Partner von
Partner von

Gute Zeiten

Die besten Uhren der Welt kommen auch aus Deutschlands Osten, aus Glashütte. Sie werden von Menschen gebaut, die anders ticken als die anderen. Jedes Schrämmchen kratzt an ihrer Ehre.




Man fragt sich, wie sie freundlich bleiben bei so viel Fisselarbeit, immer mikro, niemals makro. Wie man das aushält über Jahre: nur sitzen, stundenlang, Bewegungsradius null, und selbst, wenn draußen pralle Sonne lockt, gleißt Neon von der Decke. Der Grünblick raus, dort, wo das Flüsschen Müglitz zwischen Hügeln sprudelt, wird zwar empfohlen, doch nur, weil sich das Auge auch mal strecken muss nach all den Stunden hinterm Lupenrund. Das klemmt wie festgewachsen in den Augenhöhlen und bildet mit dem Draht, an dem es fest verankert ist, eine Art Augenklappen-Konstruktion. Sind hier Piraten unterwegs, Freibeuter in Sachen Feinmechanik? Auch wenn's so aussieht ­ sie sind diejenigen, die ihr Schiff, auf dem sie schwimmen, gegen andere verteidigen müssen. Denn ihre Hingabe, die Handarbeit, ihr Konvolut an Wissen schürt Neid und Neugier draußen, weil auf Weltniveau seit vielen Jahren, ach Jahrhunderten.

Dabei hat der Weg zum Endprodukt nicht wirklich glamouröse Züge. Im Gegenteil: In ihren Bänken sitzen sie wie Schüler, die zu kurz geraten sind, die mit den Ellenbogen gerade so die Tischkante erreichen. Hubtische zum Größenausgleich, Polster zum Armablagern ­ nichts am Kittelkörper soll erlahmen bei der Arbeit an Platine und Perlage, an Teilchen, die selbst Adleraugen nicht erspähen könnten, an "Schräubchenleinchen", manche kleiner als ein Punkt in diesem Text. Weil aber so ein Punkt kornblumenblau und zudem ein Markenzeichen ist, darf er um Himmels willen keine Kratzer haben, nicht mal ein Schürfchen, keine Unreinheit. Jetzt mal im Ernst: Noch nicht einmal das Blau auf diesem Winzling ist erkennbar, wie bitte soll ein Mensch da Schrämmchen sehen? Egal. Die Ehre zählt, auf die lässt man nichts kommen, nicht mal Staub.

Die Frage steht also jählings mit im Raum, wenn man sie werkeln sieht: Sind sie Verrückte, Eingefleischte? Sind sie verdammt von der Familie, die hier auch schon die Pinzette schwang? Gibt es vielleicht ein Uhren-Gen im Tal, oder liegt ein Fluch auf ihnen? Warum verschreibt sich einer dieser Arbeit? Kann man auch Uhren machen als Choleriker, mit hohem Blutdruck? Geht man zum Holzhacken los nach Feierabend, zum Karate, muss man in jedem Falle raus aus sich?

Jan Sliva, 42, schaut einen an, als könnten Fragen solcher Art nur Fremde stellen, Leute von weit weg. Er stellt sie sich nicht, er wirkt zufrieden, und wenn er Ausgleich braucht, dann geht's zum Angeln mit den Kindern. Oder aufs Motorrad, na gut, das ist dann schon Dynamik im Vergleich zum Uhrenschrauben. Deswegen hat er, Uhrmachermeister bei A. Lange & Söhne, auch noch keine "Trageuhr" beantragt, wie andere sie anziehen, die dicht am Kunden sind, repräsentieren müssen. Mitarbeiter, Manager. Bei Nomos, Lange oder Original und all den anderen Firmen in Glashütte. Was, wenn Herr Sliva so ein Schmuckstück, das ihm nur geliehen würde, beim Spielen mit den Kindern beschädigt oder es im See versenkt, Tausende von Euro? Auch anderen Trageuhren-Menschen in den Glashütter Firmen fiel die Gewöhnung schwer. Kind, dir vertrauen sie so ein Ding an?, fragte eine Mutter, wohl wissend, dass es die Tochter mit der Ordnung nicht so hat. Die schaut beim Skifahren jetzt immer nach, ob sie wirklich noch da ist, die Glashütter Uhr.

