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Notizen aus Niederbayern

Niederbayern ­ das steht für eine vitale Wirtschaft und fleißige Menschen. Aber was genau bedeutet das? von Wolf Lotter




VON UMZÜGEN UND KLEINEN KRISEN

Ich kann nicht behaupten, dass ich gerne umziehe. Aber ich tue es relativ oft. Ein Kollege hat mir bereits vor einigen Jahren den von ihm beanspruchten Titel des Norddeutschen Meisters im Umzug freiwillig überlassen. Eine noble Geste, aber empirisch wasserdicht. Immer fällt mir der schöne Satz aus Wilhelm Buschs "Plisch und Plum" ein: "Schön ist es auch anderswo / und hier bin ich sowieso."

Das Leben ist eine Frage des Standpunkts. Aber wie es einem selbst dabei geht, ist eine Frage des Standorts. Für einen Journalisten ist das zunächst eine gar nicht so wichtige Frage. Denn ob man nun in einem Penthouse in Hamburg-Eppendorf vor dem Computer sitzt oder im Halbkeller in Berlin-Friedrichshain, ist wurscht. Landschaftliche Reize zählen weniger. Wichtig sind profane Dinge des Umfelds: ein Telefonanschluss, nach Möglichkeit DSL-Verfügbarkeit und, wenn's geht, ein regelmäßiges und schnelles Verkehrsmittel in der Nähe, ICE-Bahnhof oder Flughafen. Autobahn ist auch nicht schlecht. Aus diesem Anspruchsmix ergibt sich selten eine reizvolle Gegend. Irgendwann nimmt unsereins das auch nicht mehr gelassen hin. Dann kommt man in ein Alter, in dem einem das ständige Nur-auf-die-technische-Ausstattung-Gucken auf die Nerven geht. Man kriegt als Umzugsmeister eine kleine Krise. Ist das alles? Ein Schreibtisch mit DSL-Anschluss?

In einer solchen geografischen Sinnkrise bekommt man die merkwürdigsten Vorschläge. Leute empfehlen Szeneviertel und Vororte, geben Geheimtipps, die keine sind ­ vorzugsweise Berlin-Schöneberg ­ und raten, öfter mal auszugehen. Ich lerne gerne Menschen kennen, aber nicht nach Programm. Denn was man da so zu Gesicht bekommt, sind Leute, die in Großstädten leben und so tun, als wohnten sie nicht in einem Mietshaus, sondern auf einem Erbpachthof. Dieselben Leute machen sich auch leicht Sorgen um allgemeine Weltprobleme und die Globalisierung. Das kann man verstehen. Globalisierung bedeutet aber nicht, ständig in die gleiche Eckkneipe zu gehen, um dann mal vier Tage nach Mumbai oder fünf nach Sáo Paulo zu fliegen. Globalisierung ist, wenn wir den Nachbarn verstehen wollen. Zum Beispiel den Niederbayern. Das lohnt sich.

PREISSN, PIEFKES UND ERWACHSENWERDEN

Ich bin in einer kleinen Stadt in Österreich aufgewachsen, und diese Stadt ist mir furchtbar auf die Nerven gegangen. Es war ein normales Provinzkindschicksal: umgeben von Erwachsenen, die sich nichts anderes vorstellen konnten, als nach 40 Jahren in Rente zu gehen. Dann kamen große Städte: Wien, Hamburg, Berlin. Alle drei haben etwas gemeinsam: Sie werden vorwiegend von Menschen bewohnt, die aus der sogenannten Provinz geflohen sind. Wer zureist, lernt in Wien, Hamburg, Berlin Leute aus verschiedenen Bundesländern kennen, nur keine Wiener, Hamburger oder Berliner. Sie alle erzählen sich die gleiche Geschichte ­ wie froh sie sind, dass sie in der Großstadt leben. Irgendwann glauben sie das auch.

Das Land-Annehmen ist eine Frage des Erwachsenwerdens. Das dauert heute gelegentlich länger und besteht darin, dass man sich nicht von Leuten, die nicht verstehen, was man tut, ins Bockshorn jagen lässt, sondern einfach macht. Das geht in Wien, Hamburg, Berlin. Und auch in Niederbayern. Das ist übrigens mindestens so schwierig wie Mumbai. Das historisch gewachsene und stabile Verhältnis zwischen Österreichern und Bayern ist das, was man überall zwischen Nachbarn beobachten kann: Man hasst den Nächsten gründlicher und nachhaltiger als den Rest der Welt. Das funktioniert im Kleinen wie im Großen, bis ein Dritter auf der Bildfläche erscheint, den die Kontrahenten noch weniger leiden können.

