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Neuland Bremen: Mut macht erfinderisch

Eten, supen un pupen, dat mook buten.*

Der gemeine Bremer hat Humor. Und den braucht er auch. Für eine Liebeserklärung der besonderen Art. Jan Böhmermann, gebürtiger Bremer, über den Bremer.




Wie jeden Morgen steht Klaus-Bärbel vor dem Bremer Hauptbahnhof und lallt selbst ausgedachte Lieder. Um seine Hüfte hat er eine speckige Werder-Bremen-Fahne gewickelt, ein improvisierter Rock. In der ungewaschenen Hand hält der androgyne Bahnhofssäufer eine Dose Haake-Beck, das kultige Bremer Lokalbier, vermutlich nicht sein erstes.

Wie Klaus-Bärbel wirklich heißt – Klaus-Bärbel ja wohl nicht, womöglich nicht einmal Klaus – weiß in Bremen keiner. Man grüßt ihn ironisch bis sorgenvoll, schmunzelt über den putzigen Amateur-Transvestiten, nimmt seine am ehesten als bizarre Mischung aus leichter geistiger Behinderung und schwerem Alkoholismus zu beschreibende Erkrankung zur Kenntnis. Oder man läuft einfach an ihm vorbei. Aus dem Bahnhof, in den Bahnhof, Moin-Moin, Klaus-Bärbel! Schon immer steht der crossdressende Stadtstreicher am Hauptbahnhof, grüßt Ankommende, trinkt, singt, schreit grundlos Unverständliches, verabschiedet Abreisende. Fast immer im Werderwickelrock, im Winter mit Damenstrumpfhose drunter, im Sommer mit nackten Beinen.

Noch trübseliger als mit einer Kurzbeschreibung des bekanntesten Verrückten der Stadt könnte man eine Mentalitätsstudie über Bremen nur beginnen, wenn man den Ort beschriebe, an dem Klaus-Bärbel seinen skurrilen Tag verbringt. Der Bahnhofsvorplatz der, da muss man korrekt sein, Hauptstadt des kleinsten Bundeslandes Deutschlands (meint: Bremen, denn Bremerhaven hat nun weiß Gott nichts von Hauptstadt) dient augenscheinlich der Abschreckung Fremder. Abschreckung durch Architektur. Wen die runtergerockten Hochhäuser und die schrabbeligen Pfeiler der verwesenden Hochstraße, die wahnsinnige Stadtplaner vor Jahrzehnten mal schön fanden, nicht zurück in den Intercity treiben, der sehnt sich spätestens beim Anblick der als „Skatepark für junge Leute“ ausgewiesenen, zuverlässig zugepissten Betonskulpturen nach menschenfreundlichen Städten wie Mannheim, Gaza-Stadt oder Mazar-i-Sharif. Und doch: Das unwirtliche Mensch-Beton-Ensemble rund um den stolz erhaltenen Bremer Backsteinbahnhof, übrigens – das kann man ruhig mal erwähnen – Deutschlands Großstadtbahnhof 2012, haha, ist das bauwerkgewordene Abbild der Seele jedes Bremers und höchst aufschlussreich, wenn man sich dem Wesen der auf den ersten Blick abweisend wirkenden Aborigines nähern möchte.

Nur eine Viertelstunde Fußweg vom 60erund 70er-Jahre-Desaster-Bahnhofsvorplatz, kurz hinter den liebevoll saisonal dekorierten Schaufenstern der Hansa Jagdausrüstung GmbH, an denen sich schon Generationen junger Bremer Waffennarren die Nasen platt gedrückt und von der ersten eigenen Halbautomatikpistole geträumt haben, geht die metastasierte Bahnhofsvorstadt ins Unesco-Weltkulturerbe über. Nach Überwindung der alten Wallanlagen, dem letzten Ring zur Verteidigung des Innersten, vorbei an der romantischen Windmühle und der unvermeidlichen Footlocker-Base-Nordsee-Kombination in der Fußgängerzone steht man auf dem bezauberndem Marktplatz – dort das mittelalterliche Rathaus, da der frisch restaurierte Dom, hier die expressionistische Böttcherstraße – und bekommt von der gerade noch grau gewöhnlichen Nachkriegsgroßstadt gleich mehrere Schokoladenseiten um die Ohren gehauen, um mal ein leicht schiefes Bild zu verwenden.

