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Hanse-Kaufleute

Bremer Händler nutzen ihre Privilegien als Hanse-Kaufleute seit dem Spätmittelalter geschickt aus. Im Hanse-Bündnis selbst engagieren sie sich aber nur, wenn sie sich Vorteile erhoffen: Diese Strategie führt immer wieder zu heftigen Konflikten mit den Partnerstädten – und zu nachhaltigem Erfolg.




Wer im Herbst nach Bremen kommt, trifft bereits am Bahnhof auf die Freiheit. Das große Volksfest, das alljährlich direkt hinter den Gleisen stattfindet und anderswo Wies'n, Kirmes, Wasen oder Dom genannt würde, heißt hier Freimarkt. Man kann den Namen über die Geschichte der Veranstaltung erklären: Der Rummel entwickelte sich aus einem Markt, auf dem seit 1035 fremde Händler ihre Waren anbieten durften. Doch man begegnet der Freiheit in Bremen auch anderswo: Das Einkaufszentrum in der Neuen Vahr heißt Berliner Freiheit, in Bremen-Walle lockt eine Reihe von Firmen in die kleine Straße Dithmarscher Freiheit, im Oktober 2012 erfreute sich Bremen an einem neuen Theaterfestival: „Bremer Freiheit #1“. Ja sicher, wir alle wissen, dass die Freiheit ein hohes Gut ist. Doch die Bremer wissen es besser – sie haben es in ihrer Stadtgeschichte immer wieder bewiesen.

22. April 1400. Elf Segelschiffe der Hanse nehmen Kurs auf Emsland. An Bord der „Friedekoggen“ sind 950 schwer bewaffnete Krieger. Sie wollen eine Piratenbande auslöschen, die die Nordsee unsicher macht: die berüchtigten „Vitalienbrüder“ um Klaus Störtebeker. In der Emsmündung stellen die Hanse-Kämpfer die Piraten, entern ihre Schiffe, töten 80 Seeräuber und werfen sie über Bord. Weitere zwei Dutzend Vitalienbrüder nehmen sie gefangen und lassen sie enthaupten. Obwohl Störtebeker selbst die Flucht gelingt, hat das Hanse-Bündnis, eine Allianz von Kaufleuten aus deutschen Landen, einen wichtigen Teilerfolg gegen die Piraten errungen.

Doch eine der Hanse-Koggen fehlt: diejenige aus Bremen. Die 50 Kämpfer aus der Weserstadt hatten etwas anderes vor. Während die anderen Verbündeten ihr Leben riskierten, machten sie mit ihrem Schiff im Jadebusen Zwischenhalt. Als die Kogge aus Bremen endlich eintrifft, ist die Seeschlacht längst zu Ende. Der Kapitän faselt etwas von „Windstille“. Später kommt der wahre Grund für die Verspätung ans Licht: Statt ihre Bündnispartner zu unterstützen, versuchten die Bremer an der friesischen Küste eigennützig einen neuen Handelsstützpunkt für die Kaufleute ihrer Heimatstadt zu erobern. Das schwierige Verhältnis zwischen Bremen und der Hanse hat einen neuen Tiefpunkt erreicht.

Eine eingeschworene Gemeinschaft – und ein schwieriger Partner

Die Hanse ist die mächtigste Wirtschaftsvereinigung des Spätmittelalters und der frühen Neuzeit. Dutzende Handelsstädte aus Nord- und Mitteldeutschland schließen sich ab dem 14. Jahrhundert unter ihrem Dach zusammen, um für ihre Kaufleute Privilegien zu erstreiten. Die Allianz - ihr Name ist vom althochdeutschen Wort „hansa“ für „Volksmenge“ abgeleitet – eröffnet mehr als 30 Niederlassungen in ganz Nordeuropa und ist bald so einflussreich, dass manche Historiker sie Jahrhunderte später als „Vorläuferin der Europäischen Union“ bezeichnen werden. Warum aber legen sich die Bremer immer wieder mit dem dynamischen Bündnis an? Weshalb spielen sie eine Sonderrolle in der Hanse, ähnlich wie in späterer Zeit die Briten in der EU?

