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Die Letzten ihrer Art

Kunstblümlerin, Metalldrücker, Pfefferküchler ­ was nach mittelalterlichem Markt klingt, ist in der Region um Bautzen, Meißen und Pirna heute noch handwerkliche Gegenwart. Auf die alten Gewerke wirkte der real existierende Sozialismus wie ein feiner, hochwirksamer Konservierungsstoff. Eine derartige Vielfalt an exotischen Handarbeitern kennt kein anderes Bundesland.




Der Hammer

Jörg Schneiders erster Arbeitstag liegt erst 24 Jahre zurück, aber die Basis für seinen Job wurde schon vor rund 100 Millionen Jahren bereitet. Damals schwappte über das Elbtalgebiet ein riesiges kreidezeitliches Meer, das nach seinem Rückzug eine felsbrockenübersäte Region von sagenhafter Schönheit hinterließ ­ die "Sächsische Schweiz" nennt man sie heute. Der Sand, den das Meer angespült hatte, ist im Laufe der Jahrtausende zu einer harten, 400 Meter mächtigen Sandsteinschicht zusammengebacken worden. Aus diesem Stein lassen sich hervorragend Fassaden- und Pflastersteine, Denk- und Grabmäler, pompöse Skulpturen, putzige Vogeltränken und vieles mehr zurechtklopfen ­ vorausgesetzt, man verfügt über das entsprechende Werkzeug. Und da kommt Jörg Schneider ins Spiel.

Jeden Morgen um sechs, nachdem Schneider an seinem Arbeitsplatz das Neonlicht angeschaltet hat, schüttet er erst einmal einen Sack Koks in den Kamin. Wenig später wird es heiß in der Schmiede der Sächsischen Sandsteinwerke, einer Werkstatt voller Holzkisten mit Eisenrohlingen und Presslufthämmern, deren dumpfes Dröhnen an das Stampfen eines alten Dampfschiffmotors erinnert. An den Wänden hängen ein bunter Spielplan der EM 2008 und großformatige Poster meist sehr blonder Damen.

Sobald der Koks orangerot glüht, greift Schneider zu Hammer und Eisen. Schmiedet den ersten glühenden Rohling des Tages flach. Trennt allen überflüssigen Stahl mit einem Hammer ab. Nagt dem Eisen an einer Frässcheibe Zähne ein. Härtet das Eisen und "lässt es an". Jörg Schneider, 41, ist einer der letzten gelernten Werkzeugschmiede Sachsens. Rund 120 Eisen schmiedet er jeden Tag, das macht übers Jahr etwa 27000 Werkzeuge. In den 24 Jahren, die Schneider nun schon den Schmiedehammer schwingt, würde das einen Berg von 700000 Schmiedeeisen ergeben.

"So viele?" Schneider ist erstaunt, über seine Lebensarbeitsleistung in Stück hat er noch nie nachgedacht. Der 41-Jährige ist für einen Schmied erstaunlich schmächtig, in seiner Freizeit spielt er Fußball mit seinem Sohn. Jedes Wochenende geht es zum Campen bei Hoyerswerda. Nicht viel Erholung für jemanden, der werktags um vier Uhr morgens aufsteht und erst nach 17 Uhr wieder nach Hause kommt. Was ihn am Handwerk gereizt hat? "Gar nichts", sagt Schneider und grinst, "mein Vater war hier Steinmetz und hat mir von einer freien Lehrstelle in der Schmiede erzählt. Erst im Laufe der Zeit habe ich den Beruf dann liebgewonnen."

