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Klub Dialog

Wie bringt man Kreative miteinander und mit anderen ins Gespräch? Man gibt ihnen eine Bühne.




Im Publikum Irokesenschnitt neben dunklem Dreiteiler, 20-Jährige neben älterem Herrn. Und auch die Menschen, die gleich im Foyer des Theaters Bremen am Goetheplatz eine für diesen Abend aufgebaute Bühne betreten werden, könnten unterschiedlicher kaum sein: ein App-Programmierer, ein Porträtfotograf, zwei Studenten, die in ihrer Freizeit „mit lebensfrohen Aktionen den urbanen Raum gestalten“, wie es in der ausliegenden Faltbroschüre heißt. Und schließlich noch die Mitarbeiterin einer Firma für Sexspielzeug.

Drei Dinge jedoch haben alle Protagonisten gemeinsam: Sie gelten als kreativ, sie leben in Bremen oder Bremerhaven, und sie haben sieben Minuten. Das ist die Zeit, die ihnen der Klub Dialog als Veranstalter gibt, sich hier zu präsentieren.

Klub Dialog? Für diejenigen, die heute zum ersten Mal da sind, geht Adrian Rudershausen ans Mikro. Er arbeitet als freier Redakteur und ist im Vorstand des Vereins für Events zuständig. „Wir sind ein wachsendes Netzwerk der Bremer Kultur- und Kreativwirtschaft“, erzählt der 38-Jährige. „Wir wollen Menschen aus den Teilbereichen eine Plattform bieten, sie zu mehr Zusammenarbeit anregen und dazu beitragen, dass langfristig eine Branchenbildung stattfindet.“

Und dann geht's auch schon los. Auf die Bühne tritt Robert Virkus, ein leicht rundlicher Typ mit Glatze. Auf der Digitaluhr, die neben einem großen Gong am Bühnenrand postiert ist und eben noch 7:00 anzeigte, beginnen die Minuten und Sekunden zu laufen. Der Programmierer führt mit einer Bilderschau durch fünfzig Jahre Computergeschichte – von einer Holzmaus aus dem Jahre 1963 bis zur Hardware der Zukunft, die in Kleidung integriert sein wird. Als seine Zeit um, der Vortrag fertig ist, hat er nicht eine Sekunde Werbung für sein Software-Unternehmen Enough gemacht. Anschließend fragt ihn der Moderator des Abends, der stadtbekannte Poetry-Slam-Organisator Sebastian Butte, warum er als Firmenlogo ausgerechnet eine Schildkröte gewählt habe. „Sie ist ein sympathisches Tier“, antwortet Virkus, „sie ist langsam, kommt aber sicher ans Ziel. Ich muss allerdings zugeben, dass die Idee im Suff entstanden ist.“ Die Leute lachen. Und dann dürfen sie mit Schaumstoffbällchen auf einen Like-it-Button werfen, den ein Mann im hautengen Silberanzug als Zielscheibe hochhält. Silverman, die Stammgäste wissen das, ist festes Pausenritual.

„Erzählt einfach eure Geschichte.“

Die Klub-Dialog-Abende gibt es seit rund zwei Jahren, an wechselnden Orten, einmal im Monat. Der Eintritt ist frei, 150 bis 200 Zuschauer kommen regelmäßig. Jeder aus der Branche darf sich vorstellen: Architekten, Grafiker, Schauspieler, Werber, Schriftsteller, Designer, Musiker, Journalisten. Mal kommen sie auf den Klub zu, mal umgekehrt. Was sie auf der Bühne veranstalten, steht ihnen frei. „Wir raten immer, erzählt einfach eure Geschichte“, sagt Nicole Kahrs, Vorstandsvorsitzende des Vereins und hauptberuflich Projektmanagerin. „Natürlich dürfen sie den Auftritt ganz platt als Werbung nutzen“, fügt Adrian Rudershausen hinzu, „aber einfach eine Powerpoint-Präsentation aus der Schublade zu ziehen, das kommt beim Publikum nicht gut an.“

Die meisten lassen sich eigens für den Auftritt etwas einfallen. Wie Phil Porter: Der junge Fotograf präsentiert sich im Stil eines amerikanischen Präsidentschaftskandidaten, ruft „Ja, wir können!“ und lässt sich von Mitarbeiterinnen feiern, die wie Cheerleader hinter ihm aufgereiht stehen. „Du bist schön!“, jubeln sie und meinen damit auch jeden im Publikum – als Ermunterung, Fotos von sich machen zu lassen. Die Sache hat so viel Dampf und Tempo, dass auf der Uhr noch 1:43 stehen, als die Truppe unter Jubel abtritt.

