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Der Zeitzerkleinerer

Kameras aus Kelheim machen 4000 Bilder pro Sekunde ­ und Dinge sichtbar, die dem menschlichen Auge sonst verborgen blieben. Das nutzt Limonaden-Abfüllern genauso wie der NASA. Ein Besuch bei PCO.




Wie jeder wird auch Emil Ott gelegentlich gefragt, was er beruflich macht ­ auf Dienstreisen vom Sitznachbarn im Flugzeug zum Beispiel. "Ich mache Spezialkameras", sagt der 54-jährige Vorstand der PCO AG dann recht einsilbig. Sollte es sich beim Fragenden nicht zufällig um einen promovierten Naturwissenschaftler handeln, bleibt es meist dabei. "Einem Laien das im Detail zu erklären ist schwierig."

Versuchen wir's trotzdem: Die Kameras aus Kelheim sehen erst mal komisch aus. Für einen Fotoapparat zu klobig, für eine Fernsehkamera zu klein. Zudem sind sie nicht ganz billig. Die günstigste kostet 6000 Euro, die teuerste 140000 Euro. Dafür können die Geräte aber auch mehr als das Schnäppchen vom Mediamarkt. Zum Beispiel 4000 Bilder pro Sekunde schießen. Oder mit Belichtungszeiten von anderthalb Nanosekunden arbeiten: 0,0000000015 Sekunden ­ ein Wimpernschlag ist eine kleine Ewigkeit dagegen.

Wer braucht solche digitalen Wunderwerke? Forscher vor allem. So konnte das Fraunhofer-Institut für Kurzzeitdynamik in Freiburg mittels extremer Zeitlupenaufnahmen untersuchen, was passiert, wenn Weltraummüll mit 36000 Stundenkilometern auf Satelliten knallt. Aus den Aufprallsequenzen lassen sich Schlüsse ziehen, wie man die Schutzschilde von Satelliten und Raumfähren verbessern kann.

Auch in der Medizin machen PCO- Produkte Vorgänge sichtbar, die dem menschlichen Auge sonst verborgen blieben. Etwa in der Dermatologie, wo Modelle zum Einsatz kommen, die noch bei winzigsten Lichtmengen in hoher Auflösung abbilden ­ und so Hautkrebszellen aufspüren können, die man zuvor durch ein Spezialverfahren zum Leuchten angeregt hat.

Natürlich leisten die Kameras aus Kelheim auch der Industrie gute Dienste ­ zum Teil an Orten, wo man sie nicht erwarten würde. So bestückt etwa der oberpfälzische Getränkeabfüllanlagen-Hersteller Krones seine Abfüllstraßen mit der kleinen "Pixelfly" von PCO ­ als Flaschenkontrolleur. Schmutzreste oder Splitter müssen unbedingt ertappt werden; da kann das elektronische Auge nicht pingelig genug sein.

Es besser machen zu wollen als andere: Das war der Grund, warum Emil Ott das Unternehmen 1987 gründete. Als wissenschaftlicher Assistent am Lehrstuhl für Technische Elektrophysik der TU München gehörte für ihn die Arbeit mit High-End-Kameras zum Alltag. Wirklich überzeugen konnten ihn die in den Vereinigten Staaten produzierten Geräte jedoch nicht.

Unterstützt von einem bayerischen Förderprogramm für technologieorientierte Unternehmen, machte sich Ott deshalb mit einer Handvoll Ingenieure selbst ans Werk. Das erste gemeinsame Produkt, eine Bildverstärker-Kamera mit digitaler Schnittstelle, war allerdings nicht gerade ein durchschlagender Erfolg. "Wir haben davon genau ein Exemplar verkauft", sagt Ott schmunzelnd, "an Siemens in München."

Das Produkt war nicht schlecht, im Gegenteil. Es war seiner Zeit voraus, und zwar zu weit. "Es fing ja damals in den Achtzigern alles erst an mit Computern und Digitalisierung. Nachdem wir die Kamera mit einer analogen Videoschnittstelle nachgerüstet hatten, ließ sie sich auch verkaufen."