Damals, mit 19, wechselte er nach der Lehre zu den Sächsischen Sandsteinwerken, die seinerzeit noch VEB Elbenaturstein hießen. Heute ist sein Arbeitgeber mit sechs Steinbrüchen in der Sächsischen Schweiz und 110 Mitarbeitern der größte Förderer von Elbsandstein in der Region. Steine von hier schmücken die Fassaden des Kopenhagener Schlosses Christiansborg und des Düsseldorfer Landtags, russischer Edeldatschen und Hamburger Kaufmannsvillen. Paradeprojekt der Pirnaer aber ist die originalgetreue Rekonstruktion der Dresdner Frauenkirche, für die sie zwischen 1996 und 2004 fast 60000 Einzelsteine nach Vorlagen fertigten und ins 20 Kilometer entfernte Dresden lieferten. Jeder einzelne wurde mit Werkzeugen aus der Schmiede von Jörg Schneider bearbeitet.

Könnte man die nicht auch weitaus billiger haben? Aus Polen oder China zum Beispiel? Aus industrieller Fertigung? Natürlich könnte man, meint Peter Hohmuth, der Geschäftsführer der Sächsischen Sandsteinwerke GmbH, "aber die sind dann eben auch von Standardqualität. Der Jörg hingegen weiß genau, was unsere Leute draußen gerade brauchen."

"Draußen", das ist eine Reihe offener Garagen auf dem Hof der Sandsteinwerke, in denen die Steinmetze und Steinbildhauer hämmern und meißeln. Einer von ihnen ist Heino Lembcke. Er arbeitet gerade an der Kopie eines mächtigen Adlerkapitells, dessen Vorbild einst das Berliner Stadtschloss schmückte. Jetzt, da die Schlossfassade wiederaufgebaut werden soll, hat der Förderverein schon mal versuchsweise die Rekonstruktion einiger Elemente in Auftrag gegeben. "Dafür brauche ich die entsprechenden Werkzeuge. Das Eisen darf nicht zu weich sein, sonst schafft es nichts weg, und nicht zu hart, sonst hackt man zu sehr in den Stein rein", erklärt Lembcke.

Jörg Schneider kann am Funkenbild eines Eisens ablesen, ob er gerade einen weicheren oder zäheren Stahl bearbeitet. Nur er kann das glühende Eisen exakt so im Wasserbad anlassen, dass dessen Zähne genau die gewünschte Geschmeidigkeit bekommen. Nur er weiß, wie Schlageisen, Prelleisen, Hundezahn, Zahnbeizeisen oder Bossentreiber gebogen, gezähnt und gehärtet sein müssen, damit Lembcke draußen seinem Adlerkapitell optimal zu Leibe rücken kann. "Das ist nun wirklich kein alltäglicher Beruf", erklärt Schneider, "das kann nicht jeder. Wir bekommen Aufträge von Bildhauern und Steinmetzen aus ganz Deutschland, die bei mir ihre Eisen schärfen und fertigen lassen wollen. Und wenn ich hier am Nachmittag einpacke", sagt Schneider und blickt zufrieden durch die Schmiede, "weiß ich, was ich geschafft habe."

Es macht ihn stolz, die Resultate, die aus seiner eigenen Arbeit entstehen, an der Fassade eines Bauwerkes bewundern zu können. Eines Tages vielleicht auch am Berliner Stadtschloss. "Fakt ist, dass das Original aus Pirnaer Sandstein war", erklärt Geschäftsführer Hohmuth. Daher wäre es nur logisch, wenn auch das neue alte Stadtschloss mit dem charakteristischen Sandstein aus Pirna eingekleidet würde.

Gut möglich also, dass Jörg Schneider demnächst noch ein paar Eisen mehr ins Feuer legen muss.

Der Wackere

Lutz Tenne ist 62 Jahre alt, trägt ein weißes BÄKO-Schiffchen auf dem Kopf, ein kanariengelbes Polohemd mit der Zahl 1558 über dem Bauch und ein verschmitztes Grinsen im Gesicht. Das sonnige Gemüt des Pfefferküchlers verdunkelt sich höchstens, wenn man seine Pfefferkuchen versehentlich als Lebkuchen und ihn als Bäcker bezeichnet. "Ich bin kein Bäcker, ich bin Pfefferküchler", korrigiert Tenne. Zwar backt er mitunter auch Makronen, ansonsten aber ausschließlich jenes würzig-deftige Gebäck, für das die "Pfefferkuchenstadt Pulsnitz" berühmt ist. Sommers wie winters, jahrein, jahraus. Trotzdem, sagt Tenne, sei sein Beruf "interessant und abwechslungsreich". Schließlich zieht er mal Schokolade über seine Pfefferkuchen, mal kommen Mandeln oder Walnüsse obendrauf, manchmal sogar bunte Zuckerglasur. Langweilig wird ihm jedenfalls nie.

