Das Fernweh-Heimweh-Spiel

„Der Wunsch, im Ausland zu leben, war sehr früh da. Spätestens mit 16, als ich Sprachschüler in London war. Ich habe in Innsbruck und Rotterdam studiert. Ich mochte Rotterdam. Industriestadt, multikulturell, moderne Architektur, Hafen, Meer. Meine Frau und ich haben auch gerne in Den Haag gelebt. Doch wenn man eine Familie gründet, erinnert man sich, was Südtirol Kindern bietet. Das Leben spielt sich viel im Freien ab. Außerdem regnet es nicht so oft wie in Holland. Im Prinzip ist es das vertraute Fernweh-Heimweh-Spiel, das viele Südtiroler kennen. Bergsteigen. Skifahren. Wer das im Blut hat, kommt immer wieder zurück. Mir war wichtig, trotzdem den Kontakt zur Welt nicht zu verlieren. Eines haben wir uns aber geschworen, meine Frau und ich: Wenn die Kinder groß sind, können wir auch wieder gehen.“


Gerold Siller, 40, Jurist, kommt aus Brixen. Er hat am Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien in Den Haag gearbeitet. Seit 2008 ist er bei der Leitner AG in Sterzing, einem der weltweit führenden Seilbahnbauer.
Dimitrios Panagiotopoulos, 37, ist Mode-Designer. Er studierte an der Esmod in München und Paris sowie am Istituto Marangoni in Mailand. Er lebt in Naturns im „Sonnenhof“, dem Hotel seiner Familie.

„Mode war für mich schon als Kind wichtig. Ich wuchs im Hotel unserer Familie auf. Und ich erinnere mich, dass dort mal eine Hochzeit stattfand, bei der ich zur Braut ging und ihr sagte, was für ein hässliches Kleid sie anhabe. Mit zwölf sah ich im Fernsehen eine Reportage über Linda Evangelista. Fotoshooting in Kapstadt. Ich war hingerissen. Und wusste trotzdem lange nicht, was ich werden will.

Nach der Ausbildung zum Mode-Designer habe ich für Jil Sander, Vivienne Westwood und Hugo Boss gearbeitet. Nach Südtirol zurückzugehen war kein ganz freiwilliger Schritt: Es gab einfach keinen Job mehr. Also habe ich 2007 mein eigenes Label Dimitri gegründet. Mein Kreativstudio befindet sich in Meran. Dort komme ich zur Ruhe und kann mich auf die Arbeit konzentrieren. Inspirationen hole ich mir auf Reisen.“

Philipp Aukenthaler, 33, führt mit seiner Schwester Melanie das „Sketch“, eine Bar mit Club im Hotel „Aurora“ in Meran. Sie ist eine der angesagtesten Adressen des Südtiroler Nachtlebens.

„Das Aurora wurde 1874 als Pension eröffnet und 1963 zum Hotel umgebaut. Meine Mutter, die als junge Frau in Österreich, Deutschland, Frankreich und den USA im Hotelfach arbeitete, hat es mit meinem Vater von ihrer Mutter übernommen. Ich habe in Wien Publizistik und Kommunikationswissenschaften studiert, später kamen BWL, Theater- und Filmwissenschaften sowie Werbepsychologie hinzu. Ich habe zuerst in Wien und dann in Hamburg gearbeitet. Das war großartig. Ich liebe Großstädte. Die Energie, die Anonymität, die Freiheit von Orten wie Istanbul, London oder New York packt mich immer wieder.

Aber mit einer Familie dort leben? Das kann ich mir nur bedingt vorstellen. Irgendwann wollte ich einfach zurück nach Südtirol. Als Anreiz kam dazu, dass ich zu Hause arbeiten kann. Ein Familienbetrieb schafft immer eine starke Bindung. Meine Schwester, die in Mailand BWL studiert hat, war schon zuvor im Aurora eingestiegen. Uns hat gereizt, den Way of Life einer Großstadt nach Meran zu bringen. Ich denke, mit dem Sketch ist uns das gelungen. Gehobene Barkultur, einen Club mit international anerkannten DJs und Themenabenden gab es vor dem Sketch in Südtirol kaum.“

Siegfried de Rachewiltz, 66, Enkel des Dichters Ezra Pound, Sohn der Schriftstellerin Mary de Rachewiltz, hat in Harvard promoviert und sich in Innsbruck habilitiert. Bis Ende 2012 war der Geisteswissenschaftler Direktor des Südtiroler Landesmuseums für Kultur- und Landesgeschichte Schloss Tirol. Er lebt auf der Brunnenburg bei Dorf Tirol, wo er auch ein Landwirtschaftsmuseum betreibt.

„Ich habe immer gesagt, ich will mit einem Harvard-Doktortitel Ziegen hüten. Ich wollte meinen intellektuellen Interessen nachgehen, mir aber auch die Freiheit eines Ziegenhirten bewahren. Meine erste substanzielle Auslandserfahrung habe ich mit 16 gemacht, an einer High School in Kalifornien. Nach einem Zwischenstopp in Bologna folgte ein Studium an der Rutgers University in New Jersey. Anschließend war ich als Zivildienstleistender zwei Jahre in Marokko. Ich hätte durchaus als Akademiker Karriere machen können.

Aber dann hat mich die Krankheit erwischt, unter der alle Südtiroler leiden: Heimweh. Also kam ich 1979 zurück. Seitdem beschäftige ich mich leidenschaftlich mit der Welt der Südtiroler Bergbauern: mit ihrer Sprache, ihrem Handwerk und ihrem kulturellen Vermächtnis. Früher haben die Bergbauern die von den steilen Hängen ständig abrutschende Erde auf ihrem Rücken wieder hinaufgetragen. Von einer auf diese Weise eroberten Welt geht man nicht einfach weg.“