Menschen in Bremen

Das Stadtmotto „buten un binnen – wagen un winnen“ („draußen und drinnen – wagen und gewinnen“) wird gerne als Leitspruch beherzter Kaufleute betrachtet. Der zentrale Begriff ist allerdings nicht „Kaufleute“. Sondern beherzt.




Wer sich in Bremen verlieben will, sollte bei den Menschen anfangen. Sollte mit Rolf Diehl auf dem schönsten Hochhaus Bremens stehen, sich mit Jürgen Schmidt eine Portion des Besten vom Eisbein teilen oder sich von Gülsen Sariergin davon überzeugen lassen, dass auch Bremerhaven eine Reise wert ist. Der sollte mit Patrick Wendisch vom Hanseatischen schwärmen, mit Adem Hacikerimoglu durch eine der ärmsten Straßen der Stadt laufen oder mit Christina Hagedorn Kakao trinken. Wer sich in Bremen verlieben will, sollte, kurz gesagt, nicht die Stadt entdecken - sondern das Leben in ihr.

Sicher, der Stadtstaat ist zum Teil hübsch anzusehen und gut zu durchschlendern. Lässt man den Bahnhof hinter sich, dessen Vorplätze ein eher osteuropäisches Flair verbreiten - nach Süden im 60er-Jahre-Stil mit schmucklosen Bürohäusern und einer Hauptstraße auf Stelzen, nach Norden in einer 2000er-Anmutung mit Mehrzweckhalle im EU-Förderungs-Design - wird es bald recht attraktiv. Im Süden liegt zwischen der Weser und den grünen Wallanlagen die historische Innenstadt, an die das sogenannte Viertel anschließt, in dem die Alternativ- und Kulturszene blüht. Im ruhigeren Norden lockt der riesige Bürgerpark und der Stadtwaldsee - dahinter ist die Stadt zu Ende. Autobahn. Acker. Man könnte sagen: Hier beginnen die Probleme der Stadt.

Die Freie Hansestadt ist nur rund 16 Kilometer breit. Das macht sie attraktiv für Fußgänger, Radfahrer und Freunde des ÖPNV, für Besucher und Einwohner, die nicht ständig im Auto sitzen wollen. Man kennt sich, und man kennt sich schnell aus. "Ja", erklärt ein Gesprächspartner nach dem anderen, "Bremen ist ein Dorf mit Straßenbahn". In dem beliebten Spruch erklingen die Widersprüche der Bremer Seele: der Stolz, aber auch die Bescheidenheit, das Wissen um den eigenen Wert, aber auch das Gefühl, nur die Kleine zu sein. Neben der Großen. Neben Hamburg. Die Ambivalenz passt an dieser Stelle allerdings gut, denn die bescheidene Größe ist ebenso Vor- wie Nachteil. "Man traut Bremen nichts zu, weil es klein ist", sagt Patrick Wendisch. "Aber wenn man klein ist, strengt man sich auch mehr an."

Patrick Wendisch ist einer der Geschäftsführenden Gesellschafter der Lampe & Schwartze KG, einem der größten privaten deutschen Versicherungsvermittler im maritimen und industriellen Bereich. Die Firmenzentrale liegt direkt an der Weser. Vom obersten Stockwerk hat man einen weiten Blick den Fluss hinab. Am Ufer gegenüber liegen die "Roland von Bremen", der Nachbau einer Hansekogge, und das "Pannekoekschip", ein schwimmendes Pfannkuchenrestaurant.

Die Geschäftsräume von Lampe & Schwartze sind dezent elegant eingerichtet, viel Holz und dicke Teppiche, sehr hanseatisch. Das entspricht der Tradition des Unternehmens, das 1858 gegründet wurde und auf dessen Geschichte Wendisch sichtbar stolz ist. Er macht aber auch sofort klar, was dieses Erbe für ihn bedeutet: "Wenn wir heute noch nur das tun würden, was wir vor 100 Jahren getan haben, würde es uns nicht mehr geben. Wir können unsere Tradition nur aufrechterhalten, wenn wir uns immer wieder neu erfinden. Ein Teil unserer Tradition ist die Innovation."

Deshalb ist Lampe & Schwartze heute nicht nur der größte deutsche Schiffskasko-Assekuradeur, sondern auch der größte deutsche Versicherungsvermittler für Wasserbaustellen und Kaffee sowie (mit der Tochter Nordwest Assekuranz) für erneuerbare Energien, aktuell vor allem Offshore-Windkraft. Hinzu kommen, wie Wendisch sagt, "maßgeschneiderte" Versicherungen: für Seile von Hängebrücken (beispielsweise der Hamburger Köhlbrandbrücke), Schwimmdocks, der Montage von Satelliten und so weiter.

Und ständig entwickelt der Mittelständler etwas Neues: Seit einiger Zeit zertifiziert Lampe & Schwartze über eine Tochtergesellschaft Sicherheitspersonal auf Schiffen, das als Schutz vor Piraten mitfährt. Ganz neu ist eine Police zur Absicherung von Problemen mit neuen Produkten, zum Beispiel für Offshore-Windturbinen: Wenn ein neues Modell nicht funktioniert, weil es etwa zu klein ist, wenn es also einen "inneren Mangel" hat, sind die Kosten versichert, die der Kunde hat, um den Mangel zu beseitigen. Ein Schutz gegen Konstruktionsfehler. Offshore, erklärt Wendisch, sei alles sehr teuer, und so sei die Einführung von Innovationen stets riskant. Diese Versicherung helfe, den Offshore-Markt voranzubringen, weil sie die Risiken für Investoren verringere.