"Handricks Pfefferküchlerei", der Name stammt von Tennes Urgroßvater, liegt an der Pulsnitzer Ortsausfahrt ­ nicht idyllisch, aber verkehrsgünstig. Alle paar Minuten schrillt ein Klingelton durch die Backstube, weil vorn, im zehn Quadratmeter kleinen Ladengeschäft, wieder ein Kunde nach Pulsnitz' berühmtester Spezialität verlangt. Die gibt es in vielen Variationen: gefüllte "Pulsnitzer Spitzen", Pfefferkuchenherzen in bunten Papier-Hexenhäusern oder ­ eine Tenne-Erfindung ­ Pfefferkuchen aus biologisch angebautem Dinkelvollkorn. Gleich über dem Sortiment hängen säuberlich gerahmt die Meisterurkunden von Tenne, seinem Großvater sowie Sohn Sören, 38, der die Pfefferküchlerei im kommenden Jahr übernehmen wird. Eine Urkunde des Schlemmermagazins Der Feinschmecker nennt den Betrieb "eine der besten Adressen in Sachsen".

Hinten in der Backstube hat Lutz Tenne derweil alle Hände voll zu tun. Ihm helfen seine Schwester Andrea und seine Frau Marlis, Sohn Sören sowie Frau Quade, die einzige familienfremde Angestellte. Frau Quades Mann wiederum fertigt in seiner Freizeit die blechernen Kuchenformen wie Frosch, Bierkrug, Hufeisen oder was der Chef sich sonst ausdenkt. Tenne ist ein findiger Unternehmer, der sich die Internetdomain www.pfefferkuchen.de gesichert hat und seine Backspezialitäten heute bundesweit versendet. Im vergangenen Jahr, zum 450-jährigen Jubiläum der Pulsnitzer Pfefferküchler ­ daher die 1558 auf Tennes Polohemd ­, schaffte er es sogar ins Fernsehen. Zusammen mit seinen Kollegen buk er einen 70 Quadratmeter großen Pfefferkuchen. Eine gigantische PR-Aktion für die acht Pfefferküchler, die sich noch vor der Wende die Bezeichnung "Pulsnitzer Pfefferkuchen" markenrechtlich hatten schützen lassen. Seither gebe es weder Konkurrenz noch Umsatzsorgen, sagt Tenne zufrieden.

Alles, was nicht im Laden oder per Post weggeht, bringt Tenne auf Wochenmärkten in Freiberg, Görlitz, Dresden oder Zittau an seine Kunden. Immer wieder muss der Handwerksmeister dort erklären, dass Pfefferkuchen ­ anders als Lebkuchen ­ kein Saisongebäck, sondern das ganze Jahr zu genießen sind. Dass sie fast ausschließlich aus Sirup und Mehl hergestellt und geradezu gesundheitsförderlich sind. Und dass Pfefferkuchen kein Gramm Pfeffer enthalten, sondern ihren Namen dem mittelalterlichen Sammelbegriff für Gewürze verdanken.