Wird eine mal vermisst, bringt das auch einen Lange-Nachfahren zum Rasen. So wie neulich Walter Lange, 85, Urenkel des Gründervaters Ferdinand Adolph und Wiederbeleber der Firma nach Krieg, Enteignung, VEB: Als er seine Lange-Uhr verlegt hatte, wurde die ganze Firma umgekrempelt. Den Mitarbeitern brach schon der Angstschweiß aus, da fand sich das gute Stück schließlich im Tresor an, wo sie der Besitzer höchstpersönlich hinterlegt hatte.

Man macht hier nicht nur Uhren, man findet sie auch toll. Gerät über sie ins Schwärmen, wächst beim Erzählen ein paar Zentimeter und ist angesichts der tristen Wirtschaftslage froh, diesen Job zu haben, der viel Glanz verströmt. So tickt Glashütte, der Uhrenort der Deutschen, das Stück Schweiz in Sachsen, berühmt auf dem ganzen Globus. Vielleicht ja sogar bald präsent im Kanzleramt ­ Steinmeier trägt Nomos. In Hollywood geht Clint Eastwood mit einer Lange 1 am Handgelenk an den Set. Durch Zufall haben die Lange-Macher das erfahren, aus der Zeitung. Man wirbt nicht offensiv mit seinen Kunden, kein Testimonial-Schnickschnack, Lange-Uhren sprechen für sich selbst, die Preise dito: bis 400000 Euro. 217 Verkaufspunkte in der Welt, bis nach St. Barth, Karibik. 5000 Uhren werden verkauft im Jahr, und keine wird aufgeprotzt mit Klunkern oder Komplikationen, nur weil sie dann bei den Saudis besser geht. Wer eine Lange kauft, will Understatement und Handarbeit im großen Stil.

Glashütte-Begründer Lange hat also offenbar alles richtig gemacht: Mit einem Menschenschlag, der "sehr gemietlich is", die Ruhe weg hat, wie man hier sagt, etablierte er im Tal das große Ticken. Seit 1845 gedeihen Uhrmacher hier besonders gut. Und überhaupt: Sie gedeihen anscheinend weltweit gut in abgeschiedenen Tälern, siehe Schweiz. Dort, wo nichts ablenkt von Winzig-Schnecken, Winzig-Federn und Winzig-Amplituden.

III/25

Stellt sich die Frage, wer im Fall Glas-hütte zuerst da war, das gedämpfte Temperament der Sachsen oder die Arbeit in den Uhrenwerkstätten, die einem Langmut abringt. Tatsache heute ist: Die Menschen hier sind gern für sich. Da kann man jeden fragen. Ruhe am Arbeitsplatz, Ruhe zu Hause ­ so geht's sich gut aus für den Sachsen. Ein Karma, das auch ihr Städtchen ausdünstet die ganze Woche über: Auf den Straßen sind kaum Menschen unterwegs. Glashütte ist nur zum Uhrenmachen und -bestellen da. Eine Arbeitsstadt eben. Die wenigen, die beides tun, hier arbeiten und leben, haben den Vorteil: Das Mittagessen kann zu Hause eingenommen werden.

Viele der Uhrmacher kommen heute eher von drumherum, die Führungsetagen sowieso, sie leben mehrheitlich in Dresden, das eine halbe Autostunde weg ist. Dorthin lotst man auch Zulieferer und potenzielle Kunden, zum Essen und zum Wohnen, nach Glashütte wird "geshuttelt", man will der noblen Kundschaft die Anfahrt mit der Regionalbahn ersparen. Urenkel Lange, eigentlich ein Automensch, ist mittlerweile wieder darauf umgestiegen. Aus Pforzheim kommend, ergötzt er sich in der Müglitztalbahn an einer Landschaft, die ihresgleichen sucht: Schloss Weesenstein, äsende Rehe, Fachwerkoptik.