Lampe & Schwartze ist typisch bremisch: ein Rekordhalter aus dem Mittelstand, den jenseits der Branche und der Stadtgrenzen kaum einer kennt. Ein unbekannter Sieger. Von denen gibt es hier Dutzende. Auch sonst brummt Bremen. Der Überseehafen in Bremerhaven ist einer der größten Containerterminals Europas, das Bremer Werk der Daimler AG das zweitgrößte Mercedes-Benz-Werk weltweit, das Stahlwerk von ArcelorMittal eines der produktivsten Europas. Hinzu kommen eine große Lebensmittelindustrie, Windkraft-Anlagen vor Bremerhaven, riesige Logistiker. Und so weiter. Nur auf Bremens Ruf hat all das überhaupt keinen Einfluss: Der Stadtstaat gilt als Armenhaus Deutschlands. Und das macht Patrick Wendisch ein wenig fuchsig.

"In der Wirtschaftskraft, den Gewerbeerträgen und dem BIP", sagt der 55-Jährige, der auch einige Jahre in der Bremer Bürgerschaft gesessen hat und bis 2007 Präses der Handelskammer Bremen war, "ist Bremen auf derselben Höhe wie Mecklenburg-Vorpommern. Die bremische Wirtschaft ist stärker als die von Island und Lettland zusammen. Und trotzdem wird Bremen als Gnom behandelt, der sich bitte schön einem anderen Bundesland anschließen soll. Das geht gegen unsere wirtschaftliche Bedeutung, aber auch gegen unsere Seele." Der Ärger ist begründet. Das harsche Urteil über das Bundesland allerdings auch: Bremen hat mehr als 20 Milliarden Euro Schulden, das sind rund 28 000 Euro pro Kopf. Bundesrekord.

Bremen hat ein Problem - sein Umland

Das Problem ist allerdings nicht hausgemacht. Die Wurzel für diese Mischung aus wirtschaftlichem Erfolg und hoher Verschuldung wurde 1969 gelegt. Bis dahin zahlten Arbeitnehmer ihre Steuern am Arbeitsort, fortan wurden sie am Wohnort entrichtet. "Wenn wir die Steuern aller Menschen hätten, die in Bremen arbeiten, aber in Niedersachsen leben", sagt Patrick Wendisch, "würden wir zirka 300 Millionen Euro mehr einnehmen. Und das ist nur die Lohnsteuer! Die Einkommensteuer der Unternehmer, die hier ihre Firma haben, aber im Umland wohnen, sind dabei noch nicht mal erfasst. Das wären für Bremen, schätze ich, noch mal 100 Millionen Euro im Jahr. Denn schließlich zahlen die obersten 20 Prozent der Steuerzahler 67 Prozent der Steuern. Ein ordentlicher Teil solcher hohen Einkommensbezieher wohnt im Umland, und das kostet uns viel mehr, als wenn ein Normalverdiener rauszieht. Ganz zu schweigen von den Geringverdienern, die sich kein Häuschen im Grünen leisten können, aber hohe Sozialkosten erzeugen."

Geografie ist Schicksal, sagt man. Und an der Weser hat das Schicksal extrem zugeschlagen. Bremen ist nicht nur das kleinste deutsche Bundesland, sondern auch das elliptischste. Die Enden sind dünn und ausgefranst, wer dort wohnt, kann genauso gut einen Acker weiter leben - und damit in Niedersachsen. Das ist kaum hilfreich, um sich als Bremer zu fühlen.

Hinzu kommt, dass der Stadtstaat Bremen auch Bremerhaven umfasst, mit etwas mehr als 113 000 Einwohnern die größte deutsche Stadt direkt an der Nordsee. Bremerhaven ist 53 Kilometer von Bremen entfernt, also eher eine Kolonie als ein Stadtteil - mit der Regionalbahn fährt man von Bremen nach Bremerhaven fast genauso lange wie nach Hamburg. Das klassische Großstadtgefühl, bei dem sich alle Teile eines Ortes auf ein Zentrum beziehen, ist in der Hansestadt rar. Und das setzt sich selbst im Stadtkern fort - aber das hat nichts mit der Geografie zu tun.

"Bremen ist keine Stadt, in der sich verschiedene Welten mischen", sagt Christina Hagedorn. "Hier leben alle für sich. In Schwachhausen wohnen die Wohlhabenden, in Oberneuland ist das alte Geld verankert. Walle, Tenever und die Neue Vahr sind arme Viertel. Je weiter man rausfährt, umso ärmer wird es." Wir sitzen im Café des Theaters am Goetheplatz. Rote Stühle vor kleinen Tischen, gepflegtes Tuscheln. Der Kakao ist angenehm dickflüssig. Es ist früh am Abend, aber das Café ist bereits gut besucht.

Christina Hagedorn hat eine beeindruckende Laufbahn hinter sich: Sie ist Schauspielerin, Theaterpädagogin, Personal- und Managementtrainerin, sie hat Yoga gelehrt, fürs Radio und einen TV-Shopping-Kanal gearbeitet. Zurzeit macht sie eine Logopädie-Ausbildung. Die Mittvierzigerin wurde in Frankfurt geboren und ist lange als Schauspielerin von Stadt zu Stadt gezogen, bis sie vor zwölf Jahren nach Bremen kam. Natürlich wohnt sie im "Viertel".