"In einen Pfefferkuchen gehören Sirup, Honig, Mehl und Gewürze", erklärt er, "sonst nix." An dieser Rezeptur hat sich seit 1558, als die Pulsnitzer Pfefferkuchenmacher erstmals erwähnt wurden, wenig geändert. Von da an buken sich die Ostsachsen durch den Dreißigjährigen Krieg, das Kaiserreich, zwei Weltkriege und schließlich auch die DDR. Macht es einen Unterschied, ob man im Sozialismus oder im Kapitalismus den Teig anrührt? "Vor der Wende dauerte das Backen länger, weil wir oft auf Zutaten warten mussten. Dann war aber alles ganz schnell verkauft", meint Tenne nach kurzem Nachdenken. "Heute haben wir immer alles da, dafür vergeht viel Zeit für Marketing, Internet und Werbung."

Nur einmal wurde es gefährlich für Meister Tenne und seinen Berufsstand: Mit der Wiedervereinigung wären die Pfefferküchler fast durch den groben Rost der bundesdeutschen Bürokratie gerutscht. In der ersten gesamtdeutschen Handwerksordnung war nämlich ihre Bonsai-Branche als Meisterberuf nicht mehr vorgesehen. Bei den Pulsnitzern bewirkte die Bonner Bevormundung sofort einen Gallisches-Dorf-Effekt. "Wir sind nur achte", meint Tenne, "aber wir achte ham damals gesagt: Wir lassen nich logger." Gleich viermal reisten Tenne und seine Kollegen Mitte der neunziger Jahre in die Bundeshauptstadt und betrieben hartnäckiges Pfefferkuchen-Lobbying, bis sich die zuständigen Parlamentarier eines Tages nach Pulsnitz aufmachten und sich die Pfefferküchlerei ansahen. "Damit", erinnert sich Tenne zufrieden, "hamwa se überzeucht."

Am 13. Februar 1998 beschloss der Deutsche Bundestag den "Entwurf eines zweiten Gesetzes zur Änderung der Handwerksordnung". Und hier wurden die Pfefferküchler ausdrücklich erwähnt. Es dürfte eines der wenigen Bundesgesetze sein, das allein mit Rücksicht auf acht Bundesbürger verabschiedet wurde. Eine echte Rarität. So wie Meister Tenne.

Das blaue Wunder

Er war Ingenieur, sie Lehrerin, und was sie außer ihrer Liebe verband, war die gemeinsame Abneigung gegen das Arbeiten im Staatsdienst. Weil dieser Staat DDR hieß und arm an beruflichen Alternativen war, mussten Rolf und Heidi Folprecht selbst eine finden. So kamen sie zu einem der exotischsten und zugleich doch traditionellsten Berufe: dem Blaudruck.

Diese Form des Textildrucks war vor dem Siegeszug maschineller Druckwalzen in Europa mindestens anderthalbtausend Jahre lang weitverbreitet. Beim "Reservedruck", wie Heidi Folprechts Variante des Blaudrucks heißt, wird mit Formen eine farbabweisende Substanz auf einen Leinen- oder Baumwollstoff aufgetragen. Sobald sie getrocknet ist, wird der Stoff in ein Farbbad aus Indigo getaucht. Dabei bleiben die vorgedruckten Formen weiß und ergeben so ein Muster. "Eigentlich", meint sie, "müsste es deshalb Blaufärben heißen. Denn blau gedruckt wird hier gar nichts."

Dieses Handwerk wollten die Folprechts Mitte der achtziger Jahre wieder aufleben lassen. Das war etwa so zeitgemäß, wie sich dem Bau von Kutschen oder Armbrusten zu widmen. In ganz Sachsen gab es nur noch eine einzige Blaudruckerei: in Pulsnitz. Und dort fand sich mit Ewald Drescher auch der einzige Formenstecher, der heute noch die sogenannten Models baut ­ handgefertigte, bis zu 1500 Euro teure Druckformen aus Messing und Birnbaumholz. "Von staatlicher Seite wurden wir in keiner Form unterstützt", sagt Heidi Folprecht, "wir hatten ja auf Staatskosten studiert, da sollten wir nichts anderes machen. Aber mein Mann war sehr hartnäckig. Und er wollte unbedingt etwas mit seinen Händen tun." Am 31. August 1989 legte Rolf Folprecht an der Handwerkskammer Dresden seine Meisterprüfung zum Blaudrucker ab.

