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Musicon Valley

Politische Umbrüche brachten die Kunst des Instrumentenbaus ins Vogtland und machten es wohlhabend. Heute gilt der Musikwinkel Deutschlands als immaterielles Kulturerbe: Mehr als 100 Hersteller bauen hier immer noch alles, was Orchester weltweit brauchen – und schreiben die Geschichte fort.





Wie still es hier ist. Nein, man hatte sich kein Geigenzirpen vorgestellt, das aus Hinterhöfen dringt, auch keine Trompetenstöße aus versteckten Werkstätten. Man wusste schon: Wo Instrumente gebaut werden, werden sie darum nicht andauernd gespielt. Die Menschen leben vom Handwerk, nicht vom Musizieren. Aber dass so gar nichts zu hören ist?

Verschlafen wirkt die kleine Stadt im Bergland, deren schmucker, lang gestreckter Markt sich wie auf zwei übereinanderliegenden Terrassen an eine Anhöhe heften muss. Fast menschenleer liegt er da an diesem sonnigen Vormittag. Und kein Laut scheint für den Augenblick aus Markneukirchen zu dringen, das doch als das Herz der Region gilt, die man den Musikwinkel Deutschlands nennt.

Was hatte man im äußersten Südwestzipfel Sachsens erwartet? Eine gewisse Geschäftigkeit vielleicht, entfernt Geräusche vom Sägen und Hobeln, Gerüche nach Holz, Lack, Schmieröl oder durch Mauern gedämpften Lärm vom Hämmern, Walzen, Schleifen des Messings, dazu womöglich ein wenig Treiben im Städtchen, weil Güter und Waren von einem Handwerker zum anderen gekarrt werden. Aber das war wohl naiv.

Musikinstrumente auf eine Art zu bauen, wie sie es hier noch können – von Hand, in höchster Präzision –, ist heute eine Arbeit, die gleichsam im Verborgenen stattfindet, auch weil im Vogtland zwar (wieder) viele Meister ihres Fachs ansässig sind – aber viele davon eben Einzelkämpfer.

Oft arbeitet nur ein Instrumentenmacher allein in eigener Werkstatt, der über Wochen hinweg eine Trompete aus Messingblech oder Neusilber formt, lötet, schmiedet, montiert, poliert. Oder der Monate an einer Geige baut, die besten, teuersten aus 80 oder 90 Jahre lang gelagertem Holz. Allein das circa 50 mal 20 Zentimeter große Ahornbrett für ihre Rückseite kann mehr als 1000 Euro kosten. Bis zu 20 Schichten Lack trägt der Meister nachher auf die Geige auf, und jede trocknet Tage. Das macht nun mal kein Geräusch.

Also herrscht in Markneukirchen, der Hauptstadt des von ihnen selbst ausgerufenen „Musicon Valley“ bei Ankunft: Ruhe.

Sogar von den großen der 115 Instrumentenbauer und Zulieferer, die es in diesem Zipfel des Vogtlands gibt, hört und sieht man zunächst – nichts. Denn die Manufakturen und Fabriken mit ihren Hunderten Facharbeitern, die B&S heißen oder Warwick, haben um die Jahrtausendwende ihre hellen Werkhallen ins Gewerbegebiet gesetzt, zwischen die Hügel am Rand des 7800-Einwohner-Städtchens. Wie laut es hinter deren Werkstoren zugeht, bekommt man später noch zu hören. Und wie.

Enrico Weller (Mitte) dirigiert nicht nur das Stadtblasorchester von Markneukirchen. Er war auch maßgeblich daran beteiligt, einen Unesco-Titel ins Vogtland zu holen.

Erst einmal aber wird für den Besucher nicht greifbar, dass in und um diesen Ort herum täglich Hunderte Musikinstrumente neu entstehen und von hier in alle Welt geliefert werden, an Sinfoniker, Jazzer, Musikprofessoren und auch Elektro-Bassgitarren an Rockmusiker. Darum passt der Titel, den diese einzigartige Ansammlung von Experten 2014 erobert hat, gar nicht schlecht: „immaterielles Kulturerbe“ in dem von der Unesco-Kommission Deutschland erstellten bundesweiten Verzeichnis zu sein – eines von 34.