Ja, Bremen wie seinen Einwohnern muss man eine Chance geben. Sollte man! Denn wir Bremer sind wie unsere Heimatstadt: auf den ersten Blick schroff, zurückweisend und unsympathisch, aber im Innersten preisverdächtig angenehm und bereit zu ewiger Treue. Sehr harte Schale, aber ein leicht schmelzender Kern aus feinster Zartbitterschokolade von Hachez!

Reich und frei und skeptisch

Kulturhistorisch ist die eigentümliche Bremer Igelei übrigens nicht verwunderlich: Wir Bremer legen seit jeher großen Wert auf unsere Freiheit. Wir waren immer unabhängig. Gut, der Schwede ist mal eingefallen, nicht der Rede wert, aber noch heute mahnt der samstägliche Horrorstau auf der Kattenturmer Heerstraße in Richtung Ikea Brinkum die Nachgeborenen, dass so etwas bitte schön nie wieder passieren möge.

Wir Bremer waren reich und frei, umgeben von den armen bäuerlichen Niedersachsen, vornehmlich sehr, sehr einfachen Torfstechern und Kuhhirten, denen man als kultivierter Städter schon vor Jahrhunderten nicht über den Weg traute. Im späten Mittelalter lungerten die ungewaschenen Kartoffelzüchter aus den benachbarten Räuberkolonien Delmenhorst, Verden, Osterholz-Scharmbeck oder Rotenburg an der Wümme vor den Toren der weltbekannten Stadt Bremen herum, um selbst gebastelte Kastanienmännchen und Ähnliches auf dem freien Markt vor dem Rathaus zu verkaufen. Steuern zahlen wollte das Bagalutenpack natürlich nicht in Bremen, sondern zu Hause in Niedersachsen – unter diesem Speckgürtelproblem leidet Bremen fiskalisch noch heute, was nicht dazu beiträgt, dass wir Bremer unseren simpel gestrickten Nachbarn mit weniger Argwohn an der leider noch nicht stacheldrahtbewehrten Landesgrenze gegenüberstehen.

Die Verteidigung ihrer Freiheit und Unabhängigkeit gegen Feinde von außen (und gegen ihre eigene Vernunft) hat die Bremer mit der Zeit zu merkwürdigen Menschen gemacht. Wenn jemand an unsere Tür klopft, wird erst mal durch den Spion geguckt. Dann öffnen wir die Tür einen Spalt – nicht ohne sie vorher durch eine kleine Messingkette zu sichern. Und erst wenn wir das Gefühl haben, dass man uns weder überfallen noch eingemeinden möchte, bitten wir entspannt herein zum Tee. Moin-Moin!

Gelten die rund hundert Kilometer nördlich Bremens in einem überteuerten Feuchtgebiet namens Hamburg lebenden und von echten Bremern allenfalls als blasierte Vorstädter verachteten Pfeffersäcke als weltgewandt und offen, so sagt man uns, bei gleicher kaufmännischer Begabung, eher eine abwartende Dickköpfigkeit und ein einfaches Gemüt nach – was natürlich reine Verleumdung ist. Denn selbstverständlich sind auch wir Bremer up'n swutsch. Getreu dem Bremer Motto „buten un binnen, wagen un winnen“ interessieren wir uns für exotische Kulturen und besuchen fremde Länder. Gerne auch mal ungefragt und mit dem Gewehr im Anschlag, wie der Bremer Kaufmann Adolf Lüderitz, der fast ausschließlich aus Abenteuerlust beim Versuch, die Grenzen der Hansestadt Bremen ein wenig auszudehnen, aus Versehen halb Südwestafrika unterjochte. Zum Dank bauten die Bremer dem Erfinder von Deutsch-Südwest 1931/1932 das Reichskolonialehrenmal in den Bürgerpark, einen Riesenelefanten aus dunkelrotem Klinkermauerwerk.