Was Österreicher und Bayern angeht, fällt diese Rolle naturgemäß den Preußen zu. Ein "Preiß" oder, wie die Österreicher sagen, "Piefke", ist ein Lebewesen, das nördlich von Würzburg lebt. Diese Grundhaltung ist bekanntermaßen nicht gerade eine Einladung, nach Bayern zu ziehen. Nur München, von den Bayern ohnehin längst aufgegeben und zur offenen Stadt erklärt, bietet sich an. Dort gibt es ja fast keine Münchener mehr, kaum Bayern, sondern Leute, die so tun als ob. Wer in einer Schwabinger "Kneipe", wie man heute auch hier die Wirtshäuser nennt, Leute aus Nordrhein-Westfalen hört, die versuchen, bayerisch zu reden, entwickelt ein gewisses Verständnis für ethischen Separatismus. All das geht mir durch den Kopf, als ich im Sommer 2007 hierherkomme. Zu Besuch. Vorerst.

ERSTER TAG: IM ERDINGER MOOS

Wer nach Bayern kommt, und das mit dem Flugzeug, sieht zuerst das Erdinger Moos. Dort liegt der Flughafen, der den Namen Franz Josef Strauß trägt. Um ehrlich zu sein: Das Erdinger Moos ist eine Gegend ohne jeden Reiz, außer man hat ein Faible für eine total flache, von Schotter und Kies getragene Landschaft. Doch vielleicht ist das, wenn man genauer hinsieht, schon eines dieser Vorurteile. Wer sich nämlich nicht, wie die meisten heute, beim Hinschauen mit dem Nächstgelegenen beschäftigt, der erkennt schnell: Das Erdinger Moos ist eigentlich eine Arena. Wer mitten in ihr steht, sieht im Süden ein wunderbares Alpenpanorama. Und wer Richtung Osten fährt, wie wir das tun, ist überrascht von dem, was sich nach wenigen Kilometern bietet: eine wunderbar weiche, hügelige Landschaft, in der kleine Dörfer und Höfe mal in sanften Mulden, mal auf Höhenrücken stehen, wie hingekleckst mit einem Pinsel. Es gibt diesen sehr populären Toskana-Vergleich, der immer dann rausgerückt wird, wenn irgendwo Hügel auftauchen. Aber hier stimmt er. Nur besser als das Original.

Das Vilstal ist schön, auch dann, wenn man meistens an einem Schreibtisch sitzt. DSL hat hier übrigens fast jeder. Ich werde ein paar Monate später, in der Nähe von Vilsbiburg auf einem schönen Hügel sitzen und mein Notebook rausfischen, eigentlich nur, weil ich keine Karte dabeihabe. Das ist dekadent, zugegeben, aber hier technisch problemlos möglich, denn trotz der scheinbaren Abgeschiedenheit ­ ich sitze ohne Sicht auf irgendein Haus ­ habe ich drei Funknetze im W-LAN-Verzeichnis. Der Niederbayer ist nicht technologiefeindlich.

Zufälle gibt es sowieso nicht. Nach drei Stunden schauen wir uns mit Freunden ein Haus an, das zur Vermietung steht. Ein gutes Haus in einem kleinen Ort, fast direkt an der Grenze zwischen Nieder- und Oberbayern. Aber eindeutig niederbayerisch. Das Haus ist prima, die Landschaft ist wunderschön, und der Flughafen ist nah genug, um die Vorzüge der Mobilität zu nutzen. Aber dann kommen sie doch, die Erinnerungen an Niederbayern.

BAVARIA INFERIOR, EINS UND ZWEI

Niederbayern ­ Bavaria Inferior. Inferior heißt eigentlich nichts weiter als unten, niedrig eben. Solange ich das Land nicht kannte, klickte in meinem Kopf immer die lateinische Fassung Niederbayerns auf. Inferior. Umgangssprachlich sagt man auch: unterentwickelt. Scheinbar bestätigte sich das durch zwei Erlebnisse vor Ort. Vor gut zehn Jahren war ich, auf Höhe Deggendorf und auf der Fahrt von Wien nach Hamburg befindlich, in einen Autohof geraten. Dort wollte ich Kaffee trinken. Um offen zu sein, machten der Laden und die Gäste auf mich den Eindruck, als ob sie die niederbayerische Variante von Quentin Tarantinos "From Dusk till Dawn" einstudieren würden.