Glashütte hat, was Hotels und den Tourismus angeht, nicht viel bis nichts zu bieten. Mirko Richter, umtriebiger und hilfsbereiter Wirt des "Silberstollen" mit rustikaler Küche und vier Fremdenzimmern, wird nicht mitgezählt. Die "Drogerie", ein kleines, cooles Restaurant mit frischer, großstädtischer Küche, wirkt wie ein It-Girl unter Bauernmädchen und ist die Bühne von Michi, der mal in Berlins "Paris Bar" war und mittags auch die Nomos-Crew bekocht. Die Glashütter schlichen sich nur langsam an, Michi ist so anders als die Wirte, die sie kannten ­ sein Essen auch. Vorteil: Er ist von hier. Und hat neben "Zucchinisüppchen" zum Glück auch frisch Gezapftes. Touristen schauen fast nie rein, die kommen nur zum Uhrengucken, gehen ins Museum und sind schnell wieder weg.

"Glashütte ist nun mal nicht Meißen", meint der junge, vorsichtige Bürger-meister Markus Dreßler, 33, CDU-Mitglied. Und die Zahl der Uhren-Freaks viel kleiner als die der Bestauner edlen Porzellans. Das neue Uhrenmuseum bringt die Touristen-Unterbringungsfrage wieder aufs Tapet. Erst vergangenes Jahr eröffnet, spülte es eine Aufmerksamkeit in ihren Ort, von der selbst Dreßler wie ein aufgeregtes Kind berichtet: er neben Thomas de Maizière; Journalisten da aus 50 Ländern. Man wollte Interviews von ihm, sogar auf Englisch, selbst die Japaner rissen sich darum. Und immerhin: schon 50000 Museumsbesucher seitdem. Ein Parkhaus wurde geplant, mit angrenzendem Hotel, die Krise aber hat das Unternehmen eingefroren. Die Woge an Gewerbesteuer, auf der Glashütte seit der Renaissance der Uhrenfirmen 1990 ritt, ist drastisch abgeschmolzen, seit 2007 sind es pro Jahr nur knapp zwei Millionen Euro statt mehr als vier. Das alles muss der jüngst installierte Dreßler wuppen, zur Selbstermunterung gab es eine Nomos, selbst bezahlt, 800 Euro, Pferdelederarmband. Weil eben: Politiker- und Architektenuhr. Und Dreßler will dazugehören.

Um dem Geheimnis der Glashütter Uhrenmenschen beizukommen, muss man verstehen: Die Familientradition wiegt schwer. Das war auch bei Jan Sliva so. Anfangs rebellierte er gegen den Wunsch des Vaters, sein Sohn möge ein Uhrenmensch werden. Sein Ziel: Agrarflieger. Doch der Vater sprach ein Machtwort, und Jan Sliva hat es nie bereut. Er macht seinen Job mit Inbrunst, das kommt auch ohne Worte an. Vor allem, wenn er Tourbillons und Taschenuhren, die eben noch in alten Schachteln ruhten, durch seine weißen handschuhbewehrten Finger gleiten lässt. Wenn goldene Deckel springen und feinste Gongs nachhallen, dann hat das was von Märchenstunde. Und dann kramt Sliva auch noch die Anekdote aus, dass einem sächsischen Regenten einst das Bimmeln, Sirren und Gongen in der Semperoper auf den Zeiger ging. Die ganze Aufführung gestört, nur weil anwesende Herren ständig ihre Taschenuhren zückten, die damals nervten wie angelassene Handys heute. Im Auftrag des Regenten erfand der Dresdner Uhrmacher und Lehrmeister von Uhrvater Lange, Johann Ch. F. Gutkaes, daraufhin die zeigerlose Fünf-Minuten-Uhr über der Bühne, die, angetrieben durch ein Turmuhrwerk, die Zeit für alle nun zentral anzeigte, und, wenn man so will, die erste Digitaluhr war, freilich mechanisch.

