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Im Hopfenland

Eigentlich müssten die Biertrinker dieses Planeten permanent auf die Hallertau anstoßen. Denn die sanfte Hügellandschaft in der Mitte Bayerns ist das größte Hopfenanbaugebiet der Welt. Das grüne Gold sorgt für angenehmes Bitteraroma, schönen Schaum ­ und reichlich Nervenkitzel bei denen, die von ihm leben.




Es gibt einen Spruch, den hört man hier immer wieder: Wen der Hopfen einmal gekratzt hat, sagen die Leute, den lässt er nicht mehr los.

Die Felder mit ihren haushohen Gerüsten aus Holzpfeilern und Drähten, die im Sommer zu sattgrün bewachsenen Hopfengärten werden ­ sie bieten schon von der Landstraße oder Autobahn aus betrachtet ein faszinierendes Bild, besonders für den, der zum ersten Mal hier unterwegs ist. Aber allein mit dem staunenden Blick durchs Autofenster lässt sich die Bildhaftigkeit des Sprichworts nicht begreifen. Man muss nah ran an den Hopfen, ihn anfassen. Dann spürt man seine kleinen Krallen, mit denen er sich an den Drähten nach oben rankt, sieben Meter hoch und derart flink, dass man ihm beim Klettern fast zusehen kann. Schnell wieder loslassen, denkt man, bevor der Hopfen auf die Idee kommt, sich um den Finger zu wickeln. So wie er seit Generationen eine ganze Region um den Finger wickelt, sie jedes Jahr aufs Neue packt, fesselt und in Atem hält: die Hallertau.

Schon anderthalb Jahrhunderte lang dreht sich in der sanften Hügellandschaft zwischen Kelheim und Freising, Ingolstadt und Landshut alles um den Hopfen. Die Hallertau, halb zu Niederbayern, halb zu Oberbayern gehörend, ist nicht nur Mittelpunkt der deutschen Hopfenwirtschaft; sie ist mit etwa 2400 Quadratkilometern das größte Hopfenanbaugebiet der Welt. 1209 Pflanzer ernteten hier im vergangenen Jahr 27200 Tonnen, fast ein Drittel der globalen Hopfenmenge. Das grüne Gold der Holledau, wie die Region auch genannt wird, sorgt nicht nur beim überwiegenden Teil der heimischen Biere für die beliebte Bitternote; der nordamerikanische Braukonzern Anheuser-Busch (Budweiser) zum Beispiel schwört beim Hopfen auf die Traditionssorte Hallertauer Mittelfrüh. In Spanien, England oder Rumänien, in den USA, Russland oder China ­ in mehr als 120 Ländern dieser Erde setzen Brauereien auf den Rohstoff aus Bavaria.

"Für mich ist Hopfen neben Safran das edelste Gewürz der Welt", sagt Braumeister Paul Pausinger von der Schlossbrauerei Herrngiersdorf, gelegen am nordöstlichen Rand der Hallertau im niederbayerischen Landkreis Kelheim. Der Vergleich ist nicht ganz abwegig. Hopfen ist zwar längst nicht so teuer wie Safran, aber ähnlich ergiebig. Eine einzige Rebe genügt, um 1000 Liter Bier zu produzieren. Die Ernte von zwei Hektar, ein Sechstel der durchschnittlichen Fläche eines Hallertauer Hopfenbauern, reicht für die sechs Millionen Maß Bier, die jährlich beim Münchner Oktoberfest die Kehlen herunterfließen.

Lupulin heißt der Stoff, der die Hopfenpflanze für den Menschen kostbar macht. Ein goldgelbes Pulver, das sich in den Dolden versteckt, wie die Zapfen des Hopfens genannt werden. Dort schützt es den Samen. Man vermutet, dass seine Bitterkeit gefräßigen Vögeln den Appetit verdirbt und seine antibakterielle Wirkung Fäulnis vorbeugt.

