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Gemeinschaften



Dieser Artikel stammt aus edition brand eins „Gemeinschaften“ aus dem Jahr 2020

Das Coronavirus hat die Welt angehalten. Ein guter Zeitpunkt, um mal wieder erwachsen zu werden.

Es ist der schönste Frühling seit Langem. Tag für Tag strahlt die Sonne vom blauen Himmel, als hätte sie sonst nichts zu tun, als wäre nicht alles bedroht: wir alle, die Welt, die Wirtschaft. Wobei Letztere bekanntlich immer bedroht ist, wie wir unentwegt zu hören bekommen: von Steuern, Gesetzen, Regelungen oder dem Klimawandel. Wäre die Wirtschaft ein Mensch, wäre sie längst in Behandlung. So schwach, dass sie nur überleben kann, wenn alles läuft, wie sie es gerade braucht – das kann nicht gesund sein.

Aber zugegeben, die Lage ist ungewöhnlich. Um nicht zu sagen: neu. Die Welt befindet sich in der ersten globalen Pause seit dem Beginn der Moderne. Nach gut 200 Jahren, in denen technologische und soziale Fortschritte und Rückschritte, Kriege und Friedensprozesse, der Zerfall von Reichen und die Entwicklung von Nationen zu einer zunehmend atemlosen Veränderung des gesamten öffentlichen wie privaten Lebens geführt haben, steht ein großer Teil der Welt still. Wegen eines Virus.

Ich werde hier keine Statistiken auffahren. Wir alle kennen sie, und was würde der aktuelle Stand, Ende April 2020, auch nützen? Das Coronavirus hat unzählige Menschen getötet, und in dem Moment, in dem Sie dies lesen, sind es mit Sicherheit weitaus mehr. Das bedeutet Leid, global, ja, aber auch ganz persönlich, wenn in einem Raum plötzlich jemand fehlt, eine Stimme verstummt, ein Blick weniger die Welt betrachtet. Darum wird es später nicht mehr gehen, deshalb wird es hier gesagt, denn es ist wichtig und ebenso wenig vergessen wie die, die wochen-, ja monatelang damit umgehen mussten. Aber nun zurück in die Sonne.

In Deutschland sind in zwei Monaten deutlich weniger Menschen an Corona gestorben als in New York in wenigen Wochen. Das verdanken wir nicht zuletzt auch dem Social Distancing, der sanften Form der Kontaktsperre. Es wurde von der Mehrheit der Deutschen sehr diszipliniert eingehalten, was anfangs durchaus zweifelhaft schien. Schließlich, so hieß es, seien wir soziale Wesen, die auf persönlichen Austausch angewiesen sind. Hinzu käme die Macht der Gewohnheit, die schwer zu brechen sei. Und selbst wenn es gelänge: Die Folgen wären Einsamkeit, zerstörte Ehen, Familien am Rande des Wahnsinns.
Das Gegenteil war der Fall. Von einem Tag auf den anderen hielten alle einen angemessenen Mindestabstand. Die Schlangen an den Kassen waren endlos, aber es war eine Fata Morgana – die Menschen standen nur weiter auseinander, und alles ging schneller. In wenigen Tagen entwickelte sich ein neues Leben, von dem ich nicht erzählen muss, weil es bekannt ist: von Einkaufshilfen für Senioren und andere Risikogruppen über Radtouren mit der ganzen Familie und Balkonkonzerten mit Nachbar bis zu den vielen neuen Ideen, die der ewig drohenden Langeweile entsprossen.

Die Menschen liegen auf dem Rasen wie ordentliche Sommersprossen in aufgeräumten Gesichtern

Und die Gemeinschaften? Schwinden nicht, sie wachsen. Die Kinder sind immer zu Hause, sie müssen im Fernunterricht lernen, was kein Elternteil einfach findet. Aber fast jede Mutter, jeder Vater fügt dem Jammern darüber ein leicht genuscheltes „Ist schon schön, dass wir sie öfter sehen“ hinzu. Die Restaurants, für die eine lange Schließung anfangs das Ende schien, haben auf Takeaway umgestellt, und so treffen sich vor Lokalen, die sonst immer voll sind, nun Abholer – wohl ebenso aus Solidarität wie aus Freude am Normalen. Der Betreiber meines Buchladens, gerade noch von Sorgen zerfressen, erklärt kurz vor Ostern: „Alles gut.“ Die Leute bestellen ihre Bücher telefonisch und holen sie ab.

