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Rheuma in Schweden

So geht die Welt mit Rheuma um.





Es sei schon gut, nach dem Ausbruch einer solchen Krankheit im Wohlfahrtsstaat Schweden zu wohnen, sagen die beiden Damen, deren Leben von einem Tag auf den anderen von Rheumabeschwerden bestimmt wurde. Monica arbeitete als Vorschul-Lehrerin, als die Füße am Abend ihres 43. Geburtstags plötzlich zu schmerzen begannen. Yvonnes Körper lehnte sich gegen sie auf, als sie 29 Jahre alt war – sie brachte damals Alarmanlagen und Sicherheitspersonal an den Mann. Bis heute profitieren beide davon, dass der schwedische Staat seine Bürger umsorgt wie die Mutter einer Großfamilie ihre Kinder.

Er hat auch damals, als das Rheuma kam, freundlichen Druck auf die Arbeitgeber von Monica und Yvonne ausgeübt: Die Arbeitsplätze mussten so eingerichtet werden, dass die beiden Frauen ihren Jobs besser nachgehen konnten. Das führte nicht nur zu besseren Stühlen und leichter zu öffnenden Türen, sondern auch zu einem neuen Aufgabenprofil: Monica blieben die Einsätze auf dem nasskalten Pausenhof erspart, Yvonne die Autofahrten zu den Kunden.

Stufenweise zurück in den Job

Aber natürlich geht es bei der Fürsorge vor allem um Geld: Der Staat übernimmt für seine Bürger unter anderem die Kosten für Behandlungen und Medikamente, sobald die obligate Selbstbeteiligung in Höhe von rund 350 Euro pro Jahr erreicht ist. Er zahlt auch einen Teil des Lohns der beiden chronisch Kranken. Und wenn sie längere Zeit nicht arbeiten können, überweist ihnen die Försäkringskassan, über die jeder Schwede versichert ist, etwa 80 Prozent des gewohnten Gehalts – wie allen kranken Landeskindern.

„Nur in den ersten zwei Wochen sind in Schweden dafür die Arbeitgeber zuständig“, erklärt die Arbeitsrechtlerin Eva Häußling von der Deutsch-Schwedischen Handelskammer. In Deutschland dauert die Verpflichtung zur vollen Lohnfortzahlung sechs Wochen. Schweden ist eben auch gut zu seinen Arbeitgebern.

Doch der Sozialstaat hat seine ökonomischen Grenzen erkannt. So bleibt der erste Krankheitstag unbezahlt, was einen Schnupfen bereits in ein Rechenspiel verwandeln kann. Wer länger ausfällt, wird mit einem 2008 eingeführten Stufensystem ins Arbeitsleben zurückgeführt: Ist man mehr als 90 Tage krank und hat keine Aussicht auf baldige Genesung, bekommt man aus der Einheitskasse nur noch Geld, wenn es beim aktuellen Arbeitgeber keine anderen Tätigkeiten gibt, die trotz der Beschwerden übernommen werden können. Nach 180 Tagen werden auf dem gesamten Arbeitsmarkt Alternativen gesucht, bevor das Krankengeld aus- gezahlt wird. Und nach rund einem Jahr wird man neu eingestuft. Damit haben alle ein sehr hohes Interesse, dass der Kontakt der Betroffenen zur Arbeitswelt nicht abreißt.

Das System, findet Nina Unesi vom Reumatikerförbundet, dem Landesverband der Rheumatiker, sei eher auf gesunde Schweden ausgerichtet, die nur für kurze Zeit erkrankten. Denn für chronisch Kranke kann es in Extremfällen bedeuten, dass sie nach 2,5 Jahren für einige Wochen den Anspruch auf jegliches Krankengeld verlieren und zwischen allen Stühlen des Sozialsystems sitzen, darum bemüht, die Behörde vom Andauern ihrer Arbeitsunfähigkeit zu überzeugen. Das sei oft recht schwierig. Gelingt es nicht, bleibt bislang nur die Sozialhilfe. Ab 2016 plant die Politik eine neue Regelung.

Fair im Umgang miteinander

Im Großen und Ganzen sei man in Schweden aber trotzdem gut aufgehoben, beteuern Monica und Yvonne, die seit vielen Jahren krank sind. Sie arbeiten mittlerweile beide für den Landesverband der Rheumatiker, der ihnen Freiräume bei der Zeitgestaltung einräumt und über die gesetzlichen Vorgaben hinausgehende Leistungen anbietet, unter anderem durch die Übernahme der Kosten, die ihnen durch die Patienten-Selbstbeteiligung entstehen.

Natürlich liegt der Verdacht nahe, dass ein Verband, der sich explizit mit einer chronischen Krankheit beschäftigt, als Arbeitgeber eine Sonderstellung einnimmt. Doch das bestreiten beide Frauen – der gute Umgang mit Kranken sei eher typisch. „Sicher, es gibt auch in Schweden Unternehmen, die sich aus allem herauszuziehen versuchen“, sagt Yvonne, die 20 Stunden pro Woche arbeitet und derzeit nicht einmal mit Gehhilfen laufen kann. „Aber es sind doch viele, die ihre Verantwortung verstanden haben und gemeinsam mit den Kranken und der Försäkringskassan nach Lösungen für den Alltag suchen.“

Der Grund dafür liegt aber nicht in den schwedischen Gesetzen zum Arbeitsschutz und Arbeitsrecht, sondern in der Kultur. „In Schweden“, erklärt Eva Häußling von der Handelskammer, „gibt es ein ausgesprochen starkes Loyalitätsverhältnis zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer – und zwar in beide Richtungen. Man geht fair miteinander um. Den Rest besorgen häufig Tarifverträge, über die Sonderleistungen für den Krankheitsfall ausgehandelt werden.“

Ein größeres Problem für chronisch Kranke ist die lange Wartezeit bis zum Arzttermin. Die Untersuchungen in den Gesundheitszentren und Krankenhäusern sind zwar sehr gut organisiert – lange Wartezimmer-Aufenthalte kennt man in Schweden nicht, wenn man denn endlich einen Termin ergattert hat. Doch bis es so weit ist, müssen gerade Schmerzpatienten häufig sehr tapfer sein.