Das Lupulin ­ hat alles, was ein Bierbrauer braucht

Was Brauer brauchen, Lupulin hat es in sich: Bitterstoffe, Aromastoffe, Gerbstoffe und Polyphenole. Sie geben dem Bier Geschmack und Charakter, machen es haltbarer, fördern die Schaumbildung ­ ganz wichtig für eine schöne Krone. Mehr als 95 Prozent der weltweiten Hopfenernte gehen ins Bier. Schon die alten Ägypter und Babylonier verwendeten die zu den Hanfgewächsen zählende Pflanze zum Brauen. Die ältesten Zeugnisse über ihren Anbau in Deutschland stammen aus der Hallertau; in Geisenfeld soll bereits im Jahr 736 Hopfen gepflanzt worden sein. Der Durchbruch kam mit dem Reinheitsgebot von 1516. Darin verfügte der bayerische Herzog Wilhelm IV., bei der Bierherstellung dürften ausschließlich Gerste, Wasser und Hopfen Verwendung finden. Die sogenannte Grut, eine Kräutermischung, die zuvor als Würze eingesetzt worden war, hatte damit ausgedient.

Von der Nordsee bis zu den Alpen ­ überall, wo gebraut wurde, entstanden nun Anbaugebiete. Mitte des 19. Jahrhunderts boomte eine Hopfengegend mehr als alle anderen: die Hallertau. Lag die Ernte in der Region 1815 noch bei 1500 Zentnern, betrug sie 1865 mit mehr als 75000 Zentnern das Fünfzigfache. Schon 1912 war die Hallertau das größte Anbaugebiet Deutschlands.

Warum gerade die Hallertau? An Klima und Boden allein kann es nicht gelegen haben. "Der Hopfen wächst nicht im Hochgebirge und nicht bei extremer Hitze, nicht auf Kies und nicht auf Sand. Zur Blütezeit braucht er eine bestimmte Zahl von Tageslichtstunden ­ aber diese Kriterien erfüllen andere Landstriche auch", sagt Christoph Pinzl, Leiter des Deutschen Hopfenmuseums in Wolnzach. Der aus München stammende Volkskundler, der über die Hallertau und den Hopfen promoviert hat, sieht die Gründe bei den Menschen: "Die Leute hier haben schlichtweg zur richtigen Zeit das Richtige getan."

Der Zimmerermeister Max Eder zum Beispiel, indem er im Jahr 1896 die zweistöckige Darre erfand: einen turmartigen Anbau, der bis heute das Landschaftsbild prägt. Hopfendolden sind nach dem Pflücken noch feucht und müssen trocknen, sonst verderben sie. Früher verstreute man sie auf dem Dachboden ­ und wartete. Bei Eders System werden die Dolden auf einem Holzrost verteilt, ein darunter stehender Ofen bläst heiße Luft nach oben.

Auch im Gerüstbau war die Region Vorreiter. Früher rankte sich jede Hopfenrebe an einer nur für sie bestimmten Stange aus Holz empor, die teuer war und anfällig für Schädlinge. In der Hallertau, so Pinzl, hätten die Hopfenpflanzer schon um 1900 zu 90 Prozent mit Drahtanlagen gearbeitet. "Die Hallertauer waren bei allen Neuerungen immer vorne dran."

Dass Fortschrittsdenken und Erfindergeist in der Region ausgeprägter waren als anderswo, hat für Pinzl damit zu tun, dass die Menschen hier keine typischen Bauern waren. "Ein Landwirt der damaligen Zeit bewirtschaftete große Flächen und lebte als Selbstversorger vom Vieh und dem, was auf seinen Feldern wuchs. Er war im Denken konservativ. Warum sollte der plötzlich im großen Stil Hopfen anbauen?"

Die Hallertauer dagegen seien in der Mehrheit Ackerbürger gewesen, mit wenig Grundbesitz. Menschen, die sich vom Hopfenrausch des 19. Jahrhunderts anstecken ließen, weil sie in dem Produkt eine Hoffnung sahen, schnell zu Wohlstand zu kommen ­ was vielen auch gelang. Menschen, die überdies bereit waren, sich nicht nur mit dem Acker vor der Haustür, sondern auch mit dem Weltmarkt zu beschäftigen. Denn das war der Hopfen schon im 19. Jahrhundert: eine global gehandelte Ware, deren Preis sich dank der Telegrafentechnik überall vergleichen ließ.