Dieses Erlebnis fand auf der Grundlage eines noch weiter zurückliegenden Eindrucks statt. Nochmals zehn Jahre früher war ich als junger Journalist den falschen Versprechungen heimtückischer Pressesprecher auf den Leim gegangen. Damals lockte man unbedarfte Nachwuchspublizisten mit Dingen, die heute abscheulich klingen, weil sie es sind, etwa einem Flug mit dem firmeneigenen Learjet. Bis man es mal gemacht hat, klingt das toll. Das Ziel sollte eine der modernsten Lagerhallen der Welt sein. Der Learjet-Pilot flog Richtung München, dann Richtung Augsburg, startete wegen des dortigen dichten Nebels nochmals durch und flog wieder nach München zurück. Firmenjets sind eng und laut. Allen war schlecht. Vom Flughafen München wurde der traurige Haufen dann per Mietwagen durch die niederbayerische Landschaft ans Ziel gebracht. Es war ein Hochregallager.

Das Hochregallager war das wichtigste und schönste Spielzeug, das Ende der achtziger Jahre für Vertriebsmanager zur Verfügung stand. Ich sehe das anders: Ein Hochregallager ist eine der trostlosesten Sachen, die Technik je hervorgebracht hat. Roboter und Aufzüge bringen Dinge in ein Lager mit hohen Regalen, klasse, und sie legen die Sachen, die sie bringen, in ein Regal, in dem noch Platz ist, Wahnsinn! Also nicht alle roten Lampen ins Regal für rote Lampen, sondern die eine rote Lampe in ein Regal, sagen wir, Nummer 319, die nächste rote Lampe kann aber in Nummer 11 landen, weil der Computer "weiß", wo sie liegt.

Merkwürdigerweise fanden solche Hochregallagervorführungen, bei denen Vertriebsmanager mit roten Backen immer wieder begeistert "Schauen Sie mal, wo er das wieder ablegt?! Ist das nicht toll!" riefen, meistens in Niederbayern statt. Irgendwo bei Regensburg, Landshut, Deggendorf, kurz nach Passau oder bei Dingolfing. Seit diesen grauen bis grauenhaften Tagen hatte sich bei mir zweierlei verfestigt: Es ist nicht so toll, wie die Leute glauben, wenn man in einem Firmenjet fliegen darf und, noch wichtiger: Niederbayern besteht praktisch ausschließlich aus Hochregallagern mit pausbäckigen Vertriebsmanagern. Will man da hin?

Aber die Leute sind zauberhaft. Sie sind nicht pausbäckig, nicht leicht zu begeis-tern, sie sind da, sie sind praktisch. Wahrscheinlich würde ich mir heute, erwachsen geworden, auch hier ein Hochregallager bauen, wenn ich eines bräuchte. Wo sonst? Wir sind keine drei Stunden vor Ort, schon klingelt das Telefon. Fragen wir jetzt nicht, wie meine Nummer an den Taxiunternehmer kam, der anruft und mir ein Angebot unterbreitet: Wenn ich öfter zum Flughafen muss, macht er mir einen guten Preis, falls ich hierher ziehe. Würde ihn freuen, sagt er. Das ist famos. Wer in Wien, Hamburg, Berlin gelebt hat, wartet auf die Servicegesellschaft. Hier tut man das nicht, sie ist längst da. In den Großstädten redet man von Netzwerken, hier existieren sie. Es gibt nichts, was nicht geht, weil man darüber redet.

Ein Fliesenleger, ein Schreiner, ein Gärtner, ein Metzger, ein Automechaniker. Alles Leute, die einen kennen, der einen kennt, jemanden, der etwas anzubieten hat, das man wirklich braucht, und zwar jetzt. Fantastisch. Die Vorstellung, man träfe hier, in dieser von ahnungslosen Großstädtern verächtlich Provinz genannten Gegend auf Provinzielles, zerschlägt sich schnell. Die Läden sind proper und ausnehmend gut geführt. Das Kaufhaus des Westens, das KaDeWe, neben dem ich meine letzten Monate in Berlin zugebracht habe, vermisse ich nicht. Landshut ist eine vielseitige und auf Qualität gebrachte Einkaufsstadt. Als wenige Monate nach meinem Umzug ein neuer Computer meines Haus- und Hoflieferanten auf den Markt kommt, frage ich ­ aus alter Gewohnheit ­ erst in der Berliner, dann in der Hamburger, schließlich in der Münchener Filiale an. Lieferzeit zwei Monate, sagt man mir, im besten Fall. Mein Landshuter Händler kann sofort liefern. Ich fahre 20 Minuten bis in seinen Laden, der Kaffee steht schon auf der Theke.