Wahrscheinlich ist es nicht zuletzt ihr Pionierstatus unter den deutschen Fernhändlern, der die Bremer zu einem schwierigen Partner werden lässt: Bereits um das Jahr 1100 machen erste Kaufleute aus Bremen den Wikingern Konkurrenz, die bis dahin mit ihren schlanken Drachenbooten den Handel auf der Nord- und Ostsee kontrollierten. Die Bremer sind eine eingeschworene Gemeinschaft. In Aufzeichnungen aus jener Zeit ist häufig von „Freunden“ die Rede, die gemeinsam mit Waren zur See fahren. Viele einflussreiche Kaufmannsfamilien aus der Weserstadt sind zudem durch Ehen miteinander verbunden und halten zusammen.

Als im Laufe des 12. Jahrhunderts plötzlich Händler aus Lübeck und Hamburg ihre Geschäfte ebenfalls bis nach Skandinavien und England ausweiten wollen, sind den Bremern die neuen Wettbewerber lästig. Erst als sie erkennen, dass die Chancen deutlich besser stehen, wenn alle deutschen Kaufleute in London und Bergen gemeinsam für optimale Handelsbedingungen kämpfen, erklären sie sich zur Kooperation mit den Nachzüglern bereit. Ein Schritt, der sich bezahlt machen wird: Bald gehören bis zu 70 Städte dem Hanse-Bündnis an, hinzu kommen weitere 100 Orte als assoziierte Mitglieder. In London, Brügge, Bergen und Nowgorod eröffnet die Allianz große Kontore, darüber hinaus mehr als zwei Dutzend kleinere Handelsniederlassungen in ganz Nordeuropa.

Die Bremer – zwischen Kooperation und Konfrontation

Der Fernhandel boomt, immer mehr Schiffe der Hanse kurbeln die internationalen Geschäfte an. Doch bei allem Erfolg der Allianz: Häufig ziehen nicht alle Hansestädte am selben Strang. Gerade die erfolgreichen Kaufleute aus Bremen, deren bis zu 27 Meter lange Koggen fast 90 Tonnen Fracht transportieren können – auf dem Landweg bräuchte man dafür 44 Wagen und 176 Pferde – sehen ihre Interessen oft zu wenig vertreten. Denn das Bündnis hat vor allem den Ostseeraum im Blick. Die Bremer Fernkaufleute hingegen erwirtschaften ihre Gewinne traditionell in den Anrainerstaaten der Nordsee. In Norwegen genießen sie seit dem frühen 12. Jahrhundert, als es die Hanse noch gar nicht gab, komfortable Handelsprivilegien, die sie auf keinen Fall gefährden wollen.

Die Hanse-Skepsis vieler Schiffer und Kaufleute an der Weser wird immer stärker. Als das Bündnis 1283 mit einem Handelsembargo gegen Norwegen droht, eskaliert der Konflikt. Die Bremer wollen den Wirtschaftsboykott nicht mittragen. Prompt werden sie im Jahr 1285 von den Partnern „verhanst“, zur Strafe aus dem Bündnis ausgeschlossen. In der Folge halten die Kaufleute aus der Weserstadt freundliche Distanz zur Hanse.

Doch als die Allianz Mitte des 14. Jahrhunderts ihre Muskeln spielen lässt und eine Handelsblockade aller Fernhändler aus deutschen Landen gegen Flandern ausruft, wittern die Bremer hohe Gewinne. Wenige Wochen, nachdem das Embargo in Kraft getreten ist, laufen sie mit ihren Koggen gezielt flandrische Häfen an.