Es gibt noch einen, ganz wesentlichen Grund, warum die Verbindung, die Mensch und Pflanze in der Hallertau eingingen, nicht nur äußerst fruchtbar, sondern von Dauer war und bis heute anhält: Bei aller Aufgeschlossenheit und Risikobereitschaft blieben die Hopfenbauern der Region Familienbetriebe, in denen einer den anderen auffing. "Wenn die Preise mal über mehrere Jahre im Keller blieben", so Pinzl, "bedeutete das nicht gleich das Ende. Man hatte hier einfach einen langen Atem."

Der Hof der Bogenrieders im niederbayerischen 140-Seelen-Dorf Ebrantshausen bei Mainburg ist so ein typischer Familienbetrieb. Die Eltern, die Großeltern, solange er zurückdenken könne, habe die Familie Hopfen angebaut, erzählt Konrad Bogenrieder. Auch seine Frau Rita stammt von einem Hopfenbetrieb in der Hallertau. Und wie schon ihre Vorfahren, verlassen sich auch die Bogenrieders nicht allein auf das grüne Gold. Sie führen den Hof als Nebenerwerbsbetrieb. Konrad Bogenrieder arbeitet auch als Busfahrer, nur auf sieben seiner insgesamt 15 Hektar Land wächst Hopfen. Aber wer den 59-Jährigen in seine Hopfengärten begleitet, spürt, dass hier sein Herz schlägt.

Die hellblauen Augen leuchten noch mehr als sonst, wenn er sich auf die Erde kniet und dem Besucher diese verrückte Pflanze erklärt: Wie sie Ende April aus dem Boden schießt und die ganze Hallertau in Bewegung versetzt, weil alle sich ans Anleiten machen. So nennt man es, wenn die Hopfenbauern drei etwa gleich große der frischen Triebe nehmen und im Uhrzeigersinn um die fast senkrecht in den Himmel gespannten Drähte drehen ­ ein Handgriff nur, den große Betriebe allerdings hunderttausendmal und mehr ausführen müssen. Der Hopfen hat nun Halt und rankt sich mit seinen feinen Klimmhaaren nach oben. Innerhalb von zehn Wochen erreicht er eine Höhe von sieben bis acht Metern. An manchen Tagen schafft er 30 Zentimeter. Keine Pflanze in unseren Breiten wächst schneller.

Die Pflückmaschine ­ ein lautes, gefräßiges Ungetüm aus Stahl

Ab Ende Juni wird das Blätterwerk der Pflanze immer dichter, sie beginnt zu blühen, bildet ihre Dolden aus, die zwei Monate später reif sind und schnell geerntet werden müssen, damit sie nicht welken. Dann, Ende August bis Mitte September, liegt ein Duft über der Hallertau. Wieder ist alles auf den Beinen. Mit schmalen Traktoren fahren die Bauern durch ihre Hopfengärten, reißen die Drähte samt Reben herunter und bringen sie auf einem Anhänger zur Pflückmaschine auf den Hof. Ein Ungetüm aus Stahl, das unaufhörlich mit Reben gefüttert wird und ihnen unter lautem Getöse die Dolden entreißt.

Deutschlands erste Pflückmaschine kam 1955 zum Einsatz. Zehn Jahre später erntete kaum noch ein heimischer Hopfenbauer mit der Hand. Die damals teuerste landwirtschaftliche Maschine überhaupt hatte in kürzester Zeit einen kompletten Agrarzweig revolutioniert ­ und eine hundertjährige Hallertauer Tradition ausgelöscht: die Saisonarbeit der Hopfenpflücker.