REDEN, SCHWEIGEN

Der Niederbayer redet dann, wenn er etwas weiß. Das ist ein gewaltiger Unterschied zum Oberbayern, der auch redet, wenn er nichts weiß, und dem Diktum des SPD-Chefs Kurt Beck folgt: "Darüber habe ich erst nachgedacht, als ich es gesagt habe." Das muss nicht zwingend schlecht sein, aber der Niederbayer hat es lieber so: erst denken, dann reden. Wenn er dann redet, ist er nicht einsilbig. Er hat ja etwas zu erzählen. Was auffällt: Es wird sehr wenig gejammert. Das sonst übliche, republikweit eingeübte rituelle Bedauern der eigenen Existenz findet hier nicht statt. Es gibt stattdessen Worte wie dieses: Zufriedenheit. Das findet sich wieder in der Phrase "passt schon". Das bedeutet nicht: egal, sondern einfach: in Ordnung, so wie es ist. Passt schon hören wir oft, etwa, wenn wir beim Obstbauern die Äpfel bezahlen wollen, aber es passt schon. Wenn sie geschmeckt haben, ist es gut.

Nun sind die Niederbayern sehr gute Kaufleute. Ihre wichtigste Währung ist die soziale. Man kauft bei den Leuten ein, die man kennt ­ das ist allerdings wirklich wichtig. Anfangs fahre ich ahnungslos über die oberbayerische Grenze, die unweit meines Hauses verläuft, und kaufe dort in einem Supermarkt ein, den es auch in der Kreisstadt in Niederbayern gibt. Darauf sprechen mich meine Nachbarn höflich an. Das mag man als Bevormundung missverstehen, ist aber nur ein weiterer guter Tipp, denn schnell stellt sich heraus: Wer einkauft, wo man es empfiehlt, hat Vorteile. Zum Beispiel den, dass selbst in Supermärkten Mitarbeiter noch ins Lager gehen, um eine schon aus dem Verkauf genommene Saison-Ware auszupacken und zu holen. Das gäbe es anderswo einfach nicht.

Münchener? Großstädter also ­ nun ja, man lebt mit ihnen. In Landshut fahre ich zum Baumarkt und parke, wie es sich für einen Menschen mit Landshuter Kennzeichen gehört, brav dort ein, wo Platz ist. Dann kommt ein Münchener mit seinem Fünfer. Er presst sich ­ vollkommen sinnlos ­ in eine winzige Lücke. Dann kriegt er die Tür nicht mehr auf. Fünf Landshuter sehen zu. Als der Münchener ­ mit rauchenden Reifen ­ schließlich Leine zieht, schaut mich einer der Landshuter an und sagt: "Er kann ja nix dafia." "Ja", sagt eine Frau, die zugesehen hat. Zwei andere nicken. Genau. Denn das ist erstens wahr und zweitens eine freundliche, wenngleich unvermissverständliche Einordnung des Großstädters. Er kann nichts dafür. Außerdem kauft er hier ein. Passt schon.

Geschäfte. Hier liefen immer schon die Fäden zusammen, durch Niederbayern mussten sie alle, die aus dem Norden, aus dem Süden, dem Osten und dem Wes-ten. Das Land ist bunt durchgemischt, aber nicht multikulturell in einem abstrakten Sinn, wie er in den Metropolen immer wieder bemüht wird. Das Land ist nicht xenophob, fremdenfeindlich, dazu sind einfach zu viele Fremde da. Auch viele aus den neuen Bundesländern, die hierhergekommen sind.

Eine von ihnen erzählt an der Tankstelle im reizenden Vilsbiburg, an der sie arbeitet, dass hier die erste Gegend war, wo man sie nicht Ossi genannt hat. Hier bleibt sie, gute Leute, sagt die Frau. Es ist ein Klischee, dass die Bayern nichts mit Fremden zu tun haben wollen. Was sie nicht mögen, ist das, was man nirgendwo auf der Welt mag: die Leute, die einfach kommen und sich benehmen, wie sie es von irgendwoher gewohnt sind ­ Menschen mit einem relativ gering ausgeprägten sozialen Gespür also. Wer es schon für provinziell hält, wenn man sich mit ,Grüß Gott' grüßt, kann gern in der Stadt bleiben und seine Vorurteile pflegen ­ über die Globalisierung und die Bayern.