Dem Fortschritt möglichst noch einen Schritt voraus sein ­ was anfangs schiefging, ist inzwischen längst Überlebensgrundlage. Technologie, die PCO heute entwickelt, kann morgen schon Standard sein. Ott gibt ein Beispiel: "Vor acht Jahren kamen in der Mikroskopie noch fast ausschließlich Spezialkameras zum Einsatz. Dieser Markt ist für uns inzwischen tot, weil heute schon herkömmliche Kameras zehn Megapixel und mehr bieten."

Die Kelheimer sind gut im Geschäft. Insgesamt 52 Mitarbeiter fertigen im Gewerbegebiet Donaupark jährlich zwischen 3000 und 3500 Kameras und erwirtschaften einen Umsatz von zwölf Millionen Euro pro Jahr (2007). Die Exportquote liegt bei 50 bis 60 Prozent. Viele Geräte gehen in die USA, nach Frankreich, Spanien und Skandinavien, immer mehr auch nach Russland und China. Emil Ott ist zufrieden. Zwar sei PCO nicht Weltmarktführer. "Aber global an dritter oder vierter Stelle geht's uns gut."

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Den Großteil seiner Bauteile kauft PCO zu, vorwiegend aus einem Umkreis von 50 bis 100 Kilometern. "Die Gehäuse und Kühlelemente beispielsweise kommen fast alle aus Niederbayern", sagt Ott. Zusammengesetzt werden die Komponenten ausschließlich in Kelheim ­ in Handarbeit.

Dort wird auch gedacht. Die Entwicklung der Sensoren, Herzstücke der Kameras, und das Austüfteln der anspruchsvollen Software obliegen dem Team von Entwicklungsleiter Gerhard Holst. Holst war früher Wissenschaftler am Bremer Max-Planck-Institut für marine Mikrobiologie und selbst PCO-Kunde. "Deshalb kann ich ganz gut beurteilen, wie unsere Abnehmer ticken und was sie brauchen."

Sie brauchen zum Beispiel schnellere Autos. Deshalb stehen im Windkanal von so manchem Formel-1-Rennstall Kameras aus Kelheim und fotografieren Luft ­ genauer: die Strömung der Teilchen, mit denen sie angereichert wurde. Im herkömmlichen Fahrzeugbau sorgen die Präzisionsmaschinen für mehr Sicherheit, indem sie in unzähligen Einzelaufnahmen zeigen, wohin die Fetzen eines geplatzten Airbags fliegen.

Angesichts des Anwendungsspektrums müssten eigentlich doch auch Militärs in aller Welt etwas anzufangen wissen mit den digitalen Adleraugen aus Niederbayern. Emil Ott winkt ab. Die Rüs-tungsindustrie gehöre definitiv nicht zur Kundschaft. Aber nun ja, sagt Ott. "Wir liefern an die US-Raumfahrtbehörde NASA. Wir wissen natürlich nicht, ob die Kameras ausschließlich für zivile Zwecke genutzt werden."

Hoch spezialisiert, international tätig, global erfolgreich ­ und im Herzen niederbayerisch, so lässt sich PCO wohl am besten beschreiben. Auch wenn der Internetauftritt und alle Prospekte ausschließlich in Englisch gehalten sind, versteht sich PCO doch als heimatverbundenes, bodenständiges Unternehmen. Emil Ott ist in Kelheim geboren, die Familie hat Tradition in der Stadt. Im Zentrum gibt es eine Emil-Ott-Straße, benannt nach dem Großvater, einst ein angesehener Lokalpolitiker.

Weshalb sollte Ott über einen anderen Standort nachdenken? Seine Kunden kann er von überall bedienen, die Zulieferer sind verlässlich, für qualifizierten Nachwuchs ist gesorgt: Die TU München ist nah, und die Fachhochschule Regensburg mit ihrer Fakultät für Elektro- und Informationstechnik nur eine gute halbe Stunde entfernt.

"Zu uns kommen regelmäßig Studenten, die hier ihre Diplom- oder Doktorarbeit schreiben", berichtet Ott. Und wer erst einmal da sei, bleibe in der Regel länger, fügt seine Frau Karin hinzu, die ebenfalls aus Kelheim stammt und auch bei PCO arbeitet. "Die Grundstückspreise hier sind niedriger als in der Großstadt, wir haben ein Gymnasium und viel Natur ­ eine gute Gegend, um Kinder aufwachsen zu lassen." Und aufstrebende Unternehmen.