Im Bremer Viertel, zu dem Teile der Stadtteile Ostertor und Steintor gehören, leben die Studenten, Künstler, Lebenskünstler und Akademiker. Hier befindet sich alles, was eine Großstadt von einer Kleinstadt unterscheidet: eine bunte Restaurant- und Kneipenszene, eine ebensolche Kulturszene, spezielle Buch-, Lebensmittel-, Mode- und Schnickschnackläden, Psychologen, Heilpraktiker, esoterische Praxen, Büros von Initiativen aller Art.

Und dann ist das Viertel auch noch schön. Das verdankt es vor allem den vielen "Bremer Häusern", mehrstöckigen Reihenhäusern, die in der Hansestadt seit Mitte des 19. Jahrhunderts bis in die Zwanzigerjahre gebaut wurden: Über dem halbhohen Untergeschoss, in dem früher in der Regel Gewerbe untergebracht war, liegen im Hochparterre und darüber großzügige Wohnungen mit hohen Decken, Erkern und verglasten Veranden. Solche Häuser kennt man aus den teuersten Szenevierteln Londons, und so wirkt das Bremer Viertel mit all seinem bunten Treiben manchmal wie die Vision eines naiven Malers vom coolen London 1969. Wenig überraschend: Die Immobilienpreise in diesem Teil der Stadt sind in den vergangenen Jahren enorm gestiegen.

Als Christina Hagedorn vor zwölf Jahren ins Viertel zog, wollte sie für acht Monate bleiben, die Länge einer Fortbildung. Als sie dann durch Bremen spazierte, war sie von der entspannten Atmosphäre begeistert. "Das war wie auf Kur." Schnell lernte sie nette Leute kennen, die, genau wie sie, alles Mögliche taten. "Es ist hier ganz normal, verschiedene Jobs zu haben." Das hat natürlich auch mit dem begrenzten Markt zu tun: Freiberufler müssten zur Akquise oft in andere Städte fahren, erzählt Hagedorn.

Vor allem Heilberufe sind stark vertreten. "Bremen scheint Menschen anzuziehen, die so etwas wichtig finden." Im Veranstaltungsmagazin Mix findet man neben den üblichen Kulturprogrammen auch feste Rubriken zu Fortbildung und Gesundheit. Das alles klingt nach einem alternativen Paradies. "Tja", sagt Christina Hagedorn und lacht, "kürzlich sprach ich mit einem Mädchen aus der Neuen Vahr. Die sagte, sie würde nicht ins Viertel fahren - da sei es doch so gefährlich."

Das ist in der Tat lustig, denn die Neue Vahr ist eines jener Nachkriegs-Neubauviertel, vor denen deutsche Bürger neuerdings ein bisschen Angst haben. Davon gibt es in Bremen einige: Zwischen 1945 und 1969 hat sich die Bevölkerung fast verdoppelt, und so wurde eine ganze Reihe Großwohnsiedlungen hochgezogen. Allein in der Neuen Vahr im Osten Bremens entstanden zwischen 1957 und 1962 knapp 12 000 Wohnungen, alles praktische Blockbauten. Die stellten damals das Ideal des modernen Wohnens dar, gelten heute jedoch als Synonym für soziales Elend. Wer diese Vorstellung weiter pflegen will, sollte solche Siedlungen aber besser nicht besuchen, schon gar nicht die Neue Vahr: Man kann dort leicht vergessen, dass man sich eigentlich fürchten wollte.

Ein Lehrstück über die Kraft der Architektur

"Wir haben hier mehr Bäume als im Bürgerpark", sagt Rolf Diehl, während wir auf dem Dach seines Hauses stehen, dem Aalto-Hochhaus. Das von dem finnischen Architekten Alvar Aalto entworfene 22-stöckige Gebäude, das 1961 fertig und 1998 unter Denkmalschutz gestellt wurde, ist das Wahrzeichen der Neuen Vahr. Diehl lebt dort seit sechs Jahren. Und seit fast vier Jahren produziert er unter dem Titel "VAHReport" Filme über seinen Kiez. Zweimal im Monat geht er damit im Bremer Bürgerfernsehen Radio Weser.TV auf Sendung, außerdem stehen rund 1500 Filme auf seiner Website. Diehl weist auf die großzügigen Grünflächen und Seen hin. Die Landschaftsarchitektur, sagt er, sei vor mehr als 50 Jahren erdacht worden, und erst jetzt, nachdem die Natur genug Zeit zum Wuchern hatte, entfaltet sie ihre volle Wirkung. Von oben sieht die Neue Vahr wie eine Gartenstadt aus.

Der 72-Jährige und seine Frau wohnen im zweiten Stock, in einer Wohnung ohne rechte Winkel, die größer wirkt, als sie ist, und, wie alle Wohnungen im Haus, einen Balkon nach Westen hat. Kein Wunder, dass für dieses Haus Besucher aus aller Welt nach Bremen kommen: Von den humanistischen Grundideen bis zu kleinsten Details ist der Bau ein bewohnbares Lehrstück über die Kraft der Architektur. "Wir haben lange außerhalb Bremens gelebt", erzählt Diehl, "und als wir zurückkehrten, war es uns egal, wohin wir ziehen - bloß nicht in die Vahr! Wir hatten Bilder im Kopf, die viele Menschen noch haben. Lange gab es hier nur Beton und Matsch. Die Bauphase war sehr kurz, doch die Umgebung wuchs nicht mit. Früher gab es keine Bäume, alles sah kahl aus. Aber dann kamen wir her, betraten diese Wohnung und meine Frau sagte: 'Hier gehe ich nicht mehr weg.'"

