen zu dritt. Mit dicken Aktenordnern und Laptops rücken sie an. Anhand eines einheitlichen Kriterienkatalogs überprüfen sie nach und nach alle Schulen des Bundeslandes. Im Fokus stehen die Qualität des Unterrichts und das schuleigene Curriculum, aber auch Schulklima und Schulleben, Eltern- und Schülerbeteiligung, Schulmanagement und Förderkonzepte. Gibt es Projektwochen? Wie wirbt die Einrichtung an den Grundschulen um Fünftklässler? Wer kümmert sich um leistungsschwache Schüler? Geht der Schulleiter zu den Kollegen in den Unterricht, um sie zu beraten?

Die Evaluation hält den Schulen einen Spiegel vor: Wo stehen wir? Sind wir so gut, wie wir denken? Wo liegen unsere Stärken? Und wo müssen wir uns verbessern? 180 Häuser wurden bislang inspiziert; das sind zwölf Prozent der öffentlichen sächsischen Schulen. Künftig soll jede Schule in einem Rhythmus von fünf Jahren untersucht werden.

Nicht der einzelne Lehrer steht auf dem Prüfstand, sondern die Schule als System. Die Evaluationsteams wollen dieses System durchleuchten wie mit einem Röntgenapparat. Sie sprechen mit der Schulleitung und der Lehrerschaft, mit den Elternvertretern, dem Hausmeister und der Sekretärin. Und mit den Kindern und Jugendlichen natürlich.

Sie klopfen an die Klassentüren, setzen sich während der Stunde in eine Ecke, sehen zu, hören zu, sagen nichts. Kein Lehrer weiß im Voraus, wann ein Prüfer in seinen Unterricht kommt. Die Evaluatoren wollen keine vorbereiteten Show-Stunden beklatschen, sondern alltäglichen Unterricht erleben. Sie begutachten Gänge, Wände und Pausenhof, werfen einen Blick in die Toiletten, inspizieren die Ausstattung von Chemie- und Computerkabinett und protokollieren, ob das Schulgebäude sauber und ordentlich ist. Nach und nach fügen sie die Mosaiksteinchen aus vorbildlichen und kläglichen Unterrichtsstunden, aus beiläufigen Beobachtungen und gezielten Gesprächen zu einem Bild der Schule zusammen. Ein Computerprogramm ermittelt aus den Einzelnoten das Gesamtergebnis der Schule.

Die Resultate der bisherigen Inspektionen können sich sehen lassen. 59 Prozent der begutachteten Schulen bescheinigten die Prüfer eine "eher hohe", sechs Prozent sogar eine "hohe" Unterrichtsqualität. Bei 35 Prozent langte es noch zum Resultat "mittel". Keine Schule fiel bislang durch.

Die Aufschlüsselung nach einzelnen Prüfungskriterien verdeutlicht die Stärken, aber auch die Schwächen des sächsischen Wegs: 73 Prozent der evaluierten Schulen gelang es gut, die Konzentration der Schüler auf den Lernstoff zu lenken. Aber, so räumt das Kultusministerium ein, "nur etwa die Hälfte der Schulen erfüllte die Erwartung, die Schüler ausreichend zum selbstbestimmten Lernen zu motivieren und den Anwendungsbezug des erworbenen Wissens zu sichern". Während die Schulen bei eher altbewährten Kriterien wie Klassenführung, Strukturiertheit, Klarheit und Festigung Bestnoten einfuhren, gab es bei Differenzierung, Anwendungsbezug, kritisches Prüfen, Stimulierung und Autonomieunterstützung nur mittelprächtige Zensuren. Ein neues ehrgeiziges Projekt für Klaus Anders und andere engagierte Menschen.

Du bist nie allein

Kluge Schulleiter wissen, dass sie die Blackbox "Unterrichtsstunde" in Zukunft nicht nur für die Evaluatoren des SBI, sondern auch für die Kollegen in der eigenen Schule öffnen müssen. Im Pirnaer Herder-Gymnasium beginnt diese "interne Evaluation" schon damit, dass man im Neubau von den Gängen aus durch Glasscheiben in jedes Klassenzimmer blicken kann. Der Lehrer steht ­ zumindest potenziell ­ immer unter Beobachtung der Vorübergehenden; er ist nicht mehr 45 Minuten mit der Klasse allein. Für Schulleiterin Marion Paßmann alles eine Frage von Offenheit und Kritikfähigkeit. "Ein Lehrer sollte zugeben, wenn er nicht zurechtkommt und sich die Frage stellen: Warum läuft es bei den Kollegen und bei mir nicht? Was mache ich falsch? Mit wem kann ich darüber reden? Welcher Kollege könnte sich mal in meinen Unterricht setzen?"

Marion Paßmann ist überzeugt, dass ein Großteil ihrer Lehrer die Fähigkeit zur Selbstkritik mitbringt. Weil sie ihnen schon vor langer Zeit eingeimpft wurde. 80 Prozent der Lehrer im Freistaat haben ihren Beruf noch zu DDR-Zeiten aufgenommen. Damals wurde grundsätzlich der Lehrer für das Versagen eines Schülers verantwortlich gemacht. "Wehe, einer blieb sitzen", entsinnt sich der Gymnasial-Referent im Ministerium, "dann musste der Lehrer gleich beim Schulleiter antreten. Dieser Druck, unter dem man als Lehrer damals stand, wirkt nach. Unsere Pädagogen sind eher bereit, sich infrage zu stellen."

Auch der zu DDR-Zeiten staatlich verordnete Grundsatz der Einheit von Bildung und Erziehung wurde nicht völlig über Bord geworfen. "Sächsische Lehrer waren und sind mehr als nur Stundenhalter", sagt Klaus Anders. "Wir betonen jetzt die Erziehungskomponente wieder stärker, weil viele Eltern ihren Verpflichtungen nicht nachkommen und die Verantwortung auf die Schule abwälzen. Da müssen wir erzieherisch wirksam werden."

Manche Klassenlehrer machen tatsächlich noch Hausbesuche bei den Eltern, fragen nach ihren Eindrücken und erkundigen sich nach den Plänen für die Zeit nach der Schule. Jörg Frankhänel, Fachleiter am Herder-Gymnasium in Pirna, sieht gar keinen Grund, Abschied vom Sinnvollen zu nehmen, nur weil es aus DDR-Zeiten stammt. Als er das letzte Mal eine elfte Klasse übernahm, machte er sich gleich einen Eltern-Besuchsplan, den er in den zwei Jahren bis zum Abitur akribisch abarbeitete.

Frankhänels Chefin Marion Paßmann wünscht sich, dass solches Engagement die Kollegen ansteckt ­ die jüngeren ebenso wie die älteren. "Wir sagen den Schülern oft: 'Das müsst ihr doch können, das haben wir doch alles durchgenommen.' Aber haben wir es ihnen wirklich beigebracht? Oder nur durchgenommen?" Das müsse man sich als Lehrer noch viel häufiger fragen. "Das Schlimmste", sagt sie, "ist doch eine satte Schule. Wo sich alle in dem Gefühl sonnen, alles richtig zu machen."