Es ist nicht die einzige Provokation gegen das „Haupt der Hanse“, die einflussreiche Handelsstadt Lübeck. Unter den Augen der Honoratioren von Bremen verkaufen Piraten auf den Märkten der Weserstadt immer wieder Raubgut aus dem Nord- und Ostseeraum. Und manche Bremer Schiffer gehen selbst auf Kaperfahrt, um ausgerechnet Koggen der Hanse zu überfallen. Ein Spiel mit dem Feuer. Schon droht Lübeck mit harten Sanktionen. Ein Handelskrieg liegt in der Luft. Um die Situation zu entschärfen, erklärt sich der Bremer Stadtrat am 3. August 1358 widerwillig bereit, dem Bündnis zu ungünstigen Bedingungen erneut beizutreten. Es ist ein Knebelvertrag, den die Bremer unterschreiben: Sie müssen sich verpflichten, die Hamburger, mit denen sie beim Nordseehandel in direkter Konkurrenz stehen, bei der militärischen Sicherung der Elbe zu unterstützen, ohne dass sie im Gegenzug ähnliche Hilfeleistungen an der Weser zugesagt bekommen. Vor allem aber dürfen sie ihre historisch gewachsenen Handelsprivilegien in Norwegen und Flandern künftig nur noch in Anspruch nehmen, wenn anderen Hanse-Kaufleuten daraus keine Nachteile erwachsen – also so gut wie gar nicht mehr. „Iste litere sunt contra nos“, hat ein Bremer auf die Rückseite der Beitrittsurkunde von 1358 gekritzelt: „Dieses Schreiben ist gegen uns gerichtet.“

Etwa zu dieser Zeit taucht auch zum ersten Mal der Schlüssel im Bremer Wappen auf. Er ist eigentlich ein Symbol des Apostels Petrus, des Schutzpatrons des Bremer Doms. Doch die Bremer widmen ihn um. Bis heute sagt man in Bremen: „Hamburg ist das Tor zur Welt, aber Bremen hat den Schlüssel dazu.“

Schon bald nach dem Zwangsbeitritt wird Bremen in einen kostspieligen Krieg der Hanse gegen den dänischen König Waldemar IV. verwickelt. Es geht um die Vormachtstellung im Ostseeraum, die für die Kaufleute aus der Weserstadt selbst keine Rolle spielt. Doch die Mitgliedschaft bietet auch Vorteile. Denn das Bündnis, das unlängst Kontore in London und Brügge eröffnet hat, gewinnt ständig an Einfluss und beginnt, auch im Nordseehandel noch bessere Bedingungen zu erstreiten, als sie bisher für die Bremer galten. Die Hanse erobert sich weitgehende Handelsmonopole. Die wichtigsten Privilegien ihrer Kaufleute: Da sie oft die einzigen Händler sind, die wichtige Waren wie Getreide in ausreichender Menge ins Land bringen können, müssen sie an lokale Machthaber keine oder nur sehr geringe Abgaben zahlen. Werden Kaufleute der Hanse aber in der Fremde ausgeraubt, haben viele der Fürsten den Schaden zu ersetzen.

In wenigen Jahrzehnten erobert das Bündnis einen Markt, der sich von England und Flandern über Skandinavien bis nach Polen und in russische Fürstentümer erstreckt. Die internationalen Handelsbeziehungen nehmen Dimensionen an, die sich selbst die erfolgreichsten Bremer Handelshäuser vor dem Zwangsbeitritt kaum hätten vorstellen können: Zu Beginn des 15. Jahrhunderts betreiben manche Hanse-Kaufleute mit mehr als tausend Kunden und Partnern regelmäßig Geschäfte. Sie handeln beispielsweise mit bis zu 16 Sorten Tuch, die an mehr als 30 Orten hergestellt werden. Kupfer und Korallen gehören genauso zu ihrem Sortiment wie Datteln, Pfeffer, Wein und Papier, ihr Angebot umfasst aber auch Safran, Zimt und Seehundtran, Rosinen, Nelken, Sauerkraut, Pferde, Gold und Silber.

Der Hanse-Kaufmann – angesehen und vermögend

Schon die Ausbildung der Hanse-Fernhändler ist anspruchsvoll: Ein Teil der kaufmännischen Lehre, die sechs Jahre dauert, muss im Ausland verbracht werden. Manche quartieren sich bei Tuchhändlern in England ein, andere auf dem Landgut eines Bojaren in Russland, schon „umme de sprake to leren“. Wieder andere entscheiden sich für Polnisch als Fremdsprache, für Isländisch, Estnisch oder „Welsch“ (Französisch). Um die Qualität von Spezereien oder von Leinwänden für die Malerei fachmännisch beurteilen zu lernen, hospitieren viele in Handwerksbetrieben. Und nicht zuletzt muss jeder zukünftige Fernhändler die Fertigkeiten eines Seemannes erwerben.

