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Der Unruhestifter

Hans Lindner hat einen Drei-Mann-Betrieb zu einem weltweit agierenden Bauunternehmen ausgebaut. Dann hat er sich die Region vorgenommen und Millionen in seine Heimat investiert. Jetzt betreibt er über zwei Stiftungen ein Seniorenheim, ein Geburtshaus, eine Kindertagesstätte, eine Wirtschaftsförderung, ein Wirtshaus und ein Hotel. Das gefällt nicht jedem.




Die Millionen merkt man ihm nicht an. Hans Lindner kommt selbst, um seinen Gast abzuholen. Von einer Sekretärin ist weit und breit nichts zu sehen. Der Konzernchef verliert keine Zeit. Mit großen Schritten steigt er die Stufen zur ersten Etage hinauf und marschiert in sein Büro. Für den Chef eines Innenausbau-Unternehmens ist der Raum überraschend schmucklos. Beige, in die Jahre gekommene Funktionsdecke, weiße Wände, grauer Teppichboden. Das Bild an der Wand hängt seit 30 Jahren dort. Der 66-Jährige legt offensichtlich keinen Wert auf Äußerlichkeiten. Er selbst trägt ein unmodisches Sakko zu braunen Hosen und Schuhe, eher funktional als schick. Hans Linder wirkt unscheinbar. Das hat er immer für sich zu nutzen gewusst.

"Er hat nach außen stets sehr bescheiden gewirkt. Das war seine Taktik", sagt später Erwin Niedermeier, der ehemalige Technische Leiter des Unternehmens, der 35 Jahre bei Lindner war und inzwischen pensioniert ist. "Er trat immer reserviert auf, um möglichst viel aus dem Kunden herauszuholen. Wenn er genug wusste, hat er zugeschlagen." Lindner ließ sich gern unterschätzen. So hat er schon Großaufträge ergattert, als die Firma noch ein Drei-Mann-Betrieb war.

Können, Fleiß ­ und Glück

Hans Lindner ist einer von hier. Er hat es aus ärmlichen Verhältnissen bis ziemlich weit nach oben geschafft. Seine Mutter betrieb das Wirtshaus in Arnstorf, der Vater einen kleinen Holzhandel. Die Eltern genossen einen guten Ruf. Deshalb sagten die Leute: Aus dem Bub wird schon was werden. Sie sollten Recht behalten.

Der Bauunternehmer Lindner beschäftigt heute gut 4800 Mitarbeiter in mehr als 20 Ländern. Mit 2200 Angestellten in Arnstorf ist er der größte Arbeitgeber im Landkreis Rottal-Inn. Er hat das Bundeskanzleramt und den Lehrter Bahn- hof in Berlin, den Flughafen Schanghai und die Firmenzentrale von Infineon in Neubiberg mit Innenausbauten ausgestattet ­ mit Decken, Trennwänden, Böden und Türen. In gut 40 Jahren ist sein Unternehmen auf rund 600 Millionen Euro Jahresumsatz gewachsen.

Wie er das geschafft hat? "Meine selige Mutter hat immer gesagt, zum Erfolg braucht man drei Dinge: Können, Fleiß und Glück ­ zu je einem Drittel", sagt Lindner in bedächtigem, fast pastoralen Tonfall. Er redet nicht gern über sich, seine Sätze beginnen mit "man" und enden in hölzernen Passivkonstruktionen. "Ich" sagt er selten. Dafür benutzt er häufig Sprichworte. "Wo es tröpfelt, muss man drunterhalten", ist eine seiner Lebensweisheiten.

"Man wurde äußerst sparsam erzogen", sagt er jetzt und lässt keinen Zweifel daran, dass ihn das als Unternehmer geprägt hat. Lindner erinnert sich noch, dass er als Kind immer Knochen zerkleinern musste, um sie den Hühnern zu fressen zu geben. Als Firmenchef hat er sich mal ausrechnen lassen, wie viel Kaffee in seinem Unternehmen jeden Tag weggeschüttet wird. Das Ergebnis: 200 Liter. Seitdem müssen die Mitarbeiter ihren Kaffee in der Küche bestellen und können ihn nicht mehr selbst kochen. Ob bei Getränken, Park-Tickets oder Kugelschreibern ­ Lindner kalkuliert mit spitzem Bleistift.