Rolf Diehl ist gebürtiger Bremer. Er hat Kellner gelernt, ein Restaurant geführt und einen Partyservice. Irgendwann begann er, andere Gastronomen zu beraten, bis er schließlich nur noch als Berater und Führungskräftetrainer tätig war. Fast 20 Jahre hat er mit seiner Frau ein Trainingszentrum im Bremer Umland betrieben. Als er in Ruhestand ging, suchte er eine neue Aufgabe. "Ich bin ins Bürgerzentrum und habe gesagt, ich wolle etwas Ehrenamtliches machen. Die hörten sich an, was ich vorher getan habe, und sagten: 'Guter Mann, Sie sind für uns überqualifiziert, lassen Sie sich bitte selbst etwas einfallen.'" Er fand schnell heraus, dass mehr als 70 Organisationen in der Vahr aktiv sind, aber kaum über sie berichtet wird. Also zog er mit seiner Kamera los. Wer heute etwas über die Neue Vahr wissen will, sollte nicht Sven Regener fragen, sondern Rolf Diehl.

Die Neue Vahr ist den Weg der meisten Großsiedlungen gegangen: Gebaut wurde sie als wahr gewordener Traum eines besseren Lebens mit modernen Wohnungen, lokalen Einkaufszentren und nahe gelegenen Schulen. In den Achtzigerjahren stieg sie zum sozialen Brennpunkt ab. Als die Stadt gegensteuerte, entwickelte sie sich zu einem guten Wohnviertel für sozial Schwächere. Aber was ist es denn nun, was das Leben hier auszeichnet? "Nun ja", sagt Rolf Diehl, "die Ruhe spielt sicherlich eine Rolle. Und dass wir in einer Art Park wohnen. Aber vor allem, dass man hier gleichzeitig alleine und in einer Gemeinschaft leben kann. Es gibt ein starkes Gemeinschaftsgefühl. In den vergangenen Jahrzehnten war es hier nicht nur schön. Aber die Vahraonen haben durchgehalten. Und ganz wichtig war dabei die Gemeinschaft."

Kein Platz für große Köpfe großer Herren

Bremen ist eine Hansestadt. Das wird gerne mit Handelsstadt gleichgesetzt, aber das ist nicht dasselbe. Die Hanse war nicht nur eine Gemeinschaft der Städte, wie wir in der Schule gelernt haben, sondern auch der Kaufleute in den Städten. Statt auf eigene Rechnung zu arbeiten, gründeten die Hansekaufleute Gesellschaften, für die sie gemeinsam das Kapital stellten, das Risiko trugen und deren Gewinne sie teilten. Hinzu kommt, dass die Hanse vor allem auf dem Seeweg tätig war - und auf Schiffen ist kein Platz für große Köpfe großer Herren. Man schläft in unterschiedlichen Quartieren, aber am Ende wird jeder gebraucht, hat seinen Platz, ist Mitglied einer Gemeinschaft. Und das prägt das Leben.

Vielleicht ist das auch ein Grund dafür, warum der Bremer seinen Wohlstand bis heute gerne teilt. 2011 gab es in der Hansestadt 306 Stiftungen. Die älteste ist "Haus Seefahrt", die 1545 zur Unterstützung arbeitsunfähiger Seeleute gegründet wurde. Seit 1865 kümmert sich der Bürgerparkverein um den Bürgerpark, den größten privat finanzierten Stadtpark Deutschlands. Die Kunsthalle wird vom Kunstverein Bremen getragen, das Weserburg Museum für moderne Kunst von einer Public-Private-Partnership. Es gibt Stiftungen zur Förderung der Forschung und der Wissenschaft, der Kunst, der Familien und der Schulen. Es wird Senioren geholfen und Müttern und sozial Schwachen und Kindern. Und das ist auch gut so, denn in Bremen ist die Not groß und Hilfe nötig: Fast jedes dritte Kind im Bundesland lebt in Armut, der Anteil der Hartz-IV-Empfänger lag Ende 2012 bei fast 14 Prozent - bundesweit beträgt er etwa die Hälfte.

Weltstadt Bremerhaven

In Bremerhaven gelten sogar mehr als 22 Prozent der Jugendlichen und jungen Erwachsenen als arm, das ist in Deutschland der Spitzenwert. Und doch wirkt es nicht so, als beträte man einen Slum, wenn man die Stadt an der Nordsee besucht. Das Stadtbild ist grau, aber das war es wohl auch schon in besten Zeiten: Große Teile der Stadt wurden im Zweiten Weltkrieg zerstört und in den folgenden Jahrzehnten praktisch, aber wenig dekorativ wiederaufgebaut. Heute gibt es sogar Architektur zum Staunen: das Klimahaus zum Beispiel, ein interaktives Museum, das wie ein UFO aussieht, oder das wie ein geblähtes Segel gebaute Atlantic Hotel Sail City. Man ahnt bei seinem Anblick, dass neben dem enorm erfolgreichen Container-Hafen und der Fisch verarbeitenden Industrie, dem größten Cluster der Branche europaweit, der Tourismus ein weiteres Standbein der Region werden soll.