Nach dem Mauerfall tummelte sich plötzlich eine ganz neue Kundschaft in Sachsen, und die interessierte sich brennend für Brauchtum und Kunsthandwerk aus der verborgenen Welt jenseits des Eisernen Vorhangs. Die Folprechts eröffneten Geschäfte in Dresden und Meißen und wurden "von Touristen und Leihbeamten aus dem Westen geradezu leer gekauft". Am Ortsrand von Coswig restaurierten sie einen 180 Jahre alten Bauernhof, mauerten zweieinhalb Meter tiefe Färberbecken und richteten im Hauptgebäude eine Blaudruckerwerkstatt ein. Eine idyllische Gegend: Gleich nebenan steht Müller-Thurgau auf den Feldern, und auf den Hügeln thronen schmucke Herrenhäuser.

Nachdem ihr Mann 1991 gestorben war, schloss Heidi Folprecht die Läden und zog sich später mit ihrem zweiten Mann und ihrer Tochter hierher nach Coswig zurück. Besucher kommen gern.

"Erst am Wochenende waren wieder Australier und Japaner hier, mit ihren Navis finden die uns leicht, selbst wenn sie kein Wort Deutsch sprechen." Heidi Folprecht wiederum versteht kein Englisch, deshalb erklärt sie mit Händen und Füßen ihr Gewerbe, verteilt Zettel, auf denen die Feinheiten des "Craftmanship at Folprechts Blueprinter" erklärt werden und entlässt ihre Besucher ein paar Stunden später glücklich mit selbst gedruckten Stoffmustern.

Sie pflegt zu ihrem Handwerk ein ganz pragmatisches Verhältnis. In ihrer Wohnung findet sich kaum ein Blaudruckstück, und auch das blaue Dirndl zieht sie höchstens an, wenn sie auf einem Kunsthandwerkermarkt ihren Stand aufbaut. "Durch die Blaudruckerei", sagt die 50-Jährige, "komme ich mit netten Leuten zusammen und kann mir die Zeit selbst einteilen." Das muss reichen.

Der Netzwerker

Eigentlich dürfte es Winfried Reuter und seine Kollegen gar nicht mehr geben, so spezialisiert sind sie auf alles, was mit Stühlen zu tun hat. Und doch: Es gibt sie noch, hier in Oelsa, einer 1300-Einwohner-Gemeinde südlich von Dresden, eingeklemmt zwischen den Höhenzügen des Lerchenbergs und des Götzenbüschchens, mit viel Grün und wenig Industrie. Vor 400 Jahren hobelte, schnitzte, polsterte und flocht hier fast jeder an Stühlen, heute ist nur noch ein Dutzend Einzelkämpfer geblieben. Acht von ihnen haben das Beste aus der Situation gemacht: Sie haben sich zusammengeschlossen.

Winfried Reuter führt in Rabenau, Oelsas drei Kilometer entferntem Nachbarort, mittlerweile in dritter Generation eine Stuhltischlerei. Jeden Tag von halb sieben morgens bis sieben Uhr abends steht der 63-Jährige an der Säge. Gerade arbeiten er und seine fünf Schreiner an einem Großauftrag: 200 Sessel für ein Dresdner Restaurant. Dessen Besitzer kam mit dem Bildband "Cool Restaurants Las Vegas" und wollte einen Stuhl daraus exakt nachgebaut haben. "An so einem Auftrag", erklärt Reuter zufrieden, "sitzen wir vier Wochen." Bei Bedarf teilt sich Reuter die Arbeit mit seinen Kollegen aus der Genossenschaft, der Sitzmöbelhandwerk Oelsa e.G. Drei Tischler, vier Polsterer sowie ein Spezialbetrieb für Oberflächenbehandlung bilden zusammen das kleine Oelsaer Stuhl-Cluster. Reuter ist im Vorstand aktiv, wie übrigens fast jeder Genossenschaftler. "Bei neun Mitgliedern", erklärt er schulterzuckend, "hat fast jeder einen Posten."