Nach vier Wochen ist der Alltag so normal, dass es leicht ist, die Krise zu vergessen: Auf den Balkonen und in den Gärten sitzen die Menschen in der Sonne, durch die einladend ruhigen Straßen ziehen ein- bis zweisame Radfahrer an Jogger vorbei, in Parks spielen, sitzen oder liegen Menschen auf Abstand auf dem Rasen wie sehr ordentliche Sommersprossen in gründlich aufgeräumten Gesichtern, und die langen Telefongespräche mit guten Freunden handeln nach der „Jetzt komme ich endlich dazu, mich um dieses oder jenes zu kümmern“-Phase nun häufiger von „Wie geht es eigentlich so und so?“. Also alles gut, vorerst jedenfalls. Bis auf die Wirtschaft. Die ist bedroht. Wie immer, könnte man sagen. Aber diesmal ist es ernst. Wäre die Antwort. Und wäre das falsch? Nun ja.

Ernst Prost, Geschäftsführer von Liqui Moly, würde sich wohl kaum als bedroht bezeichnen. Selbst wenn er es wäre. Denn was bringt das? Seit Mitte März schreibt Prost an Mitarbeiter, Kunden und Medien Rundmails. Schon die erste machte klar, was Sache ist: Jeder Mitarbeiter, erklärte er am 17. März, bekäme mit seinem nächsten Gehalt ein „Corona-Trostpflaster“: 1000 Euro Bonus. Und so ging es Tag für Tag weiter: Keiner wird entlassen, Liqui Moly investiert ins Marketing, wir haben jetzt einen Hardrock-Radiospot, passt auf euch auf, wir gehen in die Offensive, wir kriegen das hin. Gemeinsam!

Ähnlich gut gelaunt äußerte sich der Berliner Gastronom Billy Wagner, der das Steerestaurant „Nobelhart & Schmutzig“ betreibt. Nur eine Woche nach Schließung seiner Speisegaststätte hatte er in seinem Newsletter eine Mahlzeit für 70 Euro zum Selberkochen angeboten – vor allem, um seine Lieferanten zu unterstützen. Seitdem gibt es jede Woche ein neues Menü. Er sagt lachend: „Ich fahre jetzt nachmittags Essen aus.“ Die Idee werde gut angenommen, erzählt er, sein Lokal werde so statt einer größeren fünfstelligen Eurosumme in der aktuellen Situation wohl nur eine vierstellige Summe Verlust machen. Viel wichtiger aber: Seine Lieferanten kommen ebenfalls besser durch die Krise.

Das Nobelhart & Schmutzig ist keine Ausnahme. In Berlin bietet mittlerweile so manches Spitzenrestaurant die Produkte an, die es sonst selber verbraucht. Das Sternerestaurant 100/200 in Hamburg verkauft Kisten mit Lebensmitteln für eine Woche, auch um seinen Lieferanten zu helfen. In anderen Städten dürfte es Ähnliches geben. Das ist Wirtschaft. Zudem eine Branche, der mit dem Versammlungsverbot die Grundlage ihres Geschäftes für längere Zeit entzogen wurde – und die trotzdem an ihre Partner denkt. Wenn das geht – haben wir dann überhaupt ein Problem?

Die Wirtschaft gehört zur Gesellschaft und nicht umgekehrt, wie manche ihrer Vertreter glauben 

Zugegeben, die Frage ist provokativ. Es ist ein bisschen so, als fragte man einen Corona-Patienten: Sind Sie erkältet? Unternehmer, Freiberufler, Ladenbesitzer und nicht zuletzt Millionen von Mitarbeitern bangen aus guten Gründen um ihre Zukunft. Mitte März sagte Finanzinvestor Alexander Dibelius in einem Handelsblatt-Interview: „Besser eine Grippe als eine kaputte Wirtschaft.“ Als Ex-Unternehmensberater und Ex-Investmentbanker bei den Hedgefonds-Cowboys von Goldman Sachs, wurde er damit zur Zielscheibe für alle, die Wirtschaft grundsätzlich für böse halten. Aber ganz ehrlich: Ich denke, der Mann war besorgt. Denn unter den gegebenen Umständen ist die wirtschaftliche Lage schlimm. Nur sind nicht alle Umstände gegeben.