"Besucher aus anderen Städten", sagt Gülsen Sariergin, "haben erst mal Vorurteile: Bremerhaven ist eine arme Stadt, grau und so weiter. Aber nach zwei, drei Tagen werden sie unruhig. Und wenn ich dann frage, was los sei, antworten sie: ,Könnten wir vielleicht noch ein paar Tage länger bleiben?' Wissen Sie, wir haben hier das Wasser, man kann durchs Watt laufen, die ganze Region ist so schön. Dann das Klimahaus, kulturell ist viel los, wir haben das Theater im Fischereihafen, Thieles Garten und den Zoo am Meer, überhaupt viel für Kinder. Und vor allem wundern sich die Besucher über die Freundlichkeit, wie nett die Leute hier sind. Ich sage immer: Weltstadt Bremerhaven."

Gülsen Sariergin arbeitet nicht bei der Tourismusförderung, sie ist Unternehmerin. Und wenn es stimmt, dass jede Stadt die Unternehmer hat, die sie verdient, können wir von Bremerhaven viel lernen. Mit 20 gründete die heute 33-Jährige ohne Kapital einen Pflegedienst. Knapp 13 Jahre später betreibt ihre "NordseePflege" mit 155 Angestellten neben dem ambulanten Pflegedienst drei Häuser für betreutes Wohnen. Alle Häuser sind ausgebucht, es gibt Wartelisten, weitere Projekte sind in Planung. 2014 wird die NordseePflege in Bremerhaven ein Mehrgenerationenhaus eröffnen, in dem neben Alten- auch Studentenwohnungen angeboten werden. "Vielleicht hat der eine oder andere Student sogar Lust, auf 400-Euro-Basis im Haus zu jobben", erklärt die Chefin enthusiastisch.

Ja, das ist Unternehmergeist. Aber es ist noch viel mehr. Gülsen Sariergin ist eine Visionärin, eine Frau mit unglaublicher Energie, die Menschen mitreißt und keine Angst kennt. Das kommt wohl aus ihrer Geschichte. Die in Bremerhaven geborene Türkin war das schwierigste von fünf Kindern, sie galt als Delikanli, als Wildblut, und wurde deshalb mit sieben auf ein Internat in der Türkei geschickt. Eigentlich sollte sie nur ein Jahr bleiben, doch es wurden fast zehn. "An so einem Ort lernen Sie Menschenkenntnis und soziale Kompetenz", sagt sie heute.

Zurück in Deutschland war das Spitzen-Abi eine Kleinigkeit, die Welt stand ihr offen. Doch sie blieb in ihrer Heimatstadt, lernte Krankenschwester und sah ihren Beruf bald als Berufung. Nichts konnte sie aufhalten: Als ihre Nordsee-Pflege nur schleppend anlief, betrieb sie nebenher eine Würstchenbudenkette. Und als sie keinen Kredit für ihr erstes Haus bekam, schaffte sie es, alle geplanten Wohnungen vorab zu vermieten, sodass die Bank schließlich mitmachte.

"Einer der Gründe für meine Selbstständigkeit war, dass es im Krankenhaus keine Motivations- und Kommunikationskultur gab", sagt Gülsen Sariergin. "Es wurde nicht miteinander gesprochen, nicht gelobt, nicht reflektiert." Das macht sie ganz anders. "Jeder Mensch hat eine EDV: seine Erziehung, seine Denkweise, sein persönliches Verhalten. Und meine Aufgabe ist es, die EDV jedes Mitarbeiters zu verstehen, um die Menschen zu erreichen. Ich schaue danach, was der Einzelne besonders gut kann und versuche, das zu stärken." Ihre Führungskräfte kommen alle aus dem eigenen Haus, niemand wird als leitender Angestellter eingestellt. Zurzeit sind die Leitenden übrigens alle Frauen.

Ein Schwerpunkt der Firma sei die Versorgung älterer Migranten, erzählt Sariergin, und so arbeiten Menschen aus 17 Nationen im Unternehmen, die mit den Alten in ihrer Muttersprache reden können. Menschen aus Portugal, Spanien, Litauen, dem Libanon, der Türkei . "Moment mal, es sind 18 Nationen. Deutsche haben wir auch noch."

Ihr persönlicher Werkzeugkoffer, wie sie die eigene EDV nennt, ist mit türkischer und deutscher Kultur gefüllt. "Meine deutschen Wurzeln geben mir Organisationstalent, Disziplin, Verantwortungsbewusstsein, Durchhaltvermögen und Ehrgeiz, die türkischen sorgen für Flexibilität, Risikobereitschaft, Herzlichkeit und die Fähigkeit, den Tag zu nehmen, wie er ist. Dieser Werkzeugkoffer ist auch für mich als Unternehmerin enorm wichtig." Dem Land Niedersachsen war ihr Tun im vergangenen Jahr den Integrationspreis wert.

Bremerhaven und Bremen sind Hafenstädte, also traditionelle Einwandererstädte. Manche Menschen sehen Migranten vor allem als Problem, das sind meist Leute, in deren Nachbarschaft nur Müllers, Meiers, Krügers und, na gut, vielleicht ein Kaminski wohnen. Nichts gegen die Müllers. Aber wer im Alltag eher bunt lebt, unter Menschen unterschiedlicher Herkunft, schätzt bald die Vielfalt. Nicht nur wegen des leckeren Essens aus aller Welt - auch wenn die Gastronomie wichtig ist. Es sind vor allem die großen Herzen, die einen einnehmen.