Mit der Aufnahme in das jeweilige Verzeichnis ihrer Nation werden weltweit Kultur- und Lebensformen entsprechend dem Übereinkommen mit der UN-Bildungsorganisation als schützens- und bewahrenswert anerkannt. Voraussetzung ist: Sie müssen vom Wissen und Können der Menschen einer Region getragen, von Generation zu Generation weitervermittelt und dabei immerzu auch neu geschaffen werden. Sie müssen, wie man bei der Unesco Deutschland sagt, „lebendig sein“.

Das unterscheidet das immaterielle Kulturerbe vom materiellen „Weltkulturerbe“, zu dem etwa der Speyerer Dom zählt oder die Altstadt von Quedlinburg: Man kann es nicht anfassen.

Alle und alles von hier

Dafür liegen die Produkte, die man im Musikwinkel fabriziert, erstaunlich gut in der Hand. Auch an diesem Abend wieder: Trompeten, Tuben, Querflöten, Klarinetten, Oboen, Hörner werden aus ihren Futteralen befreit und blitzen im Scheinwerferlicht der Bühne. Wie jeden Dienstag ab 19.30 Uhr posaunt der Musikwinkel heraus, was er hat und was er kann, jetzt unüberhörbar. Denn immer um diese Zeit probt das Stadtblasorchester in der Musikhalle von Markneukirchen, einem modernen Bau der Nachwendezeit.

Enrico Weller, der Dirigent, der mit seinen 44 Jahren außerdem Lehrer, promovierter Musikhistoriker, Autor, Klarinettist und fünffacher Vater ist, verteilt Noten an die Feierabendmusiker. Auszüge aus der „Carmina Burana“ sind diesmal dabei, ein Medley lateinamerikanischer Gassenhauer, eine Adaption der „Bohemian Rhapsody“ von Queen. Und Märsche wie der „Einzug der Olympiakämpfer“.

Als die Freizeit-Musiker den anspielen, unterbricht Weller sie flugs mit milder Strenge und politisch unkorrektem Witz: „Das hört sich mehr nach Paralympics an. Das machen wir gleich noch mal.“ Den Lacher hat er sicher.

Instrumentenbauer Stefan Rehms hat einen bunten Arbeitsalltag. Mal restauriert er einen Kontrabass, mal fertigt er Klangkörper in Serie. Als Vertreter des sächsischen „Musicon Valley“ hält er aber auch regelmäßig launige Vorträge über die Kunst des Geigenbaus.

Das Besondere ist: In diesem Orchester stammen nicht nur die Musiker aus der Nachbarschaft, sondern auch sämtliche Instrumente. Alle wurden hier gebaut. Mancher Bläser stößt buchstäblich ins eigene Horn. Genauso ist es beim Sinfonieorchester der Stadt, das es auch noch gibt und das immer montags probt. Dort ist es ebenso: Jede Geige, jede Bratsche ist ein Stück Heimat, im Wortsinn.

Musiker von klein auf

Die Besetzung der Laienorchester spiegelt wider, dass exklusives Wissen, handwerkliches Geschick und die Liebe zur Musik wie Funken überspringen können, von Generation zu Generation, über Milieus und Zeitenwenden hinweg. Man muss die Tradition nur pflegen.

Statt zu Hause vorm Fernseher sitzen junge angehende Kauffrauen deshalb jeden Dienstagabend neben stolzen Trompetenmachern, die kurz vor der Rente stehen, und gemeinsam kämpfen sie sich durch die Partituren. Da mühen sich Lehrerinnen von Mitte 40 genauso bei schwer zu spielenden Synkopen wie 17-jährige Lehrlinge, die erst vor einigen Wochen vom anderen Ende Deutschlands hergezogen sind oder sogar aus Japan, um in Markneukirchen den Instrumentenbau zu erlernen. Enrico Weller sagt, im Orchester könnten die Neulinge Anschluss finden, „wenn sie wollen“. Es hat sich gezeigt, dass immer ein, zwei Zugezogene pro Jahrgang im Vogtland hängen bleiben, manche für immer, „leider noch zu wenige“.