Eine besonders harte Schule, schon weil Hanse-Kapitäne bis ins Spätmittelalter nicht einmal über einen Kompass verfügen. Tagsüber müssen sich die Seeleute in Küstennähe an Hügeln, Flussmündungen und Kirchtürmen orientieren. Nachts dient der Polarstern als Fixpunkt. Wenn der Stern morgens verblasst, muss die Küste bereits in Sichtweite sein – sonst wird die Handelsreise zur Odyssee.

Der Fernhandel bietet attraktive Karrieremöglichkeiten in einer Gesellschaft, die weitgehend vom Ständesystem geprägt ist und in der oft die Geburt darüber entscheidet, wer später mächtig und wer den Mächtigen ausgeliefert sein wird. Als erfolgreicher Handelskaufmann dagegen kann jeder ein Vermögen verdienen – und es damit zum Beispiel in Bremen aus eigener Kraft bis zum Ratsherren bringen.

Doch auch die Risiken sind hoch: Häufig müssen Hanse-Kaufleute Tauschhandel treiben und heikle Kredite gewähren, schon weil zu wenige Münzen im Umlauf sind, um Geschäfte im großen Stil zu ermöglichen. Norwegischen Fischern beispielsweise – die Hanse-Fernhändler nennen sie „kopnoten“ (Kaufgenossen) – überlassen sie hoch im Norden, in der Hafenstadt Bergen, Mehl auf Kredit und erhalten im Gegenzug eine schriftliche Absichtserklärung, dass die Schuldner sie im Folgejahr mit Stockfisch bezahlen werden.

Das sind gefährliche Geschäfte, bei denen man auf die richtigen Partner angewiesen ist. Und immer wieder wird auch betrogen: Oft sind zum Beispiel nur die Fische direkt unterm Fassdeckel von guter Qualität, die weiter unten aber vergammelt. In anderen Fällen werden Luxusgüter mit gefälschten Silbermünzen bezahlt.

Den Fisch verkaufen – und selbst verzehren

Die Hanse kämpft für sichere Handelsstraßen und verbindliche Regeln beim Abschluss von Geschäften. Um sich zu beraten, werden regelmäßig Hansetage einberufen, die meist in Lübeck stattfinden. Dort verständigen sich die Kaufleute auf einheitliche Längen- und Gewichtsmaße für den internationalen Handel. Sie beschließen aber auch Wirtschaftsblockaden und Bündnisse oder rufen zum Krieg gegen Konkurrenten auf.

Was gerade in Bremen so mancher Seemann, Händler oder Bürger wenig schätzt: Die Hanse mischt sich auch bei politischen Krisen in den Städten ein. Im Mai 1366, acht Jahre nach dem Zwangseintritt Bremens, revoltieren Handwerker gegen den Stadtrat. Sie lassen den hölzernen „Roland“, ein Wahrzeichen der Weserstadt, in Flammen aufgehen, plündern Bürgerhäuser und töten zwei Ratsherren. Prompt werden die Rebellen am 24. Juni auf dem Hansetag geächtet – und bald darauf von Schergen der Hanse niedergemetzelt.

Der Bremer Rat – seine Mitglieder tragen kostbare Pelze und Goldschmuck – ist ein Zusammenschluss der reichsten und einflussreichsten Bürger, von denen viele im Handel und Fernhandel tätig sind. Doch obwohl sich die Hanse auf ihre Seite gestellt hat, ist das Bündnis selbst in diesen Kreisen wenig beliebt. Ob die Bremer die Intervention Lübecks, trotz der offensichtlichen sozialen Spannungen in der Weserstadt, als anmaßend empfinden?

