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urbanscreen

Die Künstlertruppe urbanscreen verwandelt Architektur in Geschichten und erschafft nebenbei eine neue Kunstform. Da wird sogar Paul McCartney neugierig.




Das Dach der Oper in Sydney flattert, als sei es aus Segeltuch. Über die Südostwand der Hamburger Galerie der Gegenwart streichen zwei riesige Hände, die Außenfliesen geraten in Bewegung und gewähren Einblicke ins Innere. In Nürnbergs Altstadt kreisen zwei Tänzer umeinander, getrennt durch eine Häuserfassade; am Ende finden sie sich, der "Tag" und die "Nacht", denn sie durchbrechen die Mauer.

Wenn urbanscreen die Hochleistungsprojektoren anwirft, werden Bauten lebendig. Die neun Bremer Künstler nutzen Gebäudewände nicht bloß als Leinwand - ihre Collagen und Filme liegen passgenau auf der Architektur, werfen neues Licht und neuen Schatten, verschieben Türmchen und öffnen Türen. Dazu knarrrzt und rrrreibt, knuspelt und zwuscht es, dass die Surround-Boxen wackeln. Die Stadt, ein dreidimensionaler Kinosaal.

Das Verfahren, in der Szene 3D Video Mapping oder Projection Mapping genannt, bezieht die Architektur derart exakt in ihr Spiel ein, dass die Illusion perfekt ist. Die Stadtbewohner der Renaissance müssen seinerzeit ähnlich verblüfft gewesen sein, als sie vor den ersten Trompe-l'œils standen und scheinbar in eine Landschaft schauten, wo nur eine Wand war. Viele Bremer kennen urbanscreen seit dem "Viertelfest" am Ostertorsteinweg: Dort konnten sie einen überdimensionalen Flipper ausprobieren, dessen Licht-Kugel über eine ganze Hauswand flitzte. Und an der Sielwallkreuzung trugen Blattschneider-Ameisen ein Eckhaus ab.

"Lumentektur" nennt die Künstler-GmbH ihr Konzept, projiziertes Licht (lat. lumen) und Architektur auf diese Weise zu verbinden. Die Idee war 2007 dem Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie einen Gründerpreis wert. Thorsten Bauer, Manuel Engels und Till Botterweck strichen 25 000 Euro Preisgeld ein, meldeten ein Patent an und gründeten ihre Firma. Umsatzzahlen gibt urbanscreen nicht heraus, doch Projekte wie in Sydney oder jüngst in Houston werden schon mal sechsstellig. Engels kennt die Geld-Welt. Sieben Jahre hat er als Unternehmensberater in Düsseldorf verbracht. Das reichte. "Urbanscreen macht genug Umsatz, um uns zu ernähren. Aber wir fahren alle Fahrrad, einige auch einen Gebrauchtwagen."

Mittlerweile sind die Gründer Ende 30. Bauer trägt Kapuzenpulli, Engels Anzug, Botterweck irgendwas dazwischen. Bauer ist in Elmshorn geboren, Engels in Koblenz, Botterweck in Düsseldorf. Das Leben hat sie nach Bremen gespült. Und 2012 haben sie die erste Etage der alten Schnapsfabrik gegenüber vom Teerhof gemietet. Es ist ein Großraum, dem man seine Fabrik-Herkunft noch ansieht: Bis 2007 wurde hier destilliert, und zwar "Alter Senator (32 % vol.)", wie einige Kartons noch zeigen.

Die Arbeit nach dem "Wow!"

Heute besteht das Destillat aus Ideen. Schreibtische mit XXL- Bildschirmen stehen schief im Raum, dazu Sofa, Teeküche, Dart-Scheibe, breite Fenster. Nur der Beluga-Klotz auf dem Teerhof stört die Aussicht.

"Wir haben als Unternehmen ein, zwei Jahre Vorsprung gegenüber anderen, weil wir schon seit 2005 mit Projection Mapping experimentieren", sagt Thorsten Bauer, heute Kreativdirektor. Im Netz sind mittlerweile viele Beispiele für das neue Verfahren zu sehen: Werbung für Automarken und Kinofilme, Geometrieübungen im Madrider Untergrund, lichtschwache Mitmach-Installationen in Holland.

