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Editorial

Unverzichtbar



Vielleicht liegt es ja daran, dass wir die Botschaft inzwischen zu oft gehört haben, um sie noch wahr und ernst nehmen zu können: Wir werden immer älter, uns geht der Nachwuchs aus, die deutsche Bevölkerung schrumpft und vergreist. Die statistischen Zusammenhänge hinter den Nachrichten sind uns mittlerweile nur zu gut bekannt. Aber was bedeutet das eigentlich für die Wirtschaft? Wissen wir, was da auf die Unternehmen zukommt – neben der oft gehörten Botschaft, dass uns in Zukunft die Fachkräfte ausgehen werden?

Wussten Sie, dass mit dem Alter die Zahl der chronischen Erkrankungen stetig steigt? Dass das Risiko einer dauerhaften Krankheit für einen Menschen zwischen 36 und 45 Jahren bei 22 Prozent liegt – und sich nur rund 20 Jahre später auf 46 Prozent mehr als verdoppelt hat? Ab Mitte 50 leiden wir an Kreuzschmerzen, Arthrose, Asthma, Rheuma oder Diabetes. Wir haben zu hohe Werte für Blutdruck und Blutfettspiegel, Funktionsstörungen des Herz-Kreislauf-Systems oder Probleme mit den Herzkranzgefäßen. Nach Erhebungen des Robert Koch-Instituts haben hierzulande schon heute 43 Prozent der Frauen und 38 Prozent der Männer eine chronische Krankheit. Und die Zahlen werden steigen. Glaubt man den Prognosen, verwandelt sich Deutschland in den kommenden Jahrzehnten geradezu unentrinnbar in eine Republik von Chronikern.

Was das für die Wirtschaft bedeutet, ist zentrales Thema in diesem Heft. Denn über kurz oder lang werden sich die älteren oder kränkeren Mitarbeiter in den Unternehmen nicht mehr gegen junge, gesunde austauschen lassen – schon weil es keine mehr gibt. Die Arbeitgeber der Zukunft werden sich auf Belegschaften mit Einschränkungen einstellen müssen. Auf Menschen, die dauerhaft oder schubweise unter Schmerzen und Beeinträchtigungen leiden. Die Medikamente einnehmen und Arztbesuche organisieren müssen. Die nicht schwer heben oder keinen Schichtdienst mehr machen dürfen. Menschen, die unverändert leistungsfähig und leistungswillig sind – aber nicht mehr rund um die Uhr und an jedem Platz einsetzbar.

Die gute Nachricht: Unternehmen können viel tun, um die Arbeitskraft ihrer Mitarbeiter langfristig zu erhalten, die Gesundheit einer Belegschaft muss keine Unsummen kosten. Aber sie muss Thema werden. Führungsthema. Und Teil der Unternehmenskultur. Dann eröffnet sich plötzlich eine enorme Bandbreite an Stellschrauben. Dann erweisen sich manchmal schon kleine Veränderungen und marginale Maßnahmen als ungeheuer entlastend und hilfreich. Und dann kommen die umfangreichen Investitionen in Arbeitszeitmodelle, ergonomische Arbeitsplätze, Jobrotation und Work-Life-Balance-Karriereprogramme nicht nur den Älteren zugute, sondern auch jungen Müttern und Vätern, Alleinerziehenden, pflegenden Angehörigen, Managern wie Mitarbeitern. All denen also, ohne die keine Belegschaft auskommt. 

Susanne Risch
Chefredakteurin