Weniger schrill geht es bei einer anderen Veranstaltungsreihe des Klubs zu, den Tischgesprächen. Etwa sechsmal im Jahr trifft sich ein Dutzend Teilnehmer im Kellergewölbe des Bremer Wilhelm-Wagenfeld-Hauses bei Leberwurstbroten, Gürkchen, Wein und Bier. Auch hier geht es darum, Kreative zusammenzubringen, die im Alltag oft Einzelkämpfer sind und sich wohl sonst nicht kennenlernen würden. „Reihum erzählt jeder, was er den Tag über gemacht hat, woran er gerade arbeitet“, sagt Nicole Kahrs. „Und vielleicht hat der Texter doch etwas mit dem Musiker gemein, und es lassen sich Berührungspunkte nutzen“, ergänzt Adrian Rudershausen. Gerade in der Unterschiedlichkeit liege die Chance für offenen Austausch und die Bildung eines Gemeinschaftsgefühl, meint Kahrs. „Bei einer Runde mit lauter Werbeleuten würde immer Konkurrenz eine Rolle spielen.“

Zurück ins Theater. Als Nächstes sind zwei Studenten von One Three Three dran. Sie zeigen ein Video vom Tarp Surfing. Das ist Skaten auf und unter einer großen blauen Plastikplane, die sich wie eine riesige Welle wölbt. „Sieht völlig blöd aus“, sagt einer der beiden jungen Männer, „aber Hauptsache, man sitzt nicht nur zu Hause, sondern macht irgendwas, das ist unser Motto.“ Dazu gehört auch eine Rap-Hymne auf Bremerhaven, die gut ankommt.

Auch bei Klaus Sondergeld, der heute in der dritten Reihe sitzt. Er ist Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung Bremen, ohne deren finanzielle Unterstützung es den Klub Dialog nicht gäbe. „Die Wirtschaft hat nicht den Zugang zur kreativen Szene“, sagt der 59-Jährige, „deshalb ist die Arbeit des Klubs als Mittler und Türöffner so wichtig.“ Betreut wird der Bereich Kreativwirtschaft von seinem Kollegen Kai Stührenberg. Er müsse gegen manche Vorbehalte kämpfen, sagt der 48-Jährige: „Wieso fördert ihr die Wollmützenträger?, heißt es oft. Dabei liegt es nicht zuletzt am Klub Dialog, dass die Absolventen der Hochschule für Künste nicht mehr nach Berlin abwandern, sondern sich hier eine Existenz aufbauen. Und dass der Ingenieur die Stelle in Bremen annimmt, weil er hier kreatives Flair vorfindet.“

Der letzte Auftritt des Abends zeigt, wie weit der Verein den Begriff Kultur- und Kreativwirtschaft fasst. Kristy Stahlberg von der Fun Factory steht auf der Bühne. Sie erzählt, dass ihr Arbeitgeber Europas Marktführer für Sexspielzeug aus Silikon ist und 120 Mitarbeiter beschäftigt. Einige Dildos und Vibratoren hat sie mitgebracht – kunterbunte, ungewöhnlich geformte Gummidinger, bei deren Schöpfung ganz sicher Kreativität im Spiel war. Doch der Vortrag der Frau im Hosenanzug bleibt konventionell, der Funke will nicht überspringen.

Manchmal sei es beruhigend, dass da vorn die Uhr ablaufe, sagt Adrian Rudershausen später. Sein Klubkollege Oliver Behnecke findet, dass es ein typischer Abend war: „Es muss einmal grooven und einmal abtörnen.“ Schon tummelt sich alles an den Ständen, wo die Protagonisten des Abends für Gespräche zur Verfügung stehen. Bei der Fun Factory ist jede Menge los, trotzdem.

Was für die Teilnehmer am Ende bei der Sache rumkommt, davon erfährt der Klub allenfalls per Zufall. „Wir hatten mal die Künstlergruppe Doppelpack da“, erzählt Vorstandsmitglied Dirk Beckmann. „Zwei Monate, nachdem sie bei uns aufgetreten waren, hab' ich gesehen, dass sie die Sparkasse am Bahnhof neu gestalten. Da hat bestimmt einer von der Bank bei uns im Publikum gesessen.” ---