BRANDmate / Sorare

Die Plattform Sorare verbindet ein Fußball-Online-Game mit digitalen Sammelkarten. In drei Jahren hat sie damit mehr als 1,7 Millionen Nutzer angezogen. Auch weil das Spiel auf NFTs basiert und damit völlig neue Perspektiven eröffnet.

Ein Blick in ein Geschäftsmodell der Zukunft.





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Foto: Sorare / Julien Faure

Nikolas Julia, einer der Gründer von Sorare, ist schon ziemlich weit oben.

Ungefähr zwei Millionen digitale Sammelkarten sind derzeit auf der Fußball-Game-Plattform Sorare im Umlauf – wären es Panini-Sticker, deckten sie ein komplettes Fußballfeld ab. Aber das ist die alte Welt, mit der Sorare wenig zu tun hat. Das französische Unternehmen ist ein Pionier des NFT-basierten Online-Sports, die Schnittstelle zwischen digitalen Sammelbildern und einem Fußball-Game, das an die Fifa-Serie erinnert. Es wurde 2018 gegründet und hat inzwischen nach eigenen Angaben mehr als 1,7 Millionen registrierte Nutzer in 180 Ländern, davon rund 70 000 in Deutschland. Anders gesagt: Es ist ein gigantischer Erfolg.

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Foto: Sorare

Wer als Fußballfan bei dieser Mannschaftsaufstellung Zweifel hat oder Neid empfindet, ist bei Sorare genau richtig.

„Als Kind der Achtziger liebte ich es, Sticker und Karten meiner Lieblingsfußballspieler zu sammeln, egal ob Franzosen wie Didier Deschamps oder internationale Stars wie Jürgen Klinsmann“, erzählt Nicolas Julia, einer der Gründer von Sorare. „Nach dem Studium habe ich mich dann viel mit der damals noch weitgehend unbekannten Blockchain-Technologie befasst und etwas später mit NFTs. Mein damaliger Arbeitskollege Adrien Monfort, heute CTO bei Sorare, und ich waren begeistert, dass man mit NFTs digitalen Objekten einem Besitzer zuordnen kann.“ Die beiden waren die Ersten, die auf die Idee kamen, Fußballsammelkarten in die digitale Welt zu übertragen und damit ein Online-Game zu bestücken. Dafür gründeten sie gemeinsam das Unternehmen Sorare.

Auf den ersten Blick erinnert Sorare an „Comunio“, ein deutsches browserbasiertes Game, bei dem die Spieler Fußballmanager sind. Dort bekommt zu Anfang jeder Nutzer Spielgeld, mit dem er sich eine Mannschaft aus real existierenden Fußballspielern kaufen kann, die er gegen Mannschaften von Freunden, Bekannten oder Kollegen antreten lässt. Entscheidend für die Spielstärke der Figuren sind die Leistungen der echten Fußballprofis, etwa ihre geschossenen Tore oder erhaltenen gelben oder roten Karten. Die Basis dafür liefern die Statistiken von Sportradar.

Sorare funktioniert ähnlich. Ein Team besteht aus fünf Spielern, deren Karten man besitzen muss und deren Performance unter anderem von den echten Spielern auf dem echten Rasen abhängen. Die Daten dafür liefert der Sportanalyst Opta Sports, die britische Antwort auf Sportradar. An Spieltagen, für die die Manager die Aufstellung ihrer Teams vorab festlegen müssen, treten die Mannschaften gegeneinander an. Es gibt jedoch einen großen Unterschied: Sorare funktioniert mit Blockchain und NFTs. 

Blockchain wird meist mit Kryptowährungen assoziiert, kann aber für viele Zwecke genutzt werden. Blockchain bedeutet schlicht, dass Datensätze dezentral verkettet werden, was sie fälschungssicher macht, unabhängig davon, wie viele Parteien daran beteiligt sind. Der Wirtschaftsinformatiker Tobias Brandt von der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster beschreibt sie als eine Art dezentrale Datenbank: „Die Blöcke sind so verkettet, dass der aktuelle Block immer Informationen von dem davor enthält, was sie nachverfolgbar und ihre Authentizität verifizierbar macht.“ 

Einzelne Datensätze auf Blockchains, die nicht ersetzbar und unveränderlich sind, werden NFTs genannt: Non-Fungible Token. Sorares limitierte Sammelbilder sind NFTs, was für das Spiel weitreichende Folgen hat.