ORDNUNG, ORDNUNGSHÜTER, ORDNUNGSHERSTELLER

Am Rande des Ortes, in dem ich nun lebe, gibt es eine Mülldeponie. Dort regiert Herr Franz. Herr Franz ist ein kleiner, freundlicher Mann und eine Mülltrennungs-Autorität. Sein Müllplatz sieht aus wie anderswo ein Rohstofflager. Akkurat. Weil die absurden Mülltrennungsregeln aus Berlin sowieso keiner versteht, erklärt Herr Franz nicht lange, sondern hilft einfach beim Sortieren. "Dös da hin, dös da hin", sagt Herr Franz und erklärt einer Lehrerin, die schon Jahre hierherkommt, auch zum hundertsten Mal den Unterschied zwischen Braunglas und Grünglas. An so was erkennt man, mit wem man es zu tun hat. Berliner Mülldeponie-Mitarbeiter dirigierten ihre Bürger im schneidigen Preußisch durch die Anlage. Wenn man versehentlich mal eine Grünglasflasche in den Weißglas-Container warf, aus Nervosität vor dem Wachpersonal, rechnete man mit dem Schlimmsten. Auch Wiener Müllmänner sind beim Volk gefürchtet. Aus Zürich weiß ich, dass der Schweizer seine Müll-Leute fürchtet und hasst. Eine Kollegin erzählte mal im Vertrauen, dass sie lieber nachts und im Nebel ihren alten Kühlschrank nach Italien fährt, weil sie den Kontakt mit den Vertretern der Züricher Mülltrennungs-Junta unbedingt vermeiden möchte. Hier kann man angstfrei deponieren. Nur eines darf man nicht, es steht auf einem Schild an Herrn Franz' Büroeingang: "Hier wird nicht getschüsst und getschaut. Wir sind in Bayern. Wir sagen servus und Pfiat Gott."

Man kann auch "prost!" sagen, das ist in Ordnung. Nicht, dass die Leute hier saufen, das wäre ein Missverständnis. Ich habe eigentlich noch keinen gesehen, der sich einfach zuschüttet. Man trinkt Bier, Wein, ein Schnapserl. Aber nie ohne Anlass. Nur zum Feiern. Gefeiert wird oft. Nach dem Fasching kommt das Fasten, aber das ist halb so schlimm, denn es gibt in der Fastenzeit das Starkbiertrinken, dann kommen Märkte und eine Vielzahl an Stadtfesten, dann kommt Ostern, und damit fängt die Feiersaison erst richtig an, die eigentlich überhaupt nie endet. Immer ist irgendwo irgendwas. Die Dult zum Beispiel. Die Landshuter Dult ist ein Volksfest, das nicht brachial ist, sondern einfach nur angenehm. Man sitzt gemütlich mit anderen Menschen und trinkt sein Bier. Kein Schenkelklopferhumor, keine falsche Folklore. Und auch die kleinen Feste zeigen, wie die Menschen hier sind, dass sie tun, was man früher mal "zusammenhalten" nannte und was heute selbst von Soziologen misstrauisch beäugt wird. Hier gibt es das: schmucke Häuser, die noch schmucker werden, weil einer ihrer Bewohner Geburtstag hat, ein Kind geboren wurde, Hochzeit gefeiert wird oder ein Jahrestag. Dann baumeln Lampions und Luftballons vor den Häusern, Girlanden werden ausgehängt, Nachbarn eingeladen. Dass Niederbayerns wirtschaftliche Kraft eine Frage der sozialen Power ist, von der man andernorts schon vergessen hat, wie sie wirkt, kann man überall bemerken. Zum Beispiel, wenn man mal einen Kurzschluss hat.

Das geht so: Ich habe einen erstklassigen Bohrhammer aus baden-württembergischer Produktion erworben, ein Rolls-Royce unter den Betonknackern. Die Häuser hier sind äußerst solide gebaut. Drei tote Aldi-Bohrmaschinen legen ein trauriges Zeugnis dafür ab. Der Bohrhammer aber freut sich aufs Knacken der Wand. Er vibriert richtig. Bohrt durch. Knack. Volltreffer. Hauptleitung. Kurzschluss. Und das am Abend des 2. Oktober, vor einem Feiertag. Aber das Telefon funktioniert, und Herr Meyer, der Elektriker aus dem Nachbarort, hebt ab, während er vor dem Fernseher sitzt, am wohlverdienten Feierabend, und er sagt nur: "I kimm glei." Glei ­ gleich ­ das heißt hier wirklich gleich. Fünfzehn Minuten. Herr Meyer macht's wieder gut. Und die kleine Rechnung, die er präsentiert und die ich zuerst gar nicht glauben kann, kommentiert er so: Man hat ja schon einen Schaden, das nutzt man doch nicht aus.

Niederbayern kann man schwer erklären, das stimmt. Aber vielleicht doch mit einer Formel zusammenfassen: passt schon. Schon gut. Schon sehr gut.