Aber er investiert auch ohne mit der Wimper zu zucken Millionen, wenn er ein Geschäft wittert. Vor einiger Zeit schlug Erwin Niedermeier ihm vor, eine neue Maschine zur Pulverbeschichtung von Metalldecken anzuschaffen. Inves-titionsvolumen: vier Millionen Euro. "Das Gespräch hat keine drei Minuten gedauert. Er hat sofort unterschrieben", sagt Niedermeier. Entscheidungsfreude und das richtige Bauchgefühl haben Lindner groß gemacht.

Mit derselben Entschiedenheit hat er in den vergangenen 17 Jahren mehr als 40 Millionen Euro in die Entwicklung seiner Heimat investiert. Mit zwei Stiftungen betreibt er soziale Einrichtungen und unterstützt Existenzgründer. Er hat ein Seniorenheim, ein Geburtshaus und eine Kinderkrippe eröffnet. Er hat dafür gesorgt, dass Arnstorf eine Realschule bekommt. Er hat das alte Wasserschloss in Mariakirchen zu einer Fortbildungsstätte umbauen lassen. Genau wie in seinem Konzern hat Lindner bei alldem wenig Rücksicht auf bestehende Strukturen genommen ­ und sich damit nicht nur Freunde gemacht.

Engagement ­ und Misstrauen

Die Dame will nicht, dass ihr Name genannt wird. Leute wie den Herrn Lindner könne man schließlich nicht öffentlich kritisieren. Aber loswerden will sie es doch irgendwie. Seine Stiftungen hätten dem Herrn Lindner ja auch Steuervorteile eingebracht, weiß die Frau. Ja und? Und das Existenzgründerinstitut habe ihm Einblick in die Bilanzen der geförderten Firmen verschafft. Wer wisse schon, ob er das nicht auch für seine Firma nutze. Hm. Was soll ein Bauunternehmen, das weltweit Großprojekte abwickelt, mit den Zahlen eines Exis-tenzgründers aus dem Rottal?

Merkwürdig, denkt man, warum me-ckern die Leute so gern über einen, der seit mehr als 40 Jahren jedes Jahr neue Arbeitsplätze geschaffen hat? Und nicht zum Beispiel über BMW, die in der Region gerade welche abbauen wollen? "Weil der Lindner als Person greifbar ist", sagt die Frau. "Wie die bei BMW heißen, weiß ja keiner." Jetzt ist auch sie nachdenklich geworden. "Die Familie Lindner, das sind Menschen, die kann man sehen", sagt sie und klingt auf einmal gar nicht mehr so kritisch. Aber eines fällt ihr dann doch noch ein: "Der Lindner hat überall die Finger mit drin. An dem kommt keiner vorbei." Man könnte auch sagen: Er engagiert sich für die Region.

Hans Lindner ist ein niederbayerisches Eigengewächs, ein Autodidakt, der schnell lernt und viel will. Als er mit zwei Mitarbeitern anfängt, ist er noch einer unter vielen. Es ist die Zeit, bevor das BMW-Werk in Dingolfing den Landstrich verändern wird. Selbstständigkeit im Handwerk ist der Weg für alle, die etwas erreichen wollen. Der Bau-Boom der sechziger Jahre und die Olympischen Spiele in München 1972 bescheren dem kleinen Montageunternehmen ein rasches Wachstum.