Die Erste Flötistin stammt aus der Stadt. Lilly Menzel hat vor Kurzem Abitur gemacht und verrät über ihre pechschwarzen Haare und Kleider sowie ihren blassen Teint zu blutrot geschminkten Lippen, dass sie eigentlich einer alternativen Musikszene anhängt. Das hält sie aber nicht davon ab, Stücke wie den Militärmarsch „Mein Regiment“ so präzise wie möglich zu blasen, natürlich auch bei Auftritten, bis zu zehn im Jahr.

„Sie ist eine unserer Besten“, sagt Weller in der Probenpause. „Sie hätte auch irgendwohin gehen und studieren können, aber sie hat sich entschieden, erst mal zu bleiben und eine Lehre zu machen. Ein Glück für uns!“

Die meisten der Orchestermitglieder hätten im Kindesalter angefangen, Musik zu machen, erzählt Weller. So wie er, so wie seine Kinder. Mehr Begabung als anderswo hätten die Menschen im Musikwinkel wohl nicht – es sei eher eine Frage der Gruppendynamik: „Wenn Freunde und Geschwister der Kinder Sport machen, wollen die auch zum Sport. Wenn alle anderen aber ein Instrument spielen, wollen sie eben auch eines lernen.“

So wie Wellers Sohn. Der hatte lange keine Lust zu musizieren. Jetzt sitzt der Neuntklässler bei der Probe an einer Tuba, und das kam so: Er wollte unbedingt mit seinen besten Freunden eine Gymnasialklasse besuchen. Die Freunde hatten sich für die Bläserklasse entschieden, die es seit 2002 am Gymnasium der Stadt gibt – für je eine fünfte und eine sechste Klasse.

Das Konzept hat sich der Vogtländische Förderverein für Musikinstrumentenbau und Innovationen e. V. aus den USA abgeguckt, um es beharrlich im örtlichen Gymnasium zu etablieren. Das klappte vor allem deshalb, weil der Verband die Instrumente sponserte. Also lernen nun zehn- bis zwölfjährige Kinder im Klassenverband ein Instrument zu spielen. Andere Gymnasien in Deutschland sind dem Vorbild inzwischen gefolgt. So wie Wellers Sohn seinen Freunden. Er entschied sich notgedrungen für die Tuba – und blieb ihr treu. Der Funke ist übergesprungen.

Sein Vater Enrico Weller war es übrigens, der – zusammen mit Vertretern seiner Stadt – den Antrag auf Aufnahme in die Kulturerbe-Liste vorangetrieben hat, nachdem die damalige sächsische Kulturministerin Sabine von Schorlemer die Vogtländer dazu ermuntert hatte. „Sie hielt hier mal eine Rede und winkte darin sozusagen mit dem Zaunpfahl. Da haben wir uns an die Arbeit gemacht.“

Der Deutsch- und Musiklehrer Weller, ein großer, hagerer Mann mit Schalk in den Augen, erzählt das vergnügt in der Mundart des Vogtlands. Es ist eine für den Zuhörer herausfordernde Mixtur aus dem Fränkischen und dem knödeligen Sächsisch des Erzgebirges, bei dem sich ein A gesprochen schon mal zum U verkehren kann.

Gebogen, geschlagen, gedengelt, gelötet, gehämmert, gewalzt, geklopft, gedreht, poliert und noch einiges mehr – Blechkunstwerke von B&S aus Markneukirchen.

Der hybride Dialekt klingt wie ein Nachhall der bewegten Geschichte des Landstrichs, der gleich einem Sporn zwischen Franken und dem Erzgebirge heraus ins benachbarte Tschechien ragt. Er wird flankiert von den Heilstätten Marienbad und Franzensbad auf tschechischer sowie Bad Elster und Bad Brambach auf deutscher Seite.

In den deutschen Kurorten trauen sich neuerdings die Hoteliers, das ewig mittelprächtige Drei-Sterne-Niveau auf vier oder gar fünf Sterne zu heben, mit Wellness, Gourmetküche und elegantem Interieur. Das spült, so hofft man, neue Touristen auch ins nahe Markneukirchen und sein Musikinstrumenten-Museum, das mit einer beachtlichen Sammlung die Erfolgsgeschichte der Gegend erzählt, die vor etwa 350 Jahren begann.