Ein türkischer Muslim rappt mit Rechtsradikalen

Adem Hacikerimoglu hat auch so eines. Er ist ein umfangreicher Mann mit einer sanften Stimme und einem üppigen Bart. Wir treffen uns am Hauptbahnhof und fahren mit der Straßenbahn zu seinem Arbeitsplatz. An einer Haltestelle wird der 32-Jährige von einem zwölfjährigen Jungen erkannt. Der Junge winkt strahlend.

Adem Hacikerimoglu ist Erzieher. Er arbeitet hauptsächlich in einer Tagesgruppe, bietet aber im Rahmen der "Sozialen Stadt", dem Bremer Programm zur Förderung von benachteiligten Stadtteilen, auch Projekte im Stadtteilbüro an. Sein Arbeitgeber ist die Stiftung Alten Eichen von 1596, Bremens älteste Kinder- und Jugendhilfeeinrichtung. Sie berät an acht Standorten Kinder, Jugendliche und Familien, zudem betreibt sie Kinder- und Jugendwohngruppen. Eine Bremer Institution. Das Stadtteilbüro in Huchting liegt in einer recht friedlich wirkenden Wohnstraße. Doch der Eindruck täuscht. "Als vor ein paar Jahren in Frankreich Autos gebrannt haben, haben auch ein paar in Bremen gebrannt", erzählt Hacikerimoglu. "Und die Hälfte davon in dieser Straße."

Das Büro ist in einem Ladenraum untergebracht und mit praktischen Stühlen und Tischen recht karg eingerichtet. Das wird aber durch die Bilder an den Wänden, die alle von Kindern gemalt oder gesprayt wurden, ausgeglichen. 90 Prozent der Kinder und Jugendlichen, die sich in diesem Büro treffen, haben einen Migrationshintergrund, doch die Bilder mit Bremens Wappen, dem Roland und anderen Sehenswürdigkeiten verraten eine tiefe Verbundenheit mit der Stadt. Einige sind sehr gut. Ein zwölfjähriger Deutschrusse hat enorm präsente Boxhandschuhe gemalt. "Ja, der ist sehr begabt", sagt Hacikerimoglu, "aber in der Schule hat er große Probleme."

Die hatte der türkischstämmige Erzieher früher auch. Seine Eltern schickten ihn deshalb auf ein Militärinternat in der Türkei, was ihm tatsächlich half, sein Leben in den Griff zu bekommen. Zurück in Bremen, lernte er Schlosser und wurde als Klassenbester von Klöckner eingestellt, einem weltweit tätigen Metallhändler, der ein großes Zweigwerk in der Hansestadt betreibt. Er war gerade 21, als seine Frau, eine gebürtige Dresdnerin, das erste von inzwischen fünf Kindern bekam - und mit seiner Tochter änderten sich schlagartig auch seine Interessen.

Hacikerimoglu kündigte den gut bezahlten Job und fing eine Ausbildung als Erzieher an. Sein letztes Praktikum absolvierte er in einem Freizeitheim, wo er ein Rap-Projekt mit Jugendlichen aus der rechten Szene entwickelte. Keine simple Sache: ein türkischer Muslim mit einer Gruppe Rechtsradikaler. "Aber wenn du als Erzieher keinen Ärger willst, hast du den falschen Job", sagt Hacikerimoglu und lacht. Das Projekt lief sehr gut. Mit den Jungs von damals ist er noch heute freundschaftlich verbunden.

Seitdem gehören Rap-Kurse zur Kernkompetenz des Bremers. Er hat Kids in diversen Projekten beim Rappen gecoacht, einige Projekte wurden ausgezeichnet, die Jugendlichen standen auf echten Bühnen, vor wichtigen Leuten, vor vielen Zuschauern. Ein enormer Erfolg für kleine Menschen aus kleinen Verhältnissen.

Natürlich rappt Hacikerimoglu auch selbst. Mit 25 hatte er sogar einen Plattenvertrag bei einem großen Label in Aussicht. Doch dann bekam er Krebs und sah es als Zeichen - statt mit Hip-Hop beschäftigte er sich fortan mit dem Islam. Inzwischen hat er seinen Haddsch gemacht, die Pilgerfahrt nach Mekka, von der er selig erzählt. Ein bisschen rappt er trotzdem noch. Und ab und zu sprayt er auch Graffiti.

Adem Hacikerimoglu ist das, was ein Stadtteil braucht, der arm ist und bewohnt von Menschen mit Problemen: ein muslimischer Buddha. In einigen Migrantenfamilien herrschen noch immer die alten Regeln der Heimatländer, vertreten von Patriarchen, für die Gewalt gegen Kinder zum Alltag gehört. Arbeitslosigkeit ist ein großes Problem, und wenn dann noch Alkohol hinzukommt, kann das Leben eines Kindes sehr schwer werden. Da ist es gut, wenn jemand Halt gibt. "Diese Kinder sind keine Problemfälle", sagt Hacikerimoglu. "Sie brauchen einfach nur einen Menschen an ihrer Seite. Wir, die wir hier arbeiten, sind ihre Coaches, ihre Lebens-Coaches. Ich habe doch auch einen: meine Frau."