Doch am meisten gewachsen ist Lindner immer an seinen Krisen. 1973 will ihm die Bank kein Geld mehr geben, weil er vor lauter Arbeit die Abrechnungen vernachlässigt hat. Er wird in die Filiale zitiert und gezwungen, als Sicherheit eine Lebensversicherung abzuschließen. Das muss ziemlich demütigend für ihn gewesen sein, denn danach hat Lindner nie wieder eine Bank betreten. "Wenn die Banker etwas von uns wollen, kommen sie zu uns", sagt er tro-cken. Damals wuchs seine Firma schneller als je zuvor. Der Trotz trieb ihn an. Einen Kredit hat Lindner nie mehr gebraucht. "Macht keine Schulden", steht in den Richtlinien, die er für seine vier Töchter aufgeschrieben hat, die bald in seine Fußstapfen treten sollen.

Inzwischen redet er bereits seit 40 Minuten. Seine Antworten werden kürzer. Allmählich wird er ungeduldig. Die ganze Zeit schon dreht er nervös an seinem Ehering. Man merkt, der Mann hat normalerweise eine höhere Schlagzahl. Zehn Minuten pro Thema seien viel, sagen die, die ihn gut kennen.

Im Schnelldurchlauf geht es weiter durch die Firmengeschichte. Mitte der achtziger Jahre hat Hans Lindner ein zweites Schlüsselerlebnis, das viele Mittelständler kennen: Die Strukturen des Unternehmens haben mit dem Wachstum nicht Schritt gehalten. "Ich konnte die Verantwortung nicht delegieren", sagt er heute. "Ich war der Chef im Versand. Ich war der beste Verkäufer, ich war der Buchhalter, ich war alles." Damals suchte er Hilfe bei einem Berater. Angebote von Roland Berger und McKinsey schlägt er aus und engagiert stattdessen einen Einzelkämpfer, Herrn Lessing. In einem Landstrich wie Rottal-Inn, wo 95 Prozent der Betriebe weniger als 50 Mitarbeiter und weniger als ein Prozent der Firmen mehr als 250 Mitarbeiter beschäftigen, traut man den Großen nicht über den Weg. Das wird Lindner später selbst zu spüren bekommen.

Lessing schlägt eine Profitcenter-Struktur vor, für die das Unternehmen in kleine Einheiten zerteilt wird, die ihre eigene Bilanz ausweisen. Das gefällt dem Arnstorfer: Von nun an sollen alle Mitarbeiter die Kosten im Blick haben. Sie sollen die Knochen für die Hühner selbst zerkleinern. Dafür beteiligt er sie mit 15 Prozent am Gewinn ihrer Einheit. Die Grundzüge des Systems gelten bis heute, allerdings wird ein Teil des Gewinns inzwischen zentral ausgeschüttet, weil der Wettbewerb zwischen den Profitcentern zu groß geworden war. Eine solche Struktur einzuführen und anschließend in Teilen wieder rückgängig zu machen, bringt Konflikte mit sich. "Es war ein Erdbeben", erinnert sich Erwin Niedermeier.

Aber man sagt Hans Lindner nicht nur Konsequenz, sondern auch die Gabe nach, seine Mitarbeiter mitzuziehen. Der Chef ist hart, am härtesten jedoch zu sich selbst. Bis er 50 ist, kommt er jeden Morgen um halb sechs ins Büro, an sechs Tagen in der Woche. Er fährt im Jahr 140000 Kilometer und verweigert einen Chauffeur. Als 1999 der Flughafen in Schanghai eingeweiht wird, fliegt er am selben Tag hin und zurück. "Er hat gesagt: 'Ich kann auch im Flugzeug schlafen, dann bin ich bald wieder zu Hause und kann was machen'", erzählt Niedermeier.

Lindner erkennt früh, dass ein Bauherr am liebsten alles aus einer Hand hat. Aus dem Handwerksbetrieb wird deshalb bald ein Generalunternehmer. Zu den Decken in seinem Sortiment kommen Trennwände, Böden, Türen und Fassaden. Dabei beweist der Arnstorfer ein gutes Händchen. 1986 etwa kauft er einen insolventen Anbieter für Doppelböden und steigt innerhalb weniger Jahre zum deutschen Marktführer in dem Segment auf. Als er Terminschwierigkeiten mit Zulieferern bekommt, fängt er an, selbst zu produzieren und eigene Innenausbausysteme zu entwickeln ­ ein ungewöhnlicher Schritt für ein Montageunternehmen, der ihn bis heute von Wettbewerbern unterscheidet.

