Peter Thun

Bozen, Waltherplatz, Stadtcafé. Die Sonne scheint. Die großbürgerlichen Fassaden der Häuser leuchten, das gemusterte Dach des Doms Maria Himmelfahrt funkelt. Wie Watte stehen kleine Wolken über dem Virgl, dem Hausberg der Stadt. Auf dem Platz Menschen mit Einkaufstüten und Aktentaschen. Keiner hat es eilig. Es wird flaniert, geplaudert, Kaffee getrunken. Die Speisekarte ist dreisprachig: Apfelstrudel. Strudel di mele. Apple Strudel. Am Fuß des Denkmals von Walther von der Vogelweide musiziert ein Zitherspieler in Südtiroler Tracht.


Peter Thun sagt, er sei nicht oft hier. Ihn ziehe es eher in die Natur. „Die Dolomiten sind einzigartig.“ Thun, ein sportlicher Typ, ist passionierter Bergsteiger. Als junger Mann war er einer der ersten Drachenflieger Europas. Sein Unternehmen ist groß geworden mit Keramik: Tier- und Krippenfiguren, Tassen, Teller, Vasen, Wohnaccessoires. Der Bozner Keramikengel ging um die Welt. Die aktuellen Zahlen: Etwa 200 Millionen Euro Umsatz, um die 2000 Mitarbeiter. Produziert wird überwiegend in Asien und Osteuropa. Als einer der ersten Europäer hat Thun Anfang der Neunzigerjahre in China eine rein ausländische Kapitalgesellschaft gegründet.

Männer wie er sind in Südtirol nicht selten. Viele haben einen Weg gefunden, die Identität und Kultur der Region mit ihrem Geschäft zu verbinden und damit weit über die Grenzen ihrer Heimat hinaus erfolgreich zu sein. „Thun“, sagt Josef Negri vom Unternehmerverband, „steht stellvertretend für den Geist der Menschen hier: Südtiroler sind diszipliniert, leistungsorientiert und zielstrebig wie die Deutschen. Und sie sind charmant, kreativ und innovativ wie Italiener.“

In Südtirol gehen vermeintliche Gegensätze leichtfüßig ineinander über: Berg und Tal. Mitteleuropäische und mediterrane Mentalität. Tiroler Verbindlichkeit und italienische Verspieltheit. Kopf und Bauch. Speckknödel und lauwarmer Oktopussalat. Peter Thun sagt: „Der Tiroler ist von den Bergen geprägt. Wenn ich im Herbst mein Heu nicht in der Scheune habe, komme ich nicht durch den Winter. Es ist ein Riesengeschenk, Schnittpunkt zweier Kulturen zu sein. Die Einzigartigkeit unserer Natur und Kultur ist unsere Basis. Die Mehrsprachigkeit und die Melange der Mentalitäten ist unser größtes Kapital.“

Südtiroler sind charmant und zielstrebig

Wobei Thun für seine eigene These steht. Ohne Strategie, Fleiß und gesunden Menschenverstand hätte er seinen Handwerksbetrieb nicht in eine weltweit operierende Firma verwandelt, ohne Flexibilität, Fantasie und Gelassenheit nicht die dabei unvermeidlichen Krisen überstanden. China war anfangs ein Desaster. Seine erste Fabrik dort brannte ab, auf jüngste Umsatzeinbrüche – Keramik ist der Chic von gestern – musste er mit einem neuen Konzept reagieren. Nun macht er auch Schmuck, Accessoires und Kinderbekleidung.

Alles eine Frage der Mentalität. Thun sagt, er sei in China „mit den Leuten immer sehr gut klargekommen“. Anders als all jene, die ihre Aktenkoffer auf den Tisch stellten und am liebsten gleich über Geschäftliches reden wollten. „Ich bin genau so vorgegangen wie zu Hause – und habe bei der ersten Begegnung immer gesagt: ‚Lassen Sie uns erst mal was essen gehen.‘“