Geht es um die Gesellschaft, zu der die Wirtschaft nun mal gehört, auch wenn ihre Vertreter manchmal so tun, als sei es genau umgekehrt, wird gern von Spielregeln gesprochen. Der Unterschied zwischen Spielregeln und Naturgesetzen liegt auf der Hand: Im Gegensatz zu Letzteren kann man Erstere ändern. Außerdem gehören zu einem Spiel ein Ziel des Spiels, ein Spielfeld sowie Mitspieler. Und weil wir zum Spielfeld Erde keine Alternative haben, wir zudem nicht allein sind und ich Völkermord jetzt einfach mal ausschließe, heißt das: Die letzten beiden Punkte, Spielfeld und Mitspieler, sind Fakten, die wir nicht änder können. Das macht das Coronavirus so fatal: Es ist Teil des Spielfeldes – und damit gegeben. Diskutieren zwecklos. Und nun?

Die Konzentration auf das Wesentliche reduziert den Alltag auf seine Essenz – und Essenzen sind wertvoll

Zurück in die Sonne. Der Lockdown ist, neben vielem anderen, eine Konzentration auf das Wesentliche. Da sind zuerst einmal die Menschen: die Familie, zu der mehr als früher auch diejenigen zählen, die nicht persönlich besucht werden können oder sollen, vor allem die Älteren. Nun wissen auch die Letzten unter ihnen, wie Videokonferenz geht, und viele haben wohl noch nie so häufig mit ihren Kindern und Enkeln gesprochen wie jetzt, wo sie einander nicht besuchen können. Dann gute Freunde, die nun Fahrrad- oder Jogging-Partner sind und auch mal zu Hause getroffen werden, aber wirklich nur vereinzelt oder wenn es wichtig ist. Und vielleicht noch Nachbarn. Es wäre einfach, zu sagen: Das soziale Umfeld schrumpft. Aber möglicherweise ist es auch nur auf seine Essenz reduziert. Und Essenzen sind bekanntlich wertvoll.

Dann die Versorgung. Lebensmittelläden, klar. Wochenmärkte. Grundversorgung. Was nötig ist. Was Menschen brauchen. Doch das gilt als großes Problem: mangelnder Konsum. Der Ökonom Peter Bofinger sagte Mitte April t-online de, kurz bevor die meisten Läden wieder geöffnet wurden: „Die Konsumlaune der Deutschen wird nicht sprunghaft steigen. (...) Viele Menschen sind weiter stark verunsichert. Auch wenn die Geschäfte nun teilweise wieder öffnen dürfen, ist es deshalb unwahrscheinlich, dass viele Verbraucher Einkäufe nachholen.“ Ich glaube, der Mann war ebenfalls besorgt. Aber im Ernst: Einkäufe nachholen? Wie kann es sein, dass wir 200 Jahre lang mit großer Hingabe ununterbrochen konsumieren und nun alles zusammenbricht, weil wir es zwei Monate nicht tun und vielleicht nicht nachholen? Ich habe einen Einkaufsbeutel, auf dem steht: „Buy more shit or we're all fucked.“ Echt jetzt?

Und schließlich die Arbeit. Die wohl größte Überraschung der Krise war der Siegeszug des Home Office. Wie viele Menschen mittlerweile zu Hause arbeiten ist umstritten, die Schätzungen reichen von etwas über 20 Prozent bis zu rund 50 Prozent, aber Fakt ist: Viele tun es. Auch in Firmen, für die das bestenfalls ein Fernziel war, ging es von einem Tag auf den anderen. Wir bei brand eins fingen ebenfalls aus dem Stand an, und es funktionierte erstaunlich gut. Zwei Dinge habe ich dabei verstanden: Allein den Weg zur Arbeit zu sparen bedeutet einen enormen Zuwachs an Zeit für alles, was einem wichtig ist – auch für Arbeit. Und: Die Vermischung von Arbeits- und übriger Lebenszeit funktioniert sehr viel besser, wenn sie beidseitig ist.


 

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Ich arbeite beispielsweise am besten früh morgens oder spät abends, gern auch am Wochenende, wenn keiner anruft. Aber ich bin dafür viel offener, wenn ich in der offiziellen „Arbeitszeit“ auch mal einkaufen, Wäsche waschen oder dem Kind eine Aufgabe erklären kann. All das muss getan werden – und geht im Büro nicht.