Wissen aus Böhmen

Damals, erzählt Weller, verliefen in der Region Grenzen, die nicht bloß Königreiche, Fürstentümer und das Land der Vögte voneinander trennten, sondern auch die Protestanten von ihren Verfolgern, den Katholiken der Gegenreformation. So hätten sich evangelische Exulanten, wie man sie nannte, aus dem böhmischen Graslitz – dem heutigen Kraslice in Tschechien – in Markneukirchen angesiedelt. Sie hatten wegen ihres Glaubens die Heimat verlassen müssen.

Aber sie kamen nicht mit leeren Händen, sondern brachten die Kunst des Geigenbaus mit. 1677 schlossen sich zwölf Meister zu einer Innung zusammen. In den folgenden Jahrzehnten siedelten sich dazu Bogenbauer und Saitenmacher in der Stadt an, und nur wenig später ließen sich auch Handwerker nieder, die sich auf den Bau von Holzblasinstrumenten und Waldhörnern verstanden. Parallel dazu begann die Mandolinen- und Zitherherstellung zu prosperieren. So konnte schon Anfang des 18. Jahrhunderts fast die gesamte Palette klassischer Orchesterinstrumente hergestellt werden, auch im Umkreis, zum Beispiel im Städtchen Adorf. Im benachbarten Klingenthal begann man 1829, Akkordeons zu bauen.

An der Schwelle zum 20. Jahrhundert hatten die Streich- und die Harmonika-Instrumente aus dem Vogtland einen Weltmarktanteil von je 50 Prozent. Von 1893 bis 1916 gab es vor Ort darum sogar eine Konsulatsagentur der USA. Jeden Werktag verließ ein Güterwaggon voll Waren die Stadt.

Die Ballung an Spezialisten machte den Musikwinkel im Vogtland wohlhabend. Um das Jahr 1900 lebten 15 Millionäre in der Stadt. Sie galt deshalb, gemessen an ihrer Einwohnerzahl, als reichste Stadt Deutschlands. „Aus der Zeit stammen die schönen Villen, die Sie vorhin vielleicht vom Bus aus gesehen haben“, erzählt Stefan Rehms seinem Publikum. Aber ach, es sei damals wie heute, plaudert er weiter im Tonfall eines Conférenciers: Instrumentenbauer wie er verdienten viel zu wenig Geld, um sich so etwas leisten zu können. „Die Häuser gehörten den Händlern und Spediteuren“, erzählt er. „Die nannte man damals die Fortschicker.“ Sein Publikum wiegt, Zustimmung murmelnd, die weißhaarigen Häupter: Hat man’s doch geahnt!

Haare von Hengsten

Die Besucher sind allesamt mit dem Bus angereist, aus dem sächsischen Freiberg, und lassen sich gerade von Meister Stefan Rehms in der stilecht eingerichteten Schauwerkstatt des Vereins Musicon Valley erklären, wie eine Geige entsteht, im Schnelldurchlauf. Rehms weiß: Bei Kindern und Rentnern bleibt er besser unter einer Stunde mit seinem Vortrag. Sonst beginnt das große Gähnen, obwohl er wirklich Show-Talent hat.

Diesmal sind viele Ältere zu Besuch. Also erfährt man wie im Flug, dass ein Hobel des Geigenbauers fast so winzig wie ein Spitzer sein kann, dass nahezu kein Rohstoff für die Geige aus Deutschland kommt – und die Bestandteile eines Bogens (den andere Spezialisten herstellen) sogar von allen fünf Kontinenten stammen können: die edlen Hölzer aus Europa, Afrika und den Tropen Südamerikas, das Perlmutt aus dem Ozean, das Leder für den Daumenschutz von australischen Echsen und das Pferdehaar von Schimmeln aus der Mongolei.

Sie stammen aus unterschiedlichen Regionen, ziehen als B&S-Chefs aber an einem Strang: Jochen Keilwerth (ganz links), Patrick Roecklin und Carsten Göpf (ganz rechts), hier mit zwei von insgesamt 220 Mitarbeitern in den beiden Werkhallen am Firmenstandort Markneukirchen.

Rehms fragt in die Runde: „Kommen die Haare von der Stute, vom Hengst, oder ist das egal?“ Vom Hengst, rät die Mehrheit richtig. Rehms klärt auf, warum: „Weil der Hengst sich, anders als die Stute, nicht auf den Schweif pullert. Die Ammoniakverbindungen machen das Pferdehaar porös.“ Ah ja.