Konrad Bogenrieder hat als Kind noch erlebt, wenn im Sommer für zwei bis drei Wochen Tausende von Erntehelfern aus dem Bayerischen Wald, Böhmen, der Oberpfalz und den großen Städten in die Hallertau strömten. "Zu uns kamen immer so um die 15 Zupfer, meist Frauen, von denen viele ihre Kinder mitbrachten. Die haben auf dem Heuboden auf Strohsäcken geschlafen." Mit den zusätzlichen Arbeitskräften sei regelmäßig Leben in die Region gekommen, es habe Musik, Tanz und Liebeleien gegeben. Genauso aber auch Streit und Raufereien. Die meisten erotischen Abenteuer haben wohl nur in der Fantasie der Gastgeber stattgefunden ­ nach dem harten Arbeitstag waren die Helfer erschöpft. Von morgens sechs bis abends sieben habe der Arbeitstag eines Pflückers gedauert.

Richtig rund gegangen sei es traditionell am letzten Abend, beim sogenannten Hopfenmahl, mit Bier, Schweinebraten und Ziehharmonikaspieler. Bogenrieders Augen leuchten nun wieder: "Wir haben heute noch Kontakt zu Leuten, die damals auf unseren Hof kamen."

Man kann gar nicht genug kriegen, wenn die Bogenrieders erzählen. Etwa von den alljährlichen Wahlen zur Hopfenkönigin. Riesengaudis in brütend heißen Festsälen, wo die Väter der Kandidatinnen ganze Tischreihen mit Freibier bestechen. Es soll Mädchen geben, die ihren Eltern bittere Vorwürfe machen, keine Hopfenbauern zu sein ­ weil sie ohne standesgemäße Abstammung niemals kandidieren dürfen.

Ungefährlich war der Anbau auch nicht. Die Leute riskierten früher Leib und Leben für den Hopfen. Das Einhängen der Drähte im Frühjahr, hoch über dem oft noch gefrorenen Boden war nichts für Angsthasen. Statt Leitern kommen heute Traktoren mit Hebebühnen zum Einsatz; dem Fremden wird dennoch mulmig, wenn er zur sogenannten Kanzel hochschaut und dort oben schon mal eine Omi mit flatterndem Kopftuch erblickt. Handarbeit in luftiger Höhe ­ nach wie vor unverzichtbar in der Branche, in der die entscheidenden Dinge heute in Labors und hochtechnisierten Betrieben stattfinden.

In St. Johann zum Beispiel. Der winzige Ort, direkt an der Bundesstraße 301 gelegen und Teil der niederbayerischen Gemeinde Train, beherbergt das größte Hopfenpelletierwerk der Welt. Was über Jahrhunderte üblich war, die Hopfendolden beim Brauen als Ganzes in den Sud zu geben, wird nur noch von sehr wenigen Brauereien praktiziert, in Deutschland fast ausschließlich von Biobetrieben. Je mehr der Export von Hopfen zunahm, desto wichtiger wurde es, sein Transportvolumen zu verringern. 95 Prozent der Welternte werden heute zu einem honigartigen Extrakt oder zu Pellets verarbeitet. In St. Johann läuft die Pelletierung im Drei-Schichten-Betrieb; 175 Tonnen Hopfen täglich werden hier zu Pulver vermahlen, gepresst und als grünes Granulat unter Schutzgas in Alufolie verpackt ­ je nach Größe und Bedarf der Brauerei vom 300-Gramm-Beutel bis zum 20-Kilo-Sack. Die Pellets selbst können sich die Kunden individuell aufbereiten lassen. Mit genau dem Anteil an Bitter- und Aromastoffen, den die Brauereien beim Würzekochen für ihre Maische brauchen.