Um der Flaute auf dem deutschen Baumarkt in den neunziger Jahren auszuweichen, treibt der Unternehmer die Expansion im Ausland voran. In Osteuropa, Russland, den USA und China. Dort stellt er fest, dass das niederbayerische Prinzip, "ein Ja ist ein Ja", nicht überall Gültigkeit hat. Er beginnt seine Herkunft als Gütesiegel zu verkaufen. "Der Kunde will uns", sagt Lindner. "Er will die niederbayerische Struktur."

Harte Arbeit ­ und eine Heimat

Die lebt auch im Unternehmen. Obwohl Lindner heute 40 Prozent des Umsatzes im Ausland macht, arbeitet noch immer fast die Hälfte der Belegschaft in Arnstorf. Drei Viertel der Leute sind seit Beginn ihrer Berufskarriere dabei. Die Loyalität ist hoch, der Krankenstand niedrig, Arbeitszeiten deutlich über den tariflichen 35 Stunden seien die Regel, heißt es. Als Ausgleich gebe es Fleiß- und Gewinnprämien. Für Motivation sorgen aber auch die Aufstiegschancen ­ drei von vier Vorständen stammen aus den eigenen Reihen. Lindner sagt, die Mitarbeiter hätten im Unternehmen ein Zuhause. "Nichts trägt einen Menschen so stark wie seine Heimat."

Manchmal, wenn der Mann von Glück, Fleiß und Ehrlichkeit spricht, klingt das schon fast zu sehr nach heiler Welt. Da ist man nahezu erleichtert zu hören, dass er mit Zulieferern auch hart verhandelt und bei Behörden seinen Einfluss nutzt, um seine Interessen durchzusetzen. Mit harten Bandagen kämpft Lindner auch gegen die eigenen Kleinaktionäre, die er aus dem Unternehmen raushaben will. Die Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre hat ihn verklagt. Das Verfahren läuft seit drei Jahren.

Mit dem Börsengang beginnt eine neue Phase in Lindners Leben. Bis dahin hat sich der Arnstorfer auf seine Firma konzentriert. Das Geld von der Börse erlaubt ihm, den Blick auf die Region auszuweiten. Er hat inzwischen die 50 über- schritten, kommt statt um halb sechs um sieben ins Büro. Lindner könnte sich zur Ruhe setzen. Aber Reichtum interessiert ihn nicht. Er besitzt nicht mal ein Auto, seit sein letztes vor zwölf Jahren einen Totalschaden erlitten hat.

Stattdessen fängt er an, sich im Landkreis zu engagieren. Als 1991 das Kreiskrankenhaus in Arnstorf schließen muss, übernimmt er die Gebäude und wandelt sie in ein Seniorenheim um. Die mondäne Anlage am Ortsrand hat mit ihrem großzügigen Parkgelände die Größe von fast fünf Fußballfeldern. Betreiber ist eine Stiftung, in die Lindner 30 Millionen Mark investiert.

Als Stifter folgt er derselben systematischen Logik wie beim Aufbau seines Konzerns: So wie zu den Decken bald Böden und Wände hinzukamen, so werden dem Seniorenheim ein Geburtshaus und eine Kindertagesstätte angeschlossen. Das Ergebnis ist ein Mehrgenerationenhaus ­ ärgerlich für Neider, dass es dafür nun ein Förderprogramm der Bundesregierung gibt.

Geburtshaus, Kita, Seniorenheim ­ was fehlt noch? Richtig: eine Schule und Arbeitsplätze. Eine zweite Stiftung, ausgestattet mit 50 Millionen Mark, soll seit 1998 Existenzgründer fördern und für neue Beschäftigung sorgen. 2005 setzt sich Lindner erfolgreich dafür ein, dass Arnstorf eine eigenständige Realschule bekommt. Alles andere als selbstverständlich für eine 6600-Einwohner- Gemeinde ohne Stadtrecht.