International, zukunftsfähig, exzellent

Adem Hacikerimoglu lebt gerne hier, nur manchmal findet er die Stadt etwas eng - wenn er sich wegen seines muslimischen Bartes mal wieder eine dumme Bemerkung anhören musste. Das kommt durchaus vor, auch im weltoffenen Bremen. Dabei prägen viele Menschen nicht deutscher Herkunft das Stadtbild, oft sind sie jung und sprechen ein breites Bremisch - das sind die Kinder der Einwanderer, die in der Zeit kamen, als es mehr Arbeit gab als Menschen, die sie haben wollten. Der Blick der Stadt, hatte Patrick Wendisch gesagt, sei stets in die Ferne gerichtet gewesen - aber die Ferne hat offensichtlich auch gerne zurückgeblickt.

Heute gilt das besonders für Studenten. Bremen hat viel Geld in seine Ausbildungsstätten investiert. Und das mit großem Erfolg: Die Universität Bremen mit ihren 19 000 Studenten und 1800 wissenschaftlich Beschäftigten ist im Rahmen der Exzellenzinitiative aufgrund ihres Zukunftskonzeptes als eine von elf Unis bundesweit zur Exzellenz-Universität gekürt worden, hinzu kommen mehrere Exzellenzeinrichtungen. Die Hochschule ist sehr international ausgerichtet, genau wie die private Jacobs University, an der knapp 1400 Menschen aus 108 Nationen in der Lehrsprache Englisch studieren. Und die Hochschule Bremen, an der rund 8000 Studenten Wirtschafts-, Natur-, Sozial- und Ingenieurswissenschaften studieren, bietet in Kooperation mit diversen Universitäten in aller Welt sogar Doppeldiplome an, für die Teile des Studiums in der Hansestadt und im Ausland absolviert werden müssen.

Bremen flüstert: Mach mal Pause!

Und dann gibt es neben all den Einwanderern und Studenten auch noch die Touristen. Bremen ist unauffällig. Während sich ähnlich große und sogar kleinere Städte wie Leipzig, Hannover oder Kassel mit Messen oder Kunst profilieren, fehlen in Bremen die großen Ereignisse. Auch Markenzeichen im Format des Kölner Doms, des Brandenburger Tors oder gar der Elbphilharmonie passen nicht zur Bremer Zurückhaltung. In der Stadtmitte steht der Roland, eine Figur aus dem Mittelalter, die früher vielerorts die städtische Freiheit symbolisiert hat, und eine Statue der Bremer Stadtmusikanten, die bei aller Bescheidenheit geradezu albern winzig ist. Ende der Wahrzeichenliste.

Gut, es gibt die Überseestadt, die wie die HafenCity in Hamburg mit moderner Architektur am Wasser beeindrucken soll, aber bisher leider noch ähnlich zugig und recht kahl ist. Die ist wohl kaum der Grund, warum vor allem deutsche Touristen immer wieder gerne nach Bremen fahren.

Bremen ist klein. Kompakt. Gemütlich. Stadt gewordener Mittelstand. Ohne große Worte oder große Gesten. Nichts brüllt einem entgegen, wie toll es ist, hier zu sein. Keine Aufregung wie in Berlin. Kein Reichtum wie in Hamburg. Kein Karneval wie in Köln. Und auch die Münchner Kokser fehlen. Bremen ist entspannt. Und lädt wohl wie keine andere deutsche Großstadt zum Schlendern ein. Die Innenstadt ist von drei horizontalen Linien in handliche Teile zerschnitten. Im Norden wird sie von den Bahngleisen begrenzt, im Süden von der Weser. Und dazwischen halbiert der parallel verlaufende Stadtgraben das Areal: An dem schmalen Gewässer ziehen sich Grünstreifen entlang, die nach all den Museen und den historischen Bauten kaum hörbar flüstern: Mach mal Pause. Alles ist gut.

Direkt am Stadtgraben liegt Grashoffs Bistro. Es ist ein Feinkostgeschäft, wie man es früher in vielen deutschen Großstädten fand, heute aber nur noch selten. Jeder Kunde bekommt seinen eigenen Verkäufer, der sich mit dem Sortiment auskennt und, wenn es ein Stammkunde ist, auch mit dessen Leben. Es ist Gänseleber im Angebot und Wein, Käse und feiner Aufschnitt. Aber vor allem eine große Auswahl an hausgemachten Produkten. Das ist auch der Grund, weshalb Grashoff überhaupt noch existiert. "Allein mit dem Geschäft wären wir nicht mehr da", erklärt Jürgen Schmidt. "Alles, was wir früher verkauften, gab es woanders auch. Wir hatten ein paar Spezialitäten, aber das reichte nicht aus. Interessant wurde es, als wir das Bistro eröffnet haben. Da konnte man dann die Weine probieren. Wir hatten ja einen Tresen."

Grashoff eröffnete 1872 einige Straßen weiter, in einem Haus, das es heute nicht mehr gibt. 1900 übernahm Jürgen Schmidts Großvater Johann Georg das Geschäft, heute führt es Jürgen Schmidts Sohn Oliver. Ein echtes Familienunternehmen. Nach seiner Lehre arbeitete Jürgen Schmidt ein Jahr bei Fauchon in Paris, damals eines der besten Delikatessengeschäfte Europas. Von dort brachte er neben vielen Erkenntnissen und Erfahrungen auch eine große Liebe zum französischen Bistro mit. 1968, dem Jahr der kleinen Revolutionen, eröffnete er seinen eigenen kleinen Imbiss, anfangs mit nur einer Handvoll Tischen. Im heutigen Geschäft ist das Bistro fast so groß wie der Laden.