Nur wenige Jahre später, als Kolonialismus nicht mehr ganz so en vogue war, genauer: 1989, beschloss die mutige Bremer Bürgerschaft, sich radikal und demonstrativ von der kolonialen Vergangenheit ihrer Heimatstadt zu distanzieren. Der hässliche Riesenelefant blieb zwar stehen, heißt aber seitdem Anti-Kolonial-Denk-Mal. Na also, auch Bremen kann Weltstadt. Und trotzdem: Wir sind weniger prätentiös und lassen es nicht so raushängen wie die hochnäsigen Franzbrötchen an der Elbe. Unsere Kolonien, unser Selbstbewusstsein, unser Geld, das muss doch nicht jeder mitbekommen. Hamburg, die Schnöselmetropole ohne ernst zu nehmenden Fußballverein, hat zwar bundesweit die meisten Millionäre pro Einwohner, aber direkt auf Platz 2 kommen dann – genau – wir! Da reden wir nur nicht so gerne drüber, und auch die Bremer Geldspeicher sind diskret versteckt in Schwachhausen, einem Stadtteil, der allein schon durch seinen dusseligen Namen die Festgeldkontostände seiner Bewohner gekonnt kaschiert.

Klaus-Bärbel Deutschlands

Beim Thema Millionärsdichte sollten wir kurz ein unschönes Kapitel streifen: Die systematische, an föderales Mobbing grenzende Benachteiligung der Freien Hansestadt an der Weser in bundesweiten Rankings ist schuld daran, dass Bremen vor den anderen Ländern im Bund als, gewissermaßen, Klaus-Bärbel Deutschlands dasteht. Ein skurriler Taugenichts von leicht bedauernswerter Hilflosigkeit – soll man weggucken, helfen oder jemanden rufen, der sich um den Schlamassel kümmert?

Jeder Bremer hat im Schnitt rund 28.000 Euro Schulden. Europaweit können uns da nur die Griechen überbieten. Die stehen pro Kopf mit mehr als 31.000 Euro in der Kreide, haben dafür aber wenigstens reichlich Sonnentage im Jahr und einen quasi geografisch-historischen Bezug zu humanistischen Bildungsidealen. Damit haben wir Bremer es ja auch nicht so. Intellektuell und schulisch, wem es bis hierhin anhand der Lecktüre dises Tektes noch nicht aufgefalen sein sollte, ist Bremen bekanntermaßen seit der ersten bundesweiten Bildungsstudie absolutes, ewig abgehängtes Schlusslicht. Und kaum Besserung in Sicht.

Höhö, doof, aber arm

Bremen hat die dümmsten Schüler, die schlechtesten Lehrer, die miesesten Schulen. Zahlen lügen nicht! Ein sehr gutes Bremer Abitur entspricht einem befriedigenden bayerischen Hauptschulabschluss, ein abgeschlossenes Bachelorstudium an der Universität Bremen ist äquivalent mit einem zweiwöchigen Volkshochschulkurs in Baden-Württemberg. Bremens bildungspolitisches Versagen – nach Veröffentlichung der ersten Pisa-Studie trug der damalige Bildungssenator und Ex-Werder-Guru Willi Lemke (SPD) vor Erschütterung noch tagelang Trauerflor am Schnurrbart – wird im Stadtstaat mittlerweile mit Gleichmut und verhohlener Belustigung zur Kenntnis genommen. Höhö, doof, aber arm. Wie Berlin, nur noch nicht mal sexy!

Politisch kann man gegen all das leider nicht viel machen, denn der Bremer wählt immer sozialdemokratisch, da er sich diffus-traditionell als Werftarbeiter versteht, obwohl in der gesamten Stadt niemand mehr an Schiffen, U-Booten oder irgendwas Maritimem baut. Die unerschütterliche Wählertreue zur SPD ist definitiv nicht politisch fundiert oder durch nennenswerte Erfolge der SPD begründet. Sie wird in Bremen vielmehr von Generation zu Generation weitervererbt und/oder ist per Gesetz vorgeschrieben, das weiß niemand so genau.

Als gesichert gilt jedenfalls, dass die SPD seit dem Zweiten Weltkrieg, also seit achtundsechzig Jahren, jeden Bremer Regierungschef gestellt hat, der hier im Übrigen Bürgermeister und nicht Oberbürgermeister genannt wird und gefälligst eine knuddelig-kultige Politikerkarikatur zum Anfassen und Gernhaben sein sollte. Nur ein anderes Bundesland kann mit derartiger politischer Einfältigkeit mithalten, ironischerweise das von Bremerinnen und Bremern als das exakte Gegenteil von Bremen glühend verachtete Bayern.