Max Wiegand, einer der Gründer der NFT-Info-Site „inside NFTs“, hat sich ausgiebig mit dem Spiel beschäftigt. „Zum Einstieg“, sagt er, „bekommt der Manager Startkarten aus der Kategorie Common, gewöhnlich. Die sind kostenlos, unlimitiert, und man kann sie weder verkaufen noch mit -ihnen handeln. Das sind auch keine NFTs. Es gibt für sie zwar eigene Ligen und ein eigenes Turnier, aber spannend wird es erst, wenn man in, ,scharfe‘ Turniere einsteigt. Dafür erwirbt man Spieler, die man mag oder von denen man glaubt, dass sie einem weiterhelfen. Und da werden teilweise astronomische Summen bezahlt.“

Der Preis hängt maßgeblich davon ab, wie oft die Karte existiert. Pro Spieler und Saison werden 1111 limitierte Sammelkarten aus vier verschiedenen Kategorien versteigert: 1000 gelbe der Kategorie „Limited“, 100 rote der Kategorie „Rare“, zehn blaue sind „Super Rare“ und eine in Schwarz – „Unique“.

Ganz klar, je seltener die Sammelkarte, desto teurer wird sie – für eine Unique des Dortmunder Stürmers Erling Haaland wurden bei einer Auktion am 30. Januar 2022 stolze 609 512,85 Euro bezahlt. Real Madrids Stürmer Vinícius Júnior schaffte Mitte Februar etwas mehr als die Hälfte. Stürmerstar Cristiano Ronaldo muss sich bei 242 611 Euro mit dem dritten Platz zufriedengeben. 

Warum gibt jemand so viel Geld für eine digitale Sammelkarte aus? Dominik Gutt, Assistant Professor an der School of Management der Erasmus University in Rotterdam, sieht vor allem psychologische Gründe: „Auf Neudeutsch würde man flexen dazu sagen – ich kann damit angeben. Wenn ich eine seltene, teure Panini-Karte zu Hause im Schrank liegen habe – wer bekommt die zu sehen? Aber wenn ich eine digitale Sammelkarte habe, ist die Bühne groß.“ Für jemanden, der in der digitalen Welt etwas nachweisbar Seltenes haben möchte, sind Blockchains und NFTs ideal. So ein NFT ist eben nur 100- oder 10-mal in der Blockchain vorhanden und damit nachweislich limitiert“, erklärt Gutt. 

Gutt hat zu digitalen Sammelkarten in den USA geforscht, wo es sie zu Sportarten wie Basketball und Football gibt, und bewiesen, dass nach der Einführung der NBA-NFT-Plattform die Preise auf Ebay für herkömmliche Basketball-Sammelkarten eingebrochen sind. Zugleich wurde auf der 2020 gelaunchten Plattform „NBA Top Shots“ ein NFT des mehrmaligen NBA-Champions LeBron James für 387 600 US-Dollar versteigert. Für ihn ist das ein Beleg, dass NFTs das alte Geschäftsmodell angreifen.

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Foto: Sorare

Einzigartig, der Preis: 609 512,85 Euro

Doch Sorare geht mit den Game-Elementen noch einen Schritt weiter. Im Gegensatz zu den „NBA Top Shots“ lassen sich dort die Karten zum Spielen nutzen. Der Wert eines Spielers am Spieltag berechnet sich aus Leistung, Seltenheitslevel, Kartenlevel, Ausgabe-Zeitpunkt und Kapitänsbinde. Auf den Sammelkarten stehen die Seriennummer, die Trikotnummer und weitere Informationen. Sie können von Sorare direkt ersteigert oder über „Managerverkäufe“, also im direkten Kontakt mit anderen Mitspielern, erworben werden. Wer an bestimmten Wettbewerben teilnehmen will, muss einige Voraussetzungen erfüllen. 

Sorare-Gründer Nicolas Julia erklärt es so: „Die verschiedenen Ligen sind nur für Spieler einer ähnlichen Gewichtsklasse zugänglich. Sprich: Wer zu Beginn bereit ist, Geld für Rare- oder Super-Rare-Karten auszugeben, kann damit nur in Ligen spielen, die für vergleichbare Karten offen sind. Er oder sie kann mit diesen Karten nicht in Ligen für kostenlose Karten teilnehmen.“ Trotzdem, betont Julia, sei Sorare ein Free-to-Play-Game. Das heißt, Spieler können direkt starten, ohne die Software oder irgendetwas anderes erwerben zu müssen. Das ist nicht selten. Fortnite zum Beispiel, zurzeit eines der erfolgreichsten Spiele, ist zunächst auch kostenlos – bis die eigene Spielfigur individualisiert werden soll.