Warum er das alles macht? Lindners Antworten fallen denkbar knapp aus, die Pose des Wohltäters liegt ihm nicht. "Man kann selbst auch nur ein Schnitzel essen", sagt er und kommt einmal mehr auf seine Mutter zu sprechen. Sie sei eine sehr soziale und religiöse Frau gewesen. Die beiden Stiftungen seien ein Zeichen der Dankbarkeit für das Glück, das er gehabt habe. Die Stiftung einer Professur für Gründungsmanagement und Entrepreneurship in Deggendorf, wo seine Firma 1965 ihren ersten Auftrag bekam, ist es wohl auch.

Aber natürlich steckt dahinter auch Kalkül ­ genau wie beim Aufbau des Unternehmens: Wenn sich Zulieferer nicht an Termine halten, betreiben wir eigene Produktionsstätten. Und wenn der Staat nicht genügend Kitas bereitstellt, machen wir eben selbst eine auf. Mit seiner Konzernzentrale in Arnstorf ist Lindner darauf angewiesen, gute Leute in die strukturschwache Region zu holen. Das Engagement vor Ort ist folglich auch eine Investition in die Zukunft des eigenen Unternehmens. Im Kleinen ist der Effekt bereits sichtbar. Die ersten Mitarbeiter aus München und Stuttgart sind schon nach Arnstorf gezogen.

Das Vier-Sterne-Hotel, das Lindner in Mariakirchen gebaut hat, um seine Kunden unterzubringen, war auch so ein Fall. Eine Zeit lang hat er andere aufgefordert, angemessene Unterkünfte zu schaffen. Irgendwann hat er sie selbst gebaut. So viel Eigensinn ist manchem unheimlich, Kritker sagen: "Er schafft sich seinen eigenen Kreislauf."

Lindners Ehefrau verweist auf einen anderen Motor, der ihren Mann antreibe. "Er ist aufgeschlossen für Neues: Wenn jemand mit einem Vorschlag kommt, der nur ansatzweise zu realisieren ist, ist mein Mann Feuer und Flamme." Routine langweilt ihn, das sagen viele, die ihn kennen. Deshalb sei er auch am liebsten auf der Baustelle gewesen. Dort, wo es immer neue Aufgaben gab. Lindners Frau sagt: "Er liebt Probleme."

Tatsächlich haben alle Lindner-Projekte eines gemeinsam: Sie suchen stets nach Lösungen für die Schwachstellen der Region. Das heißt auch: Sie wollen die bestehenden Strukturen verändern. Kein Wunder, dass sich nicht jeder darüber freut. Bei "XperRegio", das von Lindners Existenzgründerstiftung betreut wird, war es nicht anders.

XperRegio ist eine Art Forschungs- und Entwicklungsabteilung der Region. Hier werden neue Formen für das Vorankommen der Gegend erprobt. 22 niederbayerische Kommunen haben sich darin zusammengeschlossen, um Wirtschaftsförderung von unten zu betreiben. 2005 erhielten sie drei Millionen Euro Fördergelder von der EU. Mit dem Geld wurden mittelständische Unternehmer dabei unterstützt, innovative Ideen umzusetzen, um in neue Nischenmärkte vorzustoßen. Ideen, die bei der staatlichen Wirtschaftsförderung keine Chance hätten.

Engagement ­ und die Folgen

XperRegio hat den zweiten Platz beim European Enterprise Award der Europäischen Kommission belegt. Die niederbayerische Regierung ist trotzdem nicht glücklich darüber, dass eine kleine Region nach gusto ihre Fördermittel verteilen darf. Das sei nicht gerecht, finden die staatlichen Wirtschaftsförderer. Andere Regionen, in denen es weniger engagierte Kräfte gebe, hätten Unterstützung dringender nötig, weshalb die Fördergelder zentral verwaltet werden sollten. Das Landratsamt von Rottal-Inn hat auch seine Probleme mit dem Projekt ­ die Behörde steht unter Rechtfertigungsdruck. Warum es denn jetzt zwei Wirtschaftsförderungen gebe?, fragen die Leute. Ob Regionalförderung nun etwa privatisiert werde? Und, ärgerlicher noch: Ob die Lindner-Stiftung womöglich sogar effektiver sei?