Die von der Hanse vorgegebenen Handelsrichtlinien jedenfalls nehmen sie oft als lästige Einschränkungen ihrer Freiheit wahr. Daher betreiben Bremer Fernkaufleute ihre Geschäfte immer wieder ungeniert auch außerhalb der von der Allianz vorgeschriebenen Handelsplätze. Sie genießen die Vorteile im Bündnis, halten sich aber nicht an die Absprachen: Die stolzen Bremer wollen den Fisch sowohl verkaufen als auch selbst verzehren. Der Erfolg scheint diese Strategie zu belohnen. Ende des 14. Jahrhunderts schwingt sich die Stadt an der Weser hinter Lübeck und Köln zur Nummer drei in der Hanse auf. Der Hauptgrund für den Reichtum Bremens in jener Zeit sind die prosperierenden Geschäfte mit Norwegen.

Bremen ist jedoch nicht nur eine Hochburg des Fernhandels – wie viele andere Hansestädte – sondern auch eine wichtige Drehscheibe im Nord-Süd-Binnenhandel. Über die Oberweser gelangen Getreide und Holz nach Bremen, in die entgegengesetzte Richtung werden Luxusgüter wie Wein und Bier, Pelze, Tuch und Erze verschifft. Für die Hanse müssen sich die Bremer Kaufleute da kein Bein ausreißen. Es läuft auch so alles zu ihren Gunsten.

Doch dann verlagern die Piraten um den berühmt-berüchtigten Klaus Störtebeker im späten 14. Jahrhundert ihre Überfälle plötzlich aus der Ostsee in den Nordseeraum, wo die Bremer Kaufleute ihr Kerngeschäft betreiben. Die wirtschaftliche Basis der Weserstadt gerät in Gefahr. Bereits seit Jahren überfielen Störtebekers Vitalienbrüder, eine Piratenbande mit bis zu 2000 Mann, auf der Ostsee regelmäßig Koggen aus Hansestädten. Die Bremer kümmerte das wenig. Vielleicht waren manche Schiffer aus der Stadt an der Weser insgeheim sogar froh, wenn Konkurrenten innerhalb des Bündnisses geschwächt wurden.

Jetzt aber drängt der Bremer Stadtrat darauf, den Verbrechern endlich das Handwerk zu legen. In einem Brief bitten die Bremer die mächtige Hansestadt Lübeck, Kampfschiffe des Bündnisses zu entsenden. Dass im April 1400, als es in der Emsmündung zur Seeschlacht gegen die Piraten kommt, dann ausgerechnet die Kämpfer aus Bremen die Verbündeten im Stich lassen, ist als Provokation kaum zu übertreffen.

Doch die Entscheidungsträger in der Weserstadt scheinen sich um ihren Ruf nicht zu scheren. Voller Stolz errichten sie wenige Jahre nach der vermiedenen Seeschlacht am Marktplatz ein prachtvolles Rathaus in gotischem Stil – das die Unesco im Jahr 2004 zum Weltkulturerbe erklären wird. Und in einem Gedicht aus dem frühen 15. Jahrhundert, das im Ratsdenkelbuch, der Chronik des Bremer Rates, verewigt ist, heißt es: „Die von Bremen soll man loben,/ Sie sind großen Lobes wert,/ Halten Zucht und gute Sitten;/ Viele werden dort genährt./ Von der See bis an den Rhein/ Ist ihr Name wohl bekannt,/ Dass sie ganz vollkommen sei'n,/ Und ein Schatz in diesem Land.“

Wie selbstverständlich beansprucht die Weserstadt innerhalb der Hanse eine Führungsrolle, obwohl auch ihre finanziellen Beiträge an das Bündnis im Laufe des 15. Jahrhunderts immer weiter sinken. Zeitweise erreicht Bremen, was die Zahlungen angeht, gerade noch den zehnten Rang innerhalb der Allianz.

Vereinbart – und wieder ausgeschert

Als das Bündnis Kontrolle und Sicherheit im gesamten Hanseraum weiter erhöhen will, spitzt sich die Situation zu: Auf dem Hansetag von 1418, an dem neben Lübeck und Bremen Vertreter aus 33 weiteren Partnerstädten teilnehmen, wird erstmals eine verbindliche Satzung ausgearbeitet. Unruhestifter in Hansestädten sollen künftig umgehend getötet werden, lautet eine der Weisungen. Das Statut mit insgesamt 32 Artikeln muss in allen Städten des Bündnisses öffentlich ausgehängt werden.

