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Die Stromregulierer

In Passau, dort, wo Inn, Ilz und Donau ineinanderfließen, residiert :a:k:t:, ein Software-Unternehmen. Wie kein zweites in Deutschland baut es Kanäle für Datenfluten, die sonst im Nirgendwo versickern würden.




Benjamin Müller spricht mit ruhiger, fast sanfter Stimme. Hochdeutsch mit leicht rheinischem Einschlag. Das verrät dem Besucher, dass er tatsächlich einem gebürtigen Düsseldorfer gegenübersitzt und nicht etwa dem Chef des Stadtmarketings von Passau. Müller schwärmt: "Einen besseren Standort als Passau gibt es für uns nicht."

Der 38-jährige Vorstandsvorsitzende der :a:k:t: Informationssysteme AG hat allen Grund zur Zufriedenheit: Sein Software-Haus, spezialisiert auf Order-Management-Systeme für die Telekommunikationsbranche, ist innerhalb weniger Jahre deutscher Marktführer geworden. Seit fünf Jahren steigt der Umsatz um rund 60 Prozent jährlich. Auch wegen der Lage: "Die Menschen der Region sind für mich der wichtigste Standortfaktor", sagt Müller.

Die Mentalität spielte für den Rheinländer schon eine Rolle, als er 1991 nach Passau kam, um hier zu studieren. Die Fakultät für Mathematik und Informatik genießt einen ausgezeichneten Ruf, und doch war Müller einer der wenigen Studenten, die sich aus freien Stücken für die Provinz entschieden. Damals kamen viele Auswärtige notgedrungen hierher, sie wurden von der ZVS, der Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen in das Städtchen zwischen Inn, Ilz und Donau geschickt.

Den meisten wurde schnell klar, dass zutrifft, was sich auch Müller fern der anonymen Großstadt erhoffte. Überschaubare Strukturen stärken den Zusammenhalt zwischen den Kommilitonen. Und eine schöne Umgebung kann dem Lernprozess durchaus förderlich sein ("Welche Uni hat schon einen Wintergarten direkt am Inn?").

Zum Studieren kommt der damals 21-Jährige allerdings selten, denn er verdingt sich als Jungunternehmer. Seit dem Ende des Postmonopols importiert er Telefone aus den USA für den deutschen Markt. Als kurz darauf Mobilfunkgeräte hinzukommen, übernimmt Müller auch die Vermittlung der Verträge zwischen Anbieter und Kunde.

Das Geschäft wächst, und mit ihm wachsen die Probleme: Zehn Verträge pro Monat lassen sich noch per Fax abwickeln, bei 1000 Abschlüssen im selben Zeitraum fallen Fehler wie Zahlendreher oder unleserliche Ziffern aber schon stark ins Gewicht. Zudem muss Müller immer mehr Provisionen verwalten, die ihm die Netzanbieter pro Kunde zahlen, er selbst muss Provisionen an Vertriebsfirmen ausschütten. Es wird unübersichtlich.

Doch wozu hat man Freunde? Für die Provisionsabwicklung basteln ihm drei Kommilitonen ­ alle hat es von auswärts nach Passau verschlagen ­ ein Programm. Sie verfeinern es, bis es so gut ist, dass es immer mehr Händler, die mit der Verwaltung ihrer Telefonkundendaten überfordert sind, kaufen. 1993 gründet das Quartett die :a:k:t:.

Heute ist die Firma unangefochtener deutscher Marktführer für Order-Management-Systeme für den Vertrieb von Telekommunikationsdienstleistungen. Klingt sperrig, ist aber simpel: Dass Lieschen Müller einfach zum nächsten Laden marschieren, ein Handy mit Vertrag kaufen und schon eine Minute später mit der Freundin telefonieren kann, organisiert die Software von :a:k:t:. Mittlerweile kommt sie bei nahezu jedem Abschluss eines Internet-, Festnetz- oder Handyvertrages zum Zug.

Das Prinzip: Der Verkäufer gibt die Kundendaten ein ­ Bankverbindung, Alter, Adresse ­, das System prüft die Angaben auf Plausibilität, über eine Schnittstelle wird das Okay an den Netzbetreiber übermittelt, der schaltet den Vertrag und die SIM-Karte frei. Außerdem regelt das System die gesamte Provisionskette, sie rechnet und organisiert also, wie viel Geld der Netzbetreiber dem Elektronikmarkt und der wiederum dem Verkäufer überweist.