Hans Lindner ist offenbar so manchem mit seinem Engagement auf die Füße getreten. In Landau beklagte Bürgermeis- terkandidat Jürgen Stadler im Februar öffentlich in einer Wahlkampfrede, dass bereits mehr als 100 Schüler von Landau nach Arnstorf abgewandert seien. Die dortige Realschule sei "trotz massiver Bedenken der zuständigen Fachstellen durch gezielte politische Einflussnahme" durchgesetzt worden.

Viel öfter ist die Kritik diffus ­ getragen vom Misstrauen gegen die Großen. So argwöhnen einige, Lindner wolle dem Markt Arnstorf mit dem Geburtshaus neue Einwohner bescheren und so langfristig das Stadtrecht sichern. Das ist wohl eher eine Schildbürger-Fantasie, aber verstehen kann man das schon: Inmitten von Äckern und Wiesen des Rottals sind die Konzernzentrale, das Seniorenheim und die Existenzgründerstiftung imposante Erscheinungen. Kein Wunder, dass einige sie "Imperium" nennen und die Familie Lindner einen "Klan". Lindner selbst lässt derartige Anwürfe an sich abprallen: "Wer Erfolg hat, hat Neider", sagt er. "Das ist ein Naturgesetz."

Inhaltlich haben die Kritiker schlechte Karten ­ der Erfolg steht außer Frage. Die Realschule etwa, für deren Umbau Lindner eine Million Euro spendete, gilt als Vorzeigeschule mit Ganztagesangeboten, WLAN, mobilem Klassenzimmer und dem Fach "Informationstechnologie" ab dem fünften Schuljahr. Schulleiter Jürgen Böhm schwärmt von "Aufbruchstimmung".

Eine Erfolgs-Story ist auch die Existenzgründerstiftung. Sie hat bereits mehr als 1100 Gründer in Ostbayern beraten, die in acht Jahren gut 3500 Stellen geschaffen haben. Zudem verbreitet sie unternehmerisches Denken durch Schulwettbewerbe, Unterstützung eines Unternehmergymnasiums und eine Professur für Entrepreneurship. Eine Studie von PriceWaterhouseCoopers aus dem Jahr 2007 bescheinigte Ostbayern eine überdurchschnittlich hohe Beschäftigungsdynamik durch neue Firmen.

Lindners Verdienst liegt darin, dass er den Mutigen Mut macht und anschiebt, wo die Dinge ins Stocken geraten. Das macht ihn in den Augen von Franz Dullinger, Regionalentwickler für XperRegio, zum Vorbild für unternehmerische Verantwortung. "Er setzt seine ganze Lebenskraft dafür ein, dass seine Unternehmung vorangeht." Und Unternehmung ­ das sei die Firma und ihre Umgebung, die Lindner natürlich mit einbeziehe. Etwa, wenn die firmeneigenen Sammeltaxen, die die Lindner-Monteure täglich zum 100 Kilometer entfernten Münchener Flughafen fahren, zu festen Zeiten an drei öffentlichen Haltestellen vorfahren, um private Fahrgäste einzuladen. "Ihm tut es nicht weh, und den anderen nützt es", sagt Dullinger.

Inzwischen ist Lindner 66 und gönnt sich ein Hobby: Er braut Bier. "Andere spielen Golf", sagt er, und zum ersten Mal seit 90 Minuten hat er Lust zu erzählen. Wie er die historische Schlossbrauerei nebst Stallgebäude in Mariakirchen gekauft hat, um zu verhindern, dass die Anlage abgerissen wird. Oder wie er das Gebäude renoviert und zur Gaststätte hat ausbauen lassen.

Mehrmals in der Woche steht der Multimillionär jetzt hinter der Theke und schenkt aus. "Und dabei verdiene ich sogar noch Geld", sagt Hans Lindner stolz. Er kann es einfach nicht lassen.