Die Idee, Arbeitszeit als Messlatte von Tätigkeit zu nutzen, kommt, klar, aus der Industrialisierung, als in Fabriken eine starke Arbeitsteilung die Anwesenheit aller Mitarbeitenden voraussetzte. Das ging aber nur, weil es auch eine weitverbreitete soziale Arbeitsteilung gab: Der Mann ging malochen – die Frau machte den Haushalt. Es war normal, in solchen Familiengemeinschaften zu leben. Heute ist es die Ausnahme: 2018 lebten in Deutschland mehr als 17 Millionen Menschen in Einpersonenhaushalten – das ist die am meisten verbreitete Wohnform. Und in den Familien sind oft genug beide Elternteile berufstätig. Doch auf unsere Arbeitskultur wirkt sich das bisher kaum aus.

Das ist umso erstaunlicher, da sich inzwischen eigentlich herumgesprochen hat, dass Arbeit mehr ist als Gelderwerb. Noch einmal Ernst Prost von Liqui Moly, Mitte April 2020: „Arbeit bringt Zufriedenheit, Anerkennung, Selbstbestätigung und das gute Gefühl etwas geleistet zu haben. Ich meine sogar, dass Arbeit zu einem erfüllten Leben unbedingt dazugehört. (...) Ich mag diese Formel Work-Life-Balance nicht. Sie ist falsch. Als ob Leben und Arbeit Gegensätze wären. Die Arbeit ist ein Teil des Lebens. Noch dazu ein wichtiger. Ich wünsche jedem Menschen, dass er eine Arbeit hat, die ihn erfüllt, die ihm Freude macht und Spaß bereitet.“ Auch das bestätigt die Corona-Zeit: Arbeit ist eine schöne Sache, ohne wird das Leben öde. Bestenfalls. Doch geht es dabei um Produktivität? Oder um Tätigkeit?

„Wir alle haben das Bedürfnis, die Welt besser zu machen. (...) Die Psychologie hat uns gezeigt, dass man nicht glücklich wird, wenn man im Leben kein Ziel hat. Es gibt Tausende von Dingen zu tun. Jeder weiß, was in seinem Umkreis nötig ist …“ Das sagte mir vor einigen Jahren die US-Philosophin Susan Neiman. Ich war damals mit einer ganz simplen Frage unterwegs: Was heißt eigentlich erwachsen? Ich sprach mit vielen Menschen, etwa mit dem Pädagogen und Coach Albert Wunsch, der meinte, dass rund 30 Prozent der Menschen, die er täglich trifft, wirklich erwachsen seien. Oder mit meiner Tochter, die auf die Frage, was Kinder von Erwachsenen unterscheide, antwortete: „Erwachsene sind größer.“ Am Ende kristallisierte sich eine ebenso einfache wie überraschende Erkenntnis heraus: Erwachsen ist kein Zustand, sondern ein Prozess. Du bist nicht erwachsen – du wirst es.

Erwachsen zu sein heißt, ein Auge auf das zu richten, was wir wollen, und eines auf das, was wir sollen 
Susan Neiman, die damals gerade das Buch „Warum erwachsen werden? Eine philosophische Ermutigung“ veröffentlicht hatte, meinte, dass es nicht nur um die persönliche Entwicklung, sondern auch die gesellschaftliche ginge. Sie sagte: „Vieles, was für uns normal ist, wäre vor 100 Jahren utopisch gewesen. Dass alle Menschen dieselben Rechte besitzen, die Gleichberechtigung von Mann und Frau, dass Schwule und Lesben heiraten dürfen – das war vor wenigen Jahrzehnten unvorstellbar! Und das alles wurde mühsam erkämpft. Ich glaube, es ist heldenhaft, erwachsen zu sein.“

Den Standpunkt, den sie für diesen Prozess am geeignetsten hielt, skizzierte sie so: „Kinder müssen die Welt nehmen, wie sie ist. Jugendliche stellen sie ständig infrage. Und wir alle neigen für den Rest unseres Lebens zu einer dieser Positionen. Denn beide sind einfach. Wenn man dagegen versucht, ein Auge auf das Ideal zu richten, also auf das, was wir wollen, und das andere Auge auf die Wirklichkeit, also auf das, was wir sollen, ist das sehr anstrengend.“ Na, wer kennt das? Willkommen in der Corona-Krise.