Büro und Schauraum der Genossenschaft ist ein ehemaliges Sägewerk in Oelsas Ortsmitte. Dort sitzt Bernadette Fiedler, Geschäftsführerin und Genossenschaftsmitglied Nummer neun, und berät Kunden, akquiriert Aufträge, verteilt die Arbeiten an ihre Mitglieder und macht die fertigen Stühle versandbereit. "Was wir brauchen", sagt die 47-jährige Kauffrau, "ist ein gesunder Mix aus Groß- und Kleinaufträgen." Dank Unterstützung durch das Sächsische Wirtschaftsministerium verfügt die Genossenschaft heute sogar über eine beim Deutschen Patentamt geschützte Marke. So finden Architekten oder Gastronomen zu den Oelsaern ­ oder auch staatliche Einrichtungen wie die Bayerische Schlösserverwaltung, die kürzlich den originalgetreuen Nachbau von zwölf Sesseln für einen Rittersaal in Auftrag gab. Hinzu kommen kleinere Arbeiten für Privatleute, die sich zum Beispiel den eleganten Hochlehner "Modell Frieder" aus Kirschholz fertigen lassen. Das von Winfried Reuter entworfene Modell kostet aus seinen Händen rund 150 Euro ­ und damit etwa das Fünffache von einem Ikea-Stuhl. "Dafür halten unsere Stühle aber auch ein Leben lang", sagt Reuter, "und wenn doch einmal etwas passiert, können wir sie garantiert reparieren."

Das wissen offenbar rund um Oelsa immer mehr Kunden zu schätzen. Im vergangenen Jahr konnte Geschäftsführerin Fiedler auf der Generalversammlung ihrer kleinen Genossenschaft ein Umsatzplus von sechs Prozent vermelden. Auch in diesem Jahr lässt sich das Geschäft gut an. Nicht trotz, sondern, wie Fiedler glaubt, gerade wegen der Krise. "Zu uns", sagt die Geschäftsführerin, "kommen viele Leute, die sich billig nicht mehr leisten können."

Die Spätblühende

"Achtung, die Belgier kommen!" Einen Moment lang lässt Günter Hartig seinen Gast stehen und eilt ans Fenster. Und tatsächlich schwenkt unten an Sebnitz' schmaler Dorfstraße gerade ein Reisebus in eine Parkbucht und entlässt einen Pulk beigegrau gekleideter belgischer Rentner. Sie wollen am östlichsten Zipfel Deutschlands die Kunstblumen sprießen sehen.

Die Deutsche Kunstblume Sebnitz ist der einzige Betrieb, der noch das gesamte Sortiment künstlicher Botanik fertigt: Brautblumen, Modeblumen, Dekogestecke. Manufakturleiter Hartig führt seine Besucher stolz durch den "Eisenkeller", wo 75000 Stanz- und Prägewerkzeuge in aller botanischer Vielfalt lagern ­ ein wahrhaft eiserner Vorrat, denn niemand könnte mehr neue herstellen. Als Nächstes geht es in den Stanzraum, wo aus zigfach übereinandergelegten Stoffbahnen Blätter gestanzt werden. Das eigentliche "Blümeln" aber findet im ersten Stock statt. Hier versteifen sechs gelernte Blümlerinnen die Blätter mit Kartoffelstärke, färben sie per Hand, prägen sie in einer Steilspindelpresse und binden sie mit Draht und Papier zu täuschend echt anmutenden Blumen.