Rehms ist 38, hat eher die Statur eines Schmieds, trägt eine Hipster-Brille und auch ein paar Ringe im Ohr. Aber nicht nur optisch gibt er den jungen Wilden der Zunft. Anders als die meisten Geigenbaumeister redet er gern über seine Arbeit und hilft damit, bei Musicon Valley den Tourismus anzukurbeln – auch mit Witzen auf seine Kosten: „Was ist der Unterschied zwischen Holz und einem Geigenbauer?“ Pause. „Holz arbeitet.“

Schon als Kind, noch zu DDR-Zeiten, trieb sich Stefan Rehms immer bei den Instrumentenmachern herum, die nebenan und schräg gegenüber ihre Werkstätten hatten, privat auch im Sozialismus. „Noch heute sitzt in fast jedem Hinterhof einer. Die schreiben das bloß nicht vorne dran“, sagt er. Viele Meister seien Eigenbrötler. Und was wäre denn, wenn Touristen an einen frisch lackierten Kontrabass stießen, der einen Verkaufswert von 12 000 Euro habe? Rehms Eltern dagegen waren Bäcker, erzählt er. So früh aufstehen wollte er nicht ein Leben lang, lieber lernte er bei Jörg Wunderlich sein Handwerk, studierte an der Westsächsischen Hochschule Zwickau im Fachbereich Angewandte Kunst den Musikinstrumentenbau – der Studienort ist daheim, in Markneukirchen. Seitdem kann sich Rehms Diplomdesigner nennen, was ihn nicht davon abhielt, 2007 noch den Meisterbrief zu machen. Er ging auf eine Art Walz durch Deutschland und bis nach Skandinavien, wollte dort schon bleiben, kehrte dann aber doch zurück. „Kaum war ich da, wurde ich selbst Dozent an der FH.“

Um die zehn Jahre dauert es, sagt Rehms, bis ein Geigenbauer eine richtig gute Violine bauen kann, eine Viola oder ein Cello. Nicht so sehr wegen der Vollkommenheit der sogenannten Schnecke, an der die Saiten gespannt und gestimmt werden und die manchmal Löwenköpfe zieren. ( Jeder seiner Studenten müsse deshalb mal einen Löwen schnitzen, sagt Rehms grinsend: „Die Grenzen zum begossenen Pudel sind fließend.“) Es seien vor allem die Erfahrung um den Klang des Holzes, das Wissen um die Geheimnisse guter Akustik, die Zeit brauchten, um zu wachsen.

Einzigartig in Deutschland

Um diesen Wissensschatz des Musikwinkels weiterzugeben, wurde der Studiengang an der Fachhochschule etabliert. Er ist in seiner Art einzigartig in Deutschland. Wer aufgenommen werden will, muss eine Eignungsprüfung ablegen, braucht aber nicht unbedingt das Abitur, wenn er Berufserfahrung vorweisen kann. Die Studenten kommen aus ganz Deutschland. Allerdings gehen die meisten hinterher auch wieder weg.

Enrico Weller, der Kulturerbe-Vorkämpfer und Musikhistoriker, tritt Politik und Bildungsbetrieb deshalb gern ein wenig auf die Füße. Die Auszeichnung der Unesco dürfe nicht nur als Etikett dienen, mit dem sich gut werben und hier und da ein paar Fördergelder generieren ließen, findet er. Sie bedeute vielmehr auch die Verpflichtung, Entwicklungen voranzutreiben. „Man kann zum Beispiel diskutieren, warum es an der FH noch keine Studienrichtungen Blech- und Holzblasinstrumente gibt“, sagt er. Und verweist außerdem auf drängende Personalfragen: Bestehende Lehrstühle brauchten bald Nachfolger und müssten attraktiver für Bewerber werden.

Den Lehrstuhl für Akustik, beispielsweise, besetze mit dem Physiker Eberhard Meinel bislang eine Koryphäe. Das sei jedoch nur eine Teilzeitstelle und der Professor inzwischen 69 Jahre alt, sagt Weller. Es gäbe zwar geeignete Nachfolger. „Aber die lockt man nicht aus einer Großstadt von ihrer W3- auf eine W2-Professur in die Provinz.“

Doch man staunt, wer alles im Musikwinkel landet und glücklich wird, „hier am Ende der Welt“, wie ihn ein Gesprächspartner nennt. In der Blechblasinstrumentenfabrik B&S im Gewerbegebiet von Markneukirchen sitzen jedenfalls um einen runden Tisch: ein Badener, ein Hesse und ein Franzose, allesamt Chefs.

