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Nicht so geschmeidig

Siegfried, Sigi, Zimmerschied ist bekannt für seinen derben Humor und seinen beißenden Zynismus. Der Kabarettist ist ein Meister seines Fachs ­ und ein Stachel im Fleisch seiner niederbayerischen Landsleute.




Sigi Zimmerschied wird am 7. Oktober 1953 in Passau, genauer gesagt im elterlichen Haus in der Lederergasse, geboren. Der Vater ist Postbeamter mit einem Faible für Marathonläufe und Hippietum, der Großvater saß als Doppelmörder 15 Jahre im Zuchthaus. Die Mutter entstammt einer Rottaler Bauernfamilie, die in Passau zu Beamten aufstieg. Eine explosive Mischung, wie sich später noch herausstellen wird.

Das Kind ist vier, als es zum ersten Mal einen Hang zur Blasphemie erkennen lässt. Zu Weihnachten hängt es Krippen- figuren mit Lametta um den Hals an den Christbaum. Es folgt eine christliche Jugend: katholischer Kindergarten, Minis- trant, Lektor und Dekanatsjugendführer, nach dem Abitur vier Semester Religionspädagogik im Fernstudium. Zimmerschieds letzte theologische Arbeit widmet er der Frage: "Ist die Auferste-hung nur ein Interpretament dafür, dass die Sache Jesu weitergeht?" Danach wird er Kabarettist. "Die Energie aus unzähligen Rosenkränzen, Keuschheitsgelübden, Schlägen und Verweisen", sagt er, "musste sich entladen."

Sein erstes, mit Bruno Jonas konzipiertes Programm, "Die Himmelskonferenz", sorgt in Passau für einen Eklat und eine Anzeige wegen Gotteslästerung. Auch mit seinen Soloauftritten macht er sich in der Heimat wenig beliebt. In "Betondeppn", "Ausschwitzn" oder "Passauereien" verkörpert er, wie Die Zeit feststellt, "schrullige Tanten, bigotte Pfarrer, feige Journalisten, blasierte Provinz-Intellektuelle, angesoffene Halbstarke ­ ein niederbayerisches Pandämonium". Der Spiegel schreibt: "Ein bissiger Maulwerker, ein fabelhafter Parodist und Volksdarsteller, ...der schwer darunter leidet, was der Mensch aus Gott und der Welt gemacht hat und aus sich selber."

Schlag für Schlag

Zimmerschied zeichnet sich durch derben Humor und beißenden Zynismus aus, er ist ein Meister der Grimasse, ein begnadeter Stimmenimitator und Darsteller. 1979 erhält er den deutschen Kleinkunstpreis für Kabarett; 1988 den Österreichischen Kleinkunstpreis. Er spielt in Kinofilmen wie "Peppermint Frieden", "Der Wilde Clown" oder "Himmelsheim". 1992 ist er Autor, Komponist, Darsteller, Regisseur und Produzent des Films "Schartl", einer Abrechnung mit Neonazis, Fernsehen und Kirche, in der er dem hässlichen Deutschen aber derart liebenswerte Züge abgewinnt, dass es dem Zuschauer schwerfällt, sich bequem zu distan-zieren.

Während Jonas längst als Conferencier des deutschen Kabaretts gilt und im öffentlich-rechtlichen Fernsehen zu Hause ist, tingelt Zimmerschied immer noch vorzugsweise über bayerische Kleinkunstbühnen und drischt weiter unermüdlich auf die niederbayerische Seele ein, vor allem aber auf seine Heimatstadt Passau, wo er immer noch in der Lederergasse lebt. Als er Passau nach dem Tod seines Vaters kurzzeitig verlassen hatte, schrieb er in sein Tagebuch: "Eine Kindheit, in der alles seinen Platz, seine Logik, seine Stringenz hatte, wird nicht von heute auf morgen überwunden, sie wird Schlag für Schlag widerlegt."

Herr Zimmerschied, Hubert Ettl schreibt im Vorwort seines Text- und Bildbandes über Niederbayern, die Region würde von außen primär wahrgenommen als "Bauernland und je nach Sichtweise als idyllischer, wo die Welt noch in Ordnung ist, oder als rückständiger Landstrich". Was sehen Sie?

Ja, was sehe ich? Ich würde sagen, das eine schließt das andere nicht aus. Wenn man in einer Idylle etwas Dynamisches sieht, dann passt das schon zusammen. Aber die Frage ist schwer zu beantworten, dazu ist Niederbayern zu unterschiedlich. Der Gäuboden ist anders als die Hallertau, anders als das Rottal oder der zerklüftete, kleinteilige Bayerische Wald. Allein wirtschaftlich gibt es große Unterschiede. Und auch die Städte: Passau, Landshut, Straubing, Deggendorf ­ alle haben ihre Eigenheiten.

Etwas Verbindendes muss es geben.