Prompt regt sich in Bremen erneut Widerstand. Eine aufgebrachte Volksmenge steckt den Pergamentbogen mit der Satzung, der an einer Säule des Rathauses befestigt ist, in Brand. In den Jahren darauf nehmen die Unruhen zu. Ein Grund sind Kleinkriege mit friesischen Lokalfürsten, bei denen die Bremer Territorialverluste hinnehmen müssen. Als Sündenbock wird der Bürgermeister Herbort Duckel aus der Stadt gejagt. Doch die Hanse ergreift für Duckel Partei. Und sofort richten sich die Proteste in Bremen nun auch gegen das Bündnis. Am 27. April 1427 schließt Lübeck die Weserstadt erneut aus.

Obwohl die sechs Jahre dauernde Verhansung ihre Wirtschaft schädigt, lassen sich die Bremer nicht einschüchtern: In den 1440er-Jahren führen sie, oft ohne Billigung der anderen Hansestädte, Wirtschaftskriege gegen Holland, Seeland und Westfriesland. Auch als Piraten sind wieder Schiffer aus Bremen auf See.

Mit der Zeit verliert die Hanse an Einfluss. Lange war Bergen, an der Westküste von Norwegen, der von der Allianz vorgeschriebene Handelsort für Nordseefisch. Doch Mitte des 15. Jahrhunderts segeln Fernhändler aus Bremen und Hamburg – gegen die Interessen Lübecks – erstmals eigenmächtig nach Island, zu den Färöern und Shetlands, um ihren Fischbedarf zu decken. Lübeck kann seine Autorität nicht durchsetzen und muss schließlich auch für die heimischen Kaufleute den Islandhandel freigeben.

So zahnlos die Hanse bei wirtschaftlichen Konflikten mittlerweile agiert, so stark bemüht sie sich, ihren Einfluss anderweitig zu vergrößern. Im 16. Jahrhundert will Lübeck sogar beim Thema Religion in den Hansestädten mitreden. Um 1550 predigt der calvinistische Feldpfarrer Albert Rizäus Hardenberg im Dom von Bremen. Der Mann mit der Hakennase und dem langen Bart begeistert sowohl Handwerker und Bürger als auch Ratsherren für seine Glaubensrichtung. Die lutheranische Mehrheit in Bremen will Hardenberg aber loswerden. Im Februar 1561 verbannen ihn die Lutheraner aus der Stadt. Doch die Calvinisten schlagen zurück und erobern Schlüsselstellungen in Stadtpolitik und Kirche. Rund 150 lutheranische Bürger verlassen unter Protest ihre Heimatstadt. Die Hanse nimmt Partei gegen die Calvinisten und schließt Bremen am 4. Januar 1563 zum dritten Mal aus dem Bündnis aus.

Doch der Stern der Hanse sinkt. Als die Weserstadt 1576 wieder in die Allianz zurückkehrt, sind englische Kaufleute bereits ins Allerheiligste eingedrungen: Sie haben in Hamburg - mitten im Hanseraum - eine Niederlassung gegründet.

Feiern und spenden – typisch bremisch

Die Reichen und Mächtigen in Bremen stört das wenig, fühlen sie sich den Handelskaufleuten aus ihrer Heimatstadt doch seit jeher viel stärker verbunden, als denjenigen aus den Partnerstädten. Bereits 1545 gründeten Bremer Fernhändler und Schiffer den Sozialfonds „Arme Seefahrt“, der später unter dem Namen „Haus Seefahrt“ bekannt wird. Vom Wert jeder Schiffsladung behalten sie für die Invaliden sowie die Witwen und Waisen der Seeleute aus der Weserstadt Prozente ein: Die erste Sozialversicherung in ganz Europa entsteht, sie existiert bis heute. Und sie feiert sich: Einmal im Jahr kommen kaufmännische und seemännische „Schaffer“ und Personen des öffentlichen Lebens zusammen, um bei der üppigen Schaffermahlzeit Spenden für die Stiftung zu sammeln.

