Aufbrechen. Hinschauen.



Am Anfang stand die Idee, ein Heft über Bildung und Wissenschaft zu machen. Dass Sachsen da viel zu erzählen hat, war klar. Dass wir auf Menschen und Geschichten stoßen würden, mit denen wir nicht gerechnet hatten, war auch zu erwarten. Und doch waren wir am Ende überrascht, denn wo wir auch hinschauten – in die Stadt oder ins Dorf, in Hightechschmieden oder Hinterhöfe, in Forschungslabors oder Friseur­salons: Der Freistaat hat so viel Spannendes und Erstaunliches zu bieten, dass wir uns für diese Ausgabe nur ein paar Rosinen herauspicken konnten.

Um Bildung und Wissenschaft geht es in jedem Beitrag. Oder wie würde man das nennen, wenn es am äußersten Südwestzipfel des Landes einen Ort gibt, wo sich 115 Hersteller und ihre Zulieferer niedergelassen haben, um Instrumente von Weltruf zu bauen? Im Vogtland ist so viel Musikexpertise zu Hause, dass es seine Bewohner zu Recht „Musicon Valley“ nennen (Seite 120). Oder das Hygiene-Museum in Dresden: Soll man das allen Ernstes nur als Ausstellungsort verstehen? Dieses Haus, das anregt und aufregt, fragt und verstört und das seinen Besuchern immer auch etwas mitgeben will – auf jeden Fall einen neuen Blick, im besten Falle neues Wissen (Seite 76).

Auch mit dem Landschaftsbau Schilling ist es so eine Sache. Vordergründig ein mittlerer Gartenbaubetrieb, 20 Angestellte, rund eine Million Euro Umsatz. Aber Ulf-Peter Schilling und seine Mitarbeiter wissen alles über Koalas, denn sie kultivieren mehr Eukalyptusarten als fast alle Wettbewerber in Europa – Futter für ihren einzigen Kunden, den Koala im benachbarten Leipziger Zoo (Seite 52). Das Produkt von Heliatek ist nicht minder beeindruckend. Denn was simpel klingt – Solarfolien – könnte die Bauwirtschaft revolutionieren: Die millimeterdünnen Folien verwandeln Wolkenkratzer in Energieerzeuger (Seite 100).

Selbst Städtetrips und Landpartien unserer Autoren gerieten zu Lehrstücken. In Chemnitz trafen wir auf ein Paar, das die Wiederbelebung eines todgeweihten Viertels initiierte. Die Geschichte des Sonnenbergs ist ein imponierendes Beispiel gelungener privater Stadtentwicklung (Seite 42). In Nebelschütz macht gleich ein ganzes Dorf vor, wie Zukunft gelingen kann: Die vielen Initiativen der sorbischen Gemeinde verhindern die andernorts übliche Landflucht. Nebelschütz blüht und wächst – und mit ihm wachsen die Perspektiven der Menschen (Seite 34).

Die wachsen auch in Görlitz, jener Stadt im äußersten Osten, die früher mal eine der reichsten des Landes war und in jüngerer Vergangenheit nur noch ein Ort, aus dem die Leute scharenweise wegzogen. Görlitz lockt Menschen mit Ideen, die mit anderen etwas unternehmen wollen. Der Autor Peter Lau nennt die Stadt Eigenleistungsstadt – und meint damit eine Atmosphäre von Leben, Arbeiten und Miteinander, die es so nicht in Dresden, nicht in Leipzig und schon gar nicht in Hipster-Städten wie Berlin gibt. Vielleicht ist Görlitz sogar ein Vorbild für die kommende Idee einer Stadt (Seite 56).

Das klingt zu optimistisch? Übersieht die vielen Probleme, die der Freistaat derzeit hat? Nein, es zeigt nur, was dieser Tage gern übersehen wird: In Sachsen gibt es Licht und Schatten, wie in jedem anderen Bundesland.

Susanne Risch
Chefredakteurin