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Frankfurter Buchmesse 2023

„Eine soziale Maschine, die Vertrauen produziert“

Ein Kommentar von Torsten Casimir - Sprecher Frankfurter Buchmesse

 

Die Frankfurter Buchmesse stieg nach der ersten Messe 1949 schnell zum weltweit führenden Branchentreffen auf. Lange galt ein Satz, den unter Verlagsmenschen kaum jemand bestritt: Alle kommen nach Frankfurt, weil alle nach Frankfurt kommen. So lautete die tautologische Formel für einen international verbreiteten, sagen wir: Branchenbrauch. Bräuche haben die starke Fähigkeit zur Selbstreproduktion bei schwachem Begründungsaufwand. Die empfundene Dabeiseinspflicht in Frankfurt hatte viel damit zu tun, dass in der Buchbranche das geschäftliche Handeln eng an die persönliche Begegnung gebunden war – und es bis heute ist.

Hinzu kam die Attraktivität der Mega-Plattform: Wer auf Erden Rang und Namen und ein Buch geschrieben hatte, wollte sein Werk in Frankfurt präsentieren. Ob Konrad Adenauer und Willy Brandt, Leni Riefenstahl und Hildegard Knef, Henry Kissinger und Muhammad Ali – die Liste an Berühmtheiten, die zur gebührenden Launch-Party für ihr Buch anreisten, ist so lang wie schillernd. Die Anwesenheit der Celebrities machte die Buchmesse auch für ein breites Publikum attraktiv. Jährlich wachsende Besucherzahlen hielt man in Frankfurt daher für eine Art Naturgesetz.

Überspitzt ließe sich formulieren, dass die Buchmesse ihre Zukunftsfähigkeit am überzeugendsten dadurch unter Beweis stellen konnte, dass sie sich von transformatorischen Abenteuern fernhielt.

Dann betrat Anfang 2020 Covid-19 die Weltbühne. Messen der gewohnten Art waren plötzlich nicht mehr möglich. Die digitale Transformation erfolgte im Supersprint – auch bei der Buchmesse. Digital sein oder nicht sein, das war anfangs der Pandemie keine Frage mehr. Was also mochte die Zukunft bringen? Eine digitale Transformation auch im Kund*innen- und Besucher*innenverhalten? Oder eher ein unumkehrbares Schrumpfen? Oder gar das Ende des Produkts Messe, wie wir es kannten?

Seit der Rückkehr zu beschränkungsfrei durchführbaren Messen nach bewährtem Modell macht die Frankfurter Buchmesse die Erfahrung, dass Aussteller*innen, Fachbesucher*innen und Publikum wiederkommen. Im Nachhinein blickt man auf die Pandemie wie auf einen globalen Feldversuch, als dessen Ergebnis quasi der Proof of Concept für die Idee der jährlichen physischen Begegnung unter Professionals zu notieren ist. Der Direktor der Frankfurter Buchmesse, Juergen Boos, fasst das Geheimnis seines derart resilienten Geschäftsmodells so zusammen: „Die Frankfurter Buchmesse ist eine soziale Maschine, die Vertrauen produziert.“ Und Vertrauen ist nun mal der Treibstoff fürs Buch-Business. Screens mit ihren digitalen Räumen aller Art können bei dieser Produktion bisher nicht mithalten.

Zugegeben, der knappen Skizze einer Transformationsvermeidung fehlen ein paar Details, die dann doch auf Weiterentwicklungen hinauslaufen. In Frankfurt wurde gelernt, dass digitale und hybride Formate wertvolle Ergänzungen zu den Angeboten während der Messewoche sind. Digitale Konferenzen und Networking-Events im Vorfeld der Messe sind mittlerweile fest etabliert. The Hof, um ein Beispiel zu nennen, ist eine erfolgreiche, vor drei Jahren gestartete digitale Eventreihe mit einer wachsenden internationalen Community. Dort treffen sich in monatlichen Sessions über das Frühjahr und den Sommer hinweg Publishing-Professionals, Literaturbegeisterte, Autorinnen und Autoren aus aller Welt in lockerer Atmosphäre zum Austausch. Solche digitalen Zusatzangebote helfen langfristig dabei, das Erlebnis Buchmesse aus seinem engen Rahmen der wenigen Oktobertage in Frankfurt zu befreien.

Etwas anderes bleibt, wie es immer war: Auch auf der 75. Frankfurter Buchmesse vom 18. bis 22. Oktober werden die Themen Zukunftsfähigkeit und Transformation der Buchbranche sichtbar und heiß auf den Bühnen der Messe diskutiert – ob über das Thema nachhaltige Buchproduktion, die Nutzung von AI im Verlagswesen oder über Sensitivity Reading. Darüber, wie aus einer Buchvorlage ein Blockbuster oder eine Serie wird, und welche Trends im Audio-Markt aktuell vorherrschen. Wie neue Talente für die Branche gewonnen und ganze Communities über Kanäle wie TikTok erreicht werden können.     

Was auch bleibt: das Stelldichein internationaler Prominenz auf der Messe. Angekündigt haben sich hochrangige Schriftsteller*innen und Lyriker*innen wie Georgi Gospodinov, Daniel Kehlmann, Maja Lunde, Ana Marwan und Salman Rushdie (der in der Paulskirche den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels entgegennehmen wird), Genre-Stars wie Kerstin Gier, Ayla Dade und Gabi Hauptmann, Sportprominenz wie Nils Petersen und Felix Magath und Meisterdenker wie der Philosoph Slavoj Žižek – um nur wenige zu nennen. Wer ein Buch hat, reist nach Frankfurt. Dem Pilger gleich.

Die 75. Frankfurter Buchmesse findet vom 18.-22. Oktober 2023 statt.


Weiterführende Links


Unsere Angebote zur Frankfurter Buchmesse 2023