Auch im „Schütting“, dem Versammlungslokal der Bremer Kaufmannschaft, das einen Ehrenplatz direkt gegenüber dem Rathaus einnimmt, wird gefeiert. Im 16. Jahrhundert geben die Handelskaufleute hier als Ausdruck von Lebenslust und Selbstbewusstsein glanzvolle Bankette. Besonders glamourös ist die „Große Kaufmannskost“, zu der alle zwei Jahre nach dem Tag der Heiligen Drei Könige geladen wird. Bis zu 300 Mitglieder der Kaufmannschaft prassen dann zwei Tage lang auf Kosten der Standesorganisation. Sie verspeisen Ochsen, Wild, Schweine, Geflügel, Stockfisch, Mandelmus und Wickelkuchen, dazu leeren sie 15 große Fässer Bier. Trinksprüche werden ausgebracht, Pokale kreisen, von Zeit zu Zeit donnern in der Eingangshalle Böllerschüsse aus den Kanonen eines Schiffsmodells.

Die Seefahrt ist ein saisonales Geschäft, im Winter widmen sich die Fernhändler anderen Tätigkeiten. In Bremen sind sie in der Schiffergesellschaft aktiv. Ab 1561 öffnet sich der einflussreiche Verband auch für Kaufleute an Land – wodurch sich „viel Capital und Intelligenz concentriert“, wie ein Chronist notiert. Auch die Selbsthilfeorganisation "Arme Seefahrt" entwickelt sich – neben ihrer Funktion als Sozialfonds – immer stärker zu einer Lobby-Vereinigung der Bremer Kaufleute. Wozu also brauchen die Bremer noch die Hanse?

Die Hanse ist tot – es lebe die Hansestadt Bremen

Zumal seit dem 15. Jahrhundert die meisten Handelsprivilegien des legendären Bündnisses verloren gehen und es sein Prestige weitgehend einbüßt. Manches ist selbst verschuldet: So übernimmt die Hanse wichtige Neuerungen wie die doppelte Buchführung, die in Italien schon lange bekannt ist, viel zu spät. Doch es liegt auch an der stärkeren internationalen Konkurrenz, besonders durch Fernkaufleute aus England. Alle Hansestädte, die sich – im Gegensatz zu den Bremern – vor allem über ihre Mitgliedschaft im Bündnis definiert haben, geraten immer stärker ins Hintertreffen.

1669 beruft die Allianz einen Hansetag ein, den ersten seit 40 Jahren. Neben Lübeck und Bremen nehmen gerade sieben weitere Städte teil. Die Funktionäre der Hanse fassen auf diesem Treffen keinen einzigen bedeutenden Beschluss. In der Folge verläuft die Geschichte des Bündnisses im Sande. Nicht einmal zur Auflösung reicht es, so marginal ist die Bedeutung geworden.

Die eigenwilligen Bremer aber, die selbst in Phasen der Kooperation mit den Partnern immer ihre Freiheit und ihren Profit im Auge hatten, erwirtschaften weiterhin Gewinne. Die Stadt an der Weser prosperiert auch im 17. und 18. Jahrhundert als Hochburg der Seefahrer, Handwerker und Kaufleute. 1741 erlangt Bremen gar den Status der Reichsfreiheit. Und bereits zur Zeit des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges, in den 1780er-Jahren, knüpfen die Bremer erste Handelskontakte in Nordamerika. Bald darauf entwickelt sich ein reger Überseehandel, der sich schnell auf weitere Regionen ausdehnt. Handelsvolumen und Gewinne nehmen noch einmal neue Dimensionen an.

Ironie der Geschichte: Die Stadt an der Weser, die auf ihre Zugehörigkeit zu diesem Bündnis nie großen Wert gelegt hat, nennt sich ab 1813 stolz „Hansestadt Bremen“. Zu diesem Zeitpunkt ist das mächtige Hanse-Bündnis bereits rund 150 Jahre mausetot. Es kann die Freiheit Bremens nicht mehr gefährden. ---