Editorial

Von Susanne Risch, Chefredaktion



Das Problem mit dem Begriff Nachhaltigkeit ist, dass ihn jeder toll findet. Was will man auch dagegen sagen? Nachhaltig kann schließlich sozial, ökologisch, engagiert, klimaneutral, fair, langfristig oder auch verantwortungvoll meinen. Bei Nachhaltigkeit schwingt alles Mögliche mit – und nur Gutes. Das sollte uns stutzig machen.

Mein Kollege Thomas Ramge hat in seiner Auseinandersetzung mit dem Thema schon vor mehr als zehn Jahren festgestellt: „Es geht ihr nicht gut, der Nachhaltigkeit. Sie hat zu viele Freunde gefunden, auch falsche.“ In seinem Text zur Wohlfühl-Utopie zitiert er den Kasseler Umweltpsychologen Andreas Ernst. Nachhaltigkeit, meint der, sei immer schon ein unscharfer Begriff gewesen. „Er sagt nichts aus über Fristen von Veränderung oder die Verteilung von Lasten und Nutzen. Der Begriff hält die Arme weit auf, ist deshalb so anfällig für Usurpation“ (Seite 94).

Eine allgemeingültige Definition könnte helfen. Die fehlt jedoch trotz einiger -Bemühungen bis heute. Und um keine falschen Erwartungen zu wecken: Auch wir haben keine eindeutige Begriffsklärung für uns gefunden. Dafür aber ein paar An-regungen, die den Blick für das Thema weiten sollen.

Denn mit dieser Einsicht fängt es an: Nachhaltigkeit ist kein Ziel, das einfach mit Elan und gutem Willen zu haben ist – Nachhaltigkeit ist ein Weg. Sie verlangt harte Arbeit und einen langen Atem. Eine Entwicklung, die langfristig zum Besseren führen soll, erfordert immer wieder Standortbestimmungen, neues Denken, Einsichten, Korrekturen, Disziplin, Übung, Geduld und Hartnäckigkeit. Wer Nachhaltigkeit -anstrebt, muss Widersprüche und Zielkonflikte aushalten. Er muss bereit sein, zu lernen und sich auf Komplexität einzulassen. Nachhaltigkeit ist nichts für den nächsten Jahresbericht und nicht in einer Vorstandsperiode zu schaffen. Wer nachhaltig wirtschaften will, muss das Detail und die Zusammenhänge sehen. Und sich für eine lange Zeit auf immer neue Wendungen einstellen.

Peter Schwartz, einst Chef des amerikanischen Beratungsunternehmens Global Business Network, nannte das in einer unserer ersten brandeins-Ausgaben „Zukunftsräume ausleuchten“ (Seite 132). Er meinte damit nicht Prognosen, sondern die Bereitschaft und Fähigkeit, sich auf unterschiedliche Verläufe einzustellen. Denken auf Vorrat, wenn man so will. Das klingt anstrengend? Ganz sicher für all jene, die auf schnelle Ergebnisse aus sind. Alle, denen es mit der Nachhaltigkeit wirklich ernst ist, haben das längst gewusst. 

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