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Das Labor der Leckermäuler

Wer träumt nicht davon, einmal eine Schokoladenfabrik zu besuchen? Die beste Adresse dafür ist die Firma Brandt in Landshut. Nirgendwo sonst werden so viele Schokohasen und Nikoläuse geboren.




"Schokoladenfiguren sind ein Saisongeschäft", sagt Werksdirektor Stefan Scholz, während er über den menschenleeren Hof schreitet. Im Empfangshäuschen sitzt eine Mitarbeiterin, ein paar Techniker huschen durchs knarrende Treppenhaus des Hauptgebäudes, doch in den Werkshallen herrscht beschauliche Stille. "Wir fangen erst wieder Anfang Mai mit der Produktion an", sagt Scholz. Mitte April geht es in der Schokoladenfabrik in Landshut geruhsam zu. Ein paar Produktionsinseln sind in Betrieb, ansonsten werden die Anlagen gründlich gereinigt und gewartet.

Zum Glück, denn wenn die Herstellung erst wieder anläuft, hat Scholz keine Zeit, die Schokoladenfabrik zu erklären. Dann muss er den Schichtbetrieb der 600 Mitarbeiter koordinieren, die mit OP-Hauben und weißer Schutzkleidung die Schokostraßen überwachen, auf denen Nikoläuse paradieren ­ zwei Monate nach Ostern ist Weihnachten in der Fabrik, die sie im Umland liebevoll "die Keks" nennen.

"Die Keks" gehört dem Backwarenhersteller Brandt. 20000 Tonnen Schokolade werden hier pro Jahr verarbeitet für Schokoladenüberzüge, Weinbrandbohnen, Schokokugeln und Schokoladenfiguren, die das Hauptgeschäft ausmachen. Allein 35 Millionen Nikoläuse schicken sie vom Landshuter Stadtrand aus ins Weihnachtsgeschäft. Brandt produziert mittlerweile für zahlreiche etablierte Marken, jeder dritte Weihnachtsmann stammt aus Niederbayern. Für den Zwiebackhersteller mit dem rosigen Kindergesicht auf der Tüte sind die Schoko-Objekte längst die wichtigste Geschäftssäule: "Wir erwirtschaften hier rund 100 Millionen Euro Umsatz", sagt Scholz ­ die Hälfte des Brandtschen Firmenumsatzes.

Der Zwiebackhersteller mit Stammsitz im westfälischen Hagen kaufte die Fabrik in Niederbayern schon 1940. Firmensenior Carl Brandt spezialisierte sich hier auf eine Marktnische ­ Luft in die Schokolade zu lassen. Dazu wird flüs-sige Schokolade in Kunststoff-Gussformen geleitet, "dann drehen wir sie, bis die Wände von einer Schokoladenschicht benetzt sind", sagt Scholz. Jetzt nur noch abkühlen lassen ­ und fertig ist der Schokoladenhohlkörper.

In einem Regal in seinem Dienstzimmer hat Scholz die Erfolgsprodukte von Brandt aufgebaut. Vor einem in lila Stanniolpapier gewickelten fußballgroßen Osterei liegen Adventskalender und ein neues Ostersuchspiel, bei dem es statt 24 Türchen 21 Eierfelder aufzustöbern gibt. Und natürlich stehen hier auch Weihnachtsmänner aller Gewichtsklassen, von 25 Gramm bis zu einem halben Kilo. Eine der Großfiguren hat einen Bart aus weißer Schokolade ­ Ergebnis des "Schminkens", ebenfalls eine Spezialität aus Landshut.

Der Fachmann führt vor, wie das geht. Auf dem CAD-Bedienfeld des Spritzroboters liegt ein Osterhase, Gesicht nach oben. Die Maschine hinter Plexiglas träufelt helle Schokolade dorthin, wo sich die Augen befinden, dann spritzt sie weiße Schokolade in die aufgestellten Löffel ­ schon sitzt das vollautomatische Schokohasen-Make-up. Früher wurden die Figuren noch von Hand geschminkt, 70 Mitarbeiter waren damit beschäftigt.