Uh, das klingt ja schlimm. Bremen ist doch bestimmt kein Ort, an dem man wirtschaftlich zu Erfolg kommen kann, hier ist doch nix zu holen, denkt jetzt der Laie. Doch schon die jüngere Geschichte zeigt, dass, wenn der argwöhnische Norddeutsche einmal Vertrauen fasst, in Bremen nahezu alles möglich ist, und sei es noch so hanebüchen. Ob ein millionenschweres First-Class-Einkaufszentrum inklusive irrsinnig langweiligem Weltraumthemenpark direkt im größten Problembezirk der Stadt oder eine private Elite-Uni zur Ausbildung der Hedgefondsmillionäre von morgen, die nach wenigen schlecht gewirtschafteten Jahren kein Geld mehr hat und darum von der Allgemeinheit bezahlt werden will: Bremen hat zwar keine Kohle, investiert davon aber gern und reichlich. Mit Vorliebe in Blödsinn. Bayern, das wir – ich weiß nicht, ob ich das schon erwähnt hatte – für unser exaktes Gegenteil halten und glühend verachten, will uns deshalb den Geldhahn zudrehen, den Länderfinanzausgleich auf den Prüfstand stellen, blabla. Niedersachsen hält eine Eingemeindung des störrischen Zwei-Städte-Landes für möglich, wenn Bremen zu Einschnitten bereit sei, sich anpasst, auf Verwaltungsebene kooperiert.

Jaja. Wir Bremer haben ein gutes Gedächtnis. Bevor die Bremer Werften starben und vor dieser unglückseligen Finanzreform 1970, haben wir als Geberland die rückständigen Almdudler jahrzehntelang durchgefüttert. Als der Niedersachse noch heidnischen Göttern sein bestes Schaf opferte, leisteten die Bremer Hanse-Manager mit ihren Koggen in Riga, Bergen oder London schon ihren Beitrag zum Bruttoinlandsprodukt.

Sehen wir mal das Gute: Echte Bremer haben keine Existenzangst. Existenzangst existiert nur außerhalb Bremens. Die Existenz Bremens ängstigt, zugegeben – nur eben nicht uns Bremer. Wir haben uns in unserer Unzulänglichkeit eingerichtet, wissen, was wir können und was nicht. Und haben zudem eine der schönsten Städte Mitteleuropas samt ausgezeichneter Lebensqualität, das darf ruhig auch mal deutlich gesagt werden. Und, ja, das Wetter ist immer schlecht, und jaaaaa, Hamburg ist größer, Klaus Allofs ist nach Wolfsburg gegangen, und der prominenteste in Bremen geborene Politiker ist, jajaja, Jürgen Trittin. Jürgen Trittin! Wissen wir selber. Okay, ja, vielleicht sind wir der bedauernswerte lallende Schrat, der Exot unter den Bundesländern, der werderrockumwickelte Klaus-Bärbel der Bundesrepublik!

Aber, und da kann man jetzt wirklich pathetisch werden: na und? Auf den Türen der Bremer Straßenbahnen standen in den Achtzigerjahren zwei Sätze, die inzwischen zu geflügelten Worten in der Stadt, ja echte Bremer Lebensmotti, geworden sind. Der erste Satz ist gewissermaßen eine universelle Gebrauchsanweisung für das tägliche Leben der Bremer, der zweite Satz ein tröstlicher Mutmacher, wenn es nicht mehr weitergeht: „Eten, supen un pupen, dat mook buten“ und „Bremer kommen immer gut an“.

Was auch immer das bedeutet: Lassen Sie es jetzt bitte auf sich wirken, schlafen Sie eine Nacht drüber, und steigen Sie morgen in einen Zug nach Bremen. Bremen schreibt sich, wie man's spricht: Brem. Wir haben einen prämierten Hauptbahnhof der Bahnhofskategorie 2, und auch wenn Ihnen nach diesem Text nicht danach ist, uns Bremer und unseren bezaubernden Stadtstaat besser kennenzulernen: Wenigstens unseren Bahnhofsvorplatz sollten Sie sich gönnen.---
DER AUTOR
Der Moderator, Autor und Satiriker Jan Böhmermann, geboren 1981 in Bremen-Gröpelingen, schreibt und moderiert seit 13 Jahren fürs Radio und Fernsehen. Um sich einen Eindruck vom Wesen der Bremer zu verschaffen, verbrachte er zur Recherche mehr als 25 Jahre seines Lebens unter eingeborenen Bremerinnen und Bremern - meistens im prekär-maritimen Problemstadtteil Bremen-Vegesack. Noch heute hält er sich regelmäßig und gerne in der Freien Hansestadt auf.