III/30

Schon früher, als Teilhaber einer Werkstatt, beugte sich Uhrmachermeister Sliva in Kreischa über das Innenleben alter Lange-Uhren, sein Händchen dafür sprach sich bis Glashütte herum, 16 Kilometer weiter. Heute ist er Chef des Langeschen Ateliers für historische Uhren, wo ebenfalls die alten Schätze wieder flottgepusselt werden. "Der schönste Job der Firma", muss selbst der pathosfreie Sliva eingestehen, doch ist er keiner von den Anzugmenschen, die sich morgens aus den Audis schälen und strammen Schrittes in die Uhrenhäuser streben. Und die im hübsch-biederen Glashütte mit seinen drei Grusch-Läden, in denen liebenswerte Menschen Bastkörbchen oder Currywurst veräußern, immer noch wirken, als habe eine fremde Macht sie ausgespuckt.

Aber ein Anzug ist hier kein Wichtigkeitsindiz, Sliva ist seinem Arbeitgeber auch mit Ohrring und Sandaletten Schatz genug. Er hat so viel in Kopf und Händen, so einen muss man lange suchen. Was immer Sliva ausheckt an handgemachten Teilen für alte und für neue Werke, es wertet Lange-Uhren auf ­ und sorgt für Klarheit bei der Kundschaft, beim Besitzer eines Erbstücks genauso wie beim Flohmarktfund. Von denen kommen rund hundert angereist im Jahr, mit großen Augen stehen sie dann vorm 1,96 Meter großen Sliva, wenn der die Lupe ansetzt und die Uhren-Eingeweide inspiziert. Er sei derjenige, sagt Sliva, der entscheiden müsse: Die ist nix wert oder ­ ihm auch lieber ­ du brauchst nie wieder arbeiten zu gehen. 4000 Euro kann eine Rundumerneuerung kosten; einer will die Delle beibehalten, die der Großvater der Uhr beim Sturz verpasste, ein anderer will ein Zertifikat, dass seine Uhr im Langeschen Tresor in der Flut 2002 unterging, wieder auftauchte und erst dann durch Slivas Hände ging. Es ist so: Jede Geschichte, die einer Vererbungsuhr wie einer Lange anklebt, steigert den Wert des Chronometers.

Hin und wieder sieht es unterm Uhrendeckel aus wie "Sauerkraut", manchmal entpuppen sich verranzte Stücke als sehr wertvoll und antik. Wie das verschlackte Teil, das die Bekannten einer alten Dame nach Glashütte brachten. Mein Ritterschlag, sagt Sliva. Eine Foto-Dokumentation beweist mit Vorher-nachher-Bildern, wie es um das Schmuckstück stand. Dessen Innenleben, alles Edle, Gold, Rubine ­ verschüttet unter einer modrig-grünen Kruste. Schlimmer als unsere Uhren nach der Flut, sagt Sliva, aus denen beim Öffnen Schlammbäche flossen. Fünf Jahre lang hat er die Uhr der alten Dame restauriert, er stieß auf Teilchen, die selbst er nicht kannte. Ein Knackpunkt war, die alten, kunstvoll gearbeiteten Rubine neu zu fassen, denn die waren im Gegensatz zu heute echt und nicht gezüchtet. "Geht so ein altes Stück kaputt, dann ist das eine Katastrophe."