Patrick Roecklin stammt aus dem Elsass und ist Geschäftsführer der Buffet Crampon Deutschland GmbH, dem größten Ableger der französischen Buffet Group, eines weltweit agierenden Blasinstrumentenherstellers. In Markneukirchen, dem deutschen Hauptsitz, bauen 220 Mitarbeiter in zwei Werken nahezu alle Arten von Holzblas- und Blechblasinstrumenten, die man sich denken kann, abgesehen mal von Blockflöten.

Roecklin kam 2002 das erste Mal in die Stadt, damals noch als Berater für Prozessoptimierung. Später wurde er Interimsmanager, schließlich Direktor. Inzwischen ist er Vizepräsident des Mutterkonzerns. „Aber erst, als ich mir 2009 hier ein Haus gekauft habe, glaubten die Leute, dass es ,die Franzosen‘ ernst meinen und bleiben“, erzählt er.

So kurz nach der bedrohlichen Auftragsflaute, ausgelöst durch die Bankenkrise 2008, war das mehr als nur ein Zeichen. Als die Buffet Group 2012 noch B&S aufkaufte, die ehemalige VEB Blechblas- und Signalinstrumentenfabrik, begriff auch der letzte Vogtländer, dass die Industrie nicht stirbt, sondern womöglich sogar wieder aufblüht.

Heute vereint die Buffet Group unter ihrem Dach Marken, die für Profimusiker weltweit einen guten Klang haben, darunter Besson, Hans Hoyer, Melton Meinl Weston. Außerdem die Markneukirchener Spezialisten für Klarinetten, Schreiber, sowie die für Trompeten, Scherzer, die zum Beispiel Ludwig Güttler spielt, der berühmte Trompeter. Ihre hochwertigen Saxofone hingegen tragen das Label „Julius Keilwerth“, das besonders im Jazz gefragt ist.

In diesem Namen fokussieren sich viele Umbrüche der Geschichte des Musikwinkels: Jochen Keilwerth gründete 1925 seine Saxofon-Manufaktur in Graslitz. Nach dem Zweiten Weltkrieg musste er als Sudetendeutscher die Stadt im heutigen Tschechien verlassen und baute seine Produktion in Nauheim neu auf. Der Ort im Hessischen wurde, neben Geretsried und Bubenreuth in Bayern, zur Heimat für die in den Westen abgewanderte Musikinstrumentenindustrie des Vogtlands.

Schon bald nach der Wende aber zog es Keilwerths Nachfahren zurück in den Osten, in die Nähe der eigenen Wurzeln, nach Markneukirchen. Der Grund, da redet der Hesse am runden Tisch nicht groß drum herum, war das Lohngefälle: „Die Facharbeiter verdienten hier Anfang der Neunzigerjahre gerade die Hälfte von denen in Nauheim“, sagt der Mann: Es ist Jochen Keilwerth, Enkel des Firmengründers und heute Finanzchef bei Buffet Crampon Deutschland, die die Marke übernommen hat.

Massenware in Handarbeit

Der Mann aus dem Badischen, der Jüngste aus der Führungsriege, ist Carsten Göpf. Der 38-Jährige hat das Bauen von Blechblasinstrumenten von der Pike auf gelernt, bei Wenzel Meinl in Geretsried bei München, einer Firma, die Anteilseigner der Buffet Group ist. Meinls Vorfahren lebten, klar: im Musikwinkel. Sie führten bis zum Krieg einen Großhandel in Klingenthal.

Carsten Göpf wechselte nach Markneukirchen, arbeitete sich durch Learning by Doing und als Roecklins Protegé zum Werksleiter empor und gründete mit einer Architektin aus der Stadt eine Familie. Er führt durch den Betrieb B&S, der trotz DDR-Planwirtschaft und mancher Verkäufe und Wirtschaftskrisen auch in der Zeit danach nicht unterzukriegen war. Allerdings musste die Belegschaft bei der letzten Übernahme durch „die Franzosen“ von 300 auf 160 schrumpfen.