Bei vielen Spielen, sagt Julia, gilt: „Wer mehr Geld in die Hand nimmt, kommt schneller nach oben. Das funktioniert bei uns nicht. Unsere Fußball-Manager müssen ihr Fachwissen nutzen, um zum richtigen Zeitpunkt die richtigen Spieler einzusetzen und so die Konkurrenz auszustechen.“ Damit bietet Sorare neben dem Sammeln seltener Karten einen weiteren Weg, die Welt zu beeindrucken – als Auskenner. Das Recherchieren der Daten und die Analyse der Statistiken würden viel Zeit in Anspruch nehmen – und letztlich nur begrenzt tieferes Wissen ersetzen.

Die Betonung des Skills Fußballwissen wirkt auf den ersten Blick fair: „Wenn ich mein Team verbessern möchte, muss ich nicht unbedingt auf teure, seltene Spieler setzen, weil ich mir die im Zweifel gar nicht leisten könnte“, meint der Wirtschaftsinformatiker Tobias Brandt. „Dadurch geht zudem das potenzielle Transaktionsvolumen innerhalb des Games in die Breite.“ Max Wiegand merkt allerdings an, selbstverständlich bekämen Spieler, die mehr Geld investieren, bessere Spieler und hätten damit bessere Gewinnchancen. Unter 1000 Euro sei es kaum möglich, eine wettbewerbsfähige Mannschaft aufzustellen. Nur wenn ein Spieler, dessen Karte gerade teuer erworben worden sei, einen Kreuzbandriss habe, werde es ärgerlich. 

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Foto: Sorare

Wer macht das Spiel?

Dennoch ist das Fußballwissen für den Erfolg von Sorare essenziell. Zum einen weil die Plattform nicht von der kleinen Gruppe von Fans getragen wird, die bereit sind, eine stattliche Summe für eine seltene Karte zu bezahlen, sondern von der anonymen Masse, die im Hintergrund das potenziell zu beeindruckende Publikum bildet, das den Kauf überhaupt attraktiv macht. Und das sind nun mal Fußballfans, die dabei sind, weil sie das Gefühl haben, ihre Skills seien gefragt. Was auch funktioniert: Die weltweiten Fans kommunizieren über verschiedene Kanäle wie Discord, Instagram oder Telegram, tauschen Meinungen zu jungen Spielern aus, teilen ihre Einschätzungen zu unbekannteren Ligen und helfen sich gegenseitig.

Zum Teil werden sie wohl auch von dem impliziten „Play-to-Earn“-Versprechen motiviert – der Möglichkeit, mit Spielen Geld zu verdienen. Das ist bei einigen populären Games bereits üblich, wenn beispielsweise Spieler in „World of Warcraft“ seltene Schätze oder Waffen erkämpfen, die sie für echtes Geld an andere Spieler verkaufen. Play-to-Earn macht die Monetarisierung an sich unkommerzieller Skills möglich – bei Sorare eben Fußballwissen. Fans, die eine Nase für Talente mit hohem Potenzial haben, können früh in einzelne Spieler investieren, um sie später möglicherweise mit erheblichem Gewinn zu verkaufen. Das ist wie im echten Fußball.

Und da die Sammelbilder NFTs sind, sind die potenziellen Käufer nicht nur Menschen mit viel Geld, aber zu wenig Zeit zum Spielen, sondern das gesamte Internet. Denn weil sie auf Blockchain basieren, sind sie nicht zwangsläufig mit dem Spiel gekoppelt – sie könnten im Prinzip überall genutzt werden, zum Beispiel als Ausstellungsstücke auf einem Grundstück in der 3-D-Simulation Decentraland, das ebenfalls über NFTs funktioniert. Damit ist Sorare potenziell Teil eines Metaverse, in dem in Zukunft alle virtuellen Simulationen zu einem kohärenten digitalen Raum verschmelzen sollen.

NFTs sind in diesem Rahmen so etwas wie die Erfindung des Eigentums. Eigentlich ist in der digitalen Welt alles beliebig kopierbar, doch die Blockchain ermöglicht es, eine künstliche Seltenheit zu schaffen. Vorstellbar wäre zum Beispiel, dass jemand in einem Fantasy-Spiel ein seltenes Cape kauft, das dann sein Avatar in Decentraland trägt – oder einem anderen Spiel. Ob es allerdings jemals so weit kommen wird, ist ungewiss.

Björn Ognibeni, Unternehmensberater mit Schwerpunkt digitale Innovationen, hat vor einem Jahr das XRLab des Marketing Centers Münster mitgegründet und forscht zum Metaverse. Er sieht noch viele Probleme, denn in der Theorie steht zwar Blockchain über den Games, aber praktisch hakt es überall. Ognibeni gibt ein praktisches Beispiel: In Fortnite kauft ein Spieler einen Mantel, den er auch in anderen Spielen nutzen will. Doch das klappt aus ganz banalen Gründen nicht, zum Beispiel weil es in dem einen Spiel Mäntel gibt und in dem anderen nicht. „Es ist einfach nicht vorgesehen“, sagt Ognibeni. Das ist weit entfernt von der Vision der Facebook-Mutter Meta, die standardisierte Avatare für alle Apps einführen will, die für das gleiche vertraute Aussehen in allen Anwendungen sorgen sollen.