Die Forschungsbrauerei ­ Kampf dem Schaumproblem

Wie welcher Hopfen in welcher Dosierung den Charakter ihres Bieres bestimmt und verändert ­ auch das können Brauer hier erfahren. Denn zur Hopfenveredlung St. Johann gehört eine Forschungsbrauerei. Geleitet wird sie von Andreas Gahr. Der 42-Jährige ist Diplombraumeister ­ und verschwiegen. "Jede Anfrage wird absolut vertraulich behandelt", steht auf dem Faltblatt für seine Kunden. Aber so viel verrät er: Seine Dienstleistung ist nicht nur in Deutschland gefragt, sondern zum Beispiel auch bei Brauereien in Thailand. "Die Ausländer haben oft mit Schaumproblemen zu kämpfen."

Gerade für große Betriebe sei es billiger, eine Miniaturbrauerei tüfteln zu lassen, als Hunderte von Hektolitern Bier nur für Versuchszwecke zu produzieren. Die Kunden können ihre eigenen Mitarbeiter schicken, genauso aber auch das 17-köpfige Verkoster-Team zurate ziehen, mit dem Gahr kooperiert. Die Tester gehen mit ihrem Bierglas und einem Formblatt mit elf Prüfkriterien in eine Art Wahlkabine, damit sich ja keiner vom anderen beeinflussen lässt.

Hopfensorten und Biergeschmäcker ­ es gäbe sie nicht in dieser Vielfalt, wenn in der Hallertau nicht noch an anderer Stelle kräftig gedacht würde: im Hopfenforschungszentrum Hüll. Eine der schlimmsten Plagen in der Geschichte des Hopfenanbaus führte 1926 zu seiner Gründung: die Peronospora. Die Pilzkrankheit, auch falscher Mehltau genannt, war zwei Jahre zuvor aus Asien eingeschleppt worden und wirkte verheerend. Ausgerechnet jene Sorte, mit der die Region groß geworden war, zeigte sich besonders anfällig: der Hallertauer Mittelfrüh. Die übliche Erntemenge von zwei Tonnen pro Hektar sank auf ein Zehntel, noch dazu von schlechter Qualität. Hüll empfahl den Einsatz von Kupferkalkbrühe, im Weinbau als "Bordeauxbrühe" bekannt. Innerhalb von drei Jahren gelang es, die Krankheit im Zaum zu halten.

Damit war die Arbeit der Wissenschaftler keineswegs beendet. Es galt nun, optimale Spritzzeitpunkte zu ermitteln, neue Präparate gegen Schädlinge zu entwickeln, ihren Einfluss auf Böden und Bierqualität zu erforschen. Zudem versuchte man, resistentere ertragreichere Sorten zu züchten. Mehr als 50 Jahre dauerte es, bis 1978 mit der Hallertauer Perle der erste große Treffer gelang. Anfang bis Mitte der Neunziger folgten vier weitere: Magnum, Tradition, Spalter Select, Taurus. Zuletzt ließ man den Hallertauer Herkules beim Sortenamt der EU eintragen, der ­ wie erste Erträge zeigen ­ seinem Namen alle Ehre machen wird. Auf mehr als 70 Prozent der deutschen Hopfenfläche stehen heute Zuchtsorten aus Hüll.

Um international konkurrenzfähig zu bleiben, muss in den hauseigenen Gewächshäusern unermüdlich weitergezüchtet und gekreuzt werden ­ mit viel Geduld. "Die Wahrscheinlichkeit, dass aus einem Sämling eine neue Sorte wird, beträgt eins zu einer halben Million", sagt Anton Lutz von der Arbeitsgruppe Züchtungsforschung Hopfen.

Der Hopfenhandel ­ spannend wie Spekulieren an der Börse

Für die insgesamt 27 Mitarbeiter gibt es auch das Tagesgeschäft, beispielsweise die Wetterbeobachtung. Davon können Hopfenbauern unmittelbar profitieren. "Für zehn Euro bekommen sie von uns etwa 50 Faxe im Jahr", sagt Institutsleiter Bernhard Engelhard. "Darin stehen Aufrufe zum Düngen, die optimalen Erntezeitpunkte der Sorten oder auch die aktuelle Preissituation."