Heute sieht das monströse Goldstück, das Sliva da in seinen Handschuh-Händen wiegt und nicht nur für den Gast mit einem Extra-Streicheln würdigt, aus, als wäre es gerade frisch montiert: Das Uhrwerk strahlt wie eine Schatztruhe, voll mit Preziosen. Nicht sagen will Uhren-Meister Sliva, warum die Uhr nicht längst wieder bei der Besitzerin ist, nur so viel: Verhandlungen laufen, dass sie in Glashütte bleibt, so wertvoll, einzigartig ist das, was unter allem Grind verborgen war. Was sie jetzt wert ist? Sliva zuckt die Schultern. Was ist die Sixtinische Madonna wert? Eine Million? Einhundert Millionen? Das ist ja nicht nur eine Uhr, sagt Sliva, das ist Kulturgut. Ihm nimmt man ab, dass er die Uhren, die er macht, auch liebt. Wann immer der Dresdener einen Flughafen anderswo in der Welt betritt und eine Lange-Werbung ihm schnell ins Auge sticht, freut er sich. Sagt er und zwinkert hinterher: "Leider hängt daneben meist gleich auch eine von Original."

III/35

"Glashütte Original" ist ein Nachfahre der VEB Glashütter Uhrenbetriebe. Heute bedient man wie Lange vornehmlich die Uhren-Luxusklasse. Allerdings, sofern gewünscht, durchaus auch mit viel Pomp: Brillanten, Komplikationen, Rochenhaut-Armband. Oder mit Porzellan-Zifferblatt, handbemalt, aus Meißen. Und, neu im Repertoire, ein Modell, bei dem man die Rückseite vorn trägt. Weil, wie PR-Frau Christina Murczek meint, gerade das Uhrwerk der Glashütter Uhren, schützend bedeckt durch den Saphirglasboden, das Markante sei. Man will es sehen, dieses famose Aneinanderreiben, Ineinanderhaken, Sich-Verzahnen Hunderter gezackter Rädchen und verschlungener Hebel. Dieses Gold, diese Rubine, die ganze Pracht. Werbeträger wie Fritz Wepper, Thomas Gottschalk und Bruce Springsteen musste man nicht lange überzeugen.

Nach außen hin stehen die Uhrenhäuser in Glashütte friedlich beieinander, die meisten aufgefädelt an der Altenberger Straße, elf sind es mittlerweile, auch Firmen wie Mühle, Bruno Söhnle oder Tutima gehören dazu. Und Wempe, die in Chronometern machen und die dafür die Sternwarte hoch oben auf dem Berg sanierten. In den Schmuckgeschäften im Ort prangen vor allem Uhren von Bruno Söhnle, der vom Preisniveau erschwinglich ist für Einheimische.

Und zwischen allen Uhrenfirmen schwebt ­ weil ungeschriebenes Gesetz seit Adolph Lange ­ als Ehrenkodex die Glashütter Regel, die besagt: Mehr als 50 Prozent der Wertschöpfung am Uhrwerk muss vor Ort ergehen, der Rest kann zugeliefert werden aus der Schweiz. Doch Wertschöpfung, das ist ein schwammiger Begriff, reicht es dafür zum Beispiel aus, die Platine tagelang im eigenen Hause zu polieren? Es gab Gerichtsverfahren diesbezüglich, gegen Nomos klagte in den Anfangsjahren nach der Wende Deutschlands Wettbewerbszentrale, Nomos selbst zog später Mühle vor den Kadi.

Die Einzelheiten sind kompliziert, man könnte aber sagen: Wo es um eine Marke geht, mit der sich Geld, viel Geld verdienen lässt, will man Ruhm-Erschleichern im Wortsinn einfach nur das Handwerk legen. Die Firma Kronsegler, in Glashütte Unterhalter einer Reparaturwerkstatt, spielt noch legal am Rande dessen: Ihr Uhrenzifferblatt ziert nicht der teure Schriftzug "Glashütte", ihre Adresse aber schon. So entsteht Abglanz und für den flüchtig Hinschauenden der Eindruck, auch ihre Uhrwerke würden hier erschaffen.