Nicht skurril, nicht absurd - einfach Bremen

Wir sitzen an einem kleinen Tisch, und Jürgen Schmidt lächelt, als wüsste er genau, dass dies das beste Leben ist, das er führen könnte. Eigentlich wollte er Physiker oder Astronom werden, aber "der Weg des Feinkosthändlers", wie er sagt, war ihm letztlich näher. "Und es ist ein sehr schöner Beruf geworden, weil wir anders arbeiten als alle anderen. Alles, was wir selber machen können, machen wir selber. Und für alles andere entwickeln wir zumindest die Rezepturen. Zum Beispiel für die Nudeln. Oder unser Champagner: Das ist ein Cuvée, das es sonst nicht im Handel gibt." Schmidt schätzt, dass sie heute etwa 50 eigene Produkte bundesweit vertreiben. Doch als er aufzählt, 35 Konfitüren, 20 Schokocremes, Saucen, Essig, Öle, wird schnell klar, dass es wohl eher doppelt so viele sind.

Dann geht es ans Probieren. Dieses Nussöl mit diesem Apfelessig? Ein Gedicht! Und diese Cornichons? Großartig! Grashoff hat auch hauseigene Cognacs und Brände im Angebot. Einen 30 Jahre alten Cognac. Aber da müsste man erst etwas essen, um eine Basis zu schaffen. Die Leber ist leider aus, also teilen wir uns eine Portion "Das Beste vom Eisbein". Nomen est omen, wie man so sagt. Dann die Brände. Lecker. Aber erst der Cognac! Kein Wunder, dass Loriot hier Stammgast war. Der Platz vor dem Geschäft wurde inzwischen offiziell zu Loriotplatz umbenannt. Jürgen Schmidt lächelt. "Ohne ein Genießer zu sein", sagt er, "kann man das hier nicht machen."

Jürgen Schmidt fotografiert auch. In seinem Buch "Wenn man es glaubt, ist es noch schöner" hat er 1979 "Lichtbilder", wie es auf dem Cover heißt, von Menschen in Paris und London veröffentlicht. Menschen auf der Straße, auf Märkten, in Parks. Typen, aber nicht skurril, Charaktere, aber nicht absurd. Die amüsante Würde des Menschen in seiner Unterschiedlichkeit. Und das, das ist Bremen.

Hier findet man Halt - und einen Cognac

Es gibt Städte, die haben ein Programm. Die sind voller Leuchttürme und Events, Sehenswürdigkeiten und Attraktionen, und wenn ein Mensch versucht, danebenzustehen, kann er nur verlieren. Diese Städte machen die Menschen klein.

Dann gibt es Städte, die grau sind und dünn und geduckt, mit Höhepunkten, die nur für die Einheimischen Höhepunkte sind. In diesen Städten fühlen sich die Menschen oft ebenso grau, dünn und geduckt. Dazwischen gibt es die Städte, die bei "Europa in zehn Tagen" nicht mitspielen, aber etwas zu bieten haben und im Wettbewerb mit all den anderen Städten stehen, die sind wie sie. Diese Städte sind wie der kleine Wohlstand, der die Menschen unzufrieden macht, weil sie etwas erreicht haben, aber nie genug.

Und dann gibt es Bremen. Das nicht auf Nachbars Garten schaut, sondern lieber in die Ferne. In dem man sich nicht mischt, sodass jeder bleiben kann, wie er ist. In dem die Gemeinschaft so selbstverständlich ist, wie der Wert jedes einzelnen Mitglieds. In dem die Haltlosen vielleicht einen Halt finden - und einen Cognac. Kurz: eine Stadt im menschlichen Maßstab.

Jürgen Schmidt sagt: "Man kann alles, wenn hinter dem, was man tut, Leidenschaft steckt."

Christina Hagedorn sagt: "Ich bin wegen der Menschen geblieben und weil ich hier eine große Geborgenheit empfinde."

Rolf Diehl sagt: "Die Bremer sind zurückhaltend und misstrauisch, aber wenn sie Sie erst mal haben, dann sind sie sehr treu."

Gülsen Sariergin sagt: "Die Basis für alles ist die Liebe zum Menschen."

Adem Hacikerimoglu sagt: "Das Schöne an Bremen ist, dass die Menschen hier auf ihr Herz hören."

Aber keiner drückt es hanseatischer aus als Patrick Wendisch: "Ich bin nicht undankbar für das Schicksal, dass ich hier mit meiner Familie gut leben und arbeiten kann."

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Nachtrag: Das Bremer Landgericht verurteilte Frau Sariergin im November 2016 wegen systematischem Abrechnungsbetrug zu einer Gefängnisstrafe von fünf Jahren. Sie hatte im Lauf des Verfahrens gestanden, in den Jahren 2009 bis 2016 in über 900 Fällen vorsätzlich nicht erbrachte Pflegeleistungen in Rechnung gestellt zu haben. Den Kassen und Sozialträgern entstand dadurch ein Schaden von rund 600.000 Euro.