Die Preise, der Markt, vielleicht sind sie das Aufregendste in der Welt des Hopfens. Kaum irgendwo sonst im Agrarbereich vollzieht sich das freie Spiel der Kräfte so ungezügelt; es regieren Angebot und Nachfrage, sonst nichts. Wenige andere Produkte erleben solche Preisschwankungen ­ weshalb viele den Hopfenhandel mit Spekulieren an der Börse vergleichen. "Die entscheidende Frage stellt sich jeden Herbst neu", sagt Museumsleiter Pinzl: "Wie viel guten Hopfen gibt es auf der Welt? Hat Russland zu viel, ist das auch für den Hopfenpflanzer in der Hallertau schlecht."

2007 war ein Jahr mit extremen Preisen, weil es weltweit zu wenig Hopfen gab. Für das Kilo Magnum ließen sich 20 Euro erlösen; zwei Jahre zuvor waren es nur 2,50 Euro. Die historisch hohen Erlöse im vergangenen Jahr hätten viele Bauern veranlasst, mehr anzupflanzen. Was den Preis bald wieder senken werde, so Pinzl. "Das Spielchen geht nun schon fast 200 Jahre so, es lässt sich wohl nicht in den Griff kriegen."

Um nicht jedes Jahr die komplette Ernte dem Auf und Ab des Marktes auszusetzen, schließen viele Hopfenpflanzer langfristige Abnahmeverträge. Zum Beispiel mit der Hopfenverwertungsgenossenschaft (HVG) in Wolnzach. In der HVG sind alle 1497 deutschen Pflanzer organisiert; sie versteht sich als Erzeugergemeinschaft und tritt gleichzeitig (neben den Firmen Simon H. Steiner in Mainburg und der Nürnberger Joh. Barth & Sohn) als eines der drei großen Handelshäuser auf, die ihre Ware von den Pflanzern beziehen und an die Brauereien weiterverkaufen. Auch an der Hopfenveredlung St. Johann ist die HVG mit 25,1 Prozent beteiligt.

Erich Lehmair, Assistent der Geschäftsleitung, schlägt den aktuellen HVG-Report auf, eine Zahlensammlung für die Brauereikunden. Er blättert zu einer Tabelle, die die Vorverträge auflistet: Für die Ernte im Spätsommer 2008 ist die Abnahme von Hallertauer Mittelfrüh bereits zu 100 Prozent vertraglich gesichert. Für 2011 werden auch schon 88 Prozent anvisiert. Bei der Sorte Perle sind es für dieses Jahr 84 Prozent, für 2012 immerhin schon 61 Prozent. "Ein Großteil des Hopfens ist heute verkauft, bevor er gewachsen ist", sagt Lehmair.

Der 39-Jährige blättert zu den Exportzahlen. Mehr als zwei Drittel des deutschen Hopfens gehen ins Ausland. Das ist gut so, der heimische Biermarkt ist rückläufig, weltweit aber steigt der Bierdurst jährlich um fünf Prozent. Russland, die USA und Japan sind die Hauptabnehmer. "In Japan machen die Brauer eine Story daraus, dass ihr Hopfen aus der Hallertau kommt." Und es gibt einen Trend zu Spezialitäten mit starkem Hopfenanteil. "In den USA ist das bei kleinen Brauereien eine richtige Bewegung. Anfangs wurden sie belächelt, inzwischen interessieren sich auch große Konzerne für die Charakterbiere."

Da braut sich was zusammen, wörtlich: Die Brauerei Schneider in Kelheim und die Brooklyn Brewery in New York haben im vergangenen Jahr gemeinsam eine regelrechte Hopfenbombe produziert. Die deutsch-amerikanische Bierfreundschaft zwischen den Braumeistern Hans-Peter Drexler und Garrett Oliver währt schon länger, nun kann man sie schmecken. Und das ausgerechnet in einem Weißbier, das beispielsweise im Vergleich zu Pils nur einen geringen Hopfenanteil hat. Eine Extraportion der jungen Hallertauer Sorte Saphir ist es, die dem Crossover-Bier sein blumiges Zitrusaroma verleiht. War zunächst nur ein einziger Sud geplant, erlebte die "Schneider & Brooklyner Hopfen-Weisse" wegen großer Nachfrage im April ihre zweite Auflage.