Kunst ist das nicht. "Eher wie auf dem Freimarkt", meint Bauer. "Am Anfang sind alle vom Machbaren fasziniert: 'Wow!, da kommen virtuelle Leute aus den Fenstern. Wow!, da verschieben sich Steine in der Fassade. Wow!, das sieht ja aus wie echt.' Und so weiter." Doch schon bald wirkt die Effekthascherei fade, die Product Placements tun das ohnehin.

Das finden Engels, Bauer und Botterweck profan, es langweilt sie. Die Künstler aus der Neustadt arbeiten daran, die Technik zu einer eigenen Kunstform zu entwickeln. Es wird ablaufen wie bei der Erfindung des Films vor hundert Jahren, hofft Bauer: Erst präsentierte man dem staunenden Publikum in Schaubuden und Wanderkinos "lebendige Fotografie" - doch erst die Chaplins, Langs, Murnaus und Eisensteins entwickelten in den "Lichtspieltheatern" echte Erzählformen.

An diesem narrativen Punkt sieht sich urbanscreen mittlerweile. "Es ist eine eigene Liga mit nur fünf, sechs Firmen weltweit", sagt Thorsten Bauer. Das lässt sich auch an den Auszeichnungen für die Bremer ablesen: Silberner Löwe beim Werbefestival in Cannes, Deutscher Lichtdesign-Preis - und im vergangenen Jahr eroberte das Team São Paulo und Sydney, Hamburg und Houston. "Vier Projekte auf vier Kontinenten, das war ziemlich abgefahren", so Bauer. "Das machte neugierig: Auf unsere Website wird mittlerweile von der ganzen Welt aus zugegriffen." Ihre Filme werden millionenfach geklickt, empfohlen, kommentiert. Die Anfragen reichen von Kulturfestivals über Automarken bis zu Paul McCartney.

Der Ex-Beatle wollte freilich schon drei Wochen später seine Shows in Mexiko und London mit der Bremer Lumentektur schmücken - "unmöglich bei unserem Vorlauf", sagt Geschäftsführer Manuel Engels. Er musste absagen. "Das Format ist noch unbekannt, viele können sich die Arbeit nicht vorstellen, die darin steckt. Wir schaffen nur sechs bis acht Projekte im Jahr." Und entwickeln nichts weniger als "ein neues Kunstformat mit eigener Sprache", wie Bauer sagt.

Im hinteren Teil des Großraums stehen die drei vor einem Modell der Rice University in Houston, Texas. Die US-Privathochschule wollte ihren 100. Geburtstag feiern und bat urbanscreen, Ideen zu präsentieren. "Am ersten Tag haben wir uns auf dem Campus umgeschaut und das grobe Konzept erstellt", erzählt Bauer. "Und am dritten Tag haben sie uns angerufen und gesagt: 'Ihr habt den Job.' Wir saßen schon am Flughafen auf dem Weg zurück."

Und dann, zurück in Bremen, hat Architekt Botterweck das Modell des Uni-Hauptgebäudes im Maßstab 1:50 gebastelt? Musiker Bauer sich Augen- und Ohrenbilder ausgedacht? Diplom-Kaufmann Engels alle Kosten durchgerechnet? So hierarchisch und arbeitsteilig läuft diese GmbH nicht. Jeder ist inhaltlich in alle Aspekte eingebunden. "Es gab viele konstruktive Konflikte", sagt Engels und lacht. "Aber es hat sich gelohnt", ergänzt Bauer. "Die Ehemaligen der Uni haben zum Teil geheult vor Rührung, uns mit einer Medaille geehrt und so. Das war viel mehr, als nur eine Dienstleistung abzuliefern."

Manchmal ist es ein Gebäude, das sie reizt, wie in Sydney. Manchmal sind es die Kontakte wie in Houston. Manchmal ist es die Umgebung - wie neulich in Hamburg: Da gewannen sie einen Architekturwettbewerb und werden 2014 einen Neubau auf der Reeperbahn mit einer Medienfassade bestücken - sechs Stockwerke hoch.

Es ist Abend geworden. Die zwei angestrahlten Türme des Doms sehen mickrig aus hinter dem Beluga-Gebäude, das in den Bremer Nachthimmel ragt wie ein auf Grund gelaufenes Kreuzfahrtschiff. Einen Moment lang scheint es, als sei der Mond über der Weser eine ziemlich gut gemachte Projektion.