Ein weiteres Problem ist die Bezahlung über Kryptowährungen. Sorare nutzt Ethereum, auf der Plattform wird mit Ether (ETH) bezahlt. Dafür muss erst einmal ein externes Krypto-Wallet, ein digitales Portemonnaie, eröffnet werden – es gibt auch ein Sorare-Wallet. Wallets wie Metamask speichern unterschiedliche Währungen, was auch nötig sein wird, wenn künftig verschiedene Plattformen verschiedene Währungen nutzen. Aber wer will sich damit bevorraten? Das ist so, als hätte man zu Hause Bündel mit Dollar, Yen und Pfund rumliegen.

Ognibeni sieht das generelle Problem von NFTs und dem Metaverse darin, dass das Pferd von hinten aufgezäumt werde. Anstatt nach der Lösung für ein Problem zu suchen, wird der umgekehrte Weg gegangen – es werden Probleme gesucht, für die NFTs die Lösung sind. „Es gibt ja Spiele wie Roblox, Fortnite oder Eve, in denen ich digitale Güter kaufen kann. Das funktioniert auf eine sehr simple Art und Weise schon sehr lange. Und ohne NFTs. Welche Vorteile die hier wirklich bieten könnten, ist aktuell gar nicht klar.“ Ognibeni glaubt, „dass bisher alles auf get-rich-quick durch Spekulation ausgerichtet ist. Nur: Wie nachhaltig ist das?“

Am Ende braucht das Konzept des Metaverse Plattformen wie Sorare mehr als umgekehrt. Denn Sorare funktioniert. Es wird mittlerweile von einer fußballinteressierten Community getragen, und „der NFT-Markt ist riesig und inzwischen auch für Big Player interessant“, sagt Nicolas Julia. Sorare hat 246 Vereine lizenziert, unter anderem die gesamte Bundesliga, und will das Jahr mit 400 Lizenzen abschließen. Eine App soll die User-Experience verbessern, außerdem sollen Sportarten, die in den USA populär sind, dazukommen. Es sind große, aber durchaus machbare Vorhaben, die auch berühmte Investoren wie etwa den Direktor des DFB Oliver Bierhoff oder die Tennis-Ikone Serena Williams anziehen. 

„Unsere Vision“, erklärt Nicolas Julia, „ist ein neuer Sport-Entertainment-Riese aus Europa, der ein nie da gewesenes Erlebnis für Fans weltweit schafft.“ Laut CB Insights liegt der Marktwert des Unternehmens zurzeit bei vier Milliarden Dollar. Und Sorare ist vermutlich nur der Anfang, andere Blockchain-basierte Spiele sind überall vorstellbar, wo es begeisterte Fans gibt. 

Wie wäre es zum Beispiel mit einem Fantasy-Spiel mit den Charakteren aus beliebten Klassikern des Genres – Gandalf vs. Dumbledore? Voll lizensiert, Free-to-Play und dank NFTs Play-to-Earn-fähig? Oder was ganz anderes? Sicher ist nur eines: Etwas wird kommen. //

Eine brandneue Alternative zu Sorare kommt aus München: thefootballclub.com ist eine weitere NFT-basierte Plattform, auf der Spieler gesammelt und Turniere ausgetragen werden können. Hinzu kommt allerdings, dass dort auch die Nutzer personalisierte Avatare erhalten, die sie mit NFT-basierten Trikots und Fanartikeln ausstatten können. So könnten sich die Fans selber repräsentieren, erklärt der Betreiber TFC (The Football Club), was in einem nahtlos verbundenen

Metaverse für viele hochattraktiv sein dürfte: Beim Treffen der virtuellen Freunde im virtuellen Club mit dem virtuellen limitierten (!) Trikot anzugeben ist wahrscheinlich der Traum vieler Fans. Gegründet wurde TFC 2020 von den Brüdern Ante und Josip Kristo, seit Herbst 2021 läuft die Betaversion, mit der nächsten Saison soll die Plattform, die auf der Web3-Platform Flow basiert, offiziell starten. Die ersten Investoren waren Niko und Robert Kovac, früher bei Bayern München, jetzt Trainer beim AS Monaco. Im Mai dieses Jahres wurden weitere 2,5 Millionen Euro eingesammelt.

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Dieser Text stammt aus unserer Redaktion Corporate Publishing.