Blechblasinstrumente zu bauen, so lernt man in den Hallen, ist laut – und filigran wird es erst am Ende. Zunächst muss derb auf einem Stück gefalztem Metall herumgedroschen werden, damit daraus zum Beispiel der Hauptzug eines Horns werden kann. Man sieht Männer und Frauen an Werkbänken, Schraubstöcken, Öfen, Pressen, Fräsen aus schnöden Messingblechrollen Kunstwerke biegen, schlagen, dengeln, klopfen, schmieden, löten, hämmern, walzen, drehen, schrauben, montieren, die man erst nach ungefähr der Hälfte der Arbeit als Teilstücke einer Trompete, einer Posaune oder eines Saxofons erkennt. Ein Meister seines Fachs muss hier von vielem etwas sein: Schmied, Werkzeugmacher, Gießer, Dreher, Monteur, Maschinenbauer, Feinmechaniker und zumindest ein bisschen: Gestalter.

Zwar gibt es eine CNC-Maschine, die ein paar wenige Bestandteile einiger der Großserien dreht und fräst. Aber verblüffend ist, wie viel – teils schwere, teils knifflige – Handarbeit selbst in der Massenware steckt, die sie bei B&S neben Maßanfertigungen und exklusiven Kleinserien fabrizieren und damit der Billigkonkurrenz aus China trotzen können. Roecklin sagt, warum: „Unsere Produkte gehen nicht so schnell kaputt.“

Aus bis zu 150 Einzelteilen und mindestens so vielen Arbeitsschritten entsteht eine Trompete. Erst am Ende werden die Stücke auf Hochglanz gebracht, galvanisiert, poliert, lackiert. Die Sonderanfertigung einer Tuba nach Kundenwünschen kann bis zu 20 000 Euro kosten, eine Trompete für den Hobby-Musiker liegt im Handel bei 1600 Euro.

Kostbarkeiten für die Welt

Die teure Galvanisierungsanlage, die den Blasinstrumenten ihre einheitliche Metallbeschichtung verpasst, meist in Gold, lasten sie auch mit Aufträgen für Fremdfirmen aus. Und als einem Konkurrenten im Ort dessen Anlage abgebrannt war, halfen sie mit ihrer aus. Anders sei es hier nicht denkbar, sagt Roecklin, der assimilierte Franzose: Die Branche sei klein, jeder kennt jeden.

Manchmal, erzählt der Chef, kämen Schulabgänger zu ihnen mit der Haltung: Wenn sonst nichts klappt, kannst du immer noch Instrumentenbauer werden. Er sagt: „Und dann sehen sie, dass man sich doch die Finger schmutzig machen muss und lassen es bleiben.“

Sie versuchen gegenzusteuern, natürlich, wollen den Beruf herausstellen als das, was er ist, ein besonderer nämlich und alles andere als x-beliebig. Sie möchten sich Lehrlinge mit guten Noten aussuchen können und gern solche haben, die bleiben. Sie bieten verlässliche Löhne, familientaugliche Arbeitszeiten. „Aber es ist nicht leicht, gute junge Leute zu finden“, gesteht Roecklin.

Nachdem Carsten Göpf alle Arbeitsschritte gezeigt hat, wirft er zum Schluss noch einen Blick in die Qualitätskontrolle, wo im Moment Klarinetten zum „Fortschicken“ bereitliegen. Jede funkelt und glänzt wie eine Kostbarkeit. Der Rückweg zum Ausgang führt noch mal an den Werkbänken vorbei, an denen Facharbeiter Bleche zu Rohren hämmern, durch die eines Tages einmal die Luft eines Bläsers sausen und einen klaren Ton erzeugen soll.

Wie laut das hier ist! So laut, dass man sich am liebsten Stöpsel in die Ohren stecken würde, so wie es die Arbeiter tun.

Aber nein, irgendwie klingt dieser Lärm auch gut. Er beweist nachdrücklich, dass ein Kulturerbe tatsächlich lebendig sein kann. Das Hämmern ist wie der Herzschlag dieser Region, die man doch den Musikwinkel Deutschlands nennt. Jetzt ist er zu hören. Und wie.