In Krisenzeiten wird man auch an einem starken Standort wie Glashütte vorsichtig, obwohl sich die Arbeiter von Lange auch mit Original-Angestellten zum Mittagessen im Orts-Imbiss treffen und es sogar gemischte Ehen gibt, einer bei Lange, einer bei Original. Argwohn gab es auch schon, als jeder Uhrmacher hier noch für sich am Fensterbrett schraubte: Man erzählt sich, dass sie die Schürze drüberwarfen, sobald jemand vorbeikam. Die Offenheit der jüngsten Zeit hat jedenfalls ein Ende: Haben die Uhrenfirmen bis vor Kurzem noch den einen oder anderen Journalisten in den Prototypenbau gelassen, ist das nun auch vorbei. Man sichert sich mit Chipkarte am Eingang, und am Tag der offenen Tür muss draußen bleiben, wer von der Konkurrenz ist. Zwar ist hier keiner hysterisch wegen der Krise, doch auch Glashütte musste reagieren: Bei vielen gibt es Kurzarbeit, und Lange hat die Pläne für sein neues Manufakturgebäude, für das ein großes Gelände im Zentrum schon abgesteckt war, erst einmal auf Eis gelegt.

Weiterbildung ist das Gebot der Stunde, sie wird vom Uhrenmenschen dankend angenommen. Man hat viel mitgemacht, den Krieg, die Wende und zwei Fluten, da wird auch das sich wieder richten, glauben viele. Vor allem hat man Menschen, die für Uhren leben. So wie Reinhard Reichel, 54. Er leitet das Museum, das so schön ist, dass man glatt die Zeit darin vergisst. Reichel, DDR-Urgestein, führt mit Witz und Scharfsinn durch Animiertes und Anschauliches und lässt nicht unter den Tisch fallen, dass auch zu Ostzeiten gute mechanische Uhren aus Glashütte kamen. Und dass es anfangs sogar Werbung dafür gab, im Fernsehen. Ein Film läuft im Museum nonstop, "Zeit ist Geld", und zeigt ein Sixties-Pärchen auf der Parkbank: Er streicht ihr mit der Hand, an der eine Spezimatic prangt, der Renner damals, auf und ab durchs Haar. Der Kommentar dazu: "Kein Aufziehen mehr, eine Armbewegung reicht!"

Und Thierry Albert ist im Tal, Franzose, 36, längst infiziert vom Uhrenstolz der Menschen hier. Nomos-Chefentwickler ist er und vom Standing her einer wie Langes Sliva: hochbegabtes Unikum, für das der Artenschutz bestellt gehört. Für Nomos, den Avantgardisten in der Stadt, tüftelt er an Gangreserve, Datumsanzeige und Tourbillon und ist charmant und scherzhaft an den Tischen der Kollegen unterwegs, um tägliche Probleme zu beheben. Auf der Website des Unternehmens firmiert er unter "Uhrenverrückter", weil verrückt sein muss, wer "tagelang an einem Teilchen feilt, das nicht größer als ein Reiskorn ist. Oder ein solches 20 Stunden lang poliert mit einem Holundermarkstäbchen, obgleich es kaum jemand je wieder zu Gesicht bekommt", wie es dort heißt.

Nomos, als Einziger der Großen in Glashütte unabhängig, nicht wie Lange oder Original zu einem Schweizer Mutterhaus gehörend, setzt auf Bauhaus-Schnörkellosigkeit bei seinen Uhren. Motto: gute Form, gutes Handwerk, guter Preis. Niemand soll seinen Bausparvertrag für eine Nomos kündigen müssen. Auch wenn Details sich teuer anhören: Die Armbänder sind aus Shell Cordovan, einem besonders feinen Leder vom Pferdehintern, aus einer Gerberei in Chicago. Für den Lufthansa-Bordverkauf hingegen Straußenleder, weil in hohen Höhen Fett austritt beim Pferd und das Armband weiße Schlieren kriegt. An was man alles denken muss, wenn man perfekt sein will.