Michaela Roick arbeitet gerade an einem Fingerhutzweig, was wegen der vielen Blütenkelche etwa zwanzig Minuten dauert. Genug Zeit also für die gebürtige Sebnitzerin, um zu erzählen, dass schon ihre Großmutter Kunstblümlerin war. Und ihre Urgroßmutter auch. Heute ist Michaela Roick selbst im Großmutteralter und blümelt immer noch. Großer Enthusiasmus ist nicht zu spüren, wenn sie von ihrer Lebensaufgabe erzählt ­ Kunstblumenfacharbeiterin war damals für ein Mädchen aus Sebnitz einfach naheliegend. Drei Jahre dauerte die Ausbildung, wobei Michaela Roick neben Stoff-, Farb- und Metall- auch Designkunde büffeln musste. "Als das Kind kam, war es natürlich praktisch", erzählt sie, "da konnte ich mir die Heimarbeit immer gut einteilen."

Dann strömen auch schon die Belgier in die Manufaktur, Michaela Roick muss eine Menge Fragen beantworten und hat sowieso alle Hände voll zu tun. Neben dem manufaktureigenen Laden beliefern die Sebnitzer heute Märkte, Museen und Theater in ganz Deutschland. Gerade hat die Dresdner Semperoper 12000 Laubblätter für ein Bühnenbild bestellt. All das wirkt so geschäftig, da übersieht man leicht, dass die Deutsche Kunstblume Sebnitz nur noch der letzte grüne Zweig einer inzwischen fast toten Branche ist.

175 Jahre ist es her, dass sich nach dem Beitritt Sachsens zum Deutschen Zollverein die ersten Blumenmacher aus Böhmen in Sebnitz niederließen. Anfang des 20. Jahrhunderts waren hier 200 Firmen und 15000 Menschen mit dem Stanzen, Färben und Binden beschäftigt, die meisten in Heimarbeit. Drei Viertel des Weltbedarfs an Kunstblumen, erzählt Günter Hartig, deckte Sebnitz ganz allein.

Als 1990 der VEB Kunstblume geschlossen wurde, verloren rund 3000 Menschen ihren Arbeitsplatz. Michaela Roick wurde als ABM-Kraft mit der Abwicklung ihres eigenen Arbeitsplatzes betraut und wäre danach auch arbeitslos geworden, hätte sich nicht die Stadt Sebnitz auf ihre große Tradition als "Seidenblumenstadt" besonnen. In den stillgelegten Manufakturen ließ die Stadtverwaltung alle Stanzen, Pressen und Maschinen einsammeln; eine ehemalige Petroleumlampenfabrik am Ortseingang wurde zur letzten Heimat der Kunstblümlerinnen.

Heute führen Günter Hartig und seine Kolleginnen 40000 Besucher im Jahr durch ihre Gärtnerei, in der die Blumen nie welken. Neben Michaela Roick haben dort zehn gelernte Blümlerinnen Arbeit, ihre Löhne zahlt die Stadt, allein würde sich der Betrieb nicht tragen. Schuld daran sei auch die Konkurrenz aus China, Frankreich und Italien, erklärt Hartig. Dabei lasse sich eine original Sebnitzer Kunstblume eindeutig von billigen Blüten unterscheiden.

Anders als die Konkurrenten aus dem Ausland stecken Michaela Roick und ihre Kolleginnen die Kunstbotanik nämlich nicht nur zusammen, sondern binden sie. Außerdem, darauf legen die Sebnitzer Wert, sind ihre Kunstblumen absolut natürlich. Nur Samt, Seide, Taft oder Baumwolle kommen ihnen in die Blüte. "Mit Plaste", konstatiert Günter Hartig, "ham wir nüscht am Hut."

Eine Ausnahme machen die Sebnitzer allerdings, einmal im Jahr und für einen einzigen Auftraggeber, dem die Geste wichtiger ist als die Qualität. Jedes Frühjahr binden sie 5000-mal eine kleine Kunstnelke am Stiel aus wetterfestem Plastik. Manchmal sehen die Blümlerinnen ihre Arbeit später im Fernsehen wieder: am 1. Mai auf deutschen Plätzen am Revers demonstrierender Gewerkschafter.