Auch Tarife, Produkte, Preise, Zugriffsrechte und Verkaufsstatistiken lassen sich so verwalten. Die jeweiligen Daten gehen an angeschlossene Systeme wie etwa Finanzbuchhaltung, Lagerverwaltung oder Kundenbetreuung ­ egal, ob der Handyvertrag im persönlichen Kontakt, per Telefon oder online abgeschlossen wurde.

Konkurrenzlose Qualität

Entsprechend ist die Bandbreite der Kunden. Die Liste reicht von Vodafone und O2 über die Deutsche Post, Saturn und Expert bis hin zu Callcentern und kleinen Online-Händlern. Fast die Hälfte aller Breitbandanschlüsse wird über die Weichen des Marktführers vermittelt. Natürlich haben auch SAP oder Oracle Order-Management-Systeme im Portfolio, aber die sind weniger spezialisiert. Jan Aits, Technologie-Vorstand bei :a:k:t:, erklärt es nicht ohne Stolz: "Kein anderes System hat so viele standardisierte Schnittstellen für die Kommunikation mit den jeweiligen Systemen aller Akteure auf dem Markt. Auf diese Standards greifen wir zurück, wenn wir mit neuen Kunden arbeiten."

Und weil immer mehr Kunden ihr Vertriebsmanagement auslagern, wachsen die Passauer gewaltig. In den vergangenen zwei Jahren hat sich die Zahl der Mitarbeiter auf knapp 150 verdreifacht. Der Umsatz stieg von 7 auf 10,3 Millionen Euro, für 2008 rechnet Benjamin Müller mit 30 Prozent Wachstum. 500 Beschäftigte in den kommenden Jahren hält er für realistisch.

Wäre es da nicht an der Zeit, den Unternehmenssitz in die knapp 180 Kilometer entfernte IT-Metropole München zu verlegen?

"Ach was", sagt Müller und winkt ab. "Da gibt es zwar mehr Fachkräfte, aber um die balgen sich auch mehr Wettbewerber. Und das Geld, das ich für die teure Miete dort spare, investiere ich lieber hier in den Nachwuchs." Es mache ohnehin keinen Sinn, einen Informatiker, der sich in München wohlfühlt, nach Passau locken zu wollen, meint Müller. Und wozu auch? Die meisten :a:k:t:-Mitarbeiter stammen aus Niederbayern ­ und liefern dem Unternehmer das stärkste Standort-Argument: "Die Menschen hier sind zuverlässig. Sie hängen an ihrer Heimat; wer ihnen Vertrauen entgegenbringt, bekommt ungeheuer viel Motivation zurück."

Die natürliche Quelle für neue Mitarbeiter ist die Universität der Stadt, zu der die :a:k:t: Informationssysteme AG ein gutes Verhältnis pflegt. Das Software-Haus vergibt Stipendien an Studenten, betreibt gemeinsam mit der Hochschule Forschungsprojekte und integriert Studierende sogar im Bereich Forschung und Entwicklung.

:a:k:t: ist nicht der einzige Arbeitgeber, der in der Gegend ein Auge auf Informatik-Absolventen wirft. Neben Passau gibt es auch in Landshut und Deggendorf entsprechende Studiengänge mit gutem Ruf, und die vielen Absolventen haben zahlreiche unternehmerische Wurzeln in der Region getrieben. Der IT-Mittelstand blüht. "In Niederbayern arbeiten heute 10000 Beschäftigte in rund 1600 IT-Firmen", sagt Dieter Hilgärtner, Koordinator des IT-Forums der IHK Niederbayern, "und der Trend geht deutlich nach oben."

Auch Benjamin Müller ist zuversichtlich: "Niederbayern hat gute Chancen, sich mittelfristig zu einem Informationstechnologie-Cluster zu entwickeln", sagt der Vorstandschef. "Und wenn Passau das Zentrum werden würde, passte das nur zu gut zu unserem Firmen-Motto: ,already there'."