Heute erinnert der Umgang mit dem "naturnahen Produkt Schokolade", wie es Scholz nennt, eher an die Stahlherstellung: Auch Schokolade muss richtig temperiert werden, damit sie durch die kilometerlangen Betriebsröhren zu den Anlagen fließen kann. In einem Seitentrakt wird gerade an einer neuen Produktionsstätte für flüssig gefüllte Pralinen gearbeitet. Acht Millionen Euro hat die Firma in sie investiert. Für Scholz auch ein Signal, dass auf Brandt in Landshut Verlass ist.

Die Firma ist inhabergeführt, und der Werksdirektor kennt den Unterschied. Der Mittvierziger war als Ingenieur erst beim Energieriesen VEW beschäftigt, dann bei dem Nahrungsmittelkonzern Kraft. Bei Brandt spüre man die Verantwortung stärker, weil sich jeder Fehler direkt auswirke, sagt Scholz.

Der Firmenchef ist auch anders spürbar. Obwohl er seinen Dienstsitz in Hagen hat, ist das schönste Büro in Landshut stets für ihn reserviert. Die Landshuter Fabrik sei Carl-Jürgen Brandt ans Herz gewachsen, erzählt Scholz. Die Inhaberfamilie verbrachte hier früher einige Monate des Jahres in einer Dienstwohnung. "Herr Brandt hat als Kind auf diesen Fluren gespielt." Bei Betriebsfesten mischte sich der Chef auch heute noch zwanglos unter die Beschäftigten.

Die Zukunft ist süß

Das ist ein wohlwollendes Zeugnis für einen Unternehmer, der im heimischen Hagen für Entrüstung sorgte, als er im März 2000 die Verlegung der Produk-tion ins thüringische Ohrdruf ankündigte, um sich Subventionen zu sichern. Aus dem Mund des leitenden Angestellten Scholz klingt die Geschichte freilich anders: Die Fertigung in Hagen sei zu klein geworden. Statt ein geeignetes Gelände für das Traditionsunternehmen anzubieten, hätten sich die Hagener Stadtoberen in die Baupläne einmischen wollen. "Und welcher Unternehmer lässt sich schon gerne von Politikern vorschreiben, wie er seine Fabrik zu bauen hat?", fragt Scholz.

Auch Scholz wird bald umziehen. Er hat in Bochum studiert, wohnt mit Frau und zwei Kindern noch immer in Dortmund ­ nur am Wochenende ist er bei ihnen. Aber bald werden sie wohl nach Niederbayern umsiedeln, "in diese wunderschöne Urlaubsgegend".

An Erholung Suchenden mangelt es der Region tatsächlich nicht ­ eher schon an Arbeitskräften. "Hier herrscht doch praktisch Vollbeschäftigung", meint Scholz. Er hat es schwer, Facharbeiter zu bekommen. Gleich nebenan lockt das BMW-Werk mit höheren Löhnen. Doch er will nicht klagen. Wenn die Kinder in der Schule erzählen, dass ihre Eltern in der Schokoladenfabrik arbeiten, fänden das alle toll.

Dabei ist "die Keks" streng genommen gar keine richtige Schokoladenfabrik, sondern eher eine Schokoladengießver-formlackierverpackerei: Vier Fünftel des Umsatzes erwirtschaftet das Werk im Auftrag großer Handelspartner. Hier werden jede Menge lila Hasen und Nikoläuse geschleudert und geschminkt, die Schokolade dafür wird extra in Tankwagen angefahren. Für einen großen süddeutschen Milchmagnaten lässt Brandt Cerealien in großen Trommeln durch Schokoladenfäden kullern, bis sie ganz von der brauen Masse überzogen sind. Der Verbraucher knickt die knus-prigen Teile später in den Joghurt.

Ideen, Innovationen und Service treiben auch den Schokoladenmarkt. Scholz schnürt mit seinen Entwicklern "Rundum-sorglos-Pakete" für die Partner: Sie erfinden neue Schoko-Figuren, planen sie komplett durch und liefern sie regalfertig aus ­ vom Rohstoff über die Form bis zum Display für den Handel. Das Geschäft wird immer schneller, nicht nur die klassische Schokoladentafel, auch die süßen Figuren müssen sich derzeit dem Trend zu einem hohem Kakaoanteil anpassen. "Ein Nikolaus in Zartbitter, vor ein paar Jahren war das undenkbar", sagt Scholz.

Noch klingen die Worte des Werksdirektors in der leeren Halle etwas hohl. Aber in ein paar Wochen, um Pfingsten herum, da wird es hier vor Weihnachtsmännern nur so wimmeln.