Schneider ist die älteste Weißbierbrauerei Bayerns ­ und markiert damit einen von vielen Superlativen in Sachen Brautradition, die der niederbayerische Teil der Hallertau zu bieten hat. Auch die älteste Klosterbrauerei findet sich hier, in Weltenburg am berühmten Donaudurchbruch. Schon 1050 brauten dort Benediktiner-Mönche. Anton Miller, der seit 2003 am Sudkessel steht, ist erst der dritte nicht geistliche Braumeister. Sein Bier schmeckt trotzdem himmlisch, besonders das Barock Dunkel. Es ist nicht nur das Lieblingsgetränk der bis zu 10000 Besucher, die an Spitzentagen den Biergarten der Klosterschenke bevölkern. Es überzeugte auch die Jury beim World Beer Cup 2008 im kalifornischen San Diego. Der heute 23-jährige Miller holte wie schon vier Jahre zuvor die Goldmedaille.

Und dann ist da noch die eingangs erwähnte Schlossbrauerei in Herrngiersdorf, 1131 gegründet ­ die älteste Privatbrauerei der Welt. Ihr Chef Paul Pausinger macht Bier wie vor Jahrhunderten: mit offenen Gärbottichen, Wasser aus dem eigenen Brunnen, langer Reifung im Gewölbekeller. Aber er kennt sich auch mit modernem Marketing aus: Er nennt sein Starkbier Sündenbock, lädt im ehemaligen Saustall zu Konzerten oder bringt mit dem niederbayerischen Schnupftabakproduzenten Pöschl eine Hallertauer Hopfenprise heraus.

Hopfen, Hopfen, Hopfen, auch dort, wo man ihn nun wirklich nicht erwartet. Da sitzen etwa die Leute in der Mainburger Konditorei Lutzenburger, bei Kaffee, Kuchen ­ und Likör. Hopfenlikör! Mit 56 Umdrehungen! "Den trinken nicht nur die Touristen", versichert Seniorchefin Ilse Lutzenburger, deren Sohn Hans-Peter den goldgelben Tropfen nach einem Familienrezept von 1789 brennt. Auch handgeschöpfte Hopfenschokolade gehört zum Sortiment, Pralinen in Form von Hopfendolden und eine Hopfenwurst, gemacht von einem befreundeten Metzger.

Die Hopfenmedizin ­ Erregung dämpfende Wirkung

Selbst der Verzicht auf Alkohol und Kalorienbomben schützt nicht vor dem Lockruf des grünen Goldes. Jedenfalls nicht im März und April. Dann steht Hopfenspargel auf den Speisekarten der Restaurants. Eine Versuchung, der man unbedingt nachgeben sollte. Mit Kilopreisen von 40 Euro genießen die kleinen Sprossen der Schlingpflanze Delikatessenstatus. Nur wenige Betriebe machen sich die Mühe, sie zu ernten.

Überhaupt hat die Region das Thema Gesundheit als Vermarktungsschiene entdeckt. Die "Erregung dämpfende" Wirkung des Hopfens ist seit Langem bekannt, er steckt in mehr als 100 pflanzlichen Schlaf- und Beruhigungsmitteln. Künftig könnte er auch eine Rolle bei der Krebsvorbeugung spielen. Das im Lupulin enthaltene Xanthohumol, so fanden Forscher in den USA und am Deutschen Krebsforschungzentrum in Heidelberg heraus, kann Freie Radikale abfangen und hemmt das Wachstum von Tumorzellen. Schon sucht man in der Züchtung nach Sorten mit hohem Xanthohumol-Gehalt. Im vergangenen Jahr war Hopfen Arzneipflanze des Jahres. Man will das Thema nutzen, jetzt. Auch das ist so ein Sprichwort in der Hallertau: Der Hopfen wartet nicht.