Das ist der Minderwertigkeitskomplex. Diese Region war lange nichts wert, weshalb sich bei den Leuten ein Bewusstsein der Wertlosigkeit festgesetzt hat. Niederbayern hat sich viel zu lange gegenüber dem Oberbayerischen, dem Münchnerischen in der Defensive empfunden. Und hat es dabei ­ anders als die Franken ­ nicht geschafft, einen trotzigen Widerstand und eine starke Identität zu entwickeln. Bei uns ist von jeher ein großer Mangel an Souveränität, da ist viel Angst, viel Vorsicht.

Zum Beispiel?

...wenn ich auf der Bühne bin: In Oberbayern sitzt das Publikum mit einer Art Feudalherrenpose im Saal. Nach dem Motto: Mach du mal was, greif uns meinetwegen an, dann sehen wir schon. Der Niederbayer hingegen zieht von Beginn an prophylaktisch den Kopf ein, geht in Deckung, lauert. Als ob er denkt: Was passiert da jetzt? Kriegen wir wieder eine drauf? Die Niederbayern sind ein Volk der Gestauchten.

Sind sie deshalb anfällig, wie Sie es in Passau erlebt haben, für die heilige Dreifaltigkeit aus Kirche, CSU und erzkonservativem Spießertum?

Vor allem ist der Niederbayer empfänglich für Macht. Die Kirche verkörpert die spirituelle Macht. Bei Franz Josef Strauß und seinem Aschermittwoch in der Nibelungenhalle ging es darum, einmal im Jahr das Zentrum der politischen Macht zu sein. Man neigt bei uns gern zu unsinnigen Größenordnungen.

Als Passau eine Uni bekommt, fragt man sich nicht, was wäre in diesem Kulturraum angemessen, welche Fakultäten wären sinnvoll? Nein, man haut einen Betonklotz hin und holt sich Jura, BWL, Informatik, all diese zeitgeistigen Stu-diengänge, die etwas Großstädtisches, etwas Weltmännisches suggerieren.

Offenbar nimmt Passau aber innerhalb Niederbayerns eine Sonderrolle ein.

Passau war zu Zeiten der Fürstbischöfe ein großer Einflussraum. Der Passauer hat sich den Weltmachtreflex aus dieser Zeit erhalten, obwohl der inzwischen komplett irrational ist. Er muss sich die entgangene Bedeutung in irgendeiner Form wieder holen. Deshalb ist er noch mehr gestraft als der Niederbayer.

Der es nie leicht hatte: karger Boden, magere Infrastruktur, raues Klima. In einem Couplet heißt es: "Boarischa Woid / Dreivierteljahr is' Winter / Viertel Jahr is' koid / Boarischa Woid."

Wir sind Randregion, grenzen an die Oberpfalz, Böhmen, das Innviertel, die auch Randregionen sind. Alles Gebiete, wo man oft mit sich und der Natur allein ist. Das ist mit viel Zeit zum Nachdenken verbunden. Daraus entstehen ­ auch Parallelen zu Böhmen und Oberösterreich ­ diese skurrilen, grotesken Gedankengänge, ein in Mythen und Verschwörungstheorien verwobenes Denken. Die Autoritäten, die Religion, die Politik, das Erzkonservative haben die Menschen zusätzlich gezwungen, Inhalte chiffriert zu erzählen. Das drückt sich in einer verbalen Bildhaftigkeit aus, die etwa bei meinen Programmen manche nicht mehr nachvollziehen können.

Das Feuilleton hat Sie als grob, eigensinnig, hartnäckig, komödiantisch, chamäleonhaft, aggressiv, irritierend, leidensfähig und leidenschaftlich zugleich charakterisiert...

...stur war sicher auch dabei...

...könnte man einiges davon auf den Niederbayern allgemein übertragen, inklusive des markanten Quadratschädels, der Ihnen attestiert wird?

Mir fiele zuerst die mangelnde Kompatibilität ein. Niederbayern sind nicht sehr kompatibel. Der Kabarettist Zimmerschied galt von jeher als sperriger, weniger vermittelbar. Ich bin einfach nicht so geschmeidig wie die anderen. Deshalb hatte ich auch immer Probleme mit den Medien.

Der Niederbayer kommt eigentlich gar nicht vor im medialen Unterhaltungskosmos. Man könnte es auch beschreiben mit der Wahrnehmung, die die Leute von Patrick Süskind oder Herbert Achternbusch haben. Süskind ist der elegante, intellektuelle Schriftsteller aus München, begleitet vom Flair des Starnberger Sees. Achternbusch ist dieser komplizierte, nihilistische, tragische Getriebene, der das auch gerne stilisiert. Man ist gern Opfer, wenn es einem lang genug gesagt wird.

Mag sein, dass Süskind kommerziell erfolgreicher ist, nicht wenige Kritiker hingegen halten Achternbuschs Arbeit für tiefer, ergreifender, erschütternder...