En passant liebt Nomos es, auch provokant zu sein: 20 Jahre nach dem Mauerfall kreierten die Enfants terribles vom alten Bahnhof an den Gleisen, dem Firmensitz, die Einheits-Nomos, eine Uhrenkollektion in Grautönen ­ und gaben den Modellen Namen ostdeutscher Kleinstädte wie Dessau, Wurzen oder Stendal. Weil nicht nur die noch grau sind, sondern auch, weil Grau als Farbe "Chic hat, cool und edel ist". Es hagelte Beschwerden von den Ossis, die den Humor dahinter nicht verstanden, Wessis hingegen gaben Wissenslücken preis: Hä? Pasewalk? Wo ist das denn? Würde Angela Merkel liebäugeln mit einer solchen Nomos, käme "Templin" für sie infrage, ihr Kindheitsort, doch angeblich trägt die Kanzlerin etwas Günstiges von Boccia Titanum.

Nomos hat die Neuzeit in den Ort gebracht. Das Interieur, die Ausstattung im alten Bahnhof ist von gleicher Prägung wie das Uhrenantlitz, minimalis-tisch und modern. Eichenparkett geschlämmt, Vitra-Designerstühle, junge Kunst ­ manch Architektenstudio in Berlin-Mitte verblasst dagegen. Beide Chefs achten sehr darauf, diese "CI" zu wahren. Soll heißen: Pirelli-Kalender, Topfpflanzen und Nippes sind nicht erwünscht, ein Bildchen von den Lieben schon. Man vergibt Stipendien an Künstler, zahlt den Kita-Platz für die Angestellten-Kinder, die Zugfahrkarte, und vor der Krise bekam zu Weihnachten jeder eine Uhr.

III/40

Nomos-Fans versammeln sich im Netz, werden einmal im Jahr im Werk herumgeführt, und wenn einer wie Thierry Albert sie mit Wissenswertem füttert, ist das wie ein Promi-Date für sie. Der selbst ist viel zu schüchtern, um sich als High Potential zu gerieren. Frickelt lieber im Stellwerk des alten Bahnhofs, seiner "Bastelkammer", an Neuentwicklungen. Auch er fährt abends rein nach Dresden, wo die Freunde sind. Vor rund zehn Jahren wanderte der Bauernsohn aus Frankreichs Süden nach Deutschlands Osten aus, ursprünglich, um Deutsch zu lernen. Zwar hat ihn am Anfang verwirrt, dass die Frauen nicht, wie in der Heimat, mit Küsschen, Küsschen zu begrüßen waren. Und dass jeder auf seine Frage "Wie geht's dir?" auch eine Antwort gab. Und zwar ausschweifend und ehrlich. Er hat ihn trotzdem gepackt, der Uhren-Stolz im Tal. Rückkehr nach Frankreich? Derzeit ausgeschlossen.

Schon lange spricht ihm der Eintrag im Gästebuch aus der Seele. Das gehört zwar zu Glashütte Original, aber der Inhalt gilt für alle von hier, Konkurrenz hin oder her: "Glücklich ist, wem die Stunde mit Glashütte schlägt, vielleicht wird es eines Tages auch bei mir so sein."

Seit 1845 gedeihen Uhrmacher hier besonders gut. Und überhaupt: Sie gedeihen anscheinend weltweit gut in abgeschiedenen Tälern, siehe Schweiz. Dort, wo nichts ablenkt von Winzig-Schnecken, Winzig-Federn und Winzig-Amplituden.

Die erste Digitaluhr: 1841 von der Kunstuhrenfabrik Gutkaes für die Semperoper in Dresden gebaut. Zwei Meter hoch und vier Meter breit zeigt sie über der Bühne die Zeit an: die Stunden mit römischen Ziffern, die Minuten mit arabischen. In einer Fünf- Minuten-Einteilung geschieht der Wechsel über zwei sich drehende Walzen im linken Zahlenfeld von unten nach oben, im rechten von oben nach unten. Diese historisch höchst bedeutsame Uhr fiel 1869 der verheerenden Brandkatastrophe in der Oper zum Opfer, wurde beim Wiederaufbau rekonstruiert und dann im Dresdner Feuersturm 1945 erneut vernichtet. Heute zeigt sie den Besuchern der Semperoper wieder die Zeit an.