Ich glaube, wir haben gerade eine fantastische Chance, mal wieder erwachsen zu werden. Das ist nicht ungewöhnlich, das wurden wir schon oft. Wir sind während der gesamten Menschheitsgeschichte immer weiter getaumelt. Nur mal als Beispiel: Erst haben wir geglaubt, dass in bestimmten Steinen Götter leben, dann dass ein Gott über allem ist, dann haben viele von uns den Glauben an diesen Gott verloren, dann kam die Quantenphysik. Und jedes Mal waren wir kollektiv davon überzeugt: Das ist die Wahrheit. Das hielt einige Zeit – dann mussten wir wieder erwachsen werden.

Was wir diesmal zurücklassen werden, ist noch unklar. Unser Wirtschaftssystem? Oder ist das nur die Folge einer Art zu denken, die nicht mehr geht, wenn wir endlich leben wollen, wie wir dank unserer Entwicklung leben könnten, wären wir nur besser organisiert?

In der Autowerkstatt nebenan essen sie jetzt jeden Tag gemeinsam Mittag, dafür nehmen sie sich die Zeit


Das Virus hat uns nicht nur eine Pause aufgezwungen, sondern uns auch die Gelegenheit gegeben, zu sehen, was wirklich zählt. Die Menschen – die uns nah sind, aber auch fremde, denen wir helfen wollen, obwohl wir sie nicht kennen. Dinge, die wir brauchen – aber auch Platz, wir sind gern unterwegs. Und eine sinnvolle Tätigkeit – was nicht im klassischen Sinn produktiv heißen muss, und das wissen wir auch, das hat sich in der steigenden Würdigung der Pflegeberufe in den vergangenen Monaten gezeigt.

All das ist eine gute Basis, um die alten Spielregeln, denen wir so lange alle gefolgt sind, zu überprüfen und zu verändern. Hinzu kommt: Alles ist möglich, alles kann anders sein, von jetzt auf gleich. Das haben wir gerade gesehen. Klimawandel? Flüchtlingskrise? Grundeinkommen? Soziale Marktwirtschaft? Wettbewerb? Persönliche Freiheiten? Gemeinsame Verpflichtungen? Wir müssen allerlei aushandeln. Schaffen das die, die wir damit bisher beauftragt haben? Oder müssen wir es selber tun? Sicher ist wohl zumindest eines: Gemeinsam kommen wir besser durch.

Der Himmel ist immer noch blau, und die Sonne scheint, als hätte sie sonst nichts zu tun. In der Autowerkstatt nebenan wird jeden Tag hart gearbeitet, aber so gegen 12 Uhr geht einer der Männer auf den Hof und macht Mittag. Oft wird gegrillt, aber es gibt auch Topfgerichte, und so gegen 13 Uhr sitzen alle auf Bierbänken um einen schmalen Tisch in der Sonne und essen. Danach wird noch geplaudert und gelacht, bevor es weitergeht. Das haben sie früher nicht gemacht. Vielleicht machen sie es jetzt, weil es mit Mittagstisch gerade schwierig ist. Aber vielleicht haben sie auch gemerkt, dass es gut ist, sich Zeit zu nehmen.

Denn auch das hat uns die Krise geschenkt: Zeit. Es war eine Art Tausch – Raum gegen Zeit. Einige von uns werden später sagen, sie hätten seit ihrer Kindheit nicht mehr so viel Zeit gehabt wie damals, im März und April 2020. Und die Jüngeren werden fragen: War das gut? --

Zwei Exemplare der Zeitschrift "edition brand eins" liegen nebeneinander. Beide Titel sind ähnlich gestaltet: ein weißer Hintergrund mit dem Schriftzug "edition brand eins" in dunkler Schrift. Ein farbiger Farbverlauf in Lila-, Blau- und Türkistönen zieht sich über die unteren zwei Drittel der Titel. Ein orangefarbenes Etikett mit dem Text "Top-Storys aus 20 Jahren brand eins" ist auf beiden Titeln angebracht. Unterhalb des Farbverlaufs steht in großer Schrift "Machst du mit?" und darunter "Gemeinschaften".

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