Terry kann es nicht glauben. Der Amerikaner war sich sicher, dass die Bezieher von Essensmarken im Luxus lebten – auf Kosten ehrlicher Steuerzahler wie ihm. Bevor er selbst versuchte, sich davon zwei Wochen zu ernähren, erklärte er noch, er werde jeden Tag Steak essen, so wie diese Schmarotzer, die sich bloß einen Job suchen müssten. Doch nach dem Experiment gestand er: „Ich habe geschummelt, das Budget hat einfach nicht gereicht.“ Die ganze Erfahrung habe ihn „überrascht“. Und damit nicht genug: Danach begann er, sich über das Leben mit Mindesteinkommen mehr zu informieren.
Terry hat an einer Studie von Michael Carolan teilgenommen. Der Soziologe ist Professor an der Colorado State University und einer der Leiter des Food Systems Institute for Research, Engagement and Learning, das sich mit dem Verhältnis von Nahrungsmittelproduzenten und -konsumenten beschäftigt. Bekannt geworden ist Carolan mit Büchern wie «The Real Cost of Cheap Food» über die Abgründe der Discounter oder «The Food Sharing Revolution» über Kooperativen und andere Organisationen, die Nahrungsmittel direkt vermarkten.
Auch in seinem neuen Buch geht es scheinbar ums Essen, aber tatsächlich erzählt Carolan von Menschen. Sie haben versucht, von Essensmarken zu leben, Erdbeeren geerntet oder Leute getroffen, die im abgehängten Hinterland zu Hause sind. Und sie haben dabei Erfahrungen gemacht, die sie an ihrer Weltsicht zweifeln ließen, sie offener machten – und empathischer.
Michael Carolan reagiert mit der Sammlung von Studien, Erfahrungen und Geschichten, die er in «A Decent Meal» versammelt, auf die extreme gesellschaftliche Polarisierung in den USA, die im Sturm aufs Kapitol ihren ersten Höhepunkt fand. Das Wissen um diesen Zerfall taucht bei ihm aber nur am Rande auf – es geht vor allem darum, wie sich der Prozess aufhalten lässt. Der Wissenschaftler denkt nicht an große Lösungen, an Strukturreformen oder Gesetze. Für ihn steht der einzelne Mensch im Mittelpunkt und die Frage, ob und wie er erreichbar ist. Es ist eine zutiefst humanistische Antwort auf eine große humanistische Krise, die in Europa schwächer verläuft. Noch jedenfalls.