Womöglich ist sie das. Das liegt daran, dass die Welt des Niederbayern ätzender ist, zwingender, wahrhaftiger. Es macht Arbeit, sich mit ihm auseinander-zusetzen, es ist anstrengend. Dadurch ist er eben nicht so massenkompatibel und landet am Ende wieder dort, wo er herkommt ­ am Rand.

Was hat Sie in Ihrer Kindheit am meis-ten bedrückt?

Vielleicht das Gefühl der Enge, der geistigen Enge. Nicht so sehr in der Kindheit, mehr als Jugendlicher. Die katholische Gesellschaft war nicht das Problem, man geht da zwangsläufig durch die ganze Sozialisation. Wer nicht isoliert sein wollte, ist in die katholische Jugend gegangen. Wer Sport treiben wollte, ging zur DJK. Das war nicht das Ding. Im Gegenteil, in so einem Alter ist man auch anfällig für Rituale.

Schwierig wurde es erst mit 14, 15. Da hat man diese starken, disziplinären Verhaltensmuster richtig erfahren. So ist man. So und so benimmt man sich. Das macht man, das macht man nicht. Alles sehr am Kirchenkalender, sehr an der CSU orientiert. Da brauchte es schon mutige Lehrer, damit kritische Filme gezeigt wurden. Da musste man sagen: Jetzt gehe ich weg ­ oder wehre mich.

Warum kommen so viele Kabarettisten ­ etwa Bruno Jonas, Rudi Klaffenböck, später Ottfried Fischer oder Django Asül ­ aus Niederbayern?

Vielleicht, weil das Wesen des Kabarettisten darin besteht, eine Allergie gegen jede Form von Enge zu entwickeln, einen permanenten Hinterfragungsmodus. Insofern bewegen wir uns in Niederbayern auf fruchtbarem Boden.

Schockiert es einen dann nicht, wenn die Reaktion der Einheimischen überwiegend ablehnend ausfällt? Man bezeichnete Sie als Ketzer, der Passau zur Latrine macht, eine Frau beschimpfte Sie: "A ganz a miesa, dafeida, dreckiga Dreck san Sie!"

Als Kabarettist lebt man auch von solchen Anfeindungen, es animiert einen sogar, wenn eine Grauseligkeit wie diese auch noch in quasi literarischer Qualität ankommt. Vielleicht war die Frau etwas zu emotional, aber in der Region gehört die derbe Beleidigung durchaus zum alltäglichen Vokabular. Er tut weh, der Niederbayer. Auch weil man ihm so lange wehgetan hat.

Ist das eine Erklärung, warum prominente Niederbayern wie beispielsweise CSU-Chef Erwin Huber bundesweit schwer Anerkennung finden?

Zu Erwin Huber fällt mir nichts ein.

Fällt Ihnen stattdessen etwas ein zu den Erfolgsgeschichten im wirtschaftlichen Bereich? Höltl. Haas. Hacker. Ist das nicht ein Beleg dafür, dass viel Geschick und Kraft in der Region zu Hause sind?

Bei Unternehmern funktioniert das offenbar. Was allerdings kaum jemand weiß, ist, dass allein aus Passau massenhaft Schauspieler, Tänzer, Maskenbildner kommen, die jetzt alle in Berlin, Paris, London sitzen, weil sie hier keine Entfaltungsmöglichkeiten hatten. Ich habe mal vorgeschlagen, im Rahmen der Europäischen Wochen ein Theaterstück von einem Passauer Autor, mit einem Passauer Regisseur, mit Passauer Schauspielern in Auftrag zu geben. Das hat keinen interessiert. Da haben Sie wieder dieses Bewusstsein: Alles, was von auswärts kommt, ist mehr wert.

Aber vieles spricht dafür, dass sich der Geist gewandelt hat. Niederbayern gilt als Wellness-Paradies, Bad Griesbach ist europäische Golfmetropole, Passau hat einen SPD-Bürgermeister.

Was Bäder und Golf angeht, sehe ich das eher als Ausbeutung von Ressourcen. Natur, Wasser, gute Luft sind ja da. Natürlich ist in Zeiten des Internets auch diese Welt nicht mehr so hermetisch wie in meiner Jugend. Doch die wahre Befindlichkeit der Menschen erkennt man, wenn Irritationen auftauchen. Da gab es vor zehn Jahren in Passau eine Antifa, eine Gruppe junger, wilder Leute. Die erzeugte dieselbe Verstörung wie wir, als wir anfingen, Kabarett zu machen. Trotz aller Aufgeklärtheit, trotz neuer Stadtratmehrheiten, neuer Offenheit, liberalerer Medien hat man auf sie mit Polizeigewalt, gerichtlicher Gewalt und Beschlagnahmungen reagiert. Man darf sich nicht täuschen lassen, die alten Reflexe sind noch da.

Das hieße ja, selbst innerhalb Bayerns ist der Niederbayer weiterhin ein...

...Exot.

Und innerhalb Deutschlands...